Wer den öffentlichen Nahverkehr in Leipzig benutzt, weiß, dass er sich in Geduld üben muss. Das betrifft nicht nur das Eintreffen der Bahnen, sondern auch die Schaffung eines zukunftstauglichen Straßenbahnnetzes. Das hat der Leipziger Stadtrat zwar schon 2018 beschlossen. Drei mögliche Projekte schälten sich dabei heraus. Aber nur eines zeigt jetzt erste Konturen, dass es vielleicht vor 2030 begonnen werden könnte, das ist die sogenannte „Südsehne“ von Grünau bis zur Prager Straße. Für die gibt es jetzt wenigstens ein Gutachten.

Das stellten Stadt und LVB am Freitag, dem 22. März, im Neuen Rathaus vor. Zuversichtlich, dass man diese neue Straßenbahnstrecke tatsächlich finanzieren und bauen kann.

Oder mit den euphorischen Worten aus der Leipziger Stadtverwaltung: „Die Stadt Leipzig legt die Grundlagen für ein erweitertes Straßenbahnnetz. Für die ‚Südsehne‘, die perspektivisch die Stadtteile Grünau im Westen und den Leipziger Osten verbinden soll, liegen jetzt erste Untersuchungsergebnisse vor.

In einer vom Freistaat Sachsen finanzierten Machbarkeitsstudie wurden dafür mögliche Streckenverläufe in den Blick genommen. Das Ergebnis klingt vielversprechend: Die Strecke ist grundsätzlich technisch machbar und verkehrlich sinnvoll. Im nächsten Schritt entscheidet der Stadtrat darüber, ob die Ergebnisse der Machbarkeitsstudie weiter vertieft werden sollen.“

Gutachten lag schon 2023 vor

Das hätte die Stadt auch schon im Herbst 2023 melden können, denn wie damals die Stadt auf eine Anfrage der Linksfraktion hin antwortete, lag die Machbarkeitsstudie längst vor: „Für das Netzerweiterungsvorhaben laufen seit Ende 2020 die ersten Planungsschritte. Dabei erfolgte zuerst die Erarbeitung einer Machbarkeitsstudie für die Teilmaßnahmen ‚Südsehne‘(Verbindung Schleußig – Südvorstadt – Prager Straße) und ‚Brünner T‘ (Verbindung Lützner bzw. Ratzelstraße – Antonienstraße), die abgeschlossen wurde. Die wesentlichen Ergebnisse sollen dem Stadtrat noch in diesem Jahr vorgestellt und ein Beschluss u.a. zu notwendigen vertiefenden Untersuchungen gefasst werden.“

Aber als ÖPNV-Nutzer hat man ja Geduld gelernt. Die Machbarkeit bedeutet noch lange nicht, dass auch geplant und gebaut wird.

Die bevorzugte Streckenführung der neuen Straßenbahnverbindung soll die Lützner Straße über die Brünner Straße, Antonienstraße, Rödelstraße, den Schleußiger Weg, Kurt-Eisner-Straße und Semmelweißstraße mit der Prager Straße verbinden.

Auf einem Teilstück war da sogar schon seit Jahrzehnten so geplant: Die in den vergangenen Jahrzehnten entstandene Allee in der Kurt-Eisner-Straße, in der bereits historisch eine Straßenbahntrasse vorgesehen war, soll auch beim Bau der „Südsehne“ erhalten bleiben.

Zwei teure Brückenbauwerke

Nächstes Problem: Die beiden Brücken im Zuge des Schleußiger Wegs sind veraltet, eine Erneuerung ist notwendig. Das heißt: Erst einmal wird es zwei große Brückenbauprojekte über Weiße Elster und Elsterflutbett geben, bevor die Straßenbahntrasse im Schleußiger Weg überhaupt gebaut werden kann.

Die Planung für den Neubau der Beipert- und Paußnitzbrücke im Verlauf des Schleußiger Weges soll in den Jahren 2025/2026 beginnen. Vor 2027 ist also an den Brückenneubau nicht zu denken. Parallel sollen die Planungen für die „Südsehne“ beginnen.

Auf einem Teil der untersuchten Streckenabschnitte verkehren heute die zwei Buslinien 60 und 74. Busse können jedoch im Vergleich zu Straßenbahnen deutlich weniger Passagiere befördern, stellt auch die Stadt fest. Das weitere Wachstum der Stadt führe dazu, dass das bisherige Netz an seine Grenzen kommt und schon in wenigen Jahren kein ausreichend leistungsstarkes ÖPNV-Angebot auf dieser wichtigen Achse mehr angeboten werden kann.

Verbesserung für die ÖPNV-Nutzer – aber wann?

„Eine direkte Straßenbahnverbindung zwischen Leipziger Osten, Südvorstadt, Schleußig, Kleinzschocher und Grünau erspart komplexe Umwege über die Innenstadt mit mehrfachen Umstiegen und verkürzt die Reisezeiten“, betonte Baubürgermeister Thomas Dienberg am Freitag. „Mit dem Ausbau des ÖPNV, verbunden mit Verbesserungen für den Rad- und Fußverkehr, erhöhen wir die Lebensqualität in der Stadt und bieten eine Alternative zum privaten PKW-Verkehr – und das kommt nicht zuletzt dem Wirtschaftsverkehr zugute.“

Und auch Ulf Middelberg, Sprecher der Geschäftsführung der Leipziger Verkehrsbetriebe, zeigte sich optimistisch: „Mit Blick auf die steigende Nachfrage und unseren Auftrag wollen wir für die Menschen mehr Mobilitätsangebote auf die Schiene bringen. So wollen wir Alternativen zum eigenen Auto und für umweltgerechte Mobilität bieten. Neue, leistungsfähige Strecken und eine bessere Erreichbarkeit für die Menschen sind ein wichtiger Meilenstein für den öffentlichen Personennahverkehr als Rückgrat der Mobilitätswende.“

Bis zur Entscheidung, ob und wie die Trasse gebaut wird, sind freilich noch viele Schritte zu gehen, betont die Stadt. Dazu gehöre eine breite Beteiligung der Öffentlichkeit zu allen offenen Fragen, die Bestätigung durch den Stadtrat und nicht zuletzt brauche es Fördergelder zur Realisierung.

Zieljahre für die Fertigstellung der „Südsehne“ waren bislang die Jahre 2031/2032. Aber schon im Juli 2023 deutete Dienberg an, dass es sehr schwer werden wird, diesen Termin zu halten.

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