In unserer LZ-Klimareihe fragen wir: Wer muss schon heute mit den Folgen der Klimakrise umgehen? Wie verändert sie Arbeit und Alltag – und wen haben wir dabei bislang zu wenig im Blick? Dafür sprechen wir seit Anfang 2026 mit Menschen aus Leipzig und der Region, die Veränderungen unmittelbar erleben – und mit Fachleuten, die erforschen, was auf uns zukommt und wie wir damit umgehen können. Für Folge 4 waren wir im Gesundheitsamt Leipzig zu Besuch. Hier hatten wir mit Constanze Anders und Nils Lahl gleich zwei Gesprächspartner/-innen im Interview.
Was passiert, wenn eine Stadt immer heißer wird? Wer schützt die Menschen vor den gesundheitlichen Folgen, wo zeigen sich die Veränderungen bereits und wie kann Leipzig darauf reagieren? Für das Gesundheitsamt der Stadt Leipzig, vertreten durch Amtsleiterin Constanze Anders und den Sachgebietsleiter Umwelthygiene Nils Lahl, sind diese Fragen längst Teil des Arbeitsalltags.
Denn der Klimawandel zeigt sich in Leipzig nicht mehr nur in steigenden Temperaturen, sondern auch in veränderten Infektionsrisiken, wärmerem Trinkwasser, neuen Umweltgefahren und einer wachsenden Belastung für besonders gefährdete Menschen. Die zentrale Aufgabe des öffentlichen Gesundheitsdienstes lautet deshalb: Risiken früh erkennen, informieren und möglichst verhindern. Doch genau bei dieser Prävention liegen auch die größten Herausforderungen.
Hitze ist längst ein Gesundheitsproblem
Besonders deutlich wird die Entwicklung bei der Hitze. Ältere Menschen, Säuglinge und Kleinkinder, Schwangere sowie Menschen mit chronischen Erkrankungen sind besonders gefährdet. Aber auch Menschen, die im Freien arbeiten oder in stark aufgeheizten Wohnungen leben, können unter extremen Temperaturen leiden.
Die Empfehlungen des Gesundheitsamtes sind zunächst einfach: morgens lüften, Räume tagsüber möglichst vor der Sonne schützen, ausreichend trinken und körperliche Belastungen in die kühleren Tageszeiten verlegen. Doch für Constanze Anders und Nils Lahl geht es um mehr als um individuelle Verhaltenstipps. Die Frage ist, wie eine ganze Stadt mit zunehmender Hitze umgehen kann.
Wie ernst die Entwicklung inzwischen ist, zeigte die Hitzewelle Ende Juni 2026. In Leipzig wurden bis zu 42,5 Grad Celsius gemessen. Gleichzeitig stieg die Belastung für Rettungsdienst und Kliniken deutlich an. Im Klinikum St. Georg erhöhte sich das Patientenaufkommen zeitweise um rund 20 Prozent, die Zahl der Rettungsdiensteinsätze nahm um etwa 20 bis 30 Prozent zu. Damit wurde die Hitze zu einem Stresstest für die gesamte Stadt – für das Gesundheitswesen ebenso wie für Verkehr, Wasserversorgung und öffentlichen Raum.
Prävention ist schwieriger als Behandlung
Eine der zentralen Beobachtungen aus dem Gesundheitsamt ist das sogenannte Präventionsdilemma: Gesundheitliche Vorsorge ist notwendig, ihr Erfolg bleibt aber häufig unsichtbar.
Wenn ein Hitzeschutzkonzept funktioniert und ein Mensch deshalb nicht ins Krankenhaus muss, lässt sich dieser verhinderte Notfall kaum messen. Die Behandlung einer bereits eingetretenen Erkrankung ist dagegen unmittelbar sichtbar und in den Strukturen des Gesundheitssystems verankert.
Hinzu kommt ein Zielkonflikt: Maßnahmen, die eine Stadt langfristig hitzeresistenter machen, kosten zunächst Geld. Bäume brauchen Jahre, bis sie großen Schatten spenden. Entsiegelung konkurriert mit anderen Nutzungen. Zusätzliche Trinkbrunnen, Verschattung oder bauliche Anpassungen müssen finanziert und geplant werden.
Damit wird Klimaanpassung zu einer politischen Frage: Wie viel ist eine Stadt bereit, heute in Gesundheitsschutz zu investieren, um spätere Schäden zu vermeiden?

Hitzeschutz beginnt nicht erst bei 40 Grad
Leipzig versucht, diese Aufgabe auf verschiedenen Ebenen anzugehen. Informationskampagnen, mehrsprachige Materialien, Trinkangebote und Sonnenschutz sollen kurzfristig helfen. Der Hitzeaktionsplan der Stadt bündelt darüber hinaus längerfristige Maßnahmen.
Für 2026 standen nach Angaben der Stadt rund 1,7 Millionen Euro für Klimaanpassungsmaßnahmen zur Verfügung, unter anderem für Hitzeschutz an Schulen, Kindertagesstätten und sozialen Einrichtungen.
Doch gerade hier zeigt sich der nächste Zielkonflikt. Klimaanpassung muss mit anderen kommunalen Aufgaben um begrenzte Mittel konkurrieren. Selbst vergleichsweise einfache Maßnahmen wie zusätzliche Trinkbrunnen sind deshalb Gegenstand politischer Debatten.
Die Frage lautet also nicht nur, was medizinisch sinnvoll wäre, sondern auch, was eine Stadt tatsächlich finanzieren und umsetzen kann.
Das Problem steckt auch in den Gebäuden
Besonders wichtig wird die Anpassung dort, wo Menschen viele Stunden verbringen: in Wohnungen, Schulen, Pflegeeinrichtungen, Krankenhäusern und Arbeitsstätten.
Das gilt auch für die Trinkwasserversorgung. Steigende Außentemperaturen und aufgeheizte Gebäude können dazu beitragen, dass sich Wasserleitungen stärker erwärmen. Für die Trinkwasserhygiene ist das relevant, weil höhere Temperaturen das Wachstum bestimmter Mikroorganismen begünstigen können.
Für das Gesundheitsamt bedeutet das: Gesundheitsschutz darf nicht erst beginnen, wenn ein Problem aufgetreten ist. Er muss möglichst früh in Bauplanung, Gebäudetechnik und Stadtentwicklung berücksichtigt werden.
Nicht nur Hitze verändert die Gesundheitslage
Der Klimawandel verändert gleichzeitig die Umwelt, in der sich Menschen bewegen. Wärmere Bedingungen können die Lebensräume und Aktivitätszeiten von Mücken und Zecken beeinflussen und damit auch das Risiko bestimmter Infektionen verändern. Leipzig hat diese Entwicklung bereits mit dem West-Nil-Virus erlebt. 2019 wurden in Deutschland erstmals durch heimische Mücken übertragene Fälle beim Menschen festgestellt. Auch die Asiatische Tigermücke wird inzwischen in Sachsen beobachtet.
Daneben treten wärmeliebende oder invasive Arten stärker in den Fokus. Der Eichenprozessionsspinner kann beispielsweise durch seine Brennhaare gesundheitliche Beschwerden auslösen. Solche Beispiele sind für das Gesundheitsamt wichtig – aber sie sind Teil eines größeren Bildes: Die Umwelt verändert sich, und damit verändern sich auch die Aufgaben des Gesundheitsschutzes.
Wasser wird zur zweiten großen Herausforderung
Neben der Hitze spielt die Qualität von Gewässern eine wichtige Rolle. Bei hohen Temperaturen und wenig Wind können sich in stehenden Gewässern Cyanobakterien, sogenannte Blaualgen, stark vermehren. Ihre Giftstoffe können gesundheitsschädlich sein, insbesondere für Kinder und Hunde.
Offizielle Badegewässer werden deshalb regelmäßig kontrolliert. Bei auffälligen Veränderungen sind zusätzliche Untersuchungen möglich. Auch hier zeigt sich das Prinzip der Prävention: Die Gefahr soll möglichst erkannt werden, bevor Menschen erkranken.
Die Kommunikation wird schwieriger
Doch selbst die beste Präventionsstrategie funktioniert nur, wenn die Menschen erreicht werden. Genau darin sehen Anders und Lahl eine weitere Herausforderung. Klassische Kommunikationswege verlieren an Reichweite, gleichzeitig verbreiten sich Gesundheitsinformationen über soziale Medien sehr schnell – allerdings auch Fehlinformationen.
Das Gesundheitsamt muss deshalb stärker erklären, warnen und unterschiedliche Zielgruppen auf verschiedenen Wegen erreichen. Mehrsprachige Informationen sind dabei ebenso wichtig wie verständliche und alltagstaugliche Empfehlungen. Gerade bei Hitze zeigt sich, dass eine Warnung allein nicht genügt. Menschen müssen wissen, was sie konkret tun können – und warum es notwendig ist.
Klimaanpassung ist eine Gemeinschaftsaufgabe
Die wichtigste Erkenntnis aus den Erfahrungen des Gesundheitsamtes ist deshalb: Klimaanpassung lässt sich nicht an ein einzelnes Amt delegieren. Das Gesundheitsamt kann Risiken beobachten, beraten, warnen und Maßnahmen anstoßen. Für eine tatsächlich hitzeresiliente Stadt braucht es jedoch ebenso Stadtplanung, Umwelt- und Grünflächenpolitik, Bauwesen, Verkehr, Wasserwirtschaft, Medizin und soziale Einrichtungen.
Dabei können Zielkonflikte nicht immer vermieden werden. Mehr Bäume brauchen Platz, Entsiegelung verändert die Nutzung von Flächen, Hitzeschutz kostet Geld und bauliche Anpassungen können bestehende Planungen verändern. Trotzdem wird die Frage immer dringlicher, ob sich Leipzig eine abwartende Haltung leisten kann.
Die Hitzewelle im Juni 2026 hat gezeigt, wie schnell extreme Temperaturen nicht nur einzelne Menschen, sondern gleichzeitig Kliniken, Rettungsdienste, Verkehr, Wasserversorgung und den öffentlichen Raum belasten können.
Der Klimawandel ist deshalb für das Gesundheitsamt keine Aufgabe der Zukunft. Er ist bereits heute Teil des täglichen Handelns. Die entscheidende Frage ist nicht mehr, ob Leipzig sich anpassen muss – sondern wie früh, wie konsequent und mit welchen Mitteln die Stadt damit beginnt.
Das Video ist Teil des LZ-Klima-TV und bei der Leipziger Zeitung zu sehen. Dieses Gespräch ist Teil der LZ-Klimareihe mit Unterstützung des KuGel e.V. In den kommenden Wochen erzählen weitere Menschen, wie die Klimakrise ihre Arbeit und ihren Alltag verändert.
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