Ganz offensichtlich ist das einstige Pförtnerhäuschen des Stasi-Komplexes auf dem Matthäikirchhof eines der letzten Gebäude vor Ort, das noch für irgendwelche Nutzungen zur Verfügung steht. Der Großteil der restlichen Baumasse ist mehr oder weniger desolat und damit nur noch in Teilen für mögliche Zwischennutzungen, bis irgendwann mal gebaut werden sollte, nutzbar, wie Baubürgermeister Thomas Dienberg in der Ratsversammlung am 3. September bestätigte. Die CDU-Fraktion hatte ein ganzes Fragenpaket zum Matthäikirchhof formuliert.

Darin ging es nicht nur um die Zwischennutzung, die sich ganz offensichtlich auch nicht so einfach gestaltet, wie in manchem Medienbericht suggeriert. Das Entwicklungskonzept für den Matthäikirchhof wurde vom Stadtrat zwar am 17. Dezember 2025 bestätigt. Doch die einzelnen Schritte erweisen sich als durchaus zäh und widerspenstig.

Es geht mit dem Kultur- und Begegnungszentrum (KuBZ) los, für das die Verwaltung dem Stadtrat eigentlich im ersten Halbjahr ein Konzept vorlegen wollte.

Aber weder steht das dafür notwendige Geld zur Verfügung, noch hat man schon gesicherte Räume dafür gefunden. Oder mit den Worten aus der Antwort des Planungsdezernats: „Der im Beschluss vorgesehene Vorlagezeitpunkt für das KuBZ-Konzept konnte aufgrund der noch offenen inhaltlichen, räumlichen, organisatorischen und finanziellen Rahmenbedingungen nicht eingehalten werden. Ein belastbarer neuer Vorlagezeitpunkt kann derzeit noch nicht benannt werden.“

Schwierige Bausubstanz, fehlendes Geld

Und das ist nicht das einzige Projekt, für das am Matthäikirchhof derzeit vor allem die finanziellen Grundlagen fehlen. Oder das sich nicht in der Weise als umsetzbar erweist, wie es die Verwaltung mal gedacht hatte.

Das geht dem Bauteil Matthäikirchhof 1 los, wo einst die Volkspolizei untergebracht war und das baulich besonders schwer geschädigt ist: „Die im Entwicklungskonzept vorgesehene Verknüpfung der Konzeptvergabe des Solitärgrundstücks mit der Verpflichtung zum Rückbau der ehemaligen Volkspolizei kann nach der rechtlichen Prüfung nicht in der ursprünglich vorgesehenen Form umgesetzt werden. Die Stadtverwaltung entwickelt deshalb derzeit eine vergaberechtskonforme alternative Vorgehensweise. Für die Abstimmung dieses neuen Konzepts sind noch erhebliche verwaltungsinterne Abstimmungen sowie eine rechtliche Prüfung notwendig.“

Und auch den eigentlichen Stasi-Riegel Große Fleischergasse 12 kann man nicht einfach so in eine Zwischennutzung nehmen, stellt das Planungsdezernat fest: „Für den Umgang mit dem Stasiriegel wurde ein Konzept entwickelt, wie es in Nutzung gebracht werden kann. Dabei wird sowohl ein Szenario für temporäre Nutzungen als auch ein Szenario für eine dauerhafte Nutzung vorgeschlagen. Bevor hier weitere Schritte erfolgen können, ist eine Wirtschaftlichkeitsuntersuchung notwendig.“

Auch ein Grundstückstausch, mit dem die Stadt schon mal einen Investor an den Matthäikirchhof holen wollte, findet nicht statt: „Der im Entwicklungskonzept benannte Grundstückstausch ist kein weiteres Thema der Entwicklung, da der Grundstücksinteressent sein Interesse zurückgezogen hat.“

Unklar ist auch weiterhin, ob das Stasi-Unterlagen-Archiv hier in nächster Zeit eine neue Unterbringung findet: „Zur Errichtung des Stasi-Unterlagen-Archivs durch das Land Sachsen sowie zur ‚Runden Ecke‘ gibt es keinen neuen Sachstand.“

Dornröschen in Beton

Dornröschen lässt grüßen. Auch deshalb versucht die Stadt ja, das Gelände mit Zwischennutzung im Gedächtnis der Leipziger zu bewahren. „Die dauerhafte bauliche Gestaltung der öffentlichen Freiflächen erfolgt erst im Zuge mit den Hochbau- und Erschließungsmaßnahmen. Unabhängig davon werden vorab temporäre Nutzungen und die schrittweise Aktivierung von Teilflächen vorbereitet“, teilte das Planungsdezernat mit.

Dazu gehört auch der Biergarten, von dem einige Leipziger Medien schon überschwänglich schwärmten. Es gibt Leute, die trinken ihr Bier nur zu gern an den hässlichsten Orten der Stadt.

„Basierend auf den Ergebnissen des Beteiligungsprozesses und der URBACT Local Group ist es das Ziel, erste Impulse zu setzen, zur Wiederaneignung des Ortes durch die Stadtgesellschaft beizutragen, temporär Lebendigkeit zu erzeugen und Impulse für dauerhafte Nutzungen zu liefern. Eine temporäre Nutzung würde zugleich die Risiken durch Vandalismus, Einbruch und Brandstiftung reduzieren“, meinte das Planungsdezernat dazu.

„Eine temporäre gastronomische Nutzung mit Freisitz soll dabei als niedrigschwellige Ankernutzung dienen und zugleich kulturelle Nutzungen sowie externe gemeinwohlorientierte Akteure koordinieren. Der Betreiber übernimmt die Rolle eines zentralen Ansprechpartners vor Ort und verbindet gastronomische Nutzung, eigenes kulturelles Programm sowie die Öffnung für externe Akteure, die dort Veranstaltungen durchführen möchten.“

Noch hat man freilich keinen Betreiber dafür: Die Realisierung eines solchen Biergartens „steht unter dem Vorbehalt der erforderlichen Genehmigungen und des Ergebnisses der öffentlichen Ausschreibung“. Und das Bauordnungsrecht könnte auch noch eine Rolle spielen: „Die bauordnungsrechtliche Genehmigungsfähigkeit ist im Rahmen eines entsprechenden Genehmigungsverfahrens durch das Amt für Bauordnung und Denkmalpflege zu prüfen. Die für den konkreten Betrieb erforderlichen weiteren Genehmigungen bzw. Anzeigen richten sich nach Art und Umfang des Betreiberkonzepts. Die hierfür erforderlichen Voraussetzungen werden im Zuge der Vorbereitung der Ausschreibung konkretisiert.“

Wer finanziert das KuBZ?

Und ähnlich in der Schwebe ist eben auch das mögliche Kultur- und Begegnungszentrum (KuBZ): „Das Konzept zum Kultur- und Begegnungszentrum (KuBZ) wird derzeit weiterentwickelt und mit den Ergebnissen der URBACT Local Group synchronisiert. Die bislang gewonnenen Erkenntnisse werden zunächst zusammengeführt und in das Nutzungskonzept integriert. Erste Beteiligungsformate und die praktische Erprobung von Nutzungen am Matthäikirchhof sollen dies ergänzen. Insbesondere sind die inhaltlichen, räumlichen, organisatorischen und finanziellen Rahmenbedingungen noch weiter zu konkretisieren.“

Und wen wundert es: Eigentlich ist dafür überhaupt kein Geld verfügbar. Mit den Worten des Planungsdezernats: „Derzeit befindet sich die Stadt in einer haushalterischen Konsolidierungsphase. Für zusätzliche konzeptionelle und gutachterliche Leistungen stehen gegenwärtig keine finanziellen Ressourcen zur Verfügung.

Dies betrifft insbesondere die für eine belastbare weitere Konkretisierung des Konzepts zum Kultur- und Begegnungszentrum (KuBZ) erforderlichen Untersuchungen und die Vorbereitung einer Machbarkeitsstudie. Vor diesem Hintergrund soll zunächst geprüft werden, inwieweit die weiteren notwendigen Schritte über geeignete Fördermittel finanziert werden können. Hierzu wird bereits eine Antragstellung bei der Kulturstiftung des Bundes vorbereitet.“

Vielleicht klappt’s ja mit dem Wohnungsbau

Genauso ist das Konzeptverfahren zur Vergabe der Grundstücke zum Wohnungsbau noch in Arbeit: „Derzeit klärt die Verwaltung grundlegende Fragen zum Wohnen am Matthäikirchhof. Als Zielgruppe wurden insbesondere Wohnungen für Ein- bis Zwei-Personen-Haushalte sowie für Senioren benannt. In den Erdgeschossen sollen kleine Gewerbeeinheiten zu einem lebendigen Quartier beitragen. Der Entwurf ermöglicht eine schrittweise Entwicklung der Wohnbausteine. Aktuell wird mit vier verschiedenen Wohnbausteinen geplant, in denen je nach Konzept insgesamt rund 120 bis 150 Wohnungen entstehen können.“

Dabei soll es unbedingt auch – wie vom Stadtrat beschlossen – mietpreisgebundene Wohnungen geben: „Dabei ist unabhängig von der Eigentümerstruktur ein Anteil an sozial gebundenem Wohnraum von mindestens 30 % sicherzustellen.“

Vielleicht gelingt es ja, die vier Grundstücke per Konzeptvergabe tatsächlich am Markt zu platzieren. Vorbilder sieht man in Potsdam und Heilbronn.

Ob derweil das Pförtnerhäuschen als eines der Bauteile, das noch irgendwie nutzbar ist, als Depot für Leipziger Museen genutzt werden kann, das prüfe man noch, erklärte Baubürgermeister Thomas Dienberg am 13. September auf Nachfrage von CDU‑Stadträtin Sabine Heymann. Aber da das ganze Projekt Zwischennutzung sichtlich schwer in die Stiefel kommt, hat sich Dienberg schon mal einen Tisch beim OBM gewünscht, um die verzwickte Gemengelage irgendwie aufzulösen.

Warum es am Matthäikirchhof jetzt auf einmal immer länger dauert, wollten dann die Grünen noch in einer eigene Anfrage wissen. Und die Antwort aus dem Stadtplanungsamt und die Antworten von OBM Burkhard Jung bestätigten dann, dass es um die ausbleibenden Fördermittel geht. Und dass auch die Verschiebung des Neubaus für das Stasi-Unterlagen-Archiv auf den Sankt Nimmerleinstag alle Vorhaben auf dem Gelände erst einmal auf Jahre verzögert haben.

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