Im Rahmen der Buchmesse gab es im Museum in der Runden Ecke eine weitere Veranstaltung zur Zukunft des Matthäikirchhofs. Da ging es im Zusammenhang mit der Ausstellung „Architekt“ des Künstlers Jürgen Meier in der Galerie KK5 in der Podiumsveranstaltung „– ist der Stasineubau Ostmoderne?“ um Architektur und Ostmoderne und damit auch die Frage, welchen Wert der Erhalt vom Teilen der alten Stasi-Zentrale eigentlich hat. Und wie man mit den möglichen archäologischen Funden im Untergrund umgehen müsste.

Ich hatte die Veranstaltung im unbehaglich längsgeteilten Saal der „Runden Ecke“ besucht und den sehr gut gestalteten Katalog der pittoresken Ausstellung „Architekt“ erworben. Als Teil des ca. 80-köpfigen Publikums habe ich beim Disput der hochkarätigen Podiumsbesetzung interessante Einblicke gewinnen können. Als örtlicher Fachmann, der sich seit 2017 mit dem Thema „Matthäikirchhof“ beschäftigt, möchte ich im Folgenden über diese Veranstaltung informieren und kommentierend den Disput in die interessierte Bürgerschaft tragen.

Bei der Veranstaltung hat nach dem Grußwort von Gerdt Felbe (LuP Stiftung) der Leipziger Künstler Jürgen Meier seinen Katalog der Ausstellung vorgestellt und dabei auf die besondere Qualität der stadtzugewandten baugebundenen Kunst an den nördlichen und östlichen Bürogebäuden von Stasi und Volkspolizei hingewiesen – insbesondere auf die sicherlich allen Leipzigern bekannte ornamentale Bekleidung von zwei Treppenhäusern mit Betonfertigteilen, die von den Dresdener Künstlern Friedrich Kracht (1925-2007) und Karl-Heinz Adler (1927-2018) von der dortigen PGH (Produktionsgenossenschaft des Handwerks) Kunst am Bau 1985 mit wohl hintergründigem Humor geschaffen worden war.

Denn wer darin die codierten Schlappohren und Pupillen der Firma „Horch & Guck“ nicht erkennt, muss entweder blind oder bei der Stasi gewesen sein.

Horch&Guck – Schlappohren. Grafik: Adalbert Haberbeck
Horch&Guck – Schlappohren. Grafik: Adalbert Haberbeck

„Welt“-Redakteur Sven Felix Kellerhof moderierte bereits zum dritten Mal eine handverlesene Podiumsveranstaltung des Museums in der Runden Ecke zur Thematik Matthäikirchhof, die umfangreichen Ergänzungsbauten von 1985 betreffend, deren Erhalt von Tobias Hollitzer als Leiter des Museums in der Runden Ecke wahrscheinlich auch aus Existenzgründen seit Jahren ultimativ gefordert wird.

Die Diskussion drehte sich im Wesentlichen um den denkmalpflegerischen Umgang mit diesen Gebäuden, auch wenn denen vom Sächsischen Landesdenkmalamt unter Verweis auf den bereits diesbezüglich bestehenden Denkmalstatus des alten Hauptgebäudes mit der berühmt berüchtigten Runden Ecke und der nur vier Jahre währenden Nutzung der sogenannten Neubauten ein offizieller Denkmalstatus vorbeugend nicht zugebilligt wurde (nach Auskunft dieser Behörde an den Autor soll offiziell nie ein diesbezüglicher Antrag eingegangen und nur informelle Gespräche geführt worden sein.

Von der Stadtverwaltung Leipzig wurde einer diesbezüglichen E-Mail-Anfrage im Jahr 2023 des Autors eine Antwort verweigert – dem MDR ging es etwas besser).

Wie umgehen mit dem Gebäudebestand?

Als ein im Bauen im Bestand und auch in baudenkmalpflegerischen Belangen erfahrener Architekt und Gutachter verfahre ich wie ein Arzt mit dem „Patienten“ Haus: ANAMNESE – DIAGNOSE – THERAPIE

Nach einer möglichst umfassenden Bestandserfassung (Anamnese) beurteile ich die denkmalrelevanten Gebäude (Diagnose) der besseren Verständigung wegen unter fünf Aspekten: BAUKUNST – GESCHICHTE – STÄDTEBAU – TECHNIK – NUTZUNG

Aus der vergleichenden Bilanz der Beurteilung (Diagnose) leite ich, ähnlich wie Frau Dr. Ulrike Wendland vom DNKD, wichtend die denkmalpflegerische Zielstellung ab und empfehle eine oder zwei der fünf prinzipiell möglichen Methoden (Therapie) zur Erreichung des Ziels, die da wären: NEGIEREN – RESTAURIEREN – REKONSTRUIEREN – REFORMIEREN – TRANSFORMIEREN

Das stößt zwar bei Kunsthistorikern auf Skepsis, weil ich mit Technik und Nutzung zwei zusätzliche eigenständige Beurteilungsaspekte einführe, um auch die zumutbaren wirtschaftlichen Grenzen auszuloten, die es eh eines Tages zu bedenken gilt. Mit den zwei zusätzlichen Methoden des Reformierens und Transformierens habe ich den erweiterten Spielraum des sensibel weiterbauenden Architekten im Blick, was die Kunsthistoriker noch nicht zu interessieren scheint.

Aber gerade daher hat sich diese Arbeitsmethodik praktisch bewährt. Bei meinen weiteren Ausführungen gehe ich zunächst auf die Äußerungen im Podium zu dem baukünstlerischen Aspekt und dem geschichtlichen Aspekt ein.

Kunst am Bau – Ost und West

Beim baukünstlerischen Aspekt hat Jürgen Meier zunächst auf die ehemaligen Unterschiede von Kunst am Bau in West und Ost aufmerksam gemacht. Im Westen war die Kunst am Bau eher eine verzichtbare Beigabe einer vermeintlich eigenkünstlerischen Architektur.

Im Osten dagegen war sie eher integraler Bestandteil einer seit Ende der 1960er Jahre vornehmlich bautechnologisch geprägten Architektur des industriellen Bauens und hat den Gebäuden oft überhaupt erst einen baukünstlerischen Reiz verliehen.

Zu Recht weist Jürgen Meier besonders auf die künstlerische Qualität der ornamentalen Bekleidungen aus Betonfertigteilen von Friedrich Kracht und Karl-Heinz Adler im 60-cm-Raster hin, das allerdings nicht patentiert ist wie im Katalog behauptet wird, sondern das Grundmodul der „DDR-Rasteritis“ in Folge des industriellen Bauens war, was den gesamten Gebäudekomplex durchzieht.

Erhalt oder Rückbau? Grafik: Adalbert Haberbeck
Erhalt oder Rückbau? Grafik: Adalbert Haberbeck

Auch deshalb schmücken diese Elemente quasi als Brosche das ansonsten langweilige Fassadenkleid wie selbstverständlich.

Aber sollte man einer Brosche willen, ein scheußliches Kleid weiterhin zur Schau tragen? Ich meine: Nein. Man sollte m.E. entweder das Kleid reformieren bzw. transformieren (überarbeiten bzw. überholen) oder die Brosche abnehmen und an ein neues Kleid heften, das zu dieser Brosche passt – also versetzen (fachdeutsch: translozieren) wie beispielsweise den Erker des Hauses zur goldenen Schlange im Barthels Hof oder den Fürstenerker in der Grimmaischen Straße aus Rochlitzer Porphyr.

Barthels Hof. Foto: Ralf Julke
Barthels Hof. Foto: Ralf Julke

Dem gesamten Erscheinungsbild des „Neubauensembles“ aus baukünstlerischer Sicht einen hohen Stellenwert als Zeugnis der sogenannten Ostmoderne zuzumessen, ist mir als ein an der Hochschule für Architektur und Bauwesen (HAB) Weimar ausgebildeter Architekt nicht möglich, dem Wintergartenhochhaus mit der Zweiraumwohnung als Treffpunkt der fiktiven Gespräche ehemals wichtiger deutscher Architekten in der Ausstellung „Architekt“ schon.

Blick zum Wintergartenhochhaus. Foto: Adalbert Haberbeck
Blick zum Wintergartenhochhaus. Foto: Adalbert Haberbeck

Einen geschichtlichen Wert als spätes repräsentatives Zeugnis einer gebeutelten kulturellen und politischen Epoche in Folge des Zweiten Weltkrieges in Ostdeutschland kann man ihm aber nicht absprechen.

Insofern war in der Diskussion folgerichtig der Begriff des „unbequemen Denkmals“ (neudeutsch: uncomfortable monuments – Frau Professor Daniela Spiegel von der Bauhaus-Universität Weimar) ins Spiel gebracht worden, die man eben aushalten muss und wenn man das nicht kann, scheinbar feige ist (Katalog Seite 22 – Richard P(aulick) – „Ein Haus bleib … . Architektur muss man aushalten. Oder sie wird zum Mahnmal für Feigheit.“- fiktive Aussage im Katalog von Jürgen Meier).

Nun, meines Erachtens muss man angesichts des möglichen Umbaus eher ein mutloser Masochist sein oder ein gieriger Touristenführer, der vom Interesse an Schauergeschichten lebt und das burgartige Erscheinungsbild auch als gute Einstimmung für den Besuch der Stasibunker zu inszenieren gedenkt, egal wie es den Eingeborenen damit ergeht, die lieber an das 41. Jahr der DDR mit einer Ordnung ohne Herrschaft zurückdenken als an die 40 Jahre Ordnung unter Herrschaft der SED mit verratenen Idealen, die nur mit unerschütterlich subversivem Humor zu ertragen war.

Den Fokus auf den baukünstlerischen Rahmen sprengend, hat der Baubürgermeister Thomas Dienberg zum Abschluss gottlob den städtebaulichen Aspekt ins Spiel gebracht. Er verwies dabei aber nur auf das Verlangen und das Recht der Leipziger Bevölkerung, diesen über 40 Jahre unbekannten Ort (fachlateinisch: Terra incognita) mit seiner traditionsreichen Geschichte, als Gründungsort Leipzigs wieder als öffentlichen Stadtraum in Besitz zu nehmen. 

So auch geschrieben im Pflichtenheft des „Matthäikirchhof-Codes“ als Ergebnis der umfangreichen Werkstattverfahren und Grundlage des städtebaulichen Wettbewerbs anno 2023–2024. Dies hat im sonst so einigen Podium für schweigsame Unruhe gesorgt, wahrscheinlich weil man aufgrund der burgartigen Anlage keine Gegenargumente finden konnte.

Schade ist auch, dass Herr Dienberg als Mitglied der Arbeitsgruppe städtebaulicher Denkmalschutz nicht auf die für Leipzig typischen geschlossenen Baublöcke der Innenstadt zum Ring-Grün eingegangen ist, als zuvor die aus Karl-Marx-Stadt (Chemnitz) stammende Leipziger Architektin Diana Felber als einzige Ostsozialiserte in der Runde zutiefst den seinerzeitigen Abriss der offenen Wohnbebauung am Brühl als Relikt der Ost-Moderne bedauert hatte.

Aber da hätte er auch auf die Wunde, die das derzeitige Leitbild mit einer grünen Wiesen-Agora in die kompakte Innenstadt schlägt, eingehen müssen, und es vermieden.

Siegerentwurf für den Matthäikirchhof von Riehle Koeth GmbH & Co. KG und Levin Monsigny Landschaftsarchitekten. Visualisierung: Riehle Koeth GmbH & Co. KG
Siegerentwurf für den Matthäikirchhof von Riehle Koeth GmbH & Co. KG und Levin Monsigny Landschaftsarchitekten. Visualisierung: Riehle Koeth GmbH & Co. KG

Zusätzlich hatte ich gehofft, dass sich der Baubürgermeister als oberster Projektsteuerer unter dem geschichtlichen Aspekt auch zu dem Umgang mit den mutmaßlich noch vorhandenen archäologischen Artefakten korrigierend äußert.

Denn diese sollen nach seinen Aussagen am 12.03.2026 im Rahmen der Veranstaltung der Kulturstiftung Leipzig „Matthäikirchhof – wie weiter“ unverständlicherweise erst als bauvorbereitende Maßnahme vor Baubeginn erfolgen. In Frankfurt am Main hat man das am Römerberg anders gemacht. Dort hat man die archäologischen Artefakte zuerst erkundet, dann gesichert und planvoll das Bauensemble angepasst. Meines Wissens machen Bagger nur plan, planen aber nicht!

Die nun von prominenten Denkmalpflegern der Stadt Leipzig angestoßene Debatte zur Bewahrung und Sichtbarmachung von archäologischen Artefakten am Gründungsort der Stadt Leipzig würde im doppelten Sinn den Denkraum und den Zeithorizont von Architekten und Bauleuten sprengen. Sie hätte ggf. sogar das Potential, das angestrebte Leitbild zu sprengen, weil gerade unter dessen zentralem Leitbau diese Artefakte vermutet werden.

Aufgrund der aktuellen Finanzlage der öffentlichen Hand haben wir nun überraschenderweise noch viel Zeit. Einzigartige archäologische Artefakte am Gründungsort der Stadt haben wir auf Grund der bisherigen Baumaßnahmen für die Stasi am Standort Matthäikirchhof aber vermutlich nur noch wenige.

Nutzen wir die Chance der bevorstehenden Pause, die fahrlässig unterlassenen archäologischen Untersuchungen vor den weiteren Planungsschritten als deren sachgemäße Voraussetzung nachzuholen, wie auch dem Hinweis von Professor Arnold Bartetzky als „Quotenstörenfried“ in der vorgenannten Veranstaltung zu folgen, dass er mittlerweile nur noch zwei Perspektiven sieht – entweder den strukturellen Erhalt oder den totalen Abriss der „Stasineubauten“ von 1985. D

er Teilerhalt des nördlichen Riegels, wie angestrebt, ergibt im Zusammenhang mit den Umständen der Lage seiner „Brosche“ im Wohnhof und dem 1,5 Meter über dem Platz liegenden Niveau seines Erdgeschosses wenig Sinn, die weitere Nutzung seiner Stahlbetonfertigteile für die neuen Gebäude im Sinne der Kreislaufwirtschaft (neudeutsch: urban mining) meines Erachtens schon.

Vorbehaltlich der Ergebnisse der archäologischen Untersuchungen stimme ich mit Professor Arnold Bartetzky überein, favorisiere aber nach wie vor den Vorschlag des Publikumslieblings aus dem städtebaulichen Wettbewerb und 4.Preisträger Hinrichsmeyer-Architekten aus Stuttgart, die in ihrem Entwurf hierfür schon archäologische Fenster im Visier hatten.

Die Struktur zu belassen, wie sie derzeit ist, hätte allerdings im Umkehrschluss den Vorteil, dass keine Artefakte zusätzlich überbaut werden müssten und die übrig gebliebenen Artefakte könnten freigelegt und als Schaufenster in die transformierende Überformung und Zweckbestimmung mit Magnetwirkung des burgartigen Ensembles als Touristenziel „urbs Lipzi“ integriert werden.

Ein Sarg für die Stasiakten, wie im aktuellen Leitbild angedacht, wird diese Magnetwirkung mit Sicherheit nicht entwickeln können, ein Haus der Demokratie zur Feier der Friedlichen Revolution und zur gelebten Erinnerung an die Konkordanzdemokratie im 41. Jahr der DDR, wie von Hinrichsmeyer-Architekten am Ring vorgeschlagen, im Gegenteil dazu allerdings schon.

Modelldarstellung Hinrichsmeyer + Partner.
Modelldarstellung Hinrichsmeyer + Partner.

Am Ende wird Alles gut. Und wenn es noch nicht gut ist, dann ist es noch nicht das Ende. Die Ausstellung „architekt“ in der Galerie KK5 in der Käthe-Kollwitz-Straße 5 geht nun zum 31. März zu Ende, der sehr schöne Katalog wird aber hoffentlich noch länger erhältlich bleiben, der Luisoder & Pfefferkorn Stiftung sei Dank.

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PS: Als 1950 geborener Absolvent der Hochschule für Architektur und Bauwesen (HAB) Weimar kann ich der folgenden Behauptung von Jürgen Meier auf Seite 71 im Katalog nicht zustimmen: „Sie studierten an Hochschulen, in denen die Moderne nur gebrochen überliefert wurde“. Wir Absolventen der HAB Weimar waren über die Baugeschichte und den internationalen Stand der Architektur schulisch und literarisch sehr gut informiert, aber das Reisen war zu gefährlich. Wir hätten m.E. in jedem Land der Welt arbeiten können, nur in der DDR war es für uns wegen unserer Ausbildung an der HAB schwierig.

Das Kombinat IPRO Dresden, wie auf Seite 65 beschrieben, gab es nicht. Denn meine zeitweilige Arbeitsstelle IPRO Dresden (Außenstelle Leipzig) war als Kombinatsbetrieb Teil des BMK (Bau- und Montagekombinat) Süd und die vorangegangene Zwangseingliederung der bis dahin eigenständigen komplexen Planungsbüros um 1970 in die Baubetriebe nach dem Motto „Wer baut, projektiert“ war der eigentliche Todesstoß für die Architektur in der DDR. Das kann man nachschauen und sogar anfassen …

Auch war 1979 Jazz aus Amerika nicht verboten, wie auf Seite 30 unten rechts suggeriert wird. Wenn Jürgen Meier statt in Münster in Leipzig studiert hätte, hätte er das gewusst …

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