Am 1. Februar gab Baubürgermeister Thomas Dienberg den Siegerentwurf für das Matthäikirchhof-Areal bekannt. Die LVZ feierte das zugleich als großen Wurf, obwohl schon vorher absehbar war, dass es bei all den von der Stadt vorgegebenen Bedingungen nur ein Kompromiss werden könnte. Vielleicht sogar einer, mit dem man leben könnte. Und so sieht es auch Adalbert Haberbeck, bis zum 25. Januar Vorsitzender der BDB Bezirksgruppe Leipzig, das er nun nach drei Jahrzehnten aufgab.

„Der Entwurf zum ersten Preis der RIEHLE KOETH Gmbh + Co.KG. Architekten ist mit Einschränkungen ein pragmatischer Kompromiss“, schreibt er in einem Brief, den er erst einmal an die LVZ schickte. Aber darin stünde alles, was zu dem Thema zu sagen wäre, meinte er und schickte ihn auch an uns. „Aber ein guter Kompromiss zeichnet sich nach dem Volksmund nun einmal dadurch aus, dass alle gleichermaßen unzufrieden sind!“

Was ja nicht heißt, dass der Preisträger-Entwurf zum Matthäikirchhof am Ende umgesetzt wird, wie Haberbeck betont.

„Uns erwartet noch eine spannende Zeit“

„Dazu möchte ich noch bei aller aktuellen Erleichterung darüber, dass der Wettbewerbsbeitrag mit Erhalt der Trutzburg von FAM Architekten nicht den ersten, sondern ‚nur‘ den zweiten Rang belegt hat, darauf hinweisen, dass nach Architektenwettbewerben nicht automatisch der erste Preisträger den Auftrag erhält, sondern lediglich wie gesetzlich festgelegt einer der hier vier ausgewählten Preisträger den Auftrag von der Bauherrschaft nach deren Präferenzen erhalten werden wird.

Bei dem Spektrum der vier Preisträgerarbeiten (von Gesamterhalt, zu maximalem Teilerhalt, zu minimalem Teilerhalt bis Gesamtrückbau mit ökologischem Rückbaukonzept der Trutzburg) erwartet uns noch eine spannende Zeit bis zum Entscheid des Auftrages durch den Stadtrat von Leipzig, wann auch immer. Bei aller Kritik am Verfahren möchte ich anmerken, dass der Umstand eines offenen Teilnehmerwettbewerbes und auch die Darstellungen der Konkurrenz im digitalen Stadtmodell sehr lobenswert ist.

Aber das ist leider nur die halbe Wahrheit und halbe Wahrheiten können mitunter zu den schlimmsten Lügen führen. Aber dennoch, der Anfang ist gemacht und die zweite Hälfte der Wahrheit müssen wir eben nur noch finden!“

Kritik an fehlender Öffentlichkeit

Denn für inakzeptabel hält er, dass nicht sämtliche Wettbewerbsbeiträge aus der ersten Runde des Wettbewerbs zum Matthäikirchhof auch öffentlich gemacht wurden, denn das sei allen Teilnehmenden versprochen worden. Die Bürgerbeteiligung bekam dann auch nur die neun Beiträge der Endrunde zu Gesicht.

Um alle Beiträge auszustellen, hätte man „wie früher üblich“ durchaus die Untere Wandelhalle im Neuen Rathaus nutzen können. Jetzt sei freilich Ende Februar nur eine Ausstellung im viel kleineren Stadtbüro geplant.

Um sichtbar zu machen, inwieweit die vier mit Preisen ausgezeichneten Arbeiten die städtebaulichen Strukturen aufnehmen, hat er sie den historischen Blockstrukturen zeichnerisch gegenüber gestellt. So wird auch sichtbar, wie sich der Stadtraum verändert, wenn einer der Preisträgerentwürfe umgesetzt wird.

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Ich hätte mit zu diesem Thema auch eine Berichterstattung über den Vortrag gewünscht:

Matthäikirchhof Leipzig: Geschichte und Perspektiven des einstigen Stasi-Areals
Referent: Prof. Dr. Arnold Bartetzky (GWZO)
Datum: Donnerstag, 25.1.24
Uhrzeit: 19 Uhr
Ort: Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO), Specks Hof (Eingang A), Reichsstraße 4-6, 04109 Leipzig
Am 31. Januar 2024 wird eine Wettbewerbsjury über die Zukunftsplanung für den Matthäikirchhof entscheiden. Im Vorfeld der Entscheidung blickt der Architekturhistoriker Prof. Dr. Arnold Bartetzky auf die Geschichte des Matthäikirchhofs zurück, analysiert den bestehenden Baukomplex und diskutiert die im laufenden städtebaulichen Wettbewerb vertretenen planerischen Ansätze, die vom Komplettabriss und Neubau bis zu einer behutsamen Weiterentwicklung des Bestandes reichen.

Der Baubürgermeister Thomas Dienberg war jedenfalls da.

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