Der Störmthaler See soll touristisch mehr leisten: mehr Übernachtungen, mehr Wertschöpfung, mehr wirtschaftliche Bedeutung für Großpösna. Ausgerechnet Natur, Landschaft und Ruhe gelten dabei als sein größtes Kapital. Ein neues Tourismuskonzept versucht diesen Spagat.  Für die Magdeborner Halbinsel ist es nicht der erste Anlauf. Zwischen 2019 und 2021 hatte Großpösna seine Bürger intensiv an der Suche nach einem Leitbild beteiligt.

Das Ergebnis war eindeutig: Im Mittelpunkt sollten „Natur, Ruhe und Erholung“ stehen, ergänzt durch Sport, Kultur, Gastronomie und weitere kleinteilige Angebote. Fünf Jahre später liegt nun ein neues touristisches Entwicklungskonzept für den gesamten Störmthaler See vor. Und vieles von dem, was die Bürger damals formulierten, findet sich darin durchaus deutlich wieder.

Ein neues „Drehbuch“ für den Störmthaler See

Am vergangenen Montag stellte Matthias Wedepohl von PROJECT M im Großpösnaer Rathaus die Ergebnisse eines rund einjährigen Arbeitsprozesses vor. Diesmal geht es nicht allein um die Magdeborner Halbinsel, sondern um den gesamten Störmthaler See, sein Zusammenspiel mit dem Markkleeberger See und ausdrücklich auch um einen „Tourismus für Alle“.

Wedepohl betonte, das Konzept sei nicht allein am Schreibtisch entstanden. Eine etwa 15-köpfige projektbegleitende Arbeitsgruppe habe den Prozess begleitet, touristische Anbieter wurden befragt und zahlreiche Gespräche geführt. PROJECT M spricht von einem langfristigen „Drehbuch“ für eine künftig stärker gesteuerte touristische Entwicklung.

Berater Matthias Wedepohl (links) stellte mit Bürgermeister Daniel Strobel (rechts) die Entwicklungsziele für den Störmthaler See vor. Foto: Frank Beutner
Berater Matthias Wedepohl (links) stellte mit Bürgermeister Daniel Strobel (rechts) die Entwicklungsziele für den Störmthaler See vor. Foto: Frank Beutner

Denn aus Sicht der Studie ist diese zuletzt ins Stocken geraten. Neue, größere Angebote seien seit Jahren kaum hinzugekommen. Gerade diese „Unfertigkeit“ wird nun aber als Potenzial verstanden: Tourismus soll als Wirtschaftsfaktor für Gemeinde und Region deutlich an Gewicht gewinnen und zusätzliche Einkommen und Beschäftigung schaffen.

Begriffe wie Potenzial, Inwertsetzung, Vermarktung, Wertschöpfung und Tourismusentwicklung ziehen sich entsprechend neben Landschaft und Natur durch Konzept und Präsentation.

Mehr Übernachtungen, mehr Wertschöpfung

Dabei geht es keineswegs nur um schönere Wanderwege. Ein erklärtes Ziel ist, die Zahl der Übernachtungen in den kommenden zehn Jahren „deutlich“ zu steigern und damit ganzjährige Markt- und Wertschöpfungspotenziale zu erschließen.

Die Ausgangsbasis ist durchaus beachtlich: Rund 75.000 gewerbliche Übernachtungen jährlich erzeugen laut PROJECT M bereits einen Jahresbruttoumsatz von etwa 12,2 Millionen Euro. Nicht enthalten sind dabei Privatquartiere und die zahlreichen Tagesgäste.

Das künftige wirtschaftliche Zugpferd soll vor allem der Übernachtungstourismus werden. Das Handlungsprogramm benennt dafür eine ganze Reihe von Schlüsselprojekten. Das größte ist ein Gesundheits- und Wellnessresort auf der Magdeborner Halbinsel mit Hotel und Ferienhäusern für insgesamt etwa 250 bis 300 Betten. Hinzu kommen unter anderem der Inklusionscampingplatz, schwimmende Ferienhäuser, neue Wander- und Familienangebote sowie eine bessere touristische Vernetzung und Vermarktung. Für das Resort soll bereits ab 2027 gezielt nach Investoren gesucht werden – bis hin zur Präsentation auf der Immobilienmesse EXPO REAL in München.

Aber wie viel kommt bei der Gemeinde an?

Dass hinter der Tourismusstrategie auch handfeste finanzielle Überlegungen stehen, machte Bürgermeister Daniel Strobel deutlich. „Die WEV, die die Deponie betreibt, ist unser größter Gewerbesteuerzahler.“ Diese Einnahme werde perspektivisch wegfallen. „Das heißt, wir müssen irgendwie schauen: Wie können wir das kompensieren, wenn wir den Standard, den wir hier in Großpösna haben, halten wollen?“

Störmthaler See. Foto: LZ
Störmthaler See. Foto: LZ

Genau daran knüpfte eine Bürgerfrage an: Welche Wertschöpfung sei durch den Tourismus tatsächlich zu erwarten? Wenn die Bedeutung der Deponie für den Gemeindehaushalt zurückgeht, welche Größenordnung könne der Tourismus kompensieren? Zehn Prozent? Hundert Prozent? Mehr?

Darauf gab es noch keine substanzielle Antwort: „Also da haben wir jetzt keine Zahlen.“

Wedepohl verwies auf die bereits bestehende touristische Wertschöpfung und hielt perspektivisch sogar eine Verdopplung für möglich. Klar sei aber auch: Was wirtschaftlich wegfalle, lasse sich nicht mit „zehn Privatquartieren“ kompensieren. Dafür brauche es größere, ganzjährig funktionierende Angebote – insbesondere das geplante Gesundheits- und Wellnessresort.

Gerade hier bleibt jedoch eine entscheidende Frage offen. Wenn Tourismus perspektivisch stärker zum wirtschaftlichen Standbein Großpösnas werden soll, wäre neben Bruttoumsatz und allgemeinen Wertschöpfungseffekten auch interessant, welche konkreten wirtschaftlichen Effekte für Beschäftigung, Gewerbesteuer und Gemeindehaushalt realistisch erwartet werden. Eine solche belastbare Prognose enthält das Konzept nicht.

Ein strategisches Tourismuskonzept ist zwar keine kommunale Steuerschätzung. Aber bevor größere öffentliche Infrastrukturmaßnahmen oder Investorenprojekte daraus folgen, dürfte eine solche Betrachtung sinnvoll werden.

Natur und Landschaft werden selbst zum Kapital

Interessanterweise setzt PROJECT M der wirtschaftlichen Entwicklung zugleich eine klare Grenze. Natur und Landschaft seien das regionale Alleinstellungsmerkmal und ausdrücklich das „Kapital für eine nachhaltige Tourismusentwicklung“. Der Erhalt der Landschaft müsse deshalb Maßstab des weiteren Ausbaus sein.

Damit landet das Tourismuskonzept ziemlich genau dort, wo die Großpösnaer Bürger bereits vor einigen Jahren waren: bei Natur, Landschaft und Ruhe. Auch Bürgermeister Strobel zog hier eine klare Grenze: „Für mich ist ganz klar, der Störmthaler See wird nicht der Halligallisee sein, wo wir auf Teufel komm raus jedes Angebot unbedingt umsetzen wollen, nur weil es vielleicht kurzfristig attraktiv klingt.“

Das bedeutet keineswegs Stillstand. Natur und Landschaft sollen selbst stärker erlebbar gemacht werden – etwa durch Naturlehrpfad und Natur-Exkursionen, aufgewertete Aussichtspunkte und neue Wanderangebote. Zum Hauptstrand soll der bisherige ‚Highfield-Strand‘ entwickelt werden; das Highfield selbst oder vergleichbare Großevents passen dagegen nach den Vorstellungen des Konzepts perspektivisch nicht mehr zum angestrebten Profil der Halbinsel.

Eine Schlüsselrolle weist das Konzept dabei der Dorf- und Seenentwicklungsgesellschaft mbH (DSG) zu: Sie soll zahlreiche Maßnahmen federführend umsetzen, vom Informationsmarketing über Wanderangebote bis zur Investorenansprache. PROJECT M geht sogar noch weiter und fordert ein dauerhaft leistungsfähiges See-Management, das Tourismusentwicklung, Marketing, Zusammenarbeit der Akteure, Flächenmanagement und Gästeinformation bündelt. Eine solche zentrale Steuerungsinstanz fehle bislang.

Damit würde die DSG faktisch zu einem zentralen Motor der weiteren Tourismusentwicklung am Störmthaler See.

Was sagen die Bürger dazu?

Andere Bürgerfragen des Abends drehten sich darum, wie viel Entwicklung der See verträgt: Wie weit soll die Magdeborner Halbinsel bebaut werden? Ist das Wellnessresort nur ein erster Schritt? Was wird aus bestehenden Nutzungen, z.B. dem Jugendareal? Wie funktionieren Fährverbindungen und wie soll die ÖPNV-Anbindung verbessert werden?

Wedepohl betonte, die Halbinsel solle gerade nicht flächendeckend bebaut werden. Große Bereiche sollten frei bleiben. Auch die gleichzeitig ausgestellten studentischen Entwürfe sahen große Grünflächen und zusätzliche Baumpflanzungen vor.

Beteiligung wird besser – ein Manko bleibt

Bürgermeister Daniel Strobel beschrieb dabei auch sein eigenes Rollenverständnis: „Ich habe mich in dem Prozess ganz bewusst zurückgehalten, damit nicht der Eindruck entsteht, der Bürgermeister drückt hier irgendwas durch.“

Dass die Arbeitsgruppe durchaus eigene Akzente setzte, bestätigte eine Teilnehmerin aus Güldengossa. Wichtig sei ihr gewesen, „dass man Grün und Ruhe am See behält“. Statt immer neuer großer Eingriffe habe man deshalb auch über kleinere Ideen gesprochen: Familienwanderwege, Begrünung oder einzelne Erlebnisangebote. „Wir sind schon auf dem Teppich geblieben“, fasste sie die Arbeit der Gruppe zusammen.

Tatsächlich macht Großpösna bei der Beteiligung damit einiges besser als in früheren Planungsprozessen. Das Konzept wurde nicht einfach von einem externen Büro geliefert und anschließend präsentiert. Eine projektbegleitende Arbeitsgruppe diskutierte mit, Anbieter wurden einbezogen und die Ergebnisse öffentlich vorgestellt.

Ein Manko bleibt allerdings: Naturschutzfachliche Expertise wurde offenbar erneut nicht institutionell mitgedacht.

Eine Beschlussvorlage nennt Gemeinderäte, Ortschaftsräte, See-Gewerbetreibende und Markkleeberger Vertreter als Beteiligte der Arbeitsgruppe. Damit entsteht erneut der Eindruck einer interessenbezogenen Zusammensetzung. Naturschutzverbände oder eine vergleichbare naturschutzfachliche Vertretung waren nicht dabei.

Ausgerechnet bei einem Konzept, das Natur und Landschaft selbst zum „Kapital“ der künftigen Tourismusentwicklung erklärt, ist das schwer nachvollziehbar.

Denn Naturschutz müsste hier gar nicht als Verhinderer auftreten. Wenn Naturerlebnis, Landschaft und Ruhe touristisch vermarktet werden sollen, könnten Naturschutzverbände bei Besucherlenkung, Naturerlebnispfaden und naturverträglichen Angeboten gerade Entwicklungskompetenz einbringen – statt erst später als Träger öffentlicher Belange mit fertigen Planungen konfrontiert zu werden.

Billigungsbeschluss im Gemeinderat steht an

Am 21. September soll der Großpösnaer Gemeinderat den PROJECT-M-Endbericht als strategische Grundlage billigen. Die einzelnen Maßnahmen sind damit ausdrücklich noch nicht beschlossen und müssen fachlich, finanziell, planungsrechtlich und organisatorisch weiter geprüft werden.

Große Diskussionen und grundsätzliche Abwägungen sind bei solchen Billigungsbeschlüssen im Großpösnaer Gemeinderat erfahrungsgemäß nicht zu erwarten.

Dabei gäbe das Konzept durchaus Stoff dafür. Denn wenn der Tourismus künftig wirtschaftlich mehr leisten soll, wäre zunächst interessant, wie viel davon tatsächlich in Großpösna ankommt. Und wenn Natur und Landschaft dafür das wichtigste Kapital sein sollen, bleibt eine zweite Frage: Warum sitzen diejenigen mit besonderer Expertise für dieses Kapital nicht von Anfang an mit am Tisch?

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