Der Jahreswechsel ist die Zeit der Rückblicke – und der leisen Vorsätze. Man schaut auf das, was gedacht, geplant, begonnen wurde, und fragt sich, was davon sichtbar geworden ist. Diese Frage drängt sich zunehmend auch im Leipziger Neuseenland auf. Denn vor gut zehn Jahren wurde mit der Charta Leipziger Neuseenland 2030 ein gemeinsames Leitbild formuliert.

Architektur am Wasser sollte landschaftsbezogen sein, identitätsstiftend, von hoher gestalterischer Qualität. Ein Ausdruck einer jungen Kulturlandschaft, die aus industrieller Vergangenheit etwas Eigenes entwickeln wollte. Zehn Jahre später, auf der Zielgeraden zu 2030, stellt sich weniger die Frage nach Erfüllung oder Scheitern – sondern eine andere: Wie schlägt sich dieser Anspruch eigentlich in der gebauten Wirklichkeit nieder?

Ein Leitbild ohne Maßstab?

Die Charta formulierte Ziele, keine Messinstrumente. Was unter „höchster Baukultur“ konkret zu verstehen sei, blieb offen. Das konnte als Einladung gelesen werden: zur Kreativität, zum Experiment, zur Suche nach einem eigenen Stil.

Hainer See, Kahnsdorf, An der Lagune. Foto: Frank Beutner
Hainer See, Kahnsdorf, An der Lagune. Foto: Frank Beutner

Heute zeigt sich jedoch, dass diese Offenheit auch eine Leerstelle hinterlassen hat. Es gibt keine systematischen Erhebungen, keine unabhängige fachliche Bewertung der realisierten Bebauung, keine gemeinsame Grundlage, auf der sich sagen ließe, wie sich Baukultur im Neuseenland entwickelt hat.
Der Anspruch existiert – aber seine Einlösung bleibt schwer greifbar.

Wahrnehmung statt Bewertung

An seine Stelle tritt etwas anderes: Wahrnehmung. Gespräche vor Ort, Initiativen, lokale Debatten zeichnen ein Bild, das weder eindeutig negativ noch ungebrochen positiv ist – sondern gemischt, tastend, mit wachsender Skepsis.

Hafengebäude am Störmthaler See. Foto: Frank Beutner
Hafengebäude am Störmthaler See. Foto: Frank Beutner

An mehreren Seen ist Bebauung entstanden, die funktional nachvollziehbar ist, wirtschaftlich erklärbar, oft auch gut genutzt. Gleichzeitig wird sie häufig als austauschbar wahrgenommen, als Architektur, die eher aus urbanen Kontexten bekannt ist als aus einer jungen, offenen Seenlandschaft.

Gerade im Kontrast zur Weite des Wassers, zur Dynamik der Natur und zur besonderen Entstehungsgeschichte des Neuseenlands entsteht eine Spannung: Die Landschaft wirkt voraus – die Architektur scheint ihr eher hinterherzulaufen.

Dass es auch anders geht

Diese Wahrnehmung ist nicht pauschal. Sie wird dort besonders differenziert, wo sichtbar wird, dass landschaftsbezogene Architektur durchaus möglich ist. Am Störmthaler See etwa werden einzelne Bauten von vielen Menschen als gelungen empfunden: niedrig, organisch, mit begrünten, gewölbten Dächern, zurückhaltend in der Silhouette.

Wohnanlage Zum Kap am Zwenkauer See. Foto: Frank Beutner
Wohnanlage Zum Kap am Zwenkauer See. Foto: Frank Beutner

Gleichzeitig bleiben solche Beispiele punktuell. Sie prägen kein durchgängiges Bild, sondern stehen neben konventionellen, stadttypischen Bauformen – ohne dass sich daraus ein gemeinsames Verständnis entwickelt hätte.

Bemerkenswert ist weniger die Einzelarchitektur als die Reaktion darauf. Wo sich Gebäude einfügen, entsteht Zustimmung. Wo sie dominieren, kommt Skepsis auf. Das legt nahe, dass neben Stilfragen auch die Haltung gegenüber dem Ort eine Rolle spielt.

Fünf Beobachtungen zur Baukultur im Leipziger Neuseenland

1) Der Anspruch der Charta ist präsent, seine Überprüfung kaum. Es fehlt an Kriterien, die Baukultur nachvollziehbar bewertbar machen.
2) Die Wahrnehmung der Bevölkerung ist differenziert und ernst zu nehmen. Menschen unterscheiden sehr wohl zwischen landschaftsbezogener Architektur und austauschbaren Lösungen.
3) Gelungene Beispiele existieren, bleiben aber punktuell. Sie wirken eher wie Ausnahmen als wie Ergebnis eines gemeinsamen Leitbildes.
4) Baukultur erscheint oft als Einzelfall, nicht als zusammenhängende Erzählung. Das Neuseenland wirkt architektonisch additiv, nicht kohärent.
5) Die Frage nach einer erkennbaren Identität ist offen. Zehn Jahre nach der Charta ist schwer zu sagen, woran man diese Region architektonisch erkennen würde.

Seepromenade am Zwenkauer See. Foto: Frank Beutner
Seepromenade am Zwenkauer See. Foto: Frank Beutner

2030 – und dann?

2030 ist nah, aber kein Endpunkt. Die baulichen Entscheidungen, die heute getroffen werden, wirken weit darüber hinaus. Vielleicht ist deshalb weniger entscheidend, ob die Charta bisher „erfüllt“ wurde – sondern, ob man bereit ist, sie neu zu befragen.

Was würde es bedeuten, Baukultur im Neuseenland nicht nur zu behaupten, sondern gemeinsam zu reflektieren? Welche Rolle spielen Fachurteile, welche die Wahrnehmung der Menschen vor Ort? Und wie ließe sich Qualität künftig beschreiben, bevor sie gebaut wird?

Am Hainer See. Foto: Frank Beutner
Am Hainer See. Foto: Frank Beutner

Zum Jahresbeginn 2026 könnte genau darin ein neuer Vorsatz liegen: nicht im Aufstellen weiterer Leitbilder, sondern im ernsthaften Nachdenken über das Bestehende. Die Seen sind jung. Vielleicht ist es Zeit, auch der Architektur mehr Zeit – und mehr Aufmerksamkeit – zu geben.

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Keine Kommentare bisher

Zunächst: Danke, dass dies mal thematisiert wird!
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Ich beobachte nun seit ca 30 Jahren, wie um die Seen eine neue Bebauung entsteht, und welche Voraussetzungen dafür seitens der Gemeinden geschaffen wurden. Bebauungspläne wurden absichtlich möglichst locker gefasst, um eine Vermarktung schnell und einfach zu gestalten – verständlich, aber eben mit der Konsequenz, dass es am Zwenkauer oder Hainer See, oder auch am Lindenauer Hafen so aussieht wie in einer Frankfurter oder Berliner Vorstadt – eben austauschbar.

Schachtelhausen gibt es überall, wo man Flachdächer vorschreibt. Man kann auch Satteldach vorgeben, dann kommt eben entsprechendes wie zB Rötha Ost raus. Hainer See ist ein Beispiel für die Zerstörung einer dörflichen Struktur durch den Verkauf des Ufers an die Meistbietenden, furchtbar. Wie kann man sich so etwas schön gucken?

Baukultur jedoch lässt sich nicht vorschreiben, das ist zunächst einmal eine Geldfrage, und eine der verfügbaren kulturellen Mittel, sprich: fähige willige Handwerker und Unternehmen, die entsprechende Bauverfahren wollen und können.
Da gäbe es nämlich noch einiges an Alternativen zu Kalksandstein-Beton-Schachteln mit Wärmedämmputz, Doppelgarage und einem gekiesten Vorgarten und Baumarktswimmingpool hintendran.

Dass das Touristenghetto vom Kap Zwenkau jemand anderen als Touristen anspricht, wage ich mal zu bezweifeln.

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