Noch heute steht dem nunmehr 90-Jährigen die Szenerie vor Augen, als er am Heiligabend 1945 mit dem Vater in das heute weltbekannte Kirchlein von Seiffen pilgerte und sich der Raum durch die Musik ins Unendliche weitete, und wie die vielen Menschen mit Lichtern dem Gotteshaus zuströmten, während die beiden Gäste wieder ihr Asyl, das die kleine Familie aus dem zerbombten Leipzig im Erzgebirge gefunden hatte, aufsuchten.

Im Rückblick auf ein langes Leben mag es zwangsläufig sein, nach den Wurzeln zu suchen, Brüche zu glätten und Unangenehmes auszublenden. Dagegen ist auch der Leipziger Musikpädagoge und Robert-Schumann-Spezialist Hans Joachim Köhler, der am 18. Februar sein neuntes Lebensjahrzehnt vollendete, nicht gefeit.

Und trotzdem ist der Rückblick erstaunlich klar und ehrlich, hält doch auch das heutige Leben noch Überraschungen bereit, die die Erzählung neu herausfordern. So etwa die Gedichte und Kurzgeschichten von Mutter Charlotte, die erst vor wenigen Jahren wirklich ans Licht traten, ebenso wie die Zeichnungen des Onkels – kleine Charakterstudien, mit geübtem Blick, genau getroffen und von beeindruckend präziser Ausführung.

Sie bilden weitere Quellen für ein Leben, in dem die Kunst eine zentrale Rolle spielte und spielt, wenn man denn die etwas pathetische Formulierung: das der Kunst gewidmet war, vermeiden möchte. Sie träfe es wohl auch nicht ganz, denn zunächst blieb das Ziel, ausübender Pianist zu werden, unerreichbar. So begann Hans Joachim Köhler 1954 ein Studium der Musikpädagogik und Anglistik an der Martin-Luther-Universität in Halle/S. und war danach Lehrer an einer Oberschule in Eilenburg.

Ein Vortrag über Klavierimprovisationen im Unterricht brachte ihn wieder auf die universitäre Laufbahn zurück, gefördert durch Hella Brock, die 1960 zur Hochschuldozentin für Methodik der Musikerziehung an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald berufen worden war. Also ging es zunächst einmal als Assistent in die Hansestadt, was nicht so einfach war, denn mittlerweile gab es in Leipzig selbst eine kleine Familie, das zweite Kind war unterwegs.

Was Wunder, dass es Köhler 1963 zurückzog, wo er bei Richard Petzoldt, Professor für Musikgeschichte und stellvertretender Direktor des Instituts für Musikwissenschaft der Alma Mater Lipsiensis, Assistent wurde und promovierte: 1966 über Béla Bartóks pädagogisches Klavierwerk „Mikrokosmos“ als Weg zum Hören neuer Musik.

Ein Leben für Schumann

Fortan blieb er bei seinen Leisten, arbeitete hauptsächlich auf dem Gebiet der künstlerischen Praxis, bildete Musiklehrer aus – ab 1979 als Dozent und von 1992 bis zur Emeritierung 1999 als Professor für Musikpädagogik.

Und auch sein großer Wurf, die Herausgabe der 30-bändigen Urtextausgabe von Robert Schumanns Klavierwerken bei C. F. Peters in Leipzig – angeregt durch Peter Hauschild –, kann in dieser Kontinuität gesehen werden, denn Schumanns „Album für die Jugend“ zielt ebenso auf die Entwicklung von musikalischen Fähigkeiten – des Spielens und Hörens, ähnlich wie Bartóks „Mikrokosmos“ und Köhlers Wirken als Musikpädagoge. Für diese große Arbeit, die bis 1989 andauerte, erhielt er 1978 den Robert-Schumann-Preis der Stadt Zwickau.

Nahezu zwangsläufig war sein Engagement im „Schumann-Verein Leipzig e.V.“ und bei der Zugänglichmachung des Schumann-Hauses in der Leipziger Inselstraße. Diesem und anderen authentischen Orten Schumannschen Wirkens galt das zunehmende Interesse des Jubilars, wobei sich eine neue künstlerische Facette auftat: die Fotografie. Dabei schien ihn die Spannung zwischen dem Dokumentarischen dieses Mediums heute und den früheren künstlerischen Milieus besonders zu reizen.

Denn zwar ist es das Authentische, was uns zuerst anzieht – im Falle Robert Schumanns das Wohnhaus in der Inselstraße, die Traukirche in Leipzig-Schönefeld und die Schumann-Ecke im „Kaffeebaum“. Doch dem wissenden Betrachter erschließen sich Spuren einstiger Gegenwart – verborgen in Standorten, Blickrichtungen, Verknüpfungen mit historischen Personen, Bauten und Landschaften –, wenn biografische Hintergründe zum Sprechen gebracht werden.

Vergangenheit wird so erlebbar in der Gegenwart. Zeitschichten liegen offen und verbinden sich mit der Individualität des Betrachters – der Ort bekommt eine Aura, und die Heutigen entdecken weit mehr Verbürgtes, öffnen sich seiner Anziehungskraft.

Die Selbstvergewisserung am Ende eines reichen Lebens gilt den Ursprüngen, und in der Rückschau schwingt die Genugtuung mit, dass die vielfältigen künstlerischen Anlagen im eigenen Tun einen treffenden Ausdruck erhalten konnten, der über die eigene Zeitspanne hinausreicht. So wird Kunst zum Elixier – nicht bloßer Kitt für die Lebensrekonstruktion, sondern universelle Ausdrucksweise menschlichen Daseins.

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