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Seele ist ein gesungenes Wort: Ein Gedicht-Tableau zu Robert Schumanns Dichterliebe, gesungen von Fritz Wunderlich

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    Solche Stimmen, wie sie Fritz Wunderlich besaß, sind wohl wirklich ausgesprochen selten. So selten, dass sie noch nach Jahrzehnten die Menschen mit wirklich feinem Ohr begeistern. Dabei ist der lyrische Tenor schon 1966 gestorben, kurz vor seinem 36. Geburtstag. Aber zahlreiche Aufnahmen der von ihm gesungenen Lieder und Opernpartien lassen noch heute nacherleben, wie sein Gesang auf die musikalischen Zeitgenossen gewirkt haben muss.

    Katrin Bibiella hat sich vor allem von seiner Interpretation von Robert Schumanns Liederzyklus „Dichterliebe“ inspirieren lassen, der Vertonung von 16 der schönsten Gedichte aus Heinrich Heines „Buch der Lieder“. 1840 hat Robert Schumann diese Lieder vertont, just in dem Jahr, in dem er sich vor Gericht die Heirat mit Clara Wieck erstritt. Der Zyklus hat also eine Menge mit Leipzig zu tun. Und er ist einer der berühmtesten Liederzyklen der Romantik.

    Der Blick in die Diskografie von Fritz Wunderlich zeigt, dass seine Aufnahmen auch ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod immer wieder neu aufgelegt werden. 2010 gab es zu seinem 80. Geburtstag eine Deluxe-Edition. Und augenscheinlich vermag selbst seine archivierte Stimme die Zuhörer/-innen in den Bann zu schlagen. So, wie es Katrin Bibiella passiert ist, die 1964 in Weimar geboren wurde und unter anderem in Leipzig Kirchenmusik studiert hat. Das merkt man auch, wenn sie versucht, sich dem Gesang dieses Sängers in Versform zu nähern.

    Joachim Kaiser – Folge 12: War Fritz Wunderlich der perfekte Tenor?

    Mit allen Schwierigkeiten, die so etwas mit sich bringt. Denn wie kann man Gesang beschreiben, gar die Einzigartigkeit einer Stimme? Wie findet man treffende Bilder für Musik? Gar für Musik, die ja eigentlich selbst schon Lyrik interpretiert, nun auch noch von einem Sänger interpretiert, dessen klare Stimme in den geschulten Köpfen der Musikkenner/-innen Dinge zum Schwingen bringt, die dem Laien wenn nicht fremd, dann doch eher kaum beschreibbar wirken.

    Obwohl das jeder kennt, auch wenn es nicht jeder in einem klassischen Klavierkonzert erlebt. Mancher erlebt es im Konzert seiner Lieblingsrockband, beim Blues, bei Country, bei rauen Männerstimmen oder vibrierenden Frauenstimmen. Mancher wird dabei euphorisch, manchmal zerfließt man regelrecht, manchmal ist man auch auf sehr vielschichtige Weise einfach „hin und weg“, was einem ja sogar in Bach-Aufführungen passieren kann.

    Und oft genug geht es einem ganz ähnlich wie Katrin Bibiella: Der Kopf füllt sich mit Bildern. Die gehörten Töne wecken Assoziationen. In diesem Fall viele Naturimpressionen, jene Eindrücke, die sich irgendwo in unserer Erinnerung wie riesige Postkartenstapel häufen und wie man sie manchmal gerade noch am Zipfel fasst beim Auftauchen aus einem Traum.

    Bringe das mal einer in Worte.

    Eigentlich geht es nicht. Da stößt unsere Sprache an Grenzen. Was jeder weiß, der solche Träume einmal versucht hat, mit Worten einzufangen. Manches bleibt zwangsläufig vage. Nicht ohne Grund versucht Bibiella einiges von dem, was sie da empfunden hat, in Haiku – dreizeiligen Gedichten nach japanischen Vorbild – einzufangen. Auch wenn es wieder sehr romantische Haiku werden. Was sich eigentlich völlig ausschließt.

    Denn die deutsche Romantik hat wie keine andere literarische Strömung versucht, die entsprechend überschäumenden Gefühle auch zu benennen. Außer ausgerechnet Heine. Der ist mit den ganzen schönen Gefühlen auch schon im „Buch der Lieder“ höchst ironisch umgegangen. Auch in dem Gedicht, das „Dicherliebe VI“ zugrunde liegt: „Im Rhein, im heiligen Strome …“ Das Robert Schuman freilich völlig gegen diesen herzhaft-ironischen Ton vertont hat.

    Bei ihm wird die Dichterliebe weihevoll, getragen, voller schwermütigem Ernst. Man gerät in eine völlig andere Gefühlslage. Genau jene, die so prägend ist für die deutsche Spätromantik und sich mit Worten wie Wehmut, Abschied, Verlassen, Weltschmerz verbindet. Oder alles zusammengepackt: Empfindsamkeit und Gemüt.

    Dass die herzlich spöttische Sicht auf das Engelein im Dome, die in Heines Gedicht steckt, bei Schumann nicht mehr zu spüren ist, spürt auch Bibiella: „Pochende Reimworte / holen den Flussgrund ein …“ Was durchaus spannend ist, denn wie wirkt das ursprünglich Geschriebene, wenn es mit durchaus gefühlsschwerer Musik aufgeladen gesungen wird? Und wie wirkt es, wenn man es – von Fritz Wunderlich gesungen – heute hört?

    Gern bei offenem Fenster, Blick auf klaren blauen Himmel, Wolken, Bäume. Da kommt man ins Sinnen und Träumen. Aber was verwandelt sich da in ein Bild? Der Text oder doch die Musik? Ich denke: Die Musik. Denn von „dunklem Timbre“, „Wärme und Leuchtkraft“, „Anmut der Blumen“ findet man bei Heine nichts. Der preist lieber die Wänglein der Liebsten. So naiv es manchmal klingt: es ist herzlichst konkret.

    Nur: Robert Schumann hat das so nicht vertont. Dazu war der Bursche schlicht zu schwermütig. Sein Leben lang. Und damit der wohl exemplarischste Vertreter der deutschen romantischen Musik.

    Aber natürlich wirkt das – auch 180 Jahre später noch. Diese Musik bringt etwas zum Klingen. Zumindest dann, wenn Sänger und Pianist gut sind. Und zwar nicht im Sinn von brillant. Von den brillierenden Sänger/-innen gibt es eh zu viele. Aber Wunderlich ging es nicht um Brillanz, sondern um Klarheit. Damit darf sich die Musik einfach ungestört entfalten.

    Der Sänger steht nicht mehr im Mittelpunkt, sondern öffnet den Raum. In diesem Fall zu einem Strom von Assoziationen, die Katrin Bibiella zu allen Liedern der „Dichterliebe“ in Gedichte zu fassen versucht. Es wird mehr als deutlich, dass auch jede Zuhörende ihre eigenen Bilder und Erinnerungen mitbringt. Und bei Bibiella verbindet sich Schumanns Musik fast immer mit Landschaften – besonders morgendlichen, wenn Bäume noch ihr „Staunen schütteln“.

    Und in „Dichterliebe VI“ verspürt sie die Zeit verfließen: „Doch / das Pochen der entschiednen / Zeit – treibt, von Orten / fort“. Das ist der Schumann im Lied, nicht der Heine.

    Aber natürlich laden all diese Gedichte zu Liedern ein, mitzuerleben, wie eine begnadete Musikerin sich das Gehörte erschließt. Wobei sie es sich immer wieder noch schwerer macht, denn gleichzeitig stellt sie sich auch noch vor, wie diese Töne entstehen und von einem geschulten Ohr wahrgenommen werden.

    Und wie Kehle und Mund des Sängers diese klaren Töne erzeugen. Während es sich sofort mit Stimmungen und Assoziationen vermischt. Selbst das Klavier bekommt auf einmal Kontur – so wie in „Dichterliebe XIV“: „Mit hellen / knöchernen Hämmerchen, / wie eine Einsicht, / Öse fürs Licht, / ins Gehör / geflößt.“

    Und dabei hat Heine nur mal wieder von der süßen Blondine geträumt, die ihm klargemacht hat, dass sie sich mit dem armen Burschen nicht einlassen kann: „Du sagst mir heimlich ein leises Wort / Und gibst mir den Strauß von Zypressen. / Ich wache auf, und der Strauß ist fort, / Und ‘s Wort hab’ ich vergessen.“

    Da kann man schon seufzen aus tiefster Brust. Aber es ist ein anderes Seufzen, als es Schumann vertont hat. Was natürlich umso klarer wird, je mehr man mit Katrin Bibiella diese Musik erlebt. Wir leben in unterschiedlichen Welten. Eigentlich alle Menschen. Dichter wie Musiker. Auch wenn wir manchmal – so scheint es – dieselbe Sprache zu sprechen scheinen. Spätromantisch zum Beispiel. Eine Sprache, die durchaus verstanden wird – nur dennoch von jedem anders. Und von einer erfahrenen Musikerin, die sich auch noch mit der Technik auskennt, erst recht anders.

    Und es ist nur zum Teil der Tenor Fritz Wunderlich selbst, der in ihren Texten Gestalt gewinnt – und zwar eine sehr kollegiale Gestalt: Hier würdigt eine Musikerin einen technisch hochbegabten und stimmlich begnadeten Kollegen. Aber die Bilder und Assoziationen gehören viel eher Schumann, dessen Art, mit Heines Texten umzugehen, sie sehr wohl bemerkt hat: „Und sanft, in der Farbe / ihres Erblühens /nahst du dich, füllst / mit Bekenntnis die Luft …“

    Das ist quasi Heine einmal umgekrempelt. Es ist eher Passion und Blaue Blume, vielleicht auch Empfindsamkeit. Auf jeden Fall ist es die enge Verbindung, die in der deutschen Lyrik das Empfinden mit dem Bild der Natur eingegangen ist. Landschaften werden quasi im Augenblick zu Poesie.

    So wie in diesem Haiku: „Hellere Augen, / schöne Iris des Himmels – der Tag / getröstet.“ Fast meint man es auch in Heines Gedicht zu finden, das sich bei Schumann in „Dichterliebe XV“ verwandelt hat, die Katrin Bibiella kurz davor in ein Gedicht übersetzt. Aber bei Heine sind das alles kräftige (und kräftig ironische) Traumbilder. Am Ende wacht er jedes Mal auf. In diesem Fall so: „Ach! jenes Land der Wonne, / Das seh’ ich oft im Traum, / Doch kommt die Morgensonne, / Zerfließt’s wie eitel Schaum.“

    Was einen aber nicht davon abhalten muss, sich die Aufnahme der „Dichterliebe“ anzuhören, die Fritz Wunderlich noch 1965 gesungen hat. Ein Jahr vor seinem frühen Tod. Eine Aufnahme, die die Welt des spätromantischen Kunstliedes wieder erlebbar macht. Und natürlich auch das „tableauartige Gesamtkunstwerk des Erzählens einer Liebesgeschichte in Musik“, wie es Bibiella nennt. Nur dass die Schumannsche Geliebte so gar nichts mit den kecken Biestern zu tun hat, die Heine das Herz verwundet haben. Selbst wenn es nur eine war: Sie hat einen andern geheiratet, die „Herzallerliebste mein“. Und zwar schon in Lied Nr. 9.

    So unterschiedlich kann man sich Gedichte aneignen. Und Gedichte in Liedern. Und Gedichte zu Liedern. Jeder erlebt etwas anderes dabei. Und was eine dabei erlebt, wird hier zu einem eigenen Tableau der Bilder und Assoziationen, das vielleicht so mancher Leserin, manchem Leser aufschließt, was man so alles spüren kann, wenn man gute Musik einfach in sich hineinströmen lässt.

    Katrien Bibiella Seele ist ein gesungenes Wort, Athena Verlag,Oberhausen 2020, 13,90 Euro.

    Der dritte Band Blickkontakte mit Robert Schumann

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