In der Gemeinde Großpösna im Landkreis Leipzig sind die fossilen Vorstellungen von Tourismus noch immer lebendig. Am Störmthaler See will die Gemeinde auf einer Fläche von rund 20,6 Hektar auch die bislang verschonte östliche Grunaer Bucht mit einem touristischen Gewerbegebiet und zwei großen Parkplätzen erschließen. Die Gesamtkosten betragen dafür 12,356 Millionen Euro, wovon der Freistaat Sachsen 10,75 Millionen Euro übernimmt. Die Fördermittel stammen aus dem Bund-Länder-Programm GRW-Infra (Gemeinschaftsaufgabe „Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur“).

Sachsens Wirtschaftsminister Dirk Panter hat die Fördermittelbescheide für die beiden Teilvorhaben am Dienstag, 11. August, in Großpösna an Bürgermeister Daniel Strobel überreicht.

Die Grunaer Bucht befindet sich am Südufer des 7,33 Quadratkilometer großen Sees. Vor rund 15 Jahren ist dort bereits die „Magdeborner Halbinsel“ erschlossen worden, während sich die Grunaer Bucht relativ unbeeinflusst entwickeln konnte. Aber die Gemeinde Großpösna hat ihre Pläne, hier ein touristischen Gewerbegebiet zu entwickeln, nie aufgegeben.

Allein darauf entfallen GRW-Mittel in Höhe von 8,99 Millionen Euro (90 Prozent der förderfähigen Kosten). Diese Maßnahme umfasst den Straßenbau, die Trink-, Schmutzwasser- und Medienanschlüsse sowie die Erschließung eines Erholungsstrandes. Vorgesehen sind u.a. eine 325 Meter lange Strandpromenade mit Sanitäranlagen, Slip-Anlage für Boote, Buhnen und ein barrierefreier Panoramaweg mit Aufzug und Rampe.

Die insgesamt geplanten 285 kostenpflichtigen Pkw-Parkplätze verteilen sich auf einen zentral gelegenen Hauptparkplatz (90 Pkw, 6.000 Quadratmeter) und einen vorgelagerten Überlaufparkplatz (195 Pkw, 10.000 Quadratmeter). Auch für Fahrräder sind Abstellflächen vorgesehen. Dafür stellt der Freistaat 1,76 Millionen Euro bereit (85 Prozent der förderfähigen Kosten).

Wassertourismus als Erfolgsgeschichte?

„Wie sich eine Bergbaulandschaft in eine attraktive Wassersportregion wandeln kann, zeigt eindrucksvoll das Leipziger Neuseenland“, lässt sich Wirtschaftsminister Dirk Panter zitieren. „Der Freistaat möchte diese Erfolgsgeschichte fortschreiben und unterstützt deshalb die Gemeinde Großpösna beim Ausbau der Infrastruktur am beliebten Störmthaler See. Die GRW-Mittel sind gut angelegtes Geld, um die Aufenthaltsqualität für Wassersportler und Badegäste weiter zu steigern. Die geplanten Maßnahmen und die sächsische GRW-Förderung stärken auch Herbergen, Handel, Gastronomie und Dienstleister – und sichern damit Arbeitsplätze und Wertschöpfung im ländlichen Raum.“

Damit freilich wird die Chance vertan, die Grunaer Bucht naturnah zu belassen. Für Béla Bélafi, Präsident der Landesdirektion Sachsen, ebnet das Geld nun den Weg, „die ehemalige Bergbaulandschaft zu einer attraktiven Tourismus- und Wassersportregion weiterzuentwickeln.“

Und Großpösnas Bürgermeister Daniel Strobel sieht schon großartige Zeiten am Horizont, wenn die Touristen nach Großpösna strömen: „Für unsere kleine und dynamische Gemeinde mitten im Leipziger Neuseenland liegt eine große wirtschaftliche Zukunftsperspektive in der touristischen Entwicklung am Störmthaler See. Um diese Potentiale zu heben, braucht es eine grundlegende Infrastruktur, die wir nun endlich in Angriff nehmen können. Dafür sind wir dem Freistaat Sachsen sehr dankbar. Die nun mögliche Weiterentwicklung wird den Standort generell aufwerten und Impulse über das Entwicklungsgebiet hinaus setzen.“

Die Erschließung des touristischen Gewerbegebiets soll bis zum 31. Dezember 2028 und die Errichtung der Parkplätze bis zum 31. Dezember 2029 abgeschlossen sein.

Landschaft, See, grünes Gras und Bäume
Noch ohne Straßen und Verkehr. Morgenstimmung ‚Östlich Grunaer Bucht‘. Foto: privat

Ein gescheiterter Beteiligungsprozess

Während sich die Verantwortlichen feiern, formuliert der UferLeben e.V. seine tief sitzende Enttäuschung über den zehn Jahre langen Beteiligungsprozess, der am Ende dazu führte, dass sich die Beteiligten nur noch resigniert abwandten. Denn während sich die prognostizierten Kosten für den geplanten Campingplatz des Leipziger SEB von sechs Millionen Euro auf über 30 Millionen Euro erhöhten, fanden sich die Bürger im Beteiligungsverfahren immer weniger wieder.

Der Offene Brief des UferLeben e.V.

„Genau an dieser Stelle entsteht aus unserer Sicht das, was wir inzwischen als ‚demokratischen Burnout‘ bezeichnen“, schreibt der UferLeben e.V. in einem Offenen Brief. „Menschen bringen Zeit, Fachwissen und ehrenamtliches Engagement ein, erleben aber über Jahre hinweg, dass die grundlegende Richtung großer Vorhaben unverändert bleibt. Die Folge ist Resignation. Und diese Resignation gefährdet auf Dauer das Vertrauen in demokratische Verfahren, weit über das einzelne Projekt hinaus.“

Das betrifft auch viele weitere, mit Steuergeldern finanzierte Projekte im Neuseenland. Geld scheint da bei den Verantwortlichen überhaupt keine Rolle zu spielen.

„Denn auch bei weiteren Vorhaben im Leipziger Neuseenland zeichnen sich aus unserer Sicht ähnliche Entwicklungen ab“, heißt es weiter im Brief, „die massive Molenbebauung am Kap Zwenkau sowie die geplante Schiffseisenbahn zwischen Cospudener und Zwenkauer See – beide Großprojekte mit einem Investitionsvolumen von jeweils rund 100 Millionen Euro, bei denen erneut Fragen nach Berücksichtigung der Bevölkerung, Naturschutz und transparenter Beteiligung entstehen.“

Was mit dem Beteiligungsprozess in Großpösna praktiziert wurde, schätzen die Briefschreiber als nicht gelungen ein. So funktioniert Bürgerbeteiligung nicht wirklich. Erst recht nicht, wenn die Verantwortlichen von Anfang an auch klare Lösungen wie den Verzicht auf ein Projekt ausschließen.

Parallel wurde auch der Planungsprozess weitergetrieben. Der B-Plan „Östlich Grunaer Bucht“ wurde mittlerweile per 29. Mai rechtswirksam veröffentlicht und erste Bauleistungen ausgeschrieben und vergeben.

„Der Beteiligungsprozess war beispielhaft und man könnte daraus sicher viel lernen, sowohl aus Perspektive der Zivilgesellschaft als auch aus administrativer Sicht“, formuliert der Brief das grundlegende Problem. „Wir sind gespannt, ob zivilgesellschaftliches Engagement dennoch Spuren im Leipziger Neuseenland hinterlassen kann.“

Denn die beteiligten Instanzen hielten sich ja an die Regeln für Beteiligungsprozesse. Und die sorgen letztlich dafür, dass die gefragten Bürger dann trotzdem so gut wie keinen Einfluss auf die Umsetzung millionenschwerer Projekte bekommen.

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