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Wenn man die Entwicklung in einer Stadt wie Leipzig planen will, dann braucht man einigermaßen verlässliche Zahlen zur Bevölkerungsentwicklung. Alle drei Jahre legt das Leipziger Amt für Statistik und Wahlen deshalb eine aktualisierte Bevölkerungsvorausschätzung vor. Und zwar nicht nur als Zahl, sondern als kompakte, 70seitige Analyse.

Am Freitag, dem 25. September, stellte Bürgermeister Ulrich Hörning die neue Vorausberechnung zusammen mit Dr. Christian Schmitt und Dr. Andrea Schultz vor. Und das Erstaunliche: Leipzig wird weiter wachsen.

Was eigentlich so selbstverständlich nicht ist. Denn auch die Statistiker/-innen im Amt für Statistik und Wahlen erlebten in den letzten Jahren ihre kalte Dusche. Denn mit einem hatten sie bei der letzten Berechnung im  Jahr 2023 nicht gerechnet: dass die Geburtenzahlen in Leipzig noch weiter abstürzen könnten.

Oder im sachlichen Ton der vorgelegten Analyse: „Wie der Vergleich der erwarteten und tatsächlichen Altersstruktur andeutet, wurde die Anzahl an Geburten in der Leipziger Bevölkerungsvorausschätzung 2023 deutlich überschätzt. Die Ursache hierfür liegt primär darin, dass für die Erstellung der Bevölkerungsvorausschätzung eine höhere zukünftige zusammengefasste Geburtenziffer (TFR) angenommen wurde als später tatsächlich eintrat.“

Die Lücke zwischen den erwarteten Kleinkindern und den tatsächlichen Geburten. Grafik: Stadt Leipzig, Bevölkerungsvorausberechnung<br />2026 der Stadt Leipzig
Die Lücke zwischen den erwarteten Kleinkindern und den tatsächlichen Geburten. Grafik: Stadt Leipzig, Bevölkerungsvorausberechnung
2026 der Stadt Leipzig

Denn 2023 konnte man ja noch annehmen, dass die rückläufigen Geburtenzahlen vielleicht eine Folge der Corona-Zeit gewesen sein könnten. Doch dann fielen sie immer weiter.

Warum gab es so wenige Geburten?

„Seit dem Höchststand im Jahr 2016 ist die TFR in Leipzig in den Folgejahren kontinuierlich gesunken“, stellen Leipzigs Statistiker/-innen fest.

„Während die TFR im Jahr 2016 noch bei 1,47 Kindern je Frau lag, setzte in den Folgejahren ein anhaltender Rückgang ein. Die Vorausberechnung 2023 ging davon aus, dass der Wert des Jahres 2022 – geprägt durch die damaligen vorherrschenden Krisen wie die COVID‑19‑Pandemie, den völkerrechtswidrigen russischen Angriffskrieg auf die Ukraine und die hohe Inflation – eine Talsohle markiert und sich die TFR künftig wieder leicht stabilisieren wird. Tatsächlich verlief die Entwicklung jedoch auch weiterhin rückläufig: Die TFR sank im Jahr 2023 auf 0,99, im Jahr 2024 auf 0,97 und im Jahr 2025 auf 0,90 Kinder je Frau.“

Da wurden Erinnerungen an eine andere Krisenzeit wach: „Der Rückgang ähnelt in seiner Dynamik dem Einbruch nach der Wiedervereinigung zu Beginn der 1990er-Jahre.“

Und seitdem wird nicht nur in Leipzig gerätselt, warum die Geburtenrate derart eingebrochen ist.

Erwartete und tatsächliche Geburten in Leipzig. Grafik: Stadt Leipzig, Bevölkerungsvorausberechnung2026 der Stadt Leipzig
Erwartete und tatsächliche Geburten in Leipzig. Grafik: Stadt Leipzig, Bevölkerungsvorausberechnung
2026 der Stadt Leipzig

Der nüchterne Blick der Statistiker/-innen: „Als Grund für den Rückgang der Geburten wird ein komplexes Zusammenspiel politischer, wirtschaftlicher und psychologischer Faktoren diskutiert. So kann nach einer Untersuchung von C. Friedrich und Bujard (2025a) der Geburtenrückgang seit dem Jahr 2020 durch die mit den multiplen Krisen verbundenen Unsicherheiten erklärt werden. Solche Unsicherheiten können den Aufschub von Geburten auf einen späteren Zeitpunkt im Leben begünstigen, was in der demografischen Forschung als Tempo-Effekt bekannt ist (vgl. Luy, 2010).

Ähnlich argumentiert Pötzsch (2025), die als Ursachen für den gegenwärtigen Geburtenrückgang die ‚nachlassenden Effekte der familienpolitischen Maßnahmen der 2000er-Jahre insbesondere im Bereich Kleinkinderbetreuung, Nachwirkungen der Pandemiejahre, Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage, Klimawandel [sowie] Ängste um den Frieden in Europa‘ nennt.

Darüber hinaus zeigt Bujard (2026) anhand von Analysen der Daten des familiendemografischen Panels (FReDA), dass der Kinderwunsch bei Männern und Frauen in Deutschland seit dem Erhebungsjahr 2022/2023 rückläufig ist. Savelieva et al. (2021) wiederum sehen einen Zusammenhang zwischen dem Geburtenrückgang und einem Anstieg des Ideals, kinderlos zu bleiben. Sie interpretieren dies als Ausdruck veränderter Einstellungen zur Elternschaft und der wachsenden Bedeutung anderer Lebensziele.“

Eine komplexe Materie, wie man sieht. Leipzigs Statistiker/-innen gehen trotzdem davon aus, dass die Geburtenrate nicht in diesem Keller bleibt, sondern sich in den nächsten Jahren wieder erholt. Zumindest auf einen TFR-Wert um die 1,50 Kinder je Frau.

Wie soll man da planen?

Trotzdem beeinflusst das natürlich die künftige Bevölkerungszahl, wie auch die Analyse betont: „Kurzfristig beeinflusst das Geburtenverhalten die Gesamtbevölkerung nur geringfügig. Für die neu entstehenden Kohorten (also die zukünftig jüngsten Altersgruppen) ist das Geburtenverhalten jedoch die zentrale Einflussgröße. Im Jahr 2025 betreffen die Auswirkungen der überschätzten Geburtenraten ausschließlich die Jahrgänge der 0- bis unter 3‑Jährigen.

Der Effekt setzt sich jedoch auch in den kommenden Jahren fort: Im Jahr 2025 führen die zu hoch angenommenen Geburtenraten in der Leipziger Bevölkerungsvorausschätzung 2023 zu einer Überschätzung der Kohorte der 0-Jährigen von 38 Prozent. Da diese jungen Altersgruppen eine zentrale Rolle für Planungen im Bereich der Bildungs- und Sozialinfrastruktur spielen, wurde bereits von Schultz et al. (2025) bei einer Analyse der Leipziger Melderegisterdaten bis einschließlich zum Jahr 2024 darauf hingewiesen, dass die Neuberechnung einer Bevölkerungsvorausberechnung erforderlich ist.“

Tja: Das ist dann eine Knobelaufgabe für Leipzigs Schul- und Jugendbürgermeisterin Vicki Felthaus. Wie kann man da noch fundiert die Kapazitäten von Kindertagesstätten und Schulen planen?

Leipzig wächst trotzdem weiter

Aber Leipzig wächst weiter, konnten am Freitag Ulrich Hörning, Bürgermeister und Beigeordneter für Allgemeine Verwaltung, Dr. Christian Schmitt, Leiter des Amtes für Statistik und Wahlen, und Dr. Andrea Schultz, Abt.-Leiterin Stadtforschung im Amt für Statistik und Wahlen, feststellen. Denn Leipzig profitiert weiter von Zuwanderung. Und zwar besonders der aus dem Ausland. Denn das einstige Zuzugsreservoir Ostdeutschland ist quasi ausgeblutet. Da kommen nur noch wenige junge Leute, die in Leipzig gute Jobs und gute Ausbildung suchen.

Der Wanderungssaldo der Stadt Leipzig seit den 1990er Jahren. Grafik: Stadt Leipzig, Bevölkerungsvorausberechnung2026 der Stadt Leipzig
Der Wanderungssaldo der Stadt Leipzig seit den 1990er Jahren. Grafik: Stadt Leipzig, Bevölkerungsvorausberechnung
2026 der Stadt Leipzig

„Bei der Betrachtung des Wanderungssaldos nach Herkunfts- beziehungsweise Zielgebiet wird die Relevanz der Zuzüge aus dem Ausland für die Bevölkerungsentwicklung der Stadt Leipzig in den vergangenen Jahren deutlich: Seit Jahren übersteigt der Wanderungssaldo mit dem Ausland den Wanderungssaldo mit West- und Ostdeutschland und trägt somit am stärksten zum Bevölkerungswachstum der Stadt Leipzig bei“, stellt die Analyse fest.

Und wie ist das mit der Abwanderung ins Umland, die im Stadtrat immer wieder für Diskussionen sorgt? Die gibt es weiterhin, stellt der Bericht fest. Aber inzwischen auf niedrigerem Niveau.

„Mit den beiden umliegenden sächsischen Landkreisen zeigt die Stadt Leipzig dahingegen seit mehreren Jahren einen negativen Wanderungssaldo, es ziehen also mehr Personen aus Leipzig nach Nordsachsen oder in den Landkreis Leipzig als umgekehrt. Die Abwanderung in die beiden sächsischen Umlandkreise hat zunächst zwischen den Jahren 2018 bis 2022 deutlich zugenommen und überschritt schließlich die Marke von 4.000 Personen. Nach dem Jahr 2022 kehrte sich dieser Trend jedoch um, und der Verlust durch Wanderung der Stadt Leipzig mit diesen Gebieten ist in den Jahren 2024 und 2025 auf rund 2.600 Personen zurückgegangen.“

Der Wanderungssaldo der Stadt Leipzig nach verschiedenen Regionen. Grafik: Stadt Leipzig,  Bevölkerungsvorausberechnung2026 der Stadt Leipzig
Der Wanderungssaldo der Stadt Leipzig nach verschiedenen Regionen. Grafik: Stadt Leipzig, Bevölkerungsvorausberechnung 2026 der Stadt Leipzig

Das sind die wesentlichen Faktoren, die dann die Vorausberechnung der wahrscheinlichen Bevölkerungszahl in Leipzig in den nächsten Jahren beeinflussen.

„Die Anzahl der Einwohnerinnen und Einwohner der Stadt Leipzig steigt in allen drei Varianten der Bevölkerungsvorausberechnung bis zum Jahr 2045 an“, betont der Bericht.

„In allen Varianten ist die Entwicklung stetig und nicht von abrupten Veränderungen gekennzeichnet. Worin sich die Varianten allerdings unterscheiden, sind Ausmaß und Zeitverlauf der Entwicklung. In der Hauptvariante steigt die Bevölkerungszahl zunächst stetig um etwa 1.500 Menschen pro Jahr, um das Jahr 2035 erhöht sich der jährliche Zuwachs und beläuft sich auf 2.800 Menschen. Die in dieser Variante berechneten 677.700 Einwohnerinnen und Einwohner der Stadt Leipzig im Jahr 2045 entsprechen im Vergleich zum Jahr 2025 einem Zuwachs von ungefähr 7 Prozent.

In der unteren Variante der Vorausberechnung nimmt die Anzahl der Bevölkerung in der Stadt Leipzig bis zum Jahr 2035 nur um knapp 500 Personen pro Jahr zu, erhöht sich in den darauffolgenden Jahren allerdings auf 1.300 Personen pro Jahr. Der berechnete Zuwachs in der Anzahl der Einwohnerinnen und Einwohner bis zum Jahr 2045 (651.700) entspricht circa 3 Prozent. In der oberen Variante steigt die Bevölkerungszahl recht linear um etwa 3.600 Menschen jährlich, was bis zum Jahr 2045 etwa 706.500 Einwohnerinnen und Einwohner der Stadt Leipzig ergibt; eine Steigerung von mehr als 11 Prozent.“

Die Rolle einer zentralen Stadt

Leipzig wird also weiter wachsen und braucht weiter den Zubau neuer Wohnungen. Selbst in der untersten Variante. Und das hat nun einmal mit der Rolle moderner Großstädte in einer Wirtschaft zu tun, in der die modernen Arbeitsplätze vor allem in den zentralen Clustern entstehen und auf dichte urbane Strukturen angewiesen sind.

Und auf Infrastrukturen, die auch in Sachsen in den ländlichen Regionen in den vergangenen Jahren immer weiter zurückgebaut wurden, sodass dort junge Leute immer weniger Zukunftschancen finden und abwandern. Ein Trend, der seit dem Jahr 1999 die Bevölkerungsentwicklung in Sachsen bestimmt und seitdem das Bevölkerungswachstum in Leipzig vorantreibt.

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