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Alle reden von den Babyboomern, machen sie gar verantwortlich für alles, was in der Republik schiefgelaufen ist. Und gleichzeitig werden die Ängste geschürt vor der Zeit, in der diese geburtenstarken Jahrgänge in Rente gehen. Und danach? Auch das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung macht sich Gedanken über die Babyboomer und ihre Ankunft in der Rente. Wenn es nur das wäre. Denn die Frage dahinter lautet ja: Warum wollen die Deutschen keine Kinder mehr? Was richtet das mit der Seele der Gesellschaft an?

Ein Effekt ist jetzt schon deutlich: Die Themen der Alten bestimmen die Politik. Und damit auch die Perspektive der Forscher vom Berlin-Institut: „Die Babyboomer-Generation hat das Arbeitsleben und die Gesellschaft Deutschlands über Jahrzehnte geprägt. Nun tritt sie schrittweise in den Ruhestand ein – mit weitreichenden Folgen für Gesellschaft, Wirtschaft und Sozialstaat.“

Das zeige die neue Analyse des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung im Auftrag der Konrad-Adenauer-Stiftung. Die Analyse „Nach den Babyboomern. Wie sich der demografische Wandel über 2030 hinaus entwickelt“ blickt systematisch über die aktuell diskutierte Verrentungswelle hinaus bis ins Jahr 2060 und legt dabei erhebliche regionale Unterschiede zwischen Bundesländern, Landkreisen und kreisfreien Städten offen.

Der Osten als Vorreiter – aber was lehrt uns das?

Die Analyse zeigt anhand aktueller Bevölkerungsvorausberechnungen des Statistischen Bundesamts und des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR), dass die Alterung der geburtenstarken Jahrgänge in zwei gegenläufigen Wellen verläuft: Zunächst wächst die Gruppe der „aktiven Älteren“ zwischen 67 und 79 Jahren spürbar, bevor ab Mitte der 2030er Jahre die Zahl der Hochaltrigen ab 80 Jahren in nahezu allen Regionen deutlich zunimmt – mit entsprechend steigendem Pflege- und Unterstützungsbedarf.

Bis 2039 gehen 13 Millionen Menschen in Rente

Bis 2039 erreichen mehr als 13 Millionen Menschen das gesetzliche Renteneintrittsalter von 67 Jahren. „Was auf den ersten Blick wie eine einheitliche Entwicklung erscheint, ist bei näherer Betrachtung ein Bündel sehr unterschiedlicher demografischer Dynamiken“, erklärt Dr. Frederick Sixtus vom Berlin-Institut. „Die Alterung verläuft nicht überall gleich schnell und nicht überall mit denselben Folgen.“

Der Anteil der Menschen im Ruhestandsalter reichte 2024 von 16 Prozent in Hamburg bis 25,3 Prozent in Sachsen-Anhalt. Grund dafür sind vor allem die Wanderungsbewegungen der vergangenen Jahrzehnte: Aus strukturschwachen Regionen – besonders in Ostdeutschland – sind überwiegend jüngere Menschen fortgezogen, während wirtschaftsstarke Regionen und Stadtstaaten weiterhin junge Leute anziehen und die Alterung dadurch stärker ausgleichen.

Die deutsche Alterspyramide in den Jahren 2045 und 2060. Blau eingetragen die Jahrgänge der Babyboomer. Grafik: Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung
Die deutsche Alterspyramide in den Jahren 2045 und 2060. Blau eingetragen die Jahrgänge der Babyboomer. Grafik: Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung

Anteile der „Aktiven Älteren“ und Hochaltrigen entwickeln sich gegenläufig

Auf Kreisebene werden die Unterschiede noch deutlicher: 2024 reichte der Anteil der „aktiven Älteren“, der über 66-Jährigen, von 14 Prozent in Frankfurt am Main bis 31,2 Prozent im thüringischen Suhl. Bis 2045 dürften die Landkreise Greiz und Altenburger Land in Thüringen (31,9 bzw. 31,7 Prozent) sowie Spree-Neiße in Brandenburg (31,8 Prozent) die höchsten Altenanteile aufweisen – die niedrigsten weiterhin Offenbach und Frankfurt am Main mit 14,2 bzw. 14,6 Prozent.

Der ländliche Raum Ostdeutschlands nimmt dabei eine Vorreiterrolle ein. „Was viele westdeutsche Regionen demografisch erst noch erwartet, haben ostdeutsche Regionen in Teilen bereits erlebt“, sagt Dr. Frederick Sixtus. Im ländlichen Westdeutschland dürfte auch die Anzahl der Hochaltrigen bis zur Mitte des Jahrhunderts etwa doppelt so stark zunehmen wie im ländlichen Osten, während in den ostdeutschen Regionen ein moderaterer Anstieg älterer Menschen auf eine ohnehin schrumpfende, jüngere Bevölkerung trifft.

Vorsorgen – aber wie?

Und da wird es jetzt spannend. Denn es war ja nicht grundlos die Konrad-Adenauer-Stiftung, die die Studie in Auftrag gegeben hat. Seit seinem Amtsantritt im Frühjahr 2025 kennt Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) kein anderes Thema: Die Deutschen arbeiten zu wenig. Und gehen zu früh in Rente. Da müsste man doch auf die „aktiven Älteren“ zugreifen können und sie für die Gesellschaft einspannen. Das meint zumindest das Berlin-Institut.

Die Autor/-innen der Analyse empfehlen Kommunen, Bund und Ländern, die demografische Entwicklung frühzeitig in ihre Planungen einzubeziehen und dabei die jeweilige Lage vor Ort zu berücksichtigen.

Aktive Ältere als Ressource begreifen: Viele künftige Ruheständler:innen sind gut ausgebildet, kompetent und gesundheitlich fit. Kommunen sollten niedrigschwellige Anlaufstellen und Engagement-Netzwerke aufbauen, um dieses Potenzial für Ehrenamt und „Silver Work“ zu erschließen – idealerweise schon vor dem Renteneintritt.

Vorausschauend in Pflege und Wohnraum investieren: Ab Mitte der 2030er Jahre steigt mit der Zahl der Hochaltrigen der Pflege- und Unterstützungsbedarf deutlich.
Ost-West-Erfahrungsaustausch stärken: Ostdeutsche Regionen müssen bestehende Versorgungsstrukturen unter schwierigeren demografischen Bedingungen sichern, westdeutsche Regionen wachsende Bedarfe erst noch auffangen. Ein gezielter Austausch kann beiden Seiten helfen.

Rahmenbedingungen auf Bundesebene anpassen: Bund und Länder sind gefordert, zentrale Aufgaben wie die Reform der Renten-, Pflege- und Sozialsysteme sowie Arbeitskräftesicherung, Arbeitsmarktintegration und Erwerbszuwanderung voranzubringen.

Die Perspektive der Betroffenen – einfach ausgeblendet

Was dann praktisch den Wunsch des Bundeskanzlers untermauert. Nur resultiert gerade die letzte Forderung nicht aus den Ergebnissen der Studie. Sie ist: Wunschdenken. Genauso wie die Schaffung altengerechten Wohnraums. Und die eigentlich grundlegende Frage bleibt: Wie organisiert man eigentlich eine zunehmend überalternde Gesellschaft, in der die Alten auch noch die Wahlergebnisse bestimmen?

Denn Fakt ist auch: So eine Gesellschaft gab es in der Menschheitsgeschichte noch nie. Aus der Alterspyramide, in der normalerweise die jüngeren Jahrgänge einen breiten Sockel bilden und die Ältesten eine schmaler werdende Spitze, ist eher eine Art Wurst geworden, in der die Jahrgänge der Babyboomer herausragen, während der Anteil der jüngeren Jahrgänge immer schmaler wird.

Das verändert nun einmal auch das Denken einer Gesellschaft und ihrer gewählten Vertreter, die sich – ganz offensichtlich – nicht vorstellen können, dass über 67-Jährige tatsächlich noch gern im produktiven Leben sein möchten. Aber das setzt andere Dinge als mehr Pflegeheimplätze voraus – nämlich angepasste Arbeitsbedingungen und frühzeitig ansetzende Programme, damit Menschen ihre Gesundheit und Fitness über den offiziellen Renteneintritt hinaus bewahren können.

Wenn sie die Wahl haben, engagieren sie sich ohnehin. Und wenn sie auch noch geistig fit sind, werden sie auch keine Politiker wählen, die nur noch Politik auf Kosten der Jüngeren macht.

Aber den Schritt gingen die Autor/-innen des Berlin-Instituts leider nicht. Und so bleibt es erst einmal bei den schwammigen Vorstellungen der CDU-Spitze, wie man irgendwie mit den vielen Babyboomern in Rente umgehen kann, ohne die Gesellschaft wirklich ändern zu müssen.

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