Im September 2026 wählt Sachsen-Anhalt einen neuen Landtag. Die AfD hat dort gute Chancen, stärkste Kraft zu werden. Doch was würden weniger Europa, weniger Zuwanderung und geringere öffentliche Investitionen für die Menschen bedeuten? Eine Kurzstudie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) belegt ein mittlerweile bekanntes AfD-Paradox: Regionen, die überproportional stark für die AfD stimmen, würden auch deutlich stärker unter einer AfD-Politik leiden als andere.
Obwohl vieles an der Unzufriedenheit der Menschen in starken AfD-Regionen verständlich ist, würden sie sich mit der Wahl der AfD selbst am meisten schaden, so das DIW.
Das Paradox hat vor allem mit einer falschen Ursachenbenennung zu tun. Keine Partei versucht den Wählern so penetrant einzureden, dass Migration die „Mutter aller Probleme“ wäre (auch wenn der Spruch vom einstigen CSU-Vorsitzenden Horst Seehofer stammt), wie die AfD. Aber die Probleme, mit denen sich eigentlich alle ostdeutschen Bundesländer herumschlagen, sind ganz andere.
Im Grunde ist das der wesentliche Befund der DIW-Studie, auch wenn diese einfach mal nur durchgerechnet hat, was die wesentlichen Forderungen aus dem AfD-Wahlprogramm direkt für die Menschen in Sachsen-Anhalt bedeuten würde.
Und das Ergebnis überrascht nicht: Wer die falschen Ursachen benennt, bietet auch die falschen Rezepte zur Lösung an.
Einkommensverlust und verlorene Arbeitsplätze
Austritt aus Euro und EU, Abschottung und einen Stopp der Zuwanderung sowie massive staatliche Kürzungen bei staatlichen Leistungen – all das würde Menschen in Sachsen-Anhalt im Durchschnitt jährlich rund 1.600 Euro pro Kopf an Einkommen kosten.
Zudem könnten rund 10.000 Arbeitsplätze verloren gehen. Die Einkommensverluste durch eine AfD-Politik könnten in Sachsen-Anhalt bis zu doppelt so hoch ausfallen wie im Bundesdurchschnitt. Die Gefahr einer Abwärtsspirale ist groß, schätzt das DIW ein.
Und wie ist das nun mit den Ausländern?
„Die Analyse des Zusammenhangs zwischen AfD-Wahlerfolgen und Migration liefert einen besonderen Befund“, so das DIW in seiner Studie: „Der Anteil von Ausländer*innen und die Zuwanderung von Schutzsuchenden sind für die Stärke der AfD entweder irrelevant oder zeigen sogar einen gegenteiligen Zusammenhang. In Ostdeutschland war die AfD bei der Bundestagswahl 2025 gerade dort stärker, wo der Ausländeranteil ungewöhnlich gering war. Zweitens bestehen wichtige Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland. Die strukturellen Variablen können den gesamten Abstand zwischen Ost und West nicht erklären. Warum die AfD im Osten so viel stärker ist als im Westen, dürfte daher auch mit historischen Faktoren zusammenhängen.“

Und mit der 1990 eingeleiteten demografischen Entwicklung mit einer massiven Abwanderung junger, gut ausgebildeter Arbeitskräfte aus dem Osten in den Westen, Folge des flächendeckenden Abbaus der nicht mehr konkurrenzfähigen Industrie und des Verlusts von Millionen Arbeitsplätzen.
Es ist die Demografie, die Demografie, die Demografie
Aber das hat nun einmal direkte demografische Folgen: Die Familiengründungen vieler junger Menschen erfolgten entweder im Westen, mit großer Verspätung oder gar nicht. In den 1990er Jahren fielen die Geburtenraten im Osten auf ein historisch niedriges Niveau. Mit der direkten Folge, dass 20 Jahre später nicht nur die Jahrgänge in Ausbildung halbiert waren, sondern auch die Geburtenraten. Heißt im Klartext: Im Osten gab es immer weniger Kinder.
Das hat nicht nur heftige psychologische Wirkungen auf eine zunehmend vergreisende Bevölkerung. Das hat dramatische wirtschaftliche Folgen, weil der Wirtschaft dann auch die jungen Arbeitskräfte fehlen. Das fällt nur deshalb nicht so auf, weil auch der Osten spätestens ab 2015 von Zuwanderung aus dem Ausland profitierte. Die Zugewanderten füllten in vielen Branchen, in denen längst der Nachwuchs fehlte, die Lücken – bis hin zum Pflegebereich und dem Betrieb in den Krankenhäusern.
Falsche Ursache, falsche Rezepte
Man kann es nur wiederholen: Wer die Migration als Ursache für die Probleme im Osten oder in Sachsen-Anhalt speziell verantwortlich macht, bietet nicht nur die falsche Erklärung, sondern auch die falschen Rezepte zur Lösung.
Und dabei ist unübersehbar, dass die AfD-Wahlergebnisse direkt mit der Strukturschwäche nicht nur in ostdeutschen Regionen zusammenhängen.
Das DIW in seiner Studie dazu: „Ein weiteres zentrales Ergebnis betrifft die politische Polarisierung. Sie hat zwischen den Bundestagswahlen 2021 und 2025 deutlich zugenommen: Viele der strukturellen Faktoren haben seitdem an Bedeutung gewonnen und ihr Effekt hat sich zum Teil verdoppelt.
Das bedeutet, dass strukturelle Unterschiede zwischen Regionen einen deutlich sensibleren Einfluss auf das Wahlverhalten der Menschen haben als noch 2021. Strukturbrüche und Globalisierungsschocks begünstigen auch in anderen Ländern rechtspopulistische Wahlentscheidungen, im Kern geht es um relativen sozialen Statusverlust und Zukunftssorgen.“
Und dann wird das DIW in seiner Analyse sehr deutlich – und das gilt nicht nur als Appell an die AfD: „Für die Politik folgt daraus, dass sie den falschen Fokus setzt, wenn sie sich stark auf Migration und ökonomische Faktoren verengt, um Protestwähler*innen sowie Wähler*innen der antidemokratischen AfD zurückzugewinnen.
Gleichzeitig gilt: Strukturelle Veränderungen sind sehr viel schwerer herbeizuführen. Eine schrumpfende Bevölkerung lässt sich nicht leicht in eine wachsende verwandeln – schon gar nicht, wenn man sich mit Händen und Füßen gegen Zuwanderung wehrt. Intoleranz und die Bekämpfung der offenen Gesellschaft führen nicht nur dazu, dass Menschen aus dem Ausland nicht kommen oder wieder abwandern, sondern auch dass viele gut qualifizierte, junge Deutsche ohne Migrationsgeschichte die betroffenen Regionen verlassen.“
Ein vergreisendes Land
Das heißt: Die migrationsfeindliche Politik der AfD würde die Abwanderung junger Menschen aus Sachsen-Anhalt noch verstärken und die wirtschaftlichen Probleme des Landes verschärfen.
Und so betont auch das DIW: „Die mit Abstand wichtigste Variable ist die Demografie. Dort, wo besonders viele Menschen über 60 Jahre leben und junge, gut ausgebildete Leute wegziehen – wodurch auch die Abiturquote der Zurückbleibenden deutlich sinkt –, erzielt die AfD deutlich mehr Stimmen. Dies ist eine zentrale Erklärung für die Stärke der AfD, vor allem in vielen strukturschwächeren Regionen Ostdeutschlands. Hinzu kommt eine hohe Dichte an Handwerksbetrieben – ein Hinweis auf die Verletzlichkeit und Unsicherheit eines relativ hohen Anteils der Beschäftigten.“
Und das Alarmierende an der Studie ist nun, dass genau die Rezepte, mit denen die AfD ihre Wähler gewinnt, dazu führen würden, dass sich diese Effekte noch verstärken. Sachsen-Anhalt würde auch im Vergleich der Bundesländer noch mehr an Boden verlieren. Der Frust würde weiter wachsen. Und das Paradoxe daran ist: Das würde dann wohl wieder der AfD in die Hände spielen, die aus diesem Frust ihre Wahlerfolge generiert.
Die Kurzstudie des DIW findet man hier.
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