Es wird ein richtig großes Ding: 22 Millionen Euro teuer, 7 Hektar groß, eigentlich sogar 9 Hektar direkt am Südufer des Störmthaler Sees. Ein Leuchtturmprojekt, wie es die Bürgermeisterin von Großpösna, Gabriele Lantzsch, nennt. Bezahlt aus Infrastrukturmitteln des Investitionsgesetzes Kohleregionen. 2023 soll schon Baubeginn sein für den Inklusionscampingplatz in der Regie des Städtischen Eigenbetrieb Behindertenhilfe Leipzig (SEB).

Der SEB Leipzig und die Gemeinde Großpösna planen im Landkreis Leipzig am Südufer des Störmthaler Sees ein gemeinsames Stadt-Umland-Projekt, meldet der SEB:

„Auf insgesamt 42 Hektar soll bis voraussichtlich 2026 ein attraktiver naturnaher Tourismus- und Freizeitstandort entstehen. Für rund 22 Millionen Euro sollen ein einzigartiger inklusiver Campingplatz, tiertherapeutische Angebote, ein großer überwachter Strandbereich mit Restaurant, verschiedene Spiel- und Verweilplätze, ein Eingliederungshilfeangebot und die erforderliche Infrastruktur entstehen. Bis zu 90 Prozent des gesamten Projektvolumens werden über Strukturwandelmittel des Bundes gefördert. Das Vorhaben fand jetzt die Zustimmung der Dienstberatung des Oberbürgermeisters und soll voraussichtlich in der September-Sitzung des Leipziger Stadtrates votiert werden.“

Das mit den 42 Hektar ist ein falscher Zungenschlag, denn das ist das gesamte Gebiet östlich der Grunaer Brucht, das die Gemeinde Großpösna seit 2016 beplanen will. Mit erheblichem Widerstand und entsprechenden Diskussionen nicht nur im Gemeinderat Großpösna.

Denn hier soll nicht nur der inklusive Campingplatz gebaut werden, sondern auch das Wassersportzentrum der Universität Leipzig einen Platz finden. Und vom möglichen Forschungstzentrum für den Strukturwandel träumt man in Großpösna auch noch.

Obwohl die naturschutzfachlichen Konflikte nicht gelöst sind. Den Bebauungsplan hat die Gemeinde Großpösna erst in der vergangenen Woche für die Öffentlichkeitsbeteiligung ins Verfahren gegeben. Der inklusive Campinplatz soll darin seinen Platz finden.

Leipzig hat schon mal eingekauft

Am Donnerstag, 21. Juli, hat Leipzig auch schon mal die sieben benötigten Hektar Ackerfläche gekauft, auf denen der Campingplatz gebaut werden soll. Kaufpreis laut Stadtratsvorlage: 650.000 Euro.

Und dabei hat der Planungsbeschluss des Städtischen Eigenbetriebes Behindertenhilfe für das Projekt „Inklusiver Campingplatz am Störmthaler See“ gerade einmal die Dienstberatung des Leipziger Oberbürgermeisters durchlaufen, aber noch keinen einzigen Stadtratsausschuss.

Da ist es schon sehr zuversichtlich, wenn Peter Böhmer, Betriebsleiter des SEB, den Planungsbeschluss im Stadtrat schon für die Novembersitzung erwartet. Und das ist erst der Planungsbeschluss. In einem Höllentempo, das man von Leipzigs Verwaltung wirklich nicht kennt, soll dann binnen weniger Wochen auch gleich noch der Baubeschluss auf Grundlage einer vollständigen Planung erfolgen, denn im Frühjahr 2023 will man auf dieser Grundlage dann den Förderantrag bei der SAB stellen.

Visualisierung von Kiosk und Verwaltungsbauten auf dem geplanten Campingplatz am Störmthaler See. Quelle: SEB
Visualisierung von Kiosk und Verwaltungsbauten auf dem geplanten Campingplatz am Störmthaler See. Quelle: SEB

Eine formale Zusage gibt es schon von der Sächsischen Agentur für Strukturhilfe (SAS), die die Strukturhilfegelder aus dem Kohletopf verteilt.

„Im Auftrag des Sächsischen Staatsministeriums für Regionalentwicklung (SMR) freuen wir uns Ihnen mitteilen zu können, dass das Vorverfahren gemäß der Richtlinie des Sächsischen Staatsministeriums für Regionalentwicklung zur Gewährung von Zuwendungen nach dem Investitionsgesetz Kohleregionen (RL InvKG) vom 4. Mai 2021 erfolgreich abgeschlossen werden konnte.

Nachdem der Regionale Begleitausschuss (RBA) am 10. November 2021 dem Projektvorschlag zugestimmt hat, konnte auch das SMR die abschließende Projektprüfung vornehmen und das Ergebnis dem Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) übermitteln. Das BMWi hat bzgl. Ihres Projekts keine Einwände erhoben“, teilte Rita Fleischer, Bereichsleiterin der SAS für das Leipziger Revier, per Schreiben schon im Dezember mit.

Ein Leuchtturmprojekt im Neuseenland

Mancher kennt sie noch als Delegierte der IHK zu Leipzig in der Steuerungsgruppe Neuseeland, die all die Leuchtturmprojekte vorangetrieben hat, auf die sich jetzt auch Gabriele Lantzsch bezieht. Denn die touristische Entwicklung am südlichen Störmthaler See stammt genau daher.

Auch wenn die Idee des inklusiven Campingplatzes erst später reifte. 2012 hieß die Beschreibung dieses „Leuchtturms“ in der Mitteldeutschen Gewässerlandschaft noch: „Innovatives Übernachten, Aktiv-Camp am Südufer, Glamping, Kinderferienlager, Kinder-, Spiel- und Spaßlandschaft“.

Irgendwann wurde dann daraus – da in den alten Vorstellungen nicht umsetzbar – ein Inklusionscampingplatz am Störmthaler See.

„Bereits 2016 haben wir eine Machbarkeitsstudie zum Projekt vorgestellt. Mit unserem damaligen Projektpartner konnte der Weg nicht weitergehen“, sagt Dr. Gabriela Lantzsch, Bürgermeisterin der Gemeinde Großpösna. Der damalige Partner war das DRK. Aber als man beim möglichen Fördergeldgeber nachfragte, stellte sich heraus, dass das DRK nicht förderfähig war. Der SEB aus Leipzig aber schon.

„Wir sind froh, mit der Stadt Leipzig/dem SEB einen starken Partner an der Seite zu haben, mit dem wir nun in die Planung und Umsetzung gehen können. In dieser Woche hat die Gemeinde Großpösna nun auch den Vertrag zum Kauf des Grundstücks unterzeichnen können. Teilflächen wurden an die Stadt Leipzig/SEB weiterverkauft, welche mit dem Inklusionscampingplatz das Herzstück des Areals in ihrer Verantwortung hat.“

Es fehlt an Campingplätzen

Und auch Henry Graichen, Landrat des Landkreises Leipzig, findet es gut, dass hier eine weitere touristische Attraktion im Neuseenland gebaut wird.

„Mit dem geplanten Inklusionscampingplatz am Störmthaler See wird das Leipziger Neuseenland um eine weitere touristische Attraktion bereichert. Der Bedarf an Campingplätzen übersteigt das vorhandene Angebot, sodass die wirtschaftliche Entwicklung der Region weiter gestärkt wird“, lässt er sich zitieren.

„Mit dem Städtischen Eigenbetrieb für Behindertenhilfe Leipzig hat das Projekt einen Partner gefunden, der sich seit Jahren erfolgreich für die Inklusion, auch im Freizeitbereich, einsetzt. Der Inklusionscampingplatz wird für Menschen mit Behinderungen sowohl eine Möglichkeit zu einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung als auch ein besonderer Urlaubsort werden! Ich freue mich, dass das Vorhaben Gestalt annimmt und Menschen mit und ohne Behinderung einen Ort im Landkreis Leipzig haben werden, an dem sie zusammenarbeiten und ihren Gästen eine schöne Zeit ermöglichen.“

Was soll auf dem inklusiven Campingplatz entstehen?

Der Inklusionscampingplatz sieht vor, auf einer Fläche von etwa neun Hektar, direkt am See, ein ganzheitliches Camping- und Freizeitangebot für Familien aus der Umgebung und Touristen entstehen zu lassen, formuliert der SEB. Die Erholungsbedürfnisse aller Besucherinnen und Besucher sollen unter naturnahen und ökologischen Gesichtspunkten gedeckt werden.

Visualisierung der künftigen Strandgestaltung mit Strandgastronomie und Fahrstuhl., Quelle: SEB
Visualisierung der künftigen Strandgestaltung mit Strandgastronomie und Fahrstuhl., Quelle: SEB

Das gesamte Vorhaben stehe unter dem Zeichen der „doppelten Inklusion“: Es soll zum einen eine sozialversicherungspflichtige, tarifgebundene und ganzjährige Beschäftigung von Menschen mit Beeinträchtigung (ca. 40–50 Prozent der Beschäftigten) erfolgen, zum anderen setze das Projekt auf eine Vielfältigkeit der Camping- und Tagesgäste und ermögliche auch Menschen mit Beeinträchtigung einen möglichst barrierefreien Urlaubs- und Freizeitort.

Das könnte sogar funktionieren, wie Böhmer betont. Denn an Ferienangeboten für Menschen mit Behinderung fehlt es in ganz Deutschland. Er rechnet sogar damit, dass die verfügbaren Plätze für Behinderte schnell überbucht sein werden und die Voranmeldezeiten entsprechend lang.

Die 40 bis 50 Prozent hat er nicht genauer untersetzt. Das wird dann in den Ausschreibebedingungen für den Betrieb des Campingplatzes, der Gastronomie und der Strandbewirtschaftung stehen, die über einen gemeinnützigen Inklusionsbetrieb 2023 vergeben werden sollen.

Der SEB selbst wird seinen Personalbestand ebenfalls aufstocken müssen, denn um für die anreisenden behinderten Menschen möglichst eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung anbieten zu können, braucht man 16 neue Vollzeitbeschäftigte.

Bis 250 Standplätze auf dem Platz

Und wirklich klein wird der Campingplatz auch nicht, auch wenn man laut Vorlage möglichst schonend bauen will: „So sollen bis zu 250 Standplätze für Zelte und Camper sowie barrierefreie Bungalows/Ferienhäuser errichtet werden. Es werden Möglichkeiten geschaffen, damit auch Menschen mit schwerer Beeinträchtigung, welche auf pflegerische Hilfe angewiesen sind, mit ihren Familien gemeinsam Urlaub machen können.“

Was dem SEB noch fehlt, sind die 2 Hektar am Strand, wo auch die Gastronomie mit ihrem Fahrstuhl entstehen soll, der die 17 Meter Höhenunterschied am Seeufer überwindet. Diese Flächen will der SEB noch dazupachten.

„Über barrierefreie Zugänge ist ein öffentlicher Badestrand sowie ein Restaurant mit großer Terrasse geplant, welche neben den Urlaubsgästen auch von Tagestouristen besucht werden können. Ebenso stehen allen ein Abenteuerspielplatz, Grünflächen und ein großer Naturgarten zur Verfügung“ beschreibt der SEB das Projekt.

„Angrenzend an den Campingplatz soll ein Bereich mit Gebäude und Weideflächen für tiergestützte Therapie errichtet werden. Zusätzlich zu den touristisch angelegten Angeboten werden auf dem Areal auch bis zu zwölf Kinder- und Jugendliche im Rahmen der Eingliederungshilfe in Wohngruppen ein neues Zuhause finden.“

Und Synergien mit den neu anzusiedelnden Nachbarn sieht Böhmer auch: In der Nähe des Badestrandes plant die Universität Leipzig ein Natursportzentrum, als Trainingszentrum für Studentinnen und Studenten der Sportwissenschaften.

Zeitlicher Druck auf die Gremien

Und nun tickt die Uhr, denn mit der Vorlage werden auch alle demokratischen Gremien unter Zeitdruck gesetzt. So wie der Leipziger Stadtrat, dem die Vorlage schon mal Beine macht: „Ohne einen entsprechenden Planungsbeschluss kann das Projekt nicht realisiert werden. Bereits eine wesentliche Verzögerung würde dazu führen, dass eine Umsetzung innerhalb der Förderperiode 2021–2026 nicht mehr gewährleistet werden kann. Die Fördermittel würden ggf. verfallen.“

„In den nächsten Monaten wird auf Grundlage von Vorstudien die Planung so weit vorangetrieben, dass im Frühjahr 2023 der Förderantrag an die SAB und anschließend der Bauantrag gestellt werden kann“, betont der SEB. „Der Projektbeirat der Gemeinde Großpösna wird diesen Prozess begleiten. Auf Grundlage der Fördermittelbewilligung soll Ende 2023 der Baustart erfolgen, bis Ende 2026 soll das Projekt realisiert sein.“

„Das Vorhaben in der Komplexität und Vielschichtigkeit ist einmalig und besitzt in seiner Breite und Verzahnung ein Alleinstellungsmerkmal in der Region und auch in Mitteldeutschland“, formuliert Peter Böhmer, der auch schon zur DRK-Zeit als Berater in das Projekt eingebunden war.

Für ihn ist das eine richtig große Sache:

„Wir streben eine Zusammenarbeit mit den bereits beteiligten Akteuren – der Gemeinde, der LMBV, welche für das infrastrukturelle Erschließungskonzept verantwortlich ist, der Uni Leipzig –  aber auch regionalen Unternehmen und Vereinen zur weiteren Entwicklung des Projektes an. Das Zusammenwirken aller ist Teil des Gesamtprojektes und soll auf der Projektfläche als ganzheitliches Vorhaben wahrgenommen werden.

Wir und die Gemeinde Großpösna sind uns einig, eine naturnahe und der Gesamtgestaltung des Störmthaler Sees entsprechende Nutzung zu realisieren. Durch die Einbindung in die Natur, die Verwendung von natürlichen Baumaterialien und die konsequente Abstellung auf regenerative Energie soll eine zukunftsweisende Verbindung von Mensch und Natur entwickelt werden.“

Eine zumindest problematische Ansage. Denn ganz so naturverträglich ist das Projekt eben nicht. Im Gegenteil: Gerade im Strandbereich stellt es einen erheblichen Eingriff in ein über 20 Jahre gewachsenes artenreiches Biotop dar.

Aber dazu später mehr.

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Es gibt 3 Kommentare

Völlig “wurscht”, ob es Bedarf an Campingplätzen gibt oder nicht.
Die betroffenen Anwohner wollen diesen Campingplatz nicht an dieser Stelle. Er zerstört entstandene und entstehende Natur. Es wird völlig unnötig weitere Fläche versiegelt, sinnlos weiterer Verkehr induziert. Eben Umwelt zerstört.
Es muß weitere Infrastruktur geschaffen werden.
Es gibt auf der Magdeborner Halbinsel genügend Flächen, mit vorhandener Infrastruktur die hierfür nutzbar sind. Incl. Stellflächen. An diesem von der Gemeindeverwaltung und mit vor Dollarzeichen in den verblendeten Augen zustimmend Gemeinderat Standort ist dieser Campingplatz umwelt- und finanzpolitisch, geschweige denn beteiligungspolitisch die reine Provokation.
Und nicht zuletzt, das Abendland geht unter und insbesondere Deutschland steht ob der wirtschaftlichen Folgen des Ukrainekrieges kurz vor dem wirtschaftlichen Untergang – und hier werden zig Millionen € ausgegeben. Für einen Campingplatz – nicht für Innovationen. So bigott und bescheuert muß man erst mal sein.
Das selbe Thema diagonal gegenüber am Markkleeberger See, an dem für 16,5 Mio. € (?) eine Jugendherberge gebaut werden soll.

Camping ist schwer in Mode und die letzten beiden Jahre haben noch mal einen Schub gegeben. Ich selber bin seit 6 Jahren Camper. Urlaub mit dem Flugzeug ist mir zu stressig geworden und für den Ökologischen Fußabdruck ist Camping doch um einiges besser. Und aus Erfahrung kann ich sagen im Leipziger Land gibt es noch zu wenig Plätze. Nicht immer auf die Wohnmobile schielen, Wohnwagen, Fahrradtouristen mit Zelt, reine Zeltler. Es gibt genügend Kundschaft. Wir freuen uns auf den neuen Campingplatz und werden ihn nach seinem Bau schnellstmöglich besuchen.

Zum Neuseenland um Leipzig – Eine der Fragen ist doch, braucht die Region tatsächlich noch einen Campingplatz? Egal ob als Inklusion oder “für Normale Camper”. Wird überhaupt noch soviel gecampt? Es gibt schon am Störmthaler See, gleich wenige 100 m weg, den Wohnmobilplatz Lagovita ; am Markkleeberger See einen Campingplatz, einen am Kulkwitzer See, einen am Auensee. Alle vorrangig genutzt von Wohnmobilen. Und der Wohnmobilplatz Lagovita ist schon vorhanden. Warum also noch einmal Flächen für weitere Freizeitaktivitäten versiegeln, wenn auch als “nachhaltig” verbrämt? Ja, es ist ein Tagebaugelände. Glücklicherweise hat sich in den zurückliegenden 30 Jahren wieder etwas Natur angesiedelt. Nun wird das bisschen wieder zerstört. Jede Gemeinde versucht seit den 90ziger Jahren auf ihren Flächen an den Seen um Leipzig irgendwelche Attraktionen zu schaffen und bekommt das jetzt sogar noch aus Braunkohle-Fördermitteln finanziert, die eigendlich gedacht waren, um neue zukunftsorientierte Arbeitsmöglichkeiten zu schaffen. Nicht unbedingt neue Infrastruktur, die wieder Verkehr nach sich zieht. Wie kurzsichtig wird nur immer wieder beim Grünen Ring gedacht. Wobei intakte Natur für gestresste Großstädter doch außerordentlich attraktiv ist…

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