Wie steht es eigentlich um die Biotopen-Erfassung im Leipziger Neuseenland? Mit dieser Frage beschäftigt sich aktuell eine gemeinsame Studie von UferLeben e. V. und einer ortsansässigen NABU-Gruppe am Beispiel des Störmthaler Sees. Hintergrund der Fragestellung sind die Erschließungsvorhaben im Bereich „Östlich Grunaer Bucht“. Dort sollen in Zusammenhang mit der Errichtung eines kommunalen Strandbades und eines universitären Wassersportzentrums mehrere hundert Meter Röhricht gerodet werden.

Damit würde die Zerstörung eines gefährdeten und prinzipiell geschützten Biotoptypus drohen.

Die aktuelle Studie zeigt, dass die geplanten Erschließungsmaßnahmen ausgerechnet an einer sehr sensiblen Stelle mit der Natur konkurrieren. Im Bereich „Östlich Grunaer Bucht“ befindet sich der größte zusammenhängende Schilfzug am See. Die Röhrichtgesellschaft ist mit einer Länge von 1,4 Kilometer und einer Breite von 5 bis 10 Meter die mit Abstand üppigste am ganzen See.

Die funktionelle Wertigkeit dieses Schilfzuges für die gesamte Seeökologie ist daher als besonders hoch einzustufen. Ein Punkt, der den NABU Landesverband Sachsen nun zusätzlich auf den Plan ruft. Als Naturschutzverband steht dem NABU ein gesondertes Beteiligungsrecht an der Bebauungsplanung zu.

Die gemeinsame Studie von UferLeben Störmthaler See e. V. und der NABU-Ortsgruppe Störmthaler See/Göselland wurde als Citizen-Science-Ansatz durchgeführt und ist aktuell auf der UferLeben-Webseite veröffentlicht.

Die Studie arbeitet mit einem semiquantitativen Ansatz und gibt daher zunächst nur einen groben Überblick. Dennoch handelt es sich um die erste öffentlich verfügbare Datengrundlage zu den geschützten Schilfbeständen mit Relevanz für das zeitnah anstehende B-Planverfahren.

Ergebnisse der ersten semiquantitativen Röhricht-Bestandserhebung am Störmtahler See 2021. ‚Üppige‘ Röhrichte > 2/3 der Uferabschnitte (grün durchgezogene Linie), ‚moderate‘ Bestände 1/3 bis 2/3 der Uferzone (grün, gestrichelte Linie), ‚sporadischer‘ Bestand < 1/3 der Uferzone (grün gepunktet), touristisch genutzte Zonen (rot), Uferzonensicherung durch Versteinung (grau). Grafik: Uferleben Störmthaler See e.V.
Ergebnisse der ersten semiquantitativen Röhricht-Bestandserhebung am Störmtahler See 2021. ‚Üppige‘ Röhrichte > 2/3 der Uferabschnitte (grün durchgezogene Linie), ‚moderate‘ Bestände 1/3 bis 2/3 der Uferzone (grün, gestrichelte Linie), ‚sporadischer‘ Bestand < 1/3 der Uferzone (grün gepunktet), touristisch genutzte Zonen (rot), Uferzonensicherung durch Versteinung (grau). Grafik: Uferleben Störmthaler See e. V.

Aufgrund des jungen Alters der Seen im Leipziger Neuseenland und ihrer Entwicklungsdynamik besteht der Bedarf an einer fortlaufenden Aktualisierung der Biotopen-Erfassung. Der Störmthaler See hatte beispielsweise erst 2013 seinen Endwasserstand erreicht.

Die Entwicklung von verschiedenen Biotoptypen im Wasser, an den Uferzonen und den angrenzenden Gebieten entwickelt sich seither mit lokal unterschiedlicher Dynamik. In der letzten Version des Flächennutzungsplanes für das Gebiet „Östlich Grunaer Bucht“ (2016) waren noch keine naturschutzrechtlich geschützten Biotoptypen ausgewiesen.

Daher planen die Gemeindeverwaltung Großpösna und ihre Partner auch so, als wenn diese
geschützten Biotope gar nicht vorhanden wären. Und eine Motivation zur Erfassung geschützter Biotope ergibt sich aus dem entwicklungsgetriebenen Hintergrund natürlich erst recht nicht.

Dabei gehören Uferzonen allgemein und Röhricht, insbesondere gemäß § 30 BNatSchG zu geschützten Biotopen. Das bestätigt auf Nachfrage auch die Untere Naturschutzbehörde des Landkreises Leipzig.

Darüber hinaus werden Röhrichtgesellschaften in der Roten Liste Sachsens als gefährdeter
Biotopentyp geführt und erfahren daher auch gemäß § 21 SächsNatSchG besonderen Schutzstatus.

Die Untere Naturschutzbehörde entscheidet im Rahmen des B-Planverfahrens, ob und welche Ausgleichsmaßnahmen nötig werden oder ob im Rahmen des Verschlechterungsverbotes für Natur und Umwelt sogar das naturschutzrechtliche Vermeidungsgebot greift. Für diese Einschätzung bedarf es nach Ansicht der Naturschützer jedoch zunächst einer belastbaren Grundlage in Form einer quantitativen und funktionellen Erfassung der Röhrichtbestände am gesamten See.

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