Eigentlich hätten das drei dicke Bände werden können. Von der Logik her schon. Denn dieser wirklich dicke Band mit seinen über 500 Seiten lehnt sich in Format und Thema direkt an die drei Bände „Mitteldeutsches Seenland“ von Lothar Eissmann und Frank W. Junge an. Er zeigt im Grunde, was der schönen Seenlandschaft vorausging: den Verlust hunderter lebendiger Dörfer.

Und damit ganzer Kulturlandschaften. Aber wie erzählt man das? Wie zeigt man, was da alles verloren gegangen ist? Und warum gab es eigentlich bislang kein solches Buch, das einmal alle Verluste zusammengetragen hat, die der Kohlebergbau in Mitteldeutschland angerichtet hat?

Vielleicht gerade deshalb: Es sind zu viele Orte, die dem Bergbau weichen mussten, deren Bewohner umgesiedelt wurden und deren Gehöfte und Kirchen abgerissen wurden. 147 devastierte Dörfer und Ortschaften haben die Autor/-innen dieses Buches im Dreiländereck Sachsen / Thüringen / Sachsen-Anhalt lokalisiert – und das im ganz visuellen Sinn, denn alte Karten zeigen im Vergleich mit dem heutigen Landschaftszustand, wo alle diese Dörfer einst lagen.

Und mit 147 Dörfern war der Verlust menschlicher Siedlungen in Mitteldeutschland noch deutlich größer als im Lausitzer Revier, wo von 1919 bis 2020 139 Dörfer vom Erdboden verschwanden. Mit Mühlrose steht ja noch immer ein weiteres Dorf auf der Abbaggerliste.

Im rheinische Revier wurden 114 Dörfer devastiert – zehn stehen noch auf der Liste oder stecken mitten in der Umsiedlung, weil es die deutsche Politik nicht fertigbrachte, mit dem beschlossenen Ende des Kohleabbaus bis 2038 auch ein sofortiges Ende der Dörferdevastierung zu beschließen.

1.000 Jahre Kulturgeschichte

Aber es geht nicht nur um einzelne Dörfer. Das wird klar, wenn man sich durch diesen Band blättert. Jedes einzelne abgebaggerte Dorf wird darin porträtiert mit seinen Einwohnerzahlen, der Umsiedlungsgeschichte, den archäologischen Ausgrabungen nach Abriss des Dorfes und den Zeugen der Erinnerung, die es teilweise noch gibt – mal als Kirchenglocke in anderen Orten, mal als Erinnerungsstein auf dem renaturierten Abraumberg, mal als Straßen- oder Seenname.

Eine historische Zeittafel zeigt, welche Geschichte da verloren ging. Denn viele Dörfer waren älter als 1.000 Jahre, gehören zum ältesten Siedlungsbestand in dieser Region, die sich immer durch ihre reichen Böden auszeichnete. Gerade der Leipziger Südraum war berühmt für seine fetten Böden und damit die reichen Bauern.

Zahlreiche Fotos und alte Postkarten zeigen, wie die Dörfer einst aussahen, von denen auch viele beliebte Ausflugsziele der Leipziger waren. Weshalb die Autor/-innen auch auf die markanten Bahnlinien und Bahnhöfe eingehen, die den Raum rund um Leipzig erschlossen und die im Lauf der fortschreitenden Abbaggerung umverlegt wurden oder ganz verschwanden.

Sogar eine Straßenbahnlinie ist dabei, die für einige Jahre von Merseburg aus mitten durch das Gebiet fuhr, wo heute der Geiseltalsee in der Sonne funkelt. Die Orte, die sie erschloss, sind verschwunden.

Aber auch viele, teils uralte, Straßenverbindungen wurden gekappt. Und im Leipziger Südraum erzählen gerade die Umverlegungen und Kanalisierungen von Pleiße und Weißer Elster vom Verlust kompletter Flusslandschaften. Ebenso wurde das einst größte Waldgebiet der Region, die Harth, komplett abgeholzt. Die heutige Neue Harth auf Abraumboden wird Jahrzehnte brauchen, um auch nur ähnliche Ausflugsqualitäten zu bekommen, wie sie die alte Harth für die Leipziger hatte.

Gerettete Orte, gestoppte Tagebaue

Natürlich enthält der Band nicht nur die 147 Ortsporträts. In ausführlicheren Beiträgen gehen die Autor/-innen auf einzelne Orte durchaus ausführlicher ein – man denke nur an Dreiskau-Muckern, das eigentlich schon zur Abbaggerung vorgesehen war, dann aber mit dem Stopp des Tagebaus Espenhain gerettet wurde und danach eine besondere Geschichte der Wiederbelebung erfuhr.

Während das benachbarte Magdeborn, das 1968 noch seinen 1.000. Geburtstag feierte, dem Braunkohlehunger der DDR weichen musste. Heute erinnert nur noch die Magdeborner Halbinsel an das verschwundene Dorf. Und auch das wird klar: Dutzende Dörfer hätten nicht abgebaggert werden müssen, hätte die Ölkrise die DDR-Wirtschaft 1972 nicht eiskalt erwischt. Teure Ölheizungen wurden in Windeseile wieder in Braunkohleheizungen umgebaut und der Bedarf des kleinen Landes an Kohle wuchs ins Unermessliche.

Eine Geschichte, die mit dem drohenden Gasstopp aus Rusland heute wieder im Raum steht.

Vom Ausbaus des Kohleabbaus in der DDR erzählen mehrere Beiträge im Buch, in denen sich Bergbauexperten mit der Lagerstättensicherung in den bis 1989 geschriebenen Planungen beschäftigen. Leipzig wäre noch für viele Jahrzehnte von riesigen Tagebauen umgeben gewesen. Wobei man auch erfährt, dass die tatsächlich bis 1990 umgesetzten Pläne fast alle aus den 1920er Jahren stammten.

Der Aufschluss riesiger Braunkohlentagebaue begann ja tatsächlich erst nach dem Ersten Weltkrieg mit immer größerem Gerät. Und damals plante man diese riesigen Löcher in Zeiträumen von 70 bis 80 Jahren – ohne auch nur einen Gedanken an das Danach zu verschwenden. Mit ersten Plänen zur Renaturierung beschäftigten sich tatsächlich erst die Planer in der DDR, auch wenn ihnen für die Umsetzung die notwendigen Mittel fehlten.

Verlorene Kirchen, Rittergüter, prachtvolle Bauernhöfe

Sehr umfassend beschäftigen sich die Autoren mit den Umsiedlungen und wie verschiedene Gesellschaftssysteme damit umgingen. Bei einigen wenigen Orten konnten sie dabei auch auf Chroniken zurückgreifen, die einst im Zusammenhang mit der Auflösung der Dörfer entstanden. Aber Tatsache ist auch, dass es für die meisten dieser Dörfer solche Chroniken gar nicht gibt. Und solche umfassenden Arbeiten wie zu Heuersdorf (Pro Leipzig 2009), Eythra oder Wolteritz und Lössen gibt es nur wenige.

Was auch daran liegt, dass sich auch Historiker gern auf die großen Städte und Machtzentren fokussieren und erst spät das Bewusstsein dafür gewachsen ist, welcher Kulturreichtum auch in den ländlichen Gegenden zu finden ist. Festzumachen etwa an den Kirchen, ein Verlust, über den es ebenfalls einen eigenen Beitrag gibt, aber eben auch an Fabriken, die genauso gesprengt wurde wie alte Wassertürme, Rittergüter und Bahnhöfe.

Einige Schlösser wie das in Eythra werden besonders gewürdigt, denn der Reichtum des Landes bedeutete eben auch, dass sich der Erwerb von Rittergütern hier immer lohnte – und natürlich waren es zumeist reiche Leipziger Kaufleute, die sich hier ihren Traum vom eigenen Schloss samt Rittergut erfüllten.

Anhand einiger Orte – wie der Stadt Zwenkau – wird gezeigt, wie die jahrzehntelange Bedrohung durch den Bergbau auch solche alten Städte bedrohte und schon in DDR-Zeiten die ersten Bürgerproteste auf den Plan rief. Auch das wird meist vergessenen, welchen großen Anteil die Umweltbewegung im Raum Leipzig an der Friedlichen Revolution hatte, die auch eine Revolution gegen die systematische Zerstörung der Heimat war.

Kohlebagger am Leipziger Stadtrand

Natürlich wird im Zusammenhang mit dem Tagebau Zwenkau/Cospuden auch der Plan angedeutet, mit dem der Tagebau bis zur Leipziger Stadtgrenze vorrücken sollte. Auch das durch Bürgerprotest gestoppt. Die verlorenen Dörfer und Vorwerke hier gehörten einst zu den beliebtesten Ausflugsorten der Leipziger: Gaschwitz, Prödel, Zöbigker, Cospuden.

Und natürlich passiert etwas Verblüffendes, wenn man sich durch diese vielen verlorenen Orte blättert und dann sieht, wie viele jedes einzelne Tagebauloch verschluckt hat: Auf einmal hören die Namen auf, einzeln in der Luft zu hängen, sondern werden zum Teil einer Landschaft, deren Reichtum und Vielfalt einem erst in dieser Aneinanderreihung begreiflich wird.

Heute verstellen ja begrünte Abraumhalden und große blaue Seen den Blick auf das, was hier alles verloren gegangen ist. Die alten Karten zeigen erst mit den eingetragenen Dimensionen der Tagebaue, wie viel wertvolles Land mit uralten Siedlungsstrukturen von den Baggern gefressen wurde.

Im Lausitzer Revier wurde mit 897 Quadratkilometern zwar deutlich mehr Fläche in Anspruch genommen, aber die 499 Quadratkilometer dem Bergbau geopfertes Land rund um Leipzig bedeuten erhebliche Verluste an Kulturlandschaft, die sich nicht wieder beleben lassen.

Sie sind für immer verschwunden. Und so war diese Fleißarbeit, die in dem Buch steckt, auch längst überfällig. Denn noch gibt es ja zu vielen in der DDR abgebaggerten Dörfern Augenzeugen und Ortschronisten, die Material beitragen konnten. Und zu einigen Umsiedlungen kommen eben auch die Betroffenen zu Wort, die erzählen können, wie mit ihnen umgegangen wurde und wie sie mit dem Verlust ihrer Heimat umgegangen sind.

Unsicherer Bergbaugrund

Ein besonderes Kapitel wird auch dem Tagebau Nachterstedt und dem Concordiasee gewidmet, wo es ja 2009 zu jener dramatischen Hangrutschung kam, die auch der LMBV noch einmal zeigte, wie wenig stabil der Abraum ist, den der Bergbau hinterlassen hat.

Und wie wenig man bis dahin über die unterirdischen Wasserleiter wusste, die den Hangrutsch auslösten. Was ja dann zu dem frühzeitigen Alarm an der Kanuparkschleuse zwischen Störmthaler und Markkleeberger See führte, als in der Böschung auf einmal Sickerwasser austrat.

So werden viele Folgen des Bergbaus erst Jahre nach Ende der Tagebaue sichtbar. Auch wenn die Dramatik der verlorenen Orte auch den Zeitgenossen schon bewusst war. Nicht allen. Das stimmt. Staatliche Stellen neigen dazu, die Dramatik herunterzuspielen. Zeitungen interessieren sich meistens erst, wenn es zu dramatischen Unglücken kommt – abgesoffenen Tagebauen zum Beispiel wie 1954 oder verschütteten Großgeräten.

Dass ein verlorener Ort aber für die betroffenen Einwohner ein Verlust fürs Leben ist, macht ein Beitrag von Joseph Roth deutlich, der am Rand seiner Harzreise 1931 auch den Verlust des Dorfes Runstedt bei Merseburg thematisierte, wo der Schriftsteller für sich erstmals wahrnahm, welche verheerenden Folgen eine auf gewaltigen Ressourcenverbrauch ausgerichtete Weltwirtschaft hat.

Das absehbare Ende des Kohlebergbaus

Da und dort findet man auch Fotos von den Abrissarbeiten in den Dörfern, direkt gegenübergestellt den Bildern aus der Zeit davor, als hier Dorffeste gefeiert wurden, die Dorfschule meist direkt neben der Kirche stand und die Straßen noch von der weit zurückliegenden Gründung als Rund- oder Straßendorf erzählten.

Hoffnung gibt nur eine Grafik auf der Umschlaginnenseite, die den deutlichen Rückgang des Kohleabbaus in Deutschland seit 1990 zeigt – mit der Perspektive bis 2038, wenn der Kohlebergbau auch in Mitteldeutschland sein Ende finden wird und nur noch die vielen Seen, Aussichtstürme und Bergbaurelikte daran erinnern, wie hier über 100 Jahre lang die Erde aufgewühlt wurde.

Wobei die einzelnen Ortsporträts auch zeigen, wie einzelne Orte auch direkt mit dem Bergbau prosperierten, der über Jahrzehnte ja auch Beschäftigung und Einkommen versprach.

Aber schon ab 1990 ist die Zahl der im Bergbau Beschäftigten in Mitteldeutschland von fast 60.000 auf knapp 2.200 zurückgegangen. Das Arbeitsplatzargument stimmt so nicht mehr, auch wenn es besorgte Ministerpräsidenten immer wieder vorbringen. Ganz davon zu schweigen, dass selbst die Bergbaukonzerne längst begonnen haben, Projekte für eine kohlefreie Energiewirtschaft aufzubauen – wozu sich einige alte Kippenflächen ja geradezu anbieten.

Die Autoren betonen zwar, dass der Band nur ein Zwischenergebnis ist und Anregung sein soll, weitere Fundstücke zu erschließen. Aber so vollständig, wie er trotzdem ist, gibt er ein sehr umfassendes Bild all dessen, was für den Kohlebergbau in der Region in den vergangenen 100 Jahren geopfert wurde.

Andreas Berkner Bergbau und Umsiedlungen im Mitteldeutschen Braunkohlenrevier, Sax-Verlag, Beucha und Markkleeberg 2022, 49,80 Euro.

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