Künftige Generationen werden wohl sagen: Was für ein glückliches Dorf! Es liegt genau zwischen zwei Seen, die alle beide jüngeren Datums sind – dem Schladitzer See im Osten und dem Werbeliner See im Norden. Und dabei wäre auch das 280-Einwohner-Dorf Wolteritz, das heute ein Ortsteil von Schleuditz ist, vor 30 Jahren beinahe devastiert worden. Zwei Drittel des damaligen Kreises Delitzsch waren zum Abbaggern vorgesehen. Doch die Wolteritzer selbst schafften es, das Vorhaben zu stoppen.

Aber es geht in diesem Sammelband, in dem Angelika Hofmann zusammengetragen hat, was an Erinnerungen und Chroniken zu Wolteritz zu finden ist, auch um das einstige Nachbardorf Lössen, das ab 1985 devastiert wurde und dem Tagebau Breitenfeld zum Opfer fiel. Der wurde zwar schon 1991 wieder eingestellt, aus dem Tagebau wurde der Schladitzer See. Aber selbst an die einstige Kirche von Lössen erinnert heute nur ein eiszeitlicher Findling. Diese Kirche stand einst weit vor dem Dorf, denn sie entstammt einer ganz anderen Siedlung, der Siedlung Buschenau, die schon im Mittelalter wüst fiel – aber die Kirche für Lössen blieb erhalten, meist verkürzt als Buschkirche bezeichnet.

Es ist eine von vielen Geschichten, die Angelika Hofmann gesammelt hat, auch wenn das noch heute existierende Wolteritz den Hauptteil des Buches ausmacht. Ein Buch, das auch zeigt, wie heterogen das Material ist, das sich ansammelt, wenn eine Autorin erst einmal auf die Suche geht. Und es zeigt auch, wie wichtig dieses Sammeln ist, denn die Erinnerungen verschwinden mit den Menschen. Das weiß jeder Historiker, der sich mühsam durch sächsische Archive wühlt und froh ist, wenn er Steuerakten oder Gerichtsakten auftreiben kann oder gar die Pfarrer im Ort so fleißig waren, eine Chronik zu schreiben.

Doch die Archive bewahren nur die große, die Staatsgeschichte. Es braucht schon viel Erfahrung, wenn ein Historiker aus diesen Archiven tatsächlich wieder eine lebendige Ortsgeschichte destillieren will, so wie das Michael Liebmann zum Beispiel für das Brandvorwerk und das Dorf Connewitz in Leipzig gemacht hat. Die Geschichte der kleinen Orte verschwindet regelrecht, weil sich die große Geschichte fast immer nur auf die größeren Städte konzentriert.

Obwohl das Bewusstsein, wie wichtig auch die Geschichte der kleinen Orte ist, bei den regionalen Historikern durchaus vorhanden ist. Man denke nur an den 2009 bei Pro Leipzig erschienenen Band zum verschwundenen Heuersdorf oder zum 2012 im Engelsdorfer Verlag erschienenen Band zum ebenfalls verschwundenen Eythra. Gerade im mitteldeutschen Raum sind ja dutzende meist 800 Jahre und noch älterer Dörfer verschwunden, ihre Bewohner wurden im Zuge des Kohlebergbaus umgesiedelt.

Und natürlich sind sie allesamt heute hochbetagt und es ist höchste Zeit, ihre Erinnerungen einzusammeln oder mit ihnen in Familienalben zu blättern, denn mit ihnen verschwinden ja auch die Geschichten in diesen Alben. Wie hieß der Lehrer, der damals die 60 Kinder in der Dorfschule betreute? Wie hießen die Ortsvorsteher? Oder die Wirte des Gasthofes am Dorfteich?

Die Alten haben meist noch sehr lebendige Erinnerungen an ihre Kindheit im Dorf. Und von mehreren hat Angelika Hofmann die Erinnerungen mit aufgenommen in ihr Buch, in dem – wie gesagt – Wolteritz dominiert. Obwohl man doch immerzu wartet, wann das Drama um Lössen beginnt. Denn es ist ein Drama: Es kündigt sich mit ersten Gerüchten an, mit den Bohrtrupps, die die Kohleflöze ausmessen, den ersten Ankündigungen, dass fortan nichts mehr repariert wird im Dorf, und mit den Kaufangeboten für die Grundstücke.

Nur kann man sich halt in diesem Fall nicht auf die Zeitungen verlassen. Das Meiste, was damals wirklich wichtig war, stand nicht in der Zeitung. Bis zuletzt dominierte die Jubelberichterstattung, wurden Wettbewerbe und Wettbewerbssieger gefeiert. Da wird selbst die Rekonstruktion der Wolteritzer Dorfgeschichte zu einem Puzzle-Spiel, das aber auch zeigt, wie viele Facetten so eine Dorfgeschichte hat und was auch die Dorfbewohner für erinnerungswürdig halten.

Das reicht von der Geschichte der Feuerwehr über die Geschichte der Schule und die der Windmühlen bis hin zur sogenannten „Kollektivierung der Landwirtschaft“, die auch in Wolteritz sehr zwiespältig erinnert wird. Was aber nichts daran ändert, dass man auch die Rolle der LPG bis 1990 als gemeinschaftsstiftend empfand.

Ein wenig wird gerade mit den Berichten zum Umbruchjahr 1990 auch deutlich, wie einschneidend die wirtschaftlichen Veränderungen mit der Deutschen Einheit in so einem eigentlich ganz normalen sächsischen Dorf waren, in dem die meisten Dorfbewohner bislang direkt vor Ort auch Arbeit fanden, auch wenn einige zum Arbeiten in die nächstgelegenen größeren Orte – wie Rackwitz – fuhren. Sogar Gleisanschluss hatten Wolteritz und Lössen. Die Schulkinder waren auf den Zug angewiesen, als der Schulbetrieb im Nachbarort konzentriert wurde.

Man erfährt von den sehr lebendigen Erinnerungen an das Hochwasser von 1967 und den Katastrophenwinter 1978/1979, taucht aber mit den Dorfbewohnern auch in ihren Alltag ein – erfährt zum Beispiel, wie in den 1930er Jahren die neue Siedlung entstand und die Neuzugezogenen sich in die Dorfgemeinschaft integrierten, wie geschlachtet wurde, gebuttert und Federn gespleißt.

Aber auch Radfahrerverein, Chor und Kindergarten bekommen ihren Platz. Aber wer in so einem Dorf lebt, weiß, wie gerade die örtlichen Besonderheiten das Gefühl bestärken, Teil der Gemeinschaft zu sein – die Erinnerungen an die Feste im Dorfgasthof (der nach 1990 wegen Baufälligkeit abgerissen wurde), die Schlippen zwischen den Häusern, die die Wege aufs Feld oder zum Bahnhof abkürzten, die Erinnerung an Schmiede und Stellmacher, die im dörflichen Leben noch bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts eine Rolle spielten.

Und natürlich schwingt ein gewisser Stolz mit, wenn das kleine Dorf auch mal Teil der großen Weltgeschichte wurde. Und das wurden Wolteritz und Lössen auf jeden Fall 1631, als sie praktisch am Rand des Schlachtfeldes bei Breitenfeld lagen. Da spielte gerade der Kirchturm der Kirche Buschenau eine Rolle als idealer Beobachtungspunkt.

Und ganz ähnlich war es im Oktober 1813, während der Völkerschlacht. Während an die beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts eher nur die Listen der im Krieg Getöteten erinnern. Was in so einem Dorf immer sehr konkret wird, wenn dieselben Namen wie auf der Erinnerungstafel der Gefallenen auch in der Besitzerliste der einzelnen Bauernhöfe auftauchen.

Wobei man über Wolteritz auch noch erfährt, dass auch Wolteritz eigentlich aus zwei kleinen Runddörfern zusammengewachsen ist. Der Name des südlicheren Rundlings aber ging im Lauf der Geschichte verloren. Immerhin hieß der Lipzig.

Viele Fotos aus Familienarchiven ergänzen die Sammlung, die Angelika Hofmann hier zusammengetragen hat. Im Eingangsteil wird auch die Vorgeschichte der beiden 800 Jahre alten Dörfer erzählt. Wobei schon der slawische Name in beiden Fällen davon erzählt, dass die Dörfer am Lober wohl noch älteren Ursprungs sind.

Die Geschichte von Wolteritz endete ja zum Glück nicht 1988 wie die des Nachbardorfes. Da hatten die Wolteritzer LPG-Bauern zu genau zugehört, was die Ingenieure der Erkundungsteams erzählten. Denn die prognostizierten Kohleflöze unter Wolteritz waren nicht einmal ansatzweise so dick, dass sie das Abbaggern selbst in DDR-Zeiten in irgendeiner Weise gelohnt hätten.

Die Wolteritzer zogen alle Register, um die Parteiverantwortlichen zum Umdenken zu bewegen. Und sie haben es geschafft. Sodass Wolteritz heute ein Dorf direkt am Schladitzer See ist. Wenn man dort am Ufer steht, sieht man genau dorthin, wo einst Lössen lag.

Und es werden solche Sammlungen sein, wie sie jetzt Angelika Hofmann vorgelegt hat, die viele Aspekte aus der ganz und gar nicht langweiligen Geschichte (nord-)sächsischer Dörfer auch für künftige Forschungen zugänglich machen. Die Autorin bedauert es selbst, dass sie nicht viel früher losgezogen ist, um die älteren Bewohner der beiden Dörfer zu interviewen. Denn mit jeder Generation, die wegstirbt, geht auch eine ganze historische Erinnerungsschicht verloren.

Was auch die Älteren meist erst merken, wenn die Kinder und Enkel stutzen und fragen, wie das war, als das Dorf noch keinen Telefonanschluss hatte, dafür aber einen Bäcker und Tanz im Gasthof und die Kinder schon um 12 Uhr Schulschluss hatten, weil sie zu Hause noch in der Landwirtschaft helfen mussten. Usw.

Wenn man erst mal nachfragt, erfährt man auch was. Es müsste noch viel mehr nachgefragt werden.

Angelika Hofmann Geschichte lebendig erhalten – Erlesenes, Erfahrenes, Erlebtes, Edition digital Pekrul & Sohn, Pinnow 2020, 23,80 Euro.

Ein dickes Buch über ein verschwundenes Dorf im Leipziger Südraum: Eythra

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