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Luftholen, durchatmen, Puls messen. Am Mittwoch, 23. September, sickerte die Meldung durch, dass Berlin seine Bewerbung um die Austragung der Olympischen Spiele 2036, 2040 oder 2044 zurückziehen wird. Die entsprechende Pressekonferenz des Senats war zwar erst am Donnerstag. Und der eigentliche innerdeutsche Olympiaausscheid ist erst am Samstag. Aber der Wurm war schon länger drin. Der vorzeitige Ausstieg von Berlin, der auch Leipzig wieder aus einem Olympia-Rennen kegelt, kommt nicht überraschend. Schon im Vorfeld wurden viel zu viele Fehler gemacht. Und der größte Fehler kostete wichtige Punkte.

Denn am Dienstag, 22. September, veröffentlichte der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) seine Bewertung der drei möglichen deutschen Olympia-Bewerbungen. „Von 100 möglichen Zählern erreichte das Münchener Konzept 87,03 Punkte, Köln-Rhein-Ruhr kam auf 85,02 Punkte. Beide Konzepte wurden als ’sehr gut‘ bewertet, weil sie im Korridor zwischen 80 und 100 Punkten landeten. Die Bewerbung aus Berlin erhielt mit 74,64 Punkten die Note ‚gut’“, berichtete die „Sportschau“.

Ist das Wahlergebnis schuld?

Bei der „Tagessschau“ war man sich sogar sicher, dass das Wahlerfgebnis vom Sonntag, 20. September, den Ausschlag für den Rückzug gab: „Der schwarz-rote Senat, der die Pläne vorangetrieben hatte, wurde bei der Abgeordnetenhauswahl am Sonntag abgewählt. Wahlsiegerin Elif Eralp (Linke), die neue Regierende Bürgermeisterin werden könnte, ist Olympia-Gegnerin und hatte bereits den Bewerbungsprozess samt Kosten kritisiert.

Einen Tag nach der Wahl hatte Eralp bereits angekündigt, dass sich die Entscheidung erledigt habe. Auch die Grünen, die voraussichtlich Teil einer Regierung werden, lehnen die Pläne ab. Beide Parteien argumentieren, dass Berlin das Geld an anderen Stellen dringender brauche“

Der RBB hingegen wies darauf hin, was Berlin – trotz seiner positiv bewerteten internationalen Ausstrahlung – die meisten Punkte kostete: „Anders als in den beiden anderen Regionen gab es in der Hauptstadt keine Abstimmung der Bevölkerung. Diese Tatsache wurde laut Niroomand auch bei der Evaluierung der DOSB-Kommission stark gewertet. In Berlin hatte zwar das Abgeordnetenhaus einer Bewerbung zugestimmt, Olympia-Gegner hatten allerdings auch eine Volksinitiative gegen die Bewerbung gestartet.“

Und beim DOSB weiß man genau, dass so ein Riesenprojekt nicht wirklich funktioniert, wenn die Bevölkerung nicht dahinter steht. Auch die Leipziger, die als Partner die Berliner Bewerbung unterstützten, unterließen eine belastbare Bevölkerungsbefragung.

Kein Public Viewing

Nach dem nun am Donnerstag, 24. September, verkündeten Rückzug der Bewerbung von Berlin um Olympische und Paralympische Spiele wird deshalb das für Samstag, 26. September, ab 13.30 Uhr geplante Public Viewing zur Entscheidung um den deutschen Olympiakandidaten auf dem Leipziger Markt abgesagt, teilt nun das Leipziger Rathaus mit.

Leipzig ist ja durch die Berliner Absage nicht mehr dabei. In Baden-Baden wird sich bei der außerordentlichen Mitgliederversammlung des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB) entscheiden, ob sich Deutschland mit München oder mit der Region KölnRheinRuhr um die Ausrichtung Olympischer und Paralympischer Spiele bewirbt.

Die Bühne auf dem Leipziger Markt wird am Samstag ab 11 Uhr deshalb ganz den Leipziger Markttagen „gehören“, die vom 25. September bis 4. Oktober in die Innenstadt einladen.

Landessportbund Sachsen bedauert Rückzug von Berlin+

Am Donnerstag bedauerte dann auch der Landessportbund Sachsen (LSB) das Aus der gemeinsamen Bewerbung von Berlin und Leipzig.

„Wir bedauern den Rückzug von Berlin+ sehr. Leipzig und Sachsen waren mit großer Überzeugung Teil dieses Konzepts. Die gemeinsame Bewerbung hat gezeigt, welches Potenzial in der Verbindung einer internationalen Metropole mit starken Sportstandorten und großer Sporttradition in den Regionen liegt“, erklärte LSB-Präsident Dr. Frank Pfeil. Sein ausdrücklicher Dank gilt allen Beteiligten in Berlin und Leipzig für ihr Engagement.

Mit München und KölnRheinRuhr stehen nun zwei Konzepte für die weitere deutsche Bewerbung bereit. Positiv bewertet der LSB, dass KölnRheinRuhr mit Markkleeberg und Rostock-Warnemünde ausdrücklich auch ostdeutsche Sportstandorte einbeziehen möchte. „Das ist ein starkes Signal für den Anspruch, Olympische und Paralympische Spiele als gesamtdeutsches Projekt zu verstehen“, erklärt Pfeil.

Welche Bewerbung Deutschland international vertreten soll, entscheiden die zuständigen olympischen Verbände, das DOSB-Präsidium und die persönlichen Mitglieder des DOSB am 26. September in Baden-Baden. Sachsens LSB-Präsident betont: „Diesem Votum wollen wir nicht vorgreifen: Sowohl München als auch KölnRheinRuhr können im Falle ihrer Wahl auf die vorbehaltlose Unterstützung des organisierten Sports in Sachsen zählen. Entscheidend ist für uns, dass Deutschland anschließend geschlossen hinter seiner Bewerbung steht und gemeinsam für Olympische und Paralympische Spiele in unserem Land wirbt.“

Kein GOLD für Leipzig

„Die Enttäuschung ist natürlich riesengroß. Wir haben über Jahre hinweg auf dieses Ziel und auf diesen Samstag hingearbeitet“, sagt Jens Lehmann, kommissarischer Vorstandsvorsitzender von GOLD for Leipzig, dem Verein, der in Leipzig für Berlin+ trom,melte- „Mit der Wahl am vergangenen Sonntag sei die Situation für BERLIN+ sehr schwierig geworden. Aus seiner Sicht habe BERLIN+ das beste Konzept und auch international die aussichtsreichste Perspektive gehabt.“

Aber Euphorie ersetzt nun einmal nicht die Überzeugungsarbeit bei den Menschen. Auch die Leipziger Bewerbung litt darunter, dass es keine Bevölkerungsbefragung gab. Und Skepsis zu diesem Großprojekt gab es auch im Leipziger Stadtrat.

Leipzig brauch nachhaltige Sportstätten und bessere Bedingungen für Vereine

Vorsichtig meldeten sich am Donnerstag Leipzigs Grüne zu Wort, die betonten: „Wir haben diese Bewerbung als Fraktion Bündnis 90 / Die Grünen im Stadtrat Leipzig nie unkritisch begleitet. ‚Olympia um jeden Preis‘ war für uns nie das Ziel. Wir haben uns vielmehr dafür eingesetzt, dass Olympische und Paralympische Spiele nachhaltig, inklusiv und finanziell verantwortbar gedacht und umgesetzt werden und Leipzig langfristig etwas davon hat. Genau darin haben wir die Chance gesehen. Wer gemeinsam antritt, trägt auch gemeinsam Verantwortung und sollte auf der Zielgeraden nicht einfach die Anderen stehen lassen.

Besonders bedauern die Grünen die verlorene Chance für die Paralympischen Spiele. „Sie hätten Inklusion und Teilhabe eine große Bühne geben und die Sichtbarkeit von Menschen mit Behinderungen weit über den Sport hinaus stärken können. Darin liegt für uns die gesellschaftliche Kraft solcher Spiele: Menschen kommen zusammen, erleben Fairness, Respekt und Gemeinschaft. Gerade in einer Zeit, in der vieles auseinanderdriftet, ist das keine Nebensächlichkeit.“

„Natürlich hätte BERLIN+ am Sonnabend verlieren können“, kommentiert Sylvia Herbst-Weckel, sportpolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion, den Ausstieg von Berlin. „Das gehört zum Sport. Aber dafür muss man antreten. Drei Tage vor der Entscheidung selbst aus dem Verfahren zu gehen, ist für uns deshalb bitter. Und wenn mehrere Städte gemeinsam an den Start gehen, gehört für uns auch dazu, gemeinsam über das Ende zu sprechen. Es enttäuscht uns, und ja, es macht uns auch wütend. Gestern hat uns diese Nachricht ziemlich fassungslos zurückgelassen. Wir sind gemeinsam angetreten – und nun stehen Leipzig und die anderen Partner auf der Zielgeraden plötzlich allein da.“

In Leipzig haben sich Vereine, Verbände, Verwaltung, Politik und viele weitere Beteiligte auch mit der Frage beschäftigt: „Was bleibt eigentlich nach den Spielen?“ Es wurden Ideen entwickelt, Anforderungen formuliert und viel Zeit investiert.

„Was aber nicht mit der Bewerbung verschwinden darf, sind die richtigen Ideen, die dabei entstanden sind: nachhaltige Sportstätten, bessere Bedingungen für unsere Vereine, mehr Barrierefreiheit und Inklusion sowie ein starker Breiten-, Schul- und Spitzensport“, betont Sylvia Herbst-Weckel. „Dafür werden wir uns in Leipzig weiter einsetzen – mit oder ohne Olympische Ringe.“

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