Personen und Ereignisse, Traditionen, Bauwerke und anderes Erinnerungswürdiges, mehr oder minder in Vergessenheit geraten oder unterhalb der öffentlichen Wahrnehmung – sie stehen im Mittelpunkt der Memoria-Serie. Diesmal geht es um einen Professor aus Weimar an einer der angesehensten Universitäten weltweit.

Zweifellos ist es eine besondere berufliche Laufbahn – womöglich gar eine der außergewöhnlichsten aus Mitteldeutschland: Hans Tutschku, Jahrgang 1966, in Weimar zur Welt gekommen und aufgewachsen, begann sie nach Abschluss der zehnten Klasse mit seiner Lehre zum Elektriker. Gekrönt wurde sie mit der Berufung als Professor der Harvard-Universität in den USA. Holger Zürch hat Hans Tutschku dazu befragt:

Herr Professor Tutschku, Sie haben im Jahr 2004 in den USA begonnen als Professor für Komposition – an der Harvard University in Cambridge im Großraum Boston im US-Bundesstaat Massachusetts. Harvard gilt als eine der weltweit renommiertesten Universitäten. Wie wurden Sie Harvard-Professor? Gab es da schicksalhafte Fügungen?

Im Frühjahr 2004 erhielt ich eine E-Mail des damaligen Leiters des Musik-Departments. Er schrieb, dass eine Stelle für elektronische Komposition frei sei, man von meiner Arbeit in Europa gehört habe und mich gerne kennenlernen würde. Das kam völlig überraschend, zumal ich zuvor noch nie in die USA gereist war.

Meine klaren Vorstellungen von einer Ausbildung mit mehreren Studios und das damit verbundene pädagogische Konzept überzeugten die Dekane, die Kollegen im Musik-Department und die Doktoranden, die ich künftig betreuen würde.

Der Professor aus Weimar in Aktion (2011). Foto: Archiv Hans Tutschku
Der Professor aus Weimar in Aktion (2011). Foto: Archiv Hans Tutschku

Was ist aus Ihrer Sicht und aus Ihrer Erfahrung das Besondere an Harvard – für Studenten und für Professoren?

Wir unterrichten zwei unterschiedliche Gruppen von Studierenden: Die „Undergraduates“, also die Bachelorstudierenden, spezialisieren sich innerhalb der Musikausbildung zunächst nicht auf ein einzelnes Fach, sondern beschäftigen sich mit Musiktheorie, Musikgeschichte und Komposition, bevor sie einen Schwerpunkt wählen.

Sie sind alle sehr motiviert und nehmen neue Inhalte und Themen schnell auf. Die Schwierigkeit besteht manchmal darin, sie dazu zu ermutigen, ihre gewohnten Arbeitsweisen zu verlassen und Risiken einzugehen.

Die Doktoranden in Komposition kommen aus der ganzen Welt. Da wir nur wenige Stipendien vergeben, ist die Auswahl sehr kompetitiv. Wir arbeiten daher mit sehr motivierten und talentierten Komponisten. Das Lernen geschieht auf sehr hohem Niveau – auch ich lerne viel von den Studierenden.

Was beeindruckt Sie aus eigenem Erleben besonders an den USA? Und was ist für Sie dort bis heute schwer verständlich?

Ich liebe die multikulturelle Gemeinschaft in Boston. Das kulturelle Angebot mit seinen Museen, Konzerten und vielem mehr ist sehr vielfältig. Leider wird die Gesellschaft zunehmend gespalten und polarisiert. In manchen Situationen kann man nicht mehr sachlich streiten, und gegensätzliche Positionen werden schnell als „feindlich“ angesehen.

Wie sehen Sie sich selbst – als Deutscher mit DDR-Wurzeln, als US-Amerikaner, als Kosmopolit? Haben Sie die US-Staatsbürgerschaft?

Ich habe seit vielen Jahren die doppelte Staatsbürgerschaft. Das ist aber eher eine bürokratische Tatsache. An meinem Verhältnis zum Land hat sie nichts geändert.

Das Thema Patriotismus hat mir schon in der DDR nicht behagt – damals allerdings aus anderen politischen Gründen. Auch in der gegenwärtigen politischen Diskussion in Deutschland ist es ein schwieriges Thema. Wir sollten stolz auf unser Land sein können, ohne andere Menschen als weniger wert anzusehen, auszuweisen oder zu verteufeln.

Ich fühle mich als Weltbürger, habe mehr als 50 Länder bereist und in mehreren davon viele Jahre gelebt. Dabei relativieren sich manche Ansichten, und man beginnt, die vielfältigen Möglichkeiten unterschiedlicher Gesellschaftsformen anzuerkennen und zu respektieren.

Hans Tutschku bei Glockenaufnahmen in Thailand (2009). Foto: Archiv Hans Tutschku
Hans Tutschku bei Glockenaufnahmen in Thailand (2009). Foto: Archiv Hans Tutschku

Wo und womit sind Sie aktuell beschäftigt?

Meine kreative Arbeit hat sich immer auf verschiedenen Gebieten abgespielt – oft gleichzeitig. Das vergangene Jahr habe ich hauptsächlich mit der Vorbereitung der Ausstellung „Offene Räume aus Licht und Klang“ in der ACC Galerie Weimar verbracht.

Ich musste mehrere interaktive Installationen umbauen, um sie an das europäische Stromnetz anzupassen. Dabei nutzte ich die Gelegenheit, auch drei neue interaktive Installationen zu schaffen: die reine Videoarbeit „Doppelspiegel“, das Instrument „Klangholz für tastende Hände“, mit dem die Besucher selbst Klangsynthese ausprobieren können, und die Klang- und Lichtinstallation „Langsame Wandlungen“.

Jetzt kehre ich wieder zur musikalischen Komposition zurück und werde den vierten Teil des Zyklus „Spaces“ komponieren. Der Zyklus wird aus vier 24-kanaligen elektroakustischen Werken bestehen, die einen Klangdom um das Publikum entstehen lassen und ganz neue Klang-Raum-Erfahrungen ermöglichen.

Die anderen drei Teile wurden bereits einzeln uraufgeführt. Nun fehlt noch der vierte Teil, um das ungefähr einstündige Gesamtwerk abzuschließen.

Der Musiker in Brasilien mit dem Aufnahmegerät auf der Pirsch nach Klang-Ereignissen für seine Kompositionen. Foto: Archiv Hans Tutschku
Der Musiker in Brasilien mit dem Aufnahmegerät auf der Pirsch nach Klang-Ereignissen für seine Kompositionen. Foto: Archiv Hans Tutschku

Nach 22 Professor-Jahren in Harvard haben Sie sich jetzt zu Ihrem runden Geburtstag emeritieren lassen – weshalb?

Das war eine Entscheidung aus familiären Gründen.

Wie geht es bei Ihnen künftig weiter? Womit befassen Sie sich in Harvard als Research Professor?

Ich werde die gegenwärtigen Doktoranden weiterhin bis zur Verteidigung ihrer Dissertationen begleiten.

Haben Sie vor, irgendwann dauerhaft zurückzukehren nach Deutschland, nach Thüringen, nach Weimar? Oder wo haben Sie Ihr persönliches Zuhause gefunden?

Mein Leben war nie eine geplante Abfolge von Ereignissen oder Stationen. Ich wollte immer offen bleiben für die Möglichkeiten und Aufgaben, die mich am meisten interessierten – natürlich im Einklang mit den Menschen, die mir am nächsten stehen.

Insofern weiß ich nicht, wo ich in zehn Jahren sein werde. Aber jedes Mal, wenn ich nach Weimar zurückkomme, gefällt mir der Ort wieder sehr. Wer weiß, vielleicht wird er dann noch einmal mein Hauptwohnsitz.

Welche Fragen haben Sie hier jetzt vermisst? Und wie lauten Ihre Antworten auf diese Fragen?

Wir könnten sicher über sehr viele Themen sprechen: über Einflüsse, wichtige kreative Partner, Hörgewohnheiten, die ich in anderen Kulturen für mich entdeckt habe, oder auch über kulinarische Freuden.

Für mich war und ist positive Neugier immer eine treibende Kraft. So habe ich aus vielen Kunstbereichen Anregungen erhalten. Ich besuche in vielen Städten Museen, sowohl für historische als auch für zeitgenössische Kunst, lese nach wie vor gerne Poesie und begegne anderen inspirierenden Künstlern. Wenn sie aufrichtig in ihrem Bereich arbeiten und sich wirklich um eine künstlerische Aussage bemühen, statt sich hauptsächlich um ihre Karriere zu kümmern, haben wir immer ein gemeinsames Thema. Aus diesen ersten Gesprächen hat sich dann oft ein längerfristiger Gedankenaustausch oder manchmal auch ein gemeinsames Projekt entwickelt.

Herr Tutschku, herzlichen Dank für Ihre Antworten!

Transparenzhinweis: Die Fragen und die Antworten wurden schriftlich übermittelt.

Werdegang Hans Tutschku

Der Komponist und Musiker Hans Tutschku wuchs in Weimar in einem musikalischen Elternhaus auf, seine Eltern waren klassische Musiker, sein Großvater ist der Kunsthistoriker Walther Scheidig. Nach der Lehre als Elektriker und abgebrochenem Schauspielstudium studierte er Komposition an der Hochschule für Musik „Carl Maria von Weber“ in Dresden und am IRCAM in Paris.

Seit 1982 gehört er als Musiker zum von Michael von Hintzenstern geleiteten „Ensemble für Intuitive Musik“ (EFIM – Link einfügen: https://www.l-iz.de/bildung/buecher/2026/05/klaenge-des-augenblicks-44-experimentierfreudige-jahre-eines-besonderen-weimarer-klangensembles-656451 ) aus Weimar. Dabei begleitete er ab 1989 den Komponisten Karlheinz Stockhausen (1928–2007) bei mehreren Konzertzyklen.

Hans Tutschku studierte er von 1991 bis 1992 am Königlichen Konservatorium in Den Haag Sonologie und Elektroakustische Komposition. Er lehrte als Gastprofessor für Elektroakustische Komposition von 1995 bis 1996 an der „Hochschule für Musik Franz Liszt“ in Weimar, von 1997 bis 2001 am IRCAM in Paris sowie von 2001 bis 2004 am Konservatorium in Montbéliard. Im Mai 2003 wurde er an der Universität Birmingham zum PhD (Philosophiae Doctor) promoviert, im selben Jahr war er Gastprofessor an der Technischen Universität Berlin.

Seit September 2004 lehrt Hans Tutschku als Professor für Komposition an der Harvard University und ist Leiter des zugehörigen Studios für Elektroakustische Musik. Seit 2026 ist er als Harvard Research Professor tätig.

Hans Tutschku auf Wikipedia: e.wikipedia.org/wiki/Hans_Tutschku

Hans Tutschku auf der Seite der Harvard University: music.fas.harvard.edu/people/hans-tutschku

Die Ausstellung „Hans Tutschku – Offene Räume aus Licht und Klang“ bis 23.12.2026, ACC Galerie Weimar: https://acc-weimar.de/ausstellungen/a/hans_tutschku_offene_raeume_aus_-2034.html

Das „Ensemble für Intuitive Musik“ aus Weimar: https://tutschku.com/efim/?lang=de

So können Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstützen:

Keine Kommentare bisher

Schreiben Sie einen Kommentar