Denkmalschutz, so wichtig er für viele Menschen ist, wird oft auch als Ärgernis oder als Hinderungsgrund für Sanierungen angesehen. In Leipzig kann man da an den Handlauf der Freitreppe vor dem neuen Rathaus denken, ein solcher wurde jahrelang „aus Gründen des Denkmalschutzes“ abgelehnt. Heute fällt er niemandem mehr auf, wahrscheinlich denken die meisten Menschen er wäre schon immer da gewesen. Das ist aber nur eines von vielen Beispielen.

Markus Geisenberger, Geschäftsführer Leipziger Messe, bei seinem Grußwort Foto: Thomas Köhler

In Leipzig gibt es jährlich die Messe „denkmal“, die Europäische Leitmesse für Denkmalpflege, Restaurierung und Altbausanierung. 2026 findet diese vom 5. bis 7. November auf dem neuen Messegelände statt. In diesem Jahr gab es erstmalig ein Eröffnungspanel mit dem Titel „Wieviel Denkmal können wir und (noch) leisten?“ Bei der hochkarätigen Besetzung mit Prof. Dr.-Ing Alexander Stahr von der HTWK Leipzig als Moderator, Prof. Dr. Thomas Drachenberg, dem Landeskonservator und stellvertretenden Direktor des Brandenburgischen Landesamtes für Denkmalpflege, Alexander Poetzsch, dem Präsidenten des Bundes Deutscher Architektinnen und Architekten (BDA) und Andreas Bugiel, Geschäftsführer der Bennert GmbH, war eine interessante Diskussion zu erwarten. Wir wurden nicht enttäuscht.

Prof. Alexander Stahr (HTWK), Alexander Poetzsch (VDA), Andreas Bugiel (Bennert GmbH), Prof. Thomas Drachenberg (BLDAM) Foto: Thomas Köhler

Alle Inhalte wiederzugeben würde den Rahmen des Artikels sprengen. Wir haben Prof. Drachenberg um ein kurzes Gespräch gebeten.

Gespräch mit Prof. Dr. Thomas Drachenberg

Herr Professor Drachenberg, ich wandele die Frage, die im Panel gestellt wurde ab in „Wie viel Denkmal wollen wir uns noch leisten?“ Man hat mitunter den Eindruck, gerade in Städten wie Leipzig, es gäbe eine Inflation an denkmalgeschützten Gebäuden, die teilweise Ruinen sind. Eigentümer und Investoren sagen: Nee, mache ich nicht, das ist denkmalgeschützt, das ist mir zu viel Arbeit. Ist das so?

Das ist eine schwierige Frage, weil Denkmalpflege und Denkmalschutz sind dual. Das heißt, die erste Phase ist die Erkenntnis, dass das und das einen Denkmalwert hat. Was einen Denkmalwert hat, steht im Denkmalschutzgesetz. Das heißt, ich muss es als Landesamt nachweisen und begründen. Das ist das eine. Dabei ist es egal, ob das jemandem mit vier Kindern oder jemandem allein lebenden gehört, ob derjenige Geld hat oder kein Geld hat. Das heißt beispielsweise, das Leipziger Rathaus ist ein Denkmal. Ob es als Rathaus funktioniert oder nicht, ist völlig egal, es ist zuerst ein Denkmal, Punkt.

Digitale Bauwerksdokumentation von MonArch Foto: Thomas Köhler

Die zweite Phase ist dann die Phase, wo ich alle realen Gegebenheiten mit einbeziehen muss. Das heißt, es muss zumutbar sein und es muss machbar sein. Da gibt es dann verschiedene Szenarien. Ich komme aus dem Land Brandenburg, dort steht in Frankfurt-Oder eine Villa, die ist leer und ist dabei zu verfallen. Die gleiche Villa steht in Potsdam und da schlagen sich fünf Leute drum. In diesem Beziehungsgeflecht, in diesen Bedingungen agieren wir und müssen klären, wo die Möglichkeiten sind, etwas zu erhalten. In Potsdam wird es anders sein als in Frankfurt-Oder, in Frankfurt-Oder muss man wahrscheinlich über Sicherung reden. In Potsdam muss gucken, wer das beste Konzept an der Stelle für das Denkmal hat.

Das auszudiskutieren und auszutarieren erfordert viel Fachwissen, erfordert eine gute Kommunikation. Sie brauchen dazu die Stadt, sie brauchen dazu das Investment, sie brauchen dazu die Architekten, um eine Lösung für dieses Bauwerk zu finden. Die Frage steht gar nicht, wie viele Denkmale wollen wir uns noch leisten? Sondern der Denkmalbegriff geht davon aus, dass es egal ist, ob Sie oder ich schon erkannt haben, dass das da hinten ein Denkmal ist. Das ist völlig egal, es ist eins.

Die Jugendbauhütten präsentieren sich auf der „denkmal“ Foto: Thomas Köhler

Denkmalschutz wird oft als Begründung für die Verhinderung von Modernisierung gesehen. Kann man das so pauschal sagen, oder lassen sich Kompromisse zwischen Denkmalschutz und beispielsweise einer Solaranlage auf dem Dach finden?

Das Interessante ist ja, 95 Prozent der laufenden Fälle und es sind Tausende im Jahr, bundesweit hunderttausende, laufen problemlos. Worüber wir reden, sind die fünf Prozent. Da kann es verschiedene Ursachen geben. Ich werde als Denkmalpfleger dann ruckig, wenn Sie das Denkmal abreißen wollen. Dann wird es keine Kompromisse geben. Das heißt, dann werden wir miteinander ringen müssen, für eine Lösung fürs Denkmal und auch für Sie. Wenn es um Veränderungen am Denkmal geht, dann gibt es so viele Möglichkeiten es zu verändern, dass ich als Denkmalpfleger schon sage: Wo ist denn eigentlich der Punkt, wo etwas so bleiben soll wie es ist? Wir haben mittlerweile in allen Bundesländern geregelt, was man bei Solaranlagen machen kann. Also bei uns in Brandenburg haben wir eine Ermöglichungskultur. Auch in anderen Bundesländern wird meist überlegt wie es gehen kann und nicht wie es verhindert werden kann.

Blick in die Messehalle Foto: Thomas KöhlerBlick in die Messehalle Foto: Thomas Köhler

Bei der Solaranlage beispielsweise stellt sich manchmal die Frage, wozu diese sinnvoll ist. Gibt es vielleicht andere Möglichkeiten, wie eine Erdwärmebohrung, gekoppelt mit einer kleineren Solaranlage? Der Punkt ist: Wir brauchen eine gute Kommunikation, bevor wir etwas in die Bürokratie gießen.

Herr Professor Drachenberg, ich bedanke mich für das Gespräch.

Es gab auf der Messe sehr viel Handwerk zu sehen, wir hatten 2024 den Fokus auf dieses gelegt. Dieses Jahr interessierte uns mehr der Denkmalschutz an sich. Da fiel uns an einem Stand ein Plakat mit der Aufschrift „Denkmalgeschützte Gebäude zukunftsfähig planen“ auf. Die Probstei Johannesberg gGmbH hat ein Buch mit dem Titel „Denkmalpflege – Handbuch für Architekten“ zu diesem Thema herausgegeben und ein Mitautor, der Geschäftsführer Jürgen Krieg, beantwortete gern einige Fragen.

Gespräch mit Jürgen Krieg

Jürgen Krieg, Geschäftsführer Probstei Johannesberg GmbH Foto: Thomas Köhler

Herr Krieg, was bedeutet für Sie „zukunftsfähig planen“? Bedeutet es nur, dass das Gebäude nicht einstürzt oder die zukunftsfähige Nutzung?

Selbstverständlich beides. Zukunftsfähig planen bedeutet auch, dass die Denkmäler so hergerichtet und saniert werden, dass sie für die Zukunft weiterhin nutzbar sind. Das bedeutet insbesondere, dass man für ausreichende Behaglichkeit sorgt, Energieeffizienz berücksichtigt, aber auch zukunftsfähige Verfahren verwendet. Zum Beispiel die Digitalisierung bei der Instandsetzung der Gebäude verwendet.

Bei dem Eröffnungspanel sagte Alexander Poetzsch vom BDA, dass man nicht in jedes denkmalgeschützte Gebäude eine Lüftung einbauen muss, es muss auch genügen regelmäßig über die Fenster zu lüften. Gibt es da ein Spannungsfeld zwischen Nutzern die es mit einer Lüftung behaglich und bequem haben wollen und dem Denkmalschützer, der sie über die Fenster lüften lassen will? Muss man Menschen davon überzeugen, dass es in einem Denkmal auch andere Kriterien geben kann?

Ja, es gibt für das Denkmal andere Kriterien, das kann man ganz klar so sagen. Man muss die Balance finden zwischen Eingriff und Bestandserhalt. Lüften über Fenster oder braucht man Lüftungsanlageeinbau, hängt ganz stark von der Nutzung ab, vom Nutzungsverhalten, von der Bausubstanz und von vielen anderen Parametern. Es ist wichtig, dass man sich ordentlich mit dem Baudenkmal beschäftigt, um genau und differenziert die Parameter anwenden zu können.

Welche Rolle spielt für Sie das ökologische Bauen, also die Baustoffe betreffend?

Die Denkmalpflege kennt schon lange die Wiederverwendung historischer Baustoffe, von daher ist sie eigentlich das, was jetzt für Neubauten als Nachhaltigkeit in aller Munde ist. Wiederverwendung, Verwendung alter Baustoffe das kann, die macht die Denkmalpflege schon sehr lange. Nachhaltig ist es jedenfalls ein Gebäude zu sanieren, anstatt ein Gebäude neu aufzubauen.

Herr Krieg, ich bedanke mich für das Gespräch.

Schild: Denkmal Hackathon, veranstaltet von OrangeListe.com Foto: Thomas Köhler

Was ist ein Denkmal Hackathon?

Denkmal Hackathon – Gemeinsam Gebäude retten, das Schild fiel auf und warf gleichzeitig Fragen auf. An zwei Tischen saßen Menschen mit Plänen, diese diskutierten, zeichneten und Matthias Binninger von Orange Liste, dem Veranstalter, stellte sich gern unseren Fragen.

Herr Binninger. Denkmal Hackathon, gemeinsam Gebäude retten, was bedeutet das?

Die Idee ist, dass wir hier auf der Messe ein wirklich konkretes Gebäude durch konzeptionieren über zwei Tage um am Samstag, dem dritten Tag, die Ergebnisse präsentieren zu können. Das, was im Denkmalbereich zwei Jahre dauert, wollen wir jetzt in zwei Tagen machen, indem wir einfach alle Perspektiven beleuchten, was es braucht um ein Denkmal auf Vordermann zu bringen. Dazu haben wir hier die Eigentümer, in dem Fall die Gemeinde sitzen, da drüben sitzen ein paar Experten. Über die zwei Tage werden wir alle Fachrichtungen beleuchten, also technisch, denkmalpflegerisch, inhaltlich, Geschäftsmodell, Finanzierung, Organisationsmodell, diese ganzen Themen wollen wir in verschiedenen Slots bearbeiten, über die zwei Tage verteilt und im Idealfall präsentieren wir die Ergebnisse am Samstag.

Matthias Binninger, Orange Liste Foto: Thomas Köhler

Das Gebäude ist das Gemeindehaus St. Peter, wo ist das?

In Bad Waldsee, das ist im Süden von Baden-Württemberg.

Auch wenn es auf dem Bild noch ganz gut aussieht, ist er wahrscheinlich in einem sanierungsbedürftigen Zustand?

Genau, das muss auf jeden Fall saniert werden, aber die Frage ist natürlich: In welche Richtung möchte man das Gebäude transformieren? Also, welche Nutzung, welche Idee, welche inhaltliche Positionierung hat es und wer bezahlt es letztendlich. Unter uns gesprochen ist ja auch klar, dass die Kirchengemeinden große Herausforderungen haben. Für wen soll dieses Gebäude in Zukunft nutzbar sein, mit welcher Idee und letztendlich wie wird es finanziert, damit das Gebäude in komplett zentraler Lage für die Stadtgemeinde so erhalten bleibt. Das ist die Idee.

Die Orange Liste, was ist das?

Die Orange Liste ist eine Plattform, auf dem jeder Mann und jede Frau Gebäude einreichen können, die leer stehen. Also nicht nur Denkmalschutzgebäude, sondern generell Baubestand. Wir versuchen dann die richtigen Rettungskonstellationen zu initiieren, dass die richtigen Menschen mit den richtigen Orten so in Verbindung gebracht werden. So können Rettungen entstehen, die davor keiner auf dem Schirm hatte. Das heißt, es ist eine Plattform mit der Gebäude gerettet werden sollen, beziehungsweise die Ermöglichmachung von Gebäuderettungen. Jeder kann davon Teil sein, jeder kann dafür Gebäude einreichen, jeder ist herzlich willkommen, ob Profi, Laie oder wer auch immer.

Auf OrangeListe.com, kann man das Gebäude einreichen, das dauert eine Minute, Bilder hochladen, Informationen hochladen. Hackathons sind dann Gebäuderettungsmaßnahmen, die wir dann auch anbieten, damit wir für konkrete Gebäude Lösungen finden.

Herr Binninger, ich bedanke mich für das Gespräch.

Baustoff Hanfkalkstein Foto: Thomas Köhler

Es gab noch viel zu sehen, wie Baustoffe aus Hanf, Sanierung von Reetdächern, Schilf als Bau- und Dämmstoff und selbstverständlich traditionelles Handwerk. Aber auch die Digitalisierungslösungen, bis hin zum Einsatz von KI wurden vorgestellt.

Alles in allem war es ein weiterer informativer Messebesuch. Wir werden auch in den nächsten Jahren berichten.

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