Mehr als 10.000 junge Menschen demonstrierten am 31. Oktober in Sachsen für ihre Zukunft. Die überwältigende Mehrheit friedlich. Doch in den politischen und medialen Reaktionen rückten Gewalt und Sicherheit auffällig in den Vordergrund. Was sagt das über das Verständnis demokratischer Beteiligung aus? Die Anliegen waren lange vorher bekannt: bessere Bildung, bezahlbares Wohnen, soziale Sicherheit, Klimaschutz, Zukunftsperspektiven und die Auseinandersetzung mit einer möglichen Wehrpflicht. Die Bewegung „Gen Z regelt“ hat diese Probleme nicht erfunden.

Sie macht sie sichtbar und trägt sie auf die Straße. Aus medizinischer Sicht könnte man sagen: Die Demonstrationen sind ein gesellschaftliches Vitalzeichen. Oder zeigen sie bereits Fieber an? Sie machen zumindest deutlich, was junge Menschen bewegt – und dass sie bereit sind, dafür demokratisch einzutreten.

Friedlich – aus eigener Verantwortung

Die Demonstrationen in Sachsen verliefen nach Einschätzung der Polizei weitgehend friedlich. Das ist zunächst die Leistung der Demonstrierenden selbst. Punkt. Nicht etwa, weil die Polizei Tausende Jugendliche „im Griff hatte“, sondern weil diese ihr Grundrecht eigenverantwortlich wahrnahmen.

In Leipzig beteiligten sich rund 7.000 Menschen. Die Polizei registrierte während und nach der Demonstration mehr als 100 Straftaten und etwas mehr als 30 bekannte Tatverdächtige. Rechnerisch bewegt sich deren Anteil an den Demonstrierenden im einstelligen Promillebereich. Niemand, außer vielleicht Armin Schuster, käme auf die Idee, eine ganze Schule nach den Straftaten einiger weniger Schüler zu beurteilen. Warum sollte das bei einer Demonstration anders sein?

„Gen Z regelt das“ am 31. Oktober auf dem Augustusplatz. Foto: Frank Beutner
„Gen Z regelt das“ am 31. Oktober auf dem Augustusplatz. Foto: Frank Beutner

Dabei sind Tatverdächtige nicht mit Gewalttätern gleichzusetzen; viele registrierte Delikte betrafen Vermummung oder Pyrotechnik. Die späteren Sachbeschädigungen im Leipziger Süden und Verletzungen von Polizeibeamten dürfen nicht bagatellisiert werden. Doch ebenso wenig dürfen sie nachträglich das Bild Tausender friedlicher Menschen überschatten.

Ein Hubschrauber und eine überraschende Erfahrung

Auf dem Leipziger Augustusplatz kreiste während der Kundgebung ein Polizeihubschrauber. Seine Geräusche übertönten anfangs die Redebeiträge. Ich sprach daraufhin einen ranghohen Polizeibeamten an und bat darum, die Situation zu verbessern. Kurz darauf drehte der Hubschrauber ab. Das war eine positive Erfahrung: Eine Bitte wurde gehört, ernst genommen und hatte unmittelbar Wirkung.

Auch Juliane Nagel beschrieb den Polizeieinsatz in einem kurzen Austausch diesmal, verglichen mit den Befürchtungen im Vorfeld und den Erfahrungen vom Tag X 2023, eher zurückhaltend. Das verdient zunächst Anerkennung, ohne einzelne Maßnahmen einer kritischen Prüfung zu entziehen. Es geht nicht darum, Jugendliche und Polizei gegeneinanderzustellen.

Im Mittelpunkt stehen die Demonstrierenden und ihre Anliegen. Die Polizei soll dafür die Versammlungsfreiheit schützen.

„Gen Z regelt das“ am 31. Oktober auf dem Augustusplatz. Foto: Frank Beutner
„Gen Z regelt das“ am 31. Oktober auf dem Augustusplatz. Foto: Frank Beutner

Was hat die Politik gehört?

Von Ministerpräsident Michael Kretschmer, Kultusminister Conrad Clemens und Sozialministerin Petra Köpping konnte man auch nach fünf Tagen noch keine ausdrücklich auf diese Demonstrationen bezogenen öffentlichen Stellungnahmen finden.

Sachsens Innenminister Armin Schuster bedankte sich zunächst erst einmal bei den Polizeikräften, „aber auch“ bei den friedlichen Versammlungsteilnehmern. Vor allem betonte er die Verantwortung der Organisatoren, sich von Gewalttätern und Extremisten abzugrenzen, und verwies auf die bevorstehende Innenministerkonferenz am 2. Dezember in Hamburg.

Auf Bundesebene verurteilten Kanzler Friedrich Merz und Innenminister Alexander Dobrindt ebenfalls die Gewalt.

Regierungssprecher Stefan Kornelius warnte zugleich ausdrücklich davor, wenigen Chaoten übermäßige Aufmerksamkeit zu schenken. Bundesjugendministerin Karin Prien erkannte die Sorgen der jungen Generation an und kündigte Gespräche an. Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung hatte bereits zuvor gefordert, die Anliegen ernst zu nehmen.

Es gibt also durchaus politische Antworten. Doch was folgt daraus konkret? Welche Forderungen werden geprüft? Welche Entscheidungen verändert? Und wie erfahren die Jugendlichen, was aus ihrem Engagement geworden ist?

Wer trägt Verantwortung für eine Eskalation?

Eine Demonstration ist keine homogene Gemeinschaft. Unterschiedliche Menschen gehen mit unterschiedlichen Motiven auf die Straße. Darunter können auch Trittbrettfahrer und gewaltbereite Gruppen sein. Niemand trägt allein durch seine Teilnahme Verantwortung für das Verhalten eines unbekannten Nebenmanns.

Gewalt kann friedliche Menschen verunsichern und abschrecken. Sie kann den ursprünglichen Anliegen die Aufmerksamkeit entziehen und politischen Kräften Argumente liefern, die den Protest insgesamt diskreditieren möchten. Das kann auch demokratiefeindlichen Akteuren nutzen, ohne dass damit eine gezielte Steuerung der Gewalt behauptet wäre.

Vor weiteren Demonstrationen braucht es deshalb gegenseitige Rücksichtnahme, besonnenes Handeln und gezielte, verhältnismäßige Polizeimaßnahmen – nicht automatisch immer mehr Polizeipräsenz. Aber vor allem die Politik steht in der Verantwortung. Eine ausbleibende politische Antwort kann das Vertrauen schwächen, dass friedliche demokratische Beteiligung etwas bewirkt.

Zuhören reicht nicht

Der Kommunikationspsychologe Friedemann Schulz von Thun unterscheidet zwischen Sachinhalt, Selbstoffenbarung, Beziehung und Appell einer Nachricht. Wenn die Politik nach einer überwiegend friedlichen Demonstration vor allem über Gewalttäter spricht, kann bei jungen Menschen auf der Beziehungsebene ankommen: Eure Sorgen sind weniger wichtig als die Frage, ob ihr ordentlich demonstriert habt. Das muss nicht beabsichtigt sein. Entscheidend ist aber auch, wie die Botschaft ankommt.

Am 20. November sind weitere Demonstrationen angekündigt. Bis dahin wäre eine politische Antwort angemessen, die über Dankesworte, Sicherheitsdebatten und bereits zuvor geplante Gesprächsformate hinausgeht. Auf dem Leipziger Augustusplatz reichte eine Bitte, und etwas veränderte sich.

Die jungen Menschen haben mit ihren Demonstrationen sehr viel mehr als eine Bitte formuliert. „Gen Z regelt“ – jetzt kann auch die Politik zeigen, was demokratisches Zuhören bewirken kann.

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