Die Frauen in Goethes Leben – sie sind ein ewiges Thema in den Diskussionen um den Dichter. Welche Rolle spielten sie tatsächlich? Wer waren sie? Wie sahen sie ihre Rolle selbst? Die letzte Frage stellen sich die meist männlichen Biografen eher selten. Auch weil die Frauen – anders als Goethe selbst – kaum Selbstzeugnisse hinterlassen haben.
Aber auch, weil sich männliche Autoren nur schwer in die weibliche Perspektive versetzen können. Etwa die von Charlotte von Stein, die mindestens zehn Jahre lang die große Liebe des in Weimar gestrandeten Dichters war.
Eine Liebe, die 1786 ganz offensichtlich ihren Bruch erlebte, als Goethe ohne Grüße und Abschied einfach nach Italien aufbrach. Ein Ausbruch, mit dem Goethe einer Situation entfloh, die er nicht mehr aushielt. Und dazu kam, wie es Wikipedia so schön formuliert: „Als ihm der Verleger Göschen 1786 das Angebot einer Gesamtausgabe machte, wurde ihm schockartig klar, dass von ihm in den letzten zehn Jahren nichts Neues erschienen war.“
Das hatte mit seinem Dienst als Hofrat beim Herzog zu tun, der ihn praktisch auch zehn Jahre lang daran hinderte, schriftstellerisch zu arbeiten, möglicherweise auch mit der quälenden Beziehung zu Charlotte von Stein, die ja mit dem Oberstallmeister Gottlob Ernst Josias Friedrich von Stein verheiratet war und – ganz Teil der Weimarer Hofgesellschaft – auf Distanz und Etikette achtete. Und sich – sieben Jahre älter als der Jungspund – auch in gewisser Weise als Erzieherin Goethes verstand.
Aber da war mehr. Eine Faszination, die Goethe lange an diese gebildete und kluge Frau fesselte. Eine Faszination, der vor allem die Literaturwissenschaftlerin Sigrid Damm nachspürte in ihrem Buch „Sommerregen der Liebe. Goethe und Frau von Stein“. Ein Buch, auf das sich auch Anja Stilller stark bezieht, eben weil es die Sicht auf diese Liebesbeziehung erstmals aus weiblicher Perspektive zeigt.
Und damit auch die Motive sichtbar macht, die Charlotte von Stein so handeln ließen, wie sie handelte. Und auch ihre Enttäuschung sichtbar macht, als dieser Goethe 1786 auf einmal ohne Ankündigung und Entschuldigung nach Italien verschwindet. Wo ihm manche Männer dann erste sexuelle Erfahrungen nachsagen, wo doch die Beziehung zu Charlotte die ganze Zeit platonisch gewesen war.
Männliche Mutmaßungen
Eine Mutmaßung, die Anja Stiller bezweifelt. Wohl zu recht. Männliche Interpreten sind manchmal auch regelrecht doof, was die Interpretation männlichen Handelns betrifft. Was wirklich stimmt, weiß ohnehin niemand. Und auch die erotischen Anspielungen in den 1795 erstmals teilveröffentlichten „Römischen Elegien“ müssen ganz und gar nicht auf Begegnungen in Italien beruhen.
Die Literaturwissenschaftler streiten. Und die Autorinnen schütteln die Köpfe. Wohl zu recht. Sie wissen oft viel besser, wie Männer ticken.
Und dass ein Goethe durchaus auch im Zwiespalt leben konnte zwischen der hochgradig intellektuellen Liebe zu Charlotte und der sehr sinnlichen und irdischen Liebe zu Christiane Vulpius, die er just nach seiner Rückkehr 1788 aus Italien kennenlernte, macht auch Anja Stillers sehr lebendige Reise durch diese Beziehungskiste deutlich.
Eine Beziehungskiste, in der Charlotte durchaus auch heftig und verletzend werden konnte. Was sich zumindest in den überlieferten Briefen und Zettelchen Goethes ablesen lässt, der wohl oft genug nicht wusste, wie ihm geschah. Über 1.700 sind wohl erhalten, einige auch in Sigrid Damms Buch veröffentlicht.
Nur Charlottes Teil fehlt. Gerade für jene intensiven Jahre von 1774, als sie den Autor des „Werther“ kennenlernte, und 1786, als die Beziehung beinah in die Brüche ging. Zumindest die große Liebe endete, die dann später in eine Freundschaft mündete, die beide bis zu Charlottes Tod verband.
Die Frauen des klassischen Weimar
Gleich das erste Kapitel hat Anja Stiller „Eine (un)bedeutende Frau“ betitelt. Ganz bewusst, denn die Klassikrezeption auch im kleinen Städtchen Weimar hat sich lange Zeit ganz und gar auf die Herren der Schöpfung konzentriert. Auch wenn so mancher Biograf wohl ahnte, dass es ohne die Frauen in diesem Kosmos niemals diese Weimarer Klassikwelt gegeben hätte. Man denke nur an Anna Amalia, die eigentlich erst dafür sorgte, dass die berühmten Jungspunde nach Weimar kamen und hier – einmalig für Deutschland – ein richtiger Musenhof entstand.
Diese Frauen waren nicht nur Publikum und hübsches Beiwerk. Etliche schrieben auch selbst, teilweise komplette Dramen, so wie auch Charlotte von Stein. Mit ihr konnte sich Goethe also auch über all die Dinge ernsthaft austauschen, die ihn selbst bewegten. Oder eben quälten.
Und so nähert sich Anja Stiller dieser selbstbewussten Frau mit einer Menge Verständnis, Herzlichkeit und Neugier an, versucht, Charlottes Verhalten aus den Konventionen am Weimarer Hof zu verstehen, aus ihrem Willen, die Umgangsformen unbedingt zu wahren und auch keine Anlässe für Gerüchte zu geben.
Auf Augenhöhe
Und so wird eben auch Goethes Verhalten verständlicher, der diese Charlotte eben auch dafür liebte, dass sie ihn ernst nahm. Eine Liebe auf Augenhöhe – bei aller Distanz. Solche Frauen waren auch am Weimarer Hof eher die Ausnahme. Was natürlich nicht verhinderte, dass dieser Goethe 1786 das erdrückende Gefühl hatte, dass er so nicht weitermachen konnte.
Und eigentlich hätte da alles enden können. Aber so enden solche Geschichten eben nicht. Die beiden fanden sich in Freundschaft wieder. Auch wenn Charlotte sehr schnippisch auf Goethes Liebe zu Christiane reagierte.
Aber so reagiert auch eine Frau nur, wenn sie die andere tatsächlich als Konkurrentin begreift. Frauen können so besitzergreifend sein. Aber auch diese Fesseln wollte Goethe nicht mehr. Und das schrieb er Charlotte auch. Und so ist man mit Anja Stiller mittendrin in einer völlig unmöglichen Liebesgeschichte, die durchaus modern anmutet.
Möchte man zumindest sagen, wenn nicht heutige Männerbilder meist viel dröger und altbackener wirken würden als diese ganz besondere Weimarer Geschichte, deren Spuren man in Weimar auch noch sehen kann. Und in Großkochberg, wohin Goethe jahrelang selbst bei Wind und Regen ritt, sowieso.
Eine anregende Biografie, die am Beispiel Charlottes sichtbar macht, wie sehr dieses klassische Weimar gerade deshalb zustande kam, weil kluge und anspruchsvolle Frauen dort auf ihre Weise Politik betrieben.
Anja Stiller „Charlotte von Stein“ Buchverlag für die Frau, Leipzig 2026, 6 Euro.
Empfohlen auf LZ
So können Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstützen:




















Keine Kommentare bisher