August der Starke – das zieht immer. Die Sachsen können von ihrem Lieblingskurfürsten gar nicht genug bekommen. Also packte auch der Chemnitzer Verlag 2012 einfach „August der Starke“ in den Titel von Eberhard Görners Buch und es verkaufte sich wie frisch gebackene Semmeln. Im Claus Verlag ist es jetzt neu aufgelegt worden und hat seinen Titel behalten, obwohl es darin gar nicht um den späteren Kurfürsten geht, sondern um den noch jungen Friedrich August, den sein Vater Georg III. auf Kavalierstour durch Europa schickt.

Diese Kavalierstour hat tatsächlich stattgefunden: Als Graf von Leisnig reiste Friedrich August 1687 mit drei Kutschen und entsprechender Begleitung an die Königshöfe von Paris, Madrid, Lissabon und Wien, hielt sich lange in Italien auf und blieb nicht nur zwei Jahre weg, wie sein Vater gewünscht hatte, sondern fast drei.

Als pubertierender Jugendlicher, der gerade mit der Hofdame Marie Elisabeth von Brockdorf sein erstes großes sexuelles Abenteuer erlebt hatte, reiste Friedrich August ab. Als gestandener Mann, der sogar seinen Vater beeindruckte, kehrte er zurück.

Eigentlich hatte Georg III. die Kavalierstour angewiesen, damit sein Zweitgeborener aus der Schusslinie kam und sich auf der Tour die Hörner abstieß, am besten sogar lernte, sich staatsmännisch zu benehmen und an den Höfen Europas gute Manieren lernte. Als Aufpasser waren ihm Hofmeister Christian August von Haxthausen und – für das seelische Heil – Pastor Paul Antom mitgegeben worden. Und weil Haxthausen regelmäßig Berichte über das Verhalten seines Zöglings an den sächsischen Kurfürsten sendete, ist über die Kavalierstour Friedrich Augusts so einiges bekannt.

Görner hat sich also einen ganz realen Stoff mit belegbaren Stationen und Ereignissen ausgewählt. Aber Audienzen, höfische Begegnungen, Etikette und das diplomatische Zeremoniell der unterwegs geplanten Stationen sind nicht sein Ding. Er wollte einen anderen Friedrich August zeigen, einen, für den die ganze Tour im Grunde nur ein einziges sexuelles Abenteuer war. Voller Liebschaften der exotischen Art – mit Schauspielerinnen, vereinsamten Gräfinnen, sinnlichen Pariserinnen und Spanierinnen. Im Untertitel verrät es das Buch ganz klein: „eine Reise der Liebe durch Europa“.

Sinnenlust

Obwohl es um Liebe eher nicht geht, eher um eine Erfahrung von Wollust, sexueller Erfüllung, Sinnenfreude und erwachendem Eigensinn. Denn dieser junge Kavalier auf Reisen erlebte eben nicht nur den sinnenfreudigen Umgang mit Frauen, die sich dem eindrucksvollen Prinzen nur zu gern hingaben. Er erlebte auch die prachtvollen Kulissen der schönsten Städte seiner Zeit.

Es scheint ein eher nur randständiges Thema in Görners Roman zu sein, aber er lässt den Dresdner Blick Friedrich Augusts auf die Pracht von Versailles, Venedig oder Wien immer wieder einfließen. Vielleicht hat der reisende Graf von Leisnig tatsächlich so gedacht, seine Reisestationen immer wieder mit dem heimischen Dresden verglichen und sich Gedanken darüber gemacht, wie er aus dem provinziellen Dresden einmal eine ähnlich eindrucksvolle Residenz würde machen können.

Wenn er denn nur Kurfürst würde. Was aber auf dieser Reise von 1687 bis 1689 überhaupt noch nicht absehbar war. Denn vor ihm rangierte ja noch sein zwei Jahre älterer Bruder Johann Georg. Und wenn der nicht vorzeitig starb, würde für Friedrich August immer nur die zweite Geige bleiben – aus seiner Sicht wohl ein Leben in Bedeutungslosigkeit, ohne eine Chance, all seine Träume von einem Elbflorenz je zu verwirklichen. Macht kann so verlockend sein.

Und so langweilig. Denn etliches, was zum Programm der Kavalierstour gehört, interessiert Friedrich August nicht die Bohne. Scheinbar hat er wirklich nur die schönen Frauen im Kopf, denen er sein Verlangen offeriert, als wäre es das Normalste von der Welt.

Fast fühlt man sich an die ähnlich hemmungslose Leidenschaft eines Casanova erinnert, der die sinnlichen Freuden, die man mit Frauen aller Stände erleben konnte, genauso farbenfroh schilderte, wie es Görner hier mit den Abenteuern des Grafen von Leisnig tut, der sogar gefährliche Konfrontationen mit den Liebhabern der Frauen riskiert, mit denen er tagelange Freuden der Liebe erlebt.

Mit ganzer Leidenschaft

Es ist also ganz und gar keine staatstragende Biografie des künftigen Kurfürsten, die Eberhard Görner hier mit Fabulierlust geschrieben hat. Eher ist es ein fantasievoller Versuch, die aufkeimende Lust des jungen Prinzen an den Schönheiten der Welt greifbar zu machen. Denn wer ein derart opulentes Dresden erschaffen kann, wie es August der Starke dann ja tatsächlich tat, der muss ein Sinnenmensch gewesen sein, fähig, sich den Freuden des Lebens mit ganzer Leidenschaft hinzugeben.

Görner lässt ihn auch mit Begeisterung die vielen katholischen Dome, Kirchen und Klöster besuchen, die an der Wegstrecke lagen, nimmt so auch Augusts späteren Übertritt zum Katholizismus vorweg, den er nicht nur als pragmatischen Schritt zum polnischen Königsthron sieht, sondern auch als Hingezogensein zu einer Kirche, die mit ihren prachtvollen Räumen auch die Sinne frohlocken ließ. Anders als die strenge Ernsthaftigkeit des Protestantismus daheim.

Ob sich Friedrich August auf der Tour tatsächlich so austobte und so wenig Wert auf die arrangierten Audienzen und Lerneinheiten legte, bleibt natürlich offen. Görner ging es ganz unübersehbar um einen jungen Prinzen, der auf dieser Reise die sexuelle Freiheit entdeckt und kein schönes Frauenzimmer vorbeigehen lässt, ohne ihm Avancen zu machen.

Denn natürlich entdeckt ein junger Mann so den eigentlich wichtigsten Teil der Welt. Und der ist nun einmal weiblich, lebenslustig und liebesfähig. Und eine Freiheit lebt er aus, die ihm später als Kurfürst nicht mehr verfügbar wäre – lieben zu dürfen ohne Rücksicht auf die strengen Konventionen eines Hofes. Auch wenn sich der Hofstaat Augusts des Starken gewaltig von dem seines Vaters Georg III. unterscheiden würde. Genauso wie die Feste, die August im Bewusstsein feiern würde, einer der reichsten Fürsten Europas zu sein.

Aber eins ist am Ende deutlich: Ohne diese Sinnenlust, mit der schon der junge Friedrich August durch Europa reiste, ist die Pracht jenes Dresdens nicht zu verstehen, das er sich später schuf, als ihm der frühe Tod seines Bruders tatsächlich den Weg zur sächsischen Herrschaft eröffnete.

Eberhard Görner „August der Starke“, Claus Verlag, Limbach-Oberfrohna 2026, 16 Euro.

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