Jubiläen bringen Historiker auf Ideen. Ein solches Jubiläum war der 500. Jahrestag des Deutschen Bauernkrieges 2024/2025. Eins der blutigsten Ereignisse fand ja in Frankenhausen statt, wo der dort versammelte Bauernhaufen von den Söldnern der Fürsten gnadenlos zusammengehauen wurde. Hier geriet auch Thomas Müntzer in Gefangenschaft. Aus Sicht eines Martin Luther ein Aufrührer. Das Wort „Ketzer“ vermied Luther vorerst. Aber seine Verketzerung Müntzers funktionierte.

Und fortan produzierten auch die Protestanten ihre Ketzerbilder. Mit denselben Methoden, mit denen zuvor die Katholiken auch Luther und die Seinen verketzert hatten. Ein Vorgehen, das bis in die Gegenwart immer wieder zu beobachten ist, wenn sich Mächtige dazu entschließen, kleine, deviante Gruppen zu Abtrünnigen und Ketzern zu erklären.

Das hat System. Und genau damit wollten sich die mitteldeutschen Historiker/-innen einmal etwas eingehender beschäftigen. Deshalb fuhren sie vom 24. bis 26. Oktober 2024 in das hübsche Städtchen Stolberg im Harz. Just in das Städtchen, wo Thomas Müntzer 1489 geboren wurde. In einem „wunderschönen Tagungsraum“ beschäftigten sie sich drei Tage lang mit den Verketzerungsprozessen vom 12. bis zum 17. Jahrhundert. Also praktisch von den Albigensern, Waldensern und Templern bis zu den Quäkern und Pietisten, fokussiert auf den theologischen Bereich.

Den man aber in dieser Zeit zwischen Mittelalter und Neuzeit gar nicht vom machtpolitischen Bereich trennen kann. Katharina Neef bringt es auf den Punkt, wenn sie schreibt: „Verketzerungsprozesse spiegeln auch Machtbeziehungen: Eine Häretisierung bedeutet immer auch, dass Sprecher/-innen mit diskursiver Macht andere Akteur/-innen mit geringeren Ressourcen oder Zugang zu ihnen marginalisieren können.“

Fragwürdige Quellen

Es sind eigentlich immer die Mächtigen, die definieren, wer nicht dazugehören darf. Und das hatte oft blutige Folgen, wie Markus Krumm in seinem Beitrag zu den Albigensern sehr deutlich zeigt. Dass er dabei allerlei Legenden, mittelalterliche Propaganda und Fehlzeichnungen späterer Historiker auseinandernehmen muss, ist geradezu zwangsläufig.

Das wird auch in den Beiträgen von Marianne Taatz-Jacobi zur Verketzerung Thomas Müntzers und den Beiträgen von Jakob Debelka, Aneke Dornbusch und Andreas Lindner zu den Täufern deutlich, genauso wie in Simon Franzens Beitrag zu den Quäkern. Die jahrhundertelang als Primärquelle genutzten Texte stammten zum größten Teil eben nicht von den verketzerten Gruppen selbst, sondern aus der Feder der Ankläger.

Was viele Folgen hat, angefangen damit, dass die Bezeichnungen oft gar nicht die Selbstbezeichnungen der verketzten Gruppe waren, sondern die Markierungen ihrer Verfolger. Genauso wie die überlieferten Praktiken meist nicht die wirklichen Glaubensinhalte und Rituale der verfolgten Gruppe beschreiben, sondern mehrheitlich den Köpfen der Ankläger entsprangen.

Man schrieb den markierten Gruppen einfach lauter finstere Praktiken zu. Und es braucht wirklich schon genaue Quellenkritik, um diese Feind-Propaganda zu trennen von dem, was die verfolgten Gruppen tatsächlich wollten und taten. Oder ob es sie überhaupt gab. Denn auch das wird deutlich: dass sich Mächtige auch gern mal ihre Ketzer erschufen, wenn sie welche brauchten. Als Legitimation für kriegerische Exzesse, gern auch als Kreuzzug getarnt.

Das Wohlwollen der Obrigkeit

Und so reist man mit den in diesem Buch versammelten Vorträgen durch ein halbes Jahrtausend des Ketzermachens. Und natürlich wird dabei der problematische Umgang der protestantischen Akteure mit den Abweichlern in den eigenen Reihen nicht ausgelassen. Eben auch Luthers – und Melanchthons – Umgang mit diesem Thomas Müntzer, den sie nach dessen Hinrichtung noch mit gepfefferten Schmähschriften verfolgten. Aus durchaus nachvollziehbaren Gründen.

Denn noch galt Luthers Lehre selbst als Ketzertum und konnte sich nur behaupten, weil die neue Lehre von den Landesfürsten beschützt wurde. Ohne diesen Zwiespalt hätte Luther seine Zwei-Reiche-Lehre gar nicht erst entwickeln müssen. Und auch seine wutschäumende Schrift gegen die „räuberischen Bauernhorden“ hätte es nicht gebraucht.

Denn für die noch junge Reformation war es brandgefährlich, sollte sie für die Bauernaufstände in Süd- und Mitteldeutschland verantwortlich gemacht werden. Umso drastischer klangen deshalb die Schriften der Wittenberger gegen die Bauern und „Schwärmer“.

Und insbesondere gegen Thomas Müntzer, der sich in seinen Predigten auch auf Luthers Bibelübersetzung berief. Da scheute dann auch Martin Luther nicht vor einigen „Korrekturen“ in Müntzers Schriften zurück, um den Abtrünnigen als Anstifter zu Raub und Mord zu brandmarken. Mit Effekten bis in die jüngere Geschichtsschreibung.

Das Spiel mit der Angst

Man kann in den Vorträgen hervorragend verfolgen, wie die kirchlich praktizierte Verketzerung von Andersgläubigen nicht nur als Machtinstrument genutzt wurde, um unbotmäßige Abspaltungen von der allein seligmachenden Kirche zu unterbinden. Das Instrument verselbständigte sich geradezu, denn das schürte – wohl auch beabsichtigt – gleichsam die Angst unter denen, die sich als Teil der rechtgläubigen Kirche verstanden.

Bei etlichen Schriften, Anklagen und Verhörprotokollen merkt man, dass die Verfasser selbst geradezu bemüht darum waren, sich als besonders gläubig und streng zu behaupten. Selbst dann, wenn sie in den Aussagen der Verhafteten und Gepeinigten überhaupt keinen Ansatz zu einer Verurteilung sahen.

Aber Machtgefüge funktionierten auch damals schon so wie heute: Wenn es Druck „von oben“ gibt, ein paar Ketzer unters Richtbeil zu liefern, dann wird halt weiter peinlichst befragt. Und wenn der sture Delinquent trotzdem kein Material für seine Verurteilung liefert, wird es eben erfunden.

Und spätestens da verlässt man als Leser die ganz auf theologische Verketzerungen fokussierte Vortragsebene und erinnert sich, wie selbst moderne Gesellschaften, in denen die Kirche keine Macht mehr hat, ihre Ketzer produzieren. Denn das Instrument funktioniert immer noch. Auch ohne Kirche. Es hat sich längst als autoritäres Bauteil erwiesen, mit dem Politik betrieben wird. Anprangern, Falschbehauptungen aufstellen, Feindbilder malen.

Am Ende Gewalt

Wer über die notwendigen Medien verfügt, kann heute noch viel leichter andere Menschen verketzern, als es im Mittelalter möglich war. Und einige Medien spielen das Spiel freudig mit. Übernehmen die Denunziationen und schicken mit ihrer medialen Macht Menschen in Spiralen von Hass, Verachtung und am Ende Gewalt.

Denn das ist in der Regel das Ende der Verketzerung: entfesselte Gewalt gegen Menschen, die per Brandbrief aus der Gemeinschaft verstoßen wurden.

Wie gefährlich das war, erlebten auch die Engländer im 17. Jahrhundert. Sie hatten zwar eine eigene anglikanische Kirche mit Regeln, die das Parlament selbst beschlossen hatte. Aber genau das schuf die Basis, politisch unliebsame Akteure in Verdacht zu bringen und Abweichungen vom gesetzlich normierten Glauben als Angriff auf Staat und König zu denunzieren. Was Andreas Pečar am Beispiel der Puritaner und Arminianer (beides Fremdzuschreibungen) in der Zeit der englischen Revolution analysiert.

Die Methode lebt weiter

Und man wird das flaue Gefühl eben nicht los, dass dieselben Methoden der Verketzerung auch heutzutage von autoritären Akteuren ungehemmt wieder angewendet werden. Die Verketzerung hat lediglich den kirchlichen Raum verlassen und wütet in den „Social Media“. Was freilich nicht Thema der Tagung in Stolberg war. Das hätte den Rahmen einfach gesprengt.

Und trotzdem merkt man, dass so ein 500, 1.000, letztlich sogar fast 2.000 Jahre altes Thema nicht abgegessen und verschwunden ist. Es ist immernoch da. Und wie es zwischen 1200 und 1700 funktionierte und immer wieder angewendet wurde, um deviante Gruppen auszuschließen, davon erzählen die nun in diesem Buch versammelten Vorträge sehr detailliert.

Andreas Pečar, Ingrid Würth (Hrsg.) „Verketzerungsprozesse“ Mitteldeutscher Verlag, Halle 2026, 50 Euro.

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