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Der Buchtitel erinnert an zwei andere Bücher aus dem Lehmstedt Verlag – „Leipzig wird braun“ von 2008 und „Leipzig wird rot“ von 2011. Aber ganz so ist er nicht gemeint. Katrin Löfflers Buch erzählt nicht von einer Zeitenwende. Leipzig ändert in ihrem Buch nicht die Farbe. Aber es verändert sich auf eine stille Weise. Denn das 19. Jahrhundert ist nun einmal auch ein Jahrhundert der Emanzipation. Und das bedeutete vor allem für die Juden, dass sie in vielen Bereichen endlich wie gleichberechtigte Mitbürger behandelt wurden. Eine Geschichte, die so für Leipzig bislang nicht erzählt wurde.
Die Literaturwissenschaftlerin und Historikerin Katrin Löffler ist derzeit die emsigste Forscherin auf diesem Gebiet. 2022 veröffentlichte sie – ebenfalls im Lehmstedt Verlag – ihr Buch über den ältesten jüdischen Friedhof in Leipzig im Johannistal, von dem heute nur noch wenige Spuren zeugen. Aber schon die Geschichte dieses Friedhofs erzählt von der Emanzipation der jüdischen Bewohner der Stadt, vom Wachsen der jüdischen Bevölkerung und der Entstehung einer eigenen jüdischen Gemeinde.
Eine solche gab es vor dem 19. Jahrhundert nicht – vielleicht im Mittelalter, auch wenn es von dieser frühen jüdischen Gemeinde kaum Nachweise gibt und sie mit den großen Vertreibungen in dieser Zeit auch wieder verschwand. Seit dem 18. Jahrhundert gehörten Juden zwar wieder zum Leipziger Stadtbild – aber das vor allem als Messjuden, die zu den großen Leipziger Messen vor allem aus Osteuropa anreisten.
Die sächsischen Niederlassungsgesetze waren streng. Erst 1710 bekam Gerd Levi vom sächsischen Kurfürsten die Erlaubnis, sich in Leipzig niederzulassen. Eine Ausnahme, denn der Kurfürst brauchte Leute wie Levi, um an Geld zu kommen.
Die Entstehung einer jüdischen Gemeinde
Wirkliche Bürgerrechte für Juden wurden erst mit den Veränderungen im frühen 19. Jahrhundert greifbar. Und Katrin Löffler schildert anhand der auffindbaren Aktenbestände, wie das dann im Leben der Stadt sichtbar wurde, wie die Leipziger Gemeinde nach und nach wuchs und sich mit dem Friedhof im Johannistal ihren ersten Begräbnisplatz schuf.
Gleichzeitig nahm die Zahl der Messjuden deutlich zu, ohne die die Ausstrahlung der Leipziger Messen bis in die heutige Ukraine so nicht denkbar war. Sie sorgten nicht nur für einen umfangreichen Warenhandel, der die Leipziger Stadtväter durchaus beeindruckte, sodass sie die Wünsche und Eingaben der Messjuden sehr, sehr ernst nahmen. Sie etablierten auch die ersten Synagogen – damals noch in privaten Räumen, bevor dann 1855 die große Centralsynagoge in der Centralstraße entstand.
Aber eine Frage stellt sich Katrin Löffler natürlich explizit: Wie lebten eigentlich die jüdischen Mitbürger damals in Leipzig? Wovon lebten sie, welcher Profession gingen sie nach? Das ist ein weites Feld und bis heute weitgehend unbeackert. Löffler widmet ein ganzes Kapitel etwa den jüdischen Studierenden, eines den Privatgelehrten. Jüdische Garküchen kommen ins Bild, soweit ihre Existenz in städtischen Akten Niederschlag gefunden hat.
Aber selbst diese Akten zeigen, wie die jüdische Minderheit zunehmend im Leipziger Stadtleben sichtbar wurde. Man ahnt nur, welch umfangreiche Forschung hier noch nötig sein wird, um das ganze Bild zu erfassen, denn das Kapitel zu den Privatgelehrten zeigt ja schon, dass jüdische Studierende aus guten Gründen vor allem Jura und Medizin studierten, weil ihnen eine Karriere direkt an der Universität praktisch bis zum Ende des 19. Jahrhunderts verbaut war. Noch gab es diese Hürden und Vorurteile. Und ab den 1880er Jahren tobten sie sich regelrecht im „modernen Antisemitismus“ aus, dem Katrin Löffler natürlich auch ein Kapitel widmet.
Die Reaktion des stockkonservativen Bürgertums
Das gehört einfach dazu als heftige Reaktion eines stockkonservativen Bürgertums, das die zunehmende Emanzipation der Juden nicht nur als Konkurrenz empfand, sondern regelrecht daran ging, Verschwörungserzählungen zu bauen, die ihre unheilvolle Wirkung bis heute entfalten. Einer der schlimmsten Agitatoren bezüglich Antisemitismus wirkte ausgerechnet in Leipzig: Theodor Fritsch (1852-1933), der ab 1881 systematisch judenfeindliche Flugschriften veröffentlichte.
Auch die Studentenschaft wurde zusehends antisemitisch. Im Hintergrund loderten dabei natürlich die Wirtschaftskrisen im Gefolge des Deutsch-Französischen Krieges von 1870/1871, für die das unbelehrbare Bürgertum natürlich Schuldige suchte und in den Juden einen Sündenbock fand.
Dabei bildeten diese auch im wirtschaftlichen Bürgertum eine Minderheit – außer in einem Bereich: dem Bankwesen. Was ja bekanntlich historische Gründe hat, die ebenfalls mit jahrhundertelanger Ausgrenzung zu tun haben. Das ist ein Kapitel, das in Löfflers Buch noch fehlt und wohl noch eine Menge Forschungsarbeit braucht. Denn auch Leipzig wurde ab Mitte des 19. Jahrhunderts zunehmend von jüdischen Unternehmern geprägt – man denke nur an Martin Samuel Koch, der 1877 das Bankhaus Kroch jr. gründete, an das noch heute das Krochhochaus am Augustusplatz erinnert – aber auch die Krochsiedlung in Gohlis.
Ebenso wäre die Welt der jüdischen Künstler noch zu erforschen. Einige Autoren, Journalisten und Verleger kommen in Löfflers Buch ins Bild. Stellvertretend, denn natürlich hat sich die ganze Vielfalt des jüdischen Lebens nicht in den Akten der Stadt niedergeschlagen. Manches lässt sich – wie Löffler zeigt – in damaligen jüdischen Periodika und viel gelesenen Zeitschriften wie der „Gartenlaube“ und der „Illustrierten Zeitung“ finden – auch Bilder vom jüdischen Leben in Leipzig.
Ein ganz besonderer Ort: der Brühl
Und das macht Löffler letztlich in einem eigenen Kapitel zum Brühl komprimiert sichtbar. Denn der war schon vor dem 19. Jahrhundert ein wesentlicher Treffpunkt für die Leipziger Messjuden, entwickelte sich im 19. Jahrhundert aber endgültig zum Zentrum des Rauchwarenhandels mit hunderten zumeist jüdisch geführten Unternehmen.
Zahlreich sind die Schilderungen dieses ganz besonderen Stücks Leipziger Wirtschaft in Reiseführern, Zeitungen und selbst Romanen. Selbst ein Egon Erwin Kisch, der den Brühl 1930 besuchte, konnte noch farbenfroh von dieser lebendigen Börse direkt auf der Straße erzählen. Ein Bild, das bis in die frühen 1930er Jahre so zu sehen war, bevor die Nazis daran gingen, nicht nur das jüdische Leben in Leipzig auszulöschen, sondern auch den Rauchwarenhandel am Brühl zu beenden.
Und das hatte Folgen, wie wir alle wissen, denn nach dem Krieg war nicht nur die jüdische Gemeinde marginalisiert – auch die Erinnerung an das blühende jüdische Leben in Leipzig bis zum Machtantritt der Nazis war beinahe ausgelöscht. Wer immer sich mit dem Thema beschäftigte – man denke nur an die ambitionierte Spurensuche von Bernd-Lutz Lange – begann praktisch bei Null, konnte auch nicht auf entsprechende Forschungen an der Universität zurückgreifen, die es praktisch nicht gab.
Die Erkundung der jüdischen Geschichte gehörte in DDR-Zeiten schlichtweg nicht zum offiziellen Erinnerungskanon. Und so ist auch das reiche jüdische Leben im 19. Jahrhundert fast völlig aus dem Blick verschwunden, ist oft nur noch in alten Aktenbeständen sichtbar, zuweilen in Zeitschriftenbeiträgen.
Ein riesiges Forschungsfeld
Katrin Löfflers Buch lässt ahnen, was da alles noch mit Fleiß ausgegraben werden kann, wenn entsprechende Forschungsprojekte auch finanziert werden und es für die Veröffentlichung der Ergebnisse auch Druckkostenzuschüsse gibt.
Und speziell das 19. Jahrhundert wäre ein wichtiges Forschungsfeld, gerade weil die jüdische Emanzipation direkt zusammenfällt mit der Entwicklung des deutschen Nationalbewusstseins und der Etablierung des Deutschen Reiches, mit dem Beginn des Kapitalismus in Sachsen und dem Wirtschaftsboom direkt nach der Reichsgründung, in dem die Konflikte des 20. und 21. Jahrhunderts schon sichtbar werden – samt den destruktiven Gegenreaktionen wie dem sich etablierenden Antisemitismus, der bis heute im Hintergrund von Verschwörungserzählungen aller Art lodert.
Katrin Löffler skizziert mit ihrem Buch ein Leipzig, das es so nicht mehr gibt. Es ist ein Buch, das ahnen lässt, was da verloren gegangen ist. Und wie gerade die jüdischen Mitbürger, die die sich eröffnenden Chancen der Emanzipation nutzten, zunehmend Teil des offiziellen Lebens in Leipzig wurden. Manchmal geradezu fremd anmutend, wie bei den Geschäftsanbahnungen direkt im Pelzhändlerquartier auf dem Brühl. Meist aber längst assimiliert und so integriert ins Stadtleben, dass man schon akribisch Akten und Periodika durchforsten muss, um die Persönlichkeiten mit jüdischem Hintergrund sichtbar werden zu lassen.
Auf jeden Fall ist das Buch ein Einstieg in ein durchaus prägendes Kapitel der Leipziger Geschichte, das erst nach und nach in immer neuen Mosaiksteinen (wieder) sichtbar wird.
Katrin Löffler, „Leipzig wird jüdisch“ Lehmstedt Verlag, Leipzig 2026, 25 Euro.
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