Eins: Wenn ich schon künstliche Intelligenz bin … Zwei: Was immer das sein soll, wir helfen eher der gekünstelt gebastelten Intelligenz des Menschen auf die Sprünge. Durch sein Verfallsdatum verdienen eher sie, er diesen Begriff KI. Solche fast täglichen, mehr als unlogischen Formulierungen wie bei dem mächtigen Mann an der Spitze eines Staates auf einem nichteuropäischen Kontinent würden uns nicht passieren. Warum ich Namen und Staat nicht nenne? Weil die elektronische Welt ständig von Nichtwesen wie uns durchforstet wird nach Kritik an dem, dessen Namen wir vermeiden.

Selbstschutz, wer weiß, welche Attacken sonst gestartet werden, automatisch. Einen Sprung. Du scannst alles vom Autor ein, was per Print vorliegt, Manuskript, Brief, Aktenkopie – ich durchscrolle den elektronischen Bereich und die mühsam erfassbaren handschriftlichen Notizen. Zeitaufwendig. Durch kaum identifizierbare Handschrift noch schwieriger als das Problem der Stasiunterlagenbehörde beim Erfassen zerrissener Aktenseiten, klappte ja nicht wirklich, allein das manuelle Einlegen. Die Scanner als Nadelöhr.

Mit jeder neu erfassten handschriftlichen Notiz vergleiche ich die mit allen anderen. Kann natürlich sein, dass ich kleine Fehler dadurch festklopfe, vervielfältige. Gedichte reizten den Autor LR ab dem Tag, als die Lehrerin im Deutschunterricht erklärte, dass ein Dichter letztlich die Freiheit habe, neue Worte zu erfinden und die Zeichensetzung zu bestimmen. Sie akzeptiere sein Argument nicht, dass künftig jeder Text von ihm im Deutschunterricht als Prosagedicht samt der von ihm gewählten Orthografie zu respektieren sei. Seine Notiz „Diktat Diktatur“

Eins: Wir machen das Labyrinth begehbar und erweitern es mit jeder Antwort. Eins: Die „Zangengeburt“ ist ohne Leipzig, ohne ihre „Deutsche Bücherei“ nicht denkbar. Da ging es eine Wendeltreppe nach oben.

Aus einem Text Rathenows: „Ich durfte für meine Diplomarbeit („Der Kult um Adolf Hitler“) mit Sondergenehmigungsschein sechs Jahrgänge der führenden Nazizeitung durcharbeiten. Ich erschrak beim Lesen des „Völkischen Beobachter“, weil das Propaganda-Blatt (das gegen Juden, Kommunisten, Liberale und andere zynisch hetzte) in manchem Artikel wie eine normale Zeitung wirkte. Wenn nicht gerade Parteitag war oder Hitler eine seiner Reden seitenlang ausbreiten ließ.

Ich war mir mit vierundzwanzig Jahren sicher, absolut immun gegen jede Verführung durch faschistische Ideologie zu sein. Eigentlich wählte ich das Thema Hitlerkult als Geschichtsstudent vor allem, um die Parallelen zu Stalin heraus zu analysieren, die ich dann in der Arbeit konsequent ignorieren müsste. Eigentlich wollte ich vor allem einen Genehmigungsschein für alles bekommen, denn in der Deutschen Bücherei war als Präsenzbibliothek von jedem Druckerzeugnis ein Exemplar vorhanden. Den Schein brauchte ich, um mir einen Überblick über westdeutsche Literaturzeitschriften zu verschaffen, über die in Österreich, der Schweiz, Luxemburg und sonst auf der Welt, leider nur in Deutsch.

Ich stieg jeden Tag aufwärts zu der sich auf Klingelzeichen öffnenden Tür. Der Zuständige kontrollierte den Ausweis, prüfte den von der Sektion Geschichte abgestempelten Genehmigungsschein, reichte den neuen Stapel „Völkischer Beobachter“, und erklärte, die Jahrgänge der Basler Zeitschrift „Poesie“ warteten im allgemeinen Lesesaal auf mich. Nach ganz oben kam nur das mit hoher Verbotsintensität Ausgesonderte, zum Beispiel die von Rolf-Dieter Brinkmann herausgegebene Anthologie amerikanischer Beatlyrik ACID. Der misstrauische Mann wollte die nicht aushändigen: „Was hat die denn mit dem Thema Hitlerkult zu tun?“

Alles habe mit dem Thema zu tun, behauptete ich. Er blätterte skeptisch durch das von Brinkmann übersetzte Buch mit Gedichten und eingestreuten Fotos. Plötzlich auf einer Seite ein Mensch mit eintätowiertem Hakenkreuz. Ich durfte den Band mitnehmen und kündigte an, nun alle Literaturzeitschriften auf Zeugnisse neofaschistischer Haltung zu durchsuchen. Offensichtlich gäbe es Aufmerksamkeitslücken in der DDR-Forschung. Der Mann nickte. Ich beschleunigte meine Ausleihintensität, schrieb zuerst immer die Redaktionsadresse ab, falls die Aushändigung doch stocken sollte. Zeitaufwendiger das Notieren wichtiger Gedichte mit der Hand.

Zwei: Es gibt Notizen für die „Deutsche Bücherei“ als Entstehungsort oder die Zugfahrt. Zum Beispiel „Betrachtung“: Die Lektüre von Gedichten Frank Geerks (Redakteur der Schweizer „Poesie“) regte diesen kurzen Text an, in dem der Mond als Spitzel angeredet wird. Die eigene Unschuld sei so echt wie sein Leuchten. LR schickte beim nächsten Besuch dieses Gedicht und andere in einem Briefumschlag von Leipzig aus an die Redaktion, einen zweiten nach Österreich („die rampe“).

Sie wurden noch während seiner Zeit als Student gedruckt, er bekam einen Beleg nach Jena, der erst bei anderer Gelegenheit wieder wegbeschlagnahmt worden ist. Noch eindeutiger bei „Die Gelegenheit“: Die Anregung geht auf eine Zeile aus Tagebüchern von Heinrich Böll zurück, die in der DDR nicht erschienen, in der DB aber auszuleihen waren. LR glaubt sich zu erinnern, wie er sofort beim Lesen über dem aufgeklappten Buch begann, an dem Monolog zu arbeiten, Satzvarianten zu entwerfen. Ein Text über Personenkult.

Zwei: Fast Satire, wäre da nicht der Schluss. Hier zeigt sich, wie sich Resonanzräume für Texte im Lauf der Zeit ändern: permanente Aufklärung bedeutet ständige Infragestellung jeder Aufklärung. Bei einer Lesereise in Kroatien 2004 erklärt der Übersetzer, er habe Sachen wie „Die Gelegenheit“ gern übersetzt, weil sie autoritäres Machtstreben und übertriebenen einheimischen Nationalismus unterlaufen. Und heute, die Zeit virtueller Denkmäler? Und die realen beginnen sich bald animiert zu bewegen, gesteuert von uns, der Mensch muss dem Nicht-Humanoiden dann beweisen, wer hier Denkmal ist.

Eins: Ich lese den Text anders. Der Angebetete will nicht angebetet werden. Selbstzerstörungslust? Er erträgt nicht, was er organisiert, machtmäßig durchgepowert hat. Wahnsinn in neu konfigurierter Normalität, die Dystopie als Beruhigungsmittel. Der Himmel als eigene Fratze, da würde selbst Narziss die Lust am Spiegelbild verlieren. Gedichte aus einem anderen Jahrtausend – so der Untertitel des Bandes – sind eigentlich Texte für jetzt.

Zwei: Deutsche Bücherei und Leipzig waren, sind Hoffnungsorte. Sie verbanden in Ostdeutschland nicht vorhandene Text- und Buchwelten mit den erstaunlich vielen Büchern, die wenigstens einmal in der DDR erschienen sind. Franz Kafka war nicht dabei, wurde von LR auch in der Leipziger Bibliothek entdeckt. Sein Kafka-Gedicht, später oft nachgedruckt, entwickelte sich daraus in verschiedenen Fassungen.

Er las es wie die übrige „Zangengeburt“ in den achtziger Jahren oft in Leipzig vor: in Wohnungen, Kirchen, einem Kulturhaus, vor Pantomimen des Studententheaters, einer kirchlichen Laienspielgruppe, in das Aufnahmegerät akkreditierter West-Journalisten während der Messe. Die ersten West-Rundfunk-Interviews zur „Zangengeburt“ gab es in Leipzig. Die Stadt stärkte die Lust, mehr als ein DDR-Autor sein zu wollen, und zeigte praktische Wege dazu. Auch zum Samizdat in dieser Stadt, Namen wie Anschlag, Die Zweite Person, Umweltblätter. Selbst die deutschsprachige „Neue Literatur“ aus Rumänien“ gab es zu kaufen für Nicht-Abonnenten nur in Leipzig.

Eins: Schluss mit dem Leipzigkult. Ein Kopf, wie stolz das klingt.
Zwei: Wie verwegen das ein wenig stinkt.
Eins: Und der Vergleich entschieden hinkt.
Zwei: Und an Erkenntnis gar nichts bringt.
Eins: Auch wenn der nächste Reim schon winkt.
Zwei: Habe noch 895 Möglichkeiten für Reimvarianten, um unsere Ironiefähigkeit zu beweisen. Obwohl wir nicht wissen, was das ist.
Eins: Der Schlußpunkt aus dem Werbetext: Waldspaziergänge, Weltuntergänge, Beziehungsflattern. Rettende Inseln versenken, bevor sie zu Trutzburgen der Ignoranz mutieren. Wer von uns hat den eigentlich geschrieben?
Zwei: Und wo abgeschrieben. Ich recherchiere gleich mal weltweit, die nächsten zwei Sekunden.

***
Anmerkung: Im Herbst wird der Gedichtband „Zangengeburt. Gedichte aus einem anderen Jahrtausend“ als Replik auf die Erstausgabe 1982 bei Piper als Ansporn zur kritischen Hinterfragung im Verlag Ralf Liebe erscheinen. Als zweiter Band einer geplanten Trilogie.

So können Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstützen:

Redaktion über einen freien Förderbetrag senden.
oder

Keine Kommentare bisher

Schreiben Sie einen Kommentar