Dieses Buch wandelt sich von Mal zu Mal. 2017 hat es der Jaron Verlag erstmals wieder in der ursprünglich von Harald Hauswald und Lutz Rathenow gewollten Zusammenstellung veröffentlicht, pünktlich zum 30. Jahrestags des ursprünglichen Erscheinens im Münchner Piper Verlag. Ein richtig ärgerliches Buch für SED und Stasi, die es damals weder verhindern konnten, noch den Fotografen und den Autoren öffentlich abstrafen konnten. Nicht mal wie Wolf Biermann 1976.

Wobei Übernahme eben auch bedeutet, dass die handelnden Personen nur zu gern auch die Bilder übernahmen, die der jeweils andere für einen hatte. Wer sich von Menschengruppen ein plakatives Bild macht, hat es erst einmal einfacher. Das macht die Sicht auf das große Ganze erst einmal weniger komplex. In seinem „Zeit“-Essay „Ossi sein oder nicht sein“ ging Kowalczuk im September auf dieses Sich-ein-Bild-Machen ein.

Wer sich ein Bild macht, muss sich nicht mehr mit der Sache oder der konkreten Person beschäftigen. Es entlastet regelrecht, bringt Menschen dazu, in ihren einmal gemachten Vorstellungen zu bleiben und sie fortan als rosa oder schwarze Brille auf der Nase zu tragen. Und es führte ab 1990 nun einmal dazu, dass sich im übermächtigen Westteil des Landes kaum einer Gedanken darüber machte, was da eigentlich wieder zusammenwachsen sollte.

Man stülpte eben einfach das, was man eh schon kannte, dem Osten über. Fertig der Lack. Das Ergebnis: Völlige Kenntnislosigkeit auf beiden Seiten und hochgefährliche Selbstbilder, die von einer rechtsradikalen Partei nur zu gern bedient werden.

Da steht berechtigterweise die Frage: Welches Bild haben sie alle von „ihrer DDR“? Ist Ostalgie vielleicht wirklich der richtige Begriff: die Sehnsucht nach einer Geborgenheit, die jetzt verklärt wird und als heiler Zustand empfunden wird, ohne die ganzen Zumutungen, die einst dazugehörten?

Die Neuauflage des Buches wurde auch durch 30 neue Fotos von Harald Hauswald ergänzt, die vor allem die Ereignisse verstärkt in den Blick bringen, die dieser überwachten DDR-Harmonie ein Ende setzten und den tiefen Wunsch nach einem freien und selbstbestimmten Leben in die Tat umsetzten.

Der Blick zurück in diese Fotos von Harald Hauswald lohnt sich. Egal, als wie unbequem und überfordernd wir die Gegenwart erleben: Dahin kann niemand zurückwollen, in diese Tristesse des vormundschaftlichen Staates. In diese falsche Geborgenheit eines Landes, das sich nur noch auf sich selbst und seine ins Unendliche verlängerte Gegenwart bezieht. Das ist einer der wichtigsten Gründe für die heutige Unruhe. Was schon verblüfft, denn die Friedliche Revolution lebte ja gerade von der um sich greifenden Lust, Zukunft wieder gestalten zu können und das Land der Welt wieder zu öffnen.

Vielleicht irrte auch Willy Brandt, als er den scheinbar so schönen Satz vom Zusammenwachsen sagte. Nichts wächst einfach zusammen. An einem gemeinsamen Haus muss man auch gemeinsam bauen, da wechselt man nicht einfach nur den Vermieter. Da schmeißt man auch mal das alte Gerümpel raus und gesteht sich ein: Diese Geborgenheit war beengend und beängstigend. Die DDR ist tot, mausetot. Nun ist es Zeit, sie wirklich zu begraben.

Einfach beim Umblättern: Vor unseren Augen verwandelt sich dieses Land, für das exemplarisch das alte Ost-Berlin steht, in ein seltsames Kapitel im Geschichtsbuch. Nach wie vor provisorisch, unfertig, weil das Material nicht mal zu einer großen Geschichtserzählung reichte. „Es gab ja nüschd!“ Und was es gab, gab’s unter der Ladentheke und nur mit Beziehungen. Der Rest war eine S-Bahn-Fahrt durch ein Land ohne greifbare Visionen in einem täglichen Trott, der scheinbar ins Unendliche zu erfahren war. Doch genau das hält der Mensch nicht aus.

„Unmöglich, über das Sich-Bewegen in dieser Stadt zu schreiben und das Sich-Fortbewegen aus Stadt und Land zu ignorieren“, schrieb Lutz Rathenow. „Der Westen als das andere, die unbekannte Zone, in die alle Fantasien projiziert werden.“

Manche merken erst jetzt, wie enttäuscht sie sind. Und merken nicht mal, dass sie selbst vor 30 Jahren diese Projektion gewählt haben. Und damit auch andere nötigten, darin zu leben. Und nun merken sie, dass sie dabei gar keine Rolle spielen. Bequemlichkeit und Sicherheit ersetzen nicht das Gefühl, sich ein selbstbestimmtes Leben zu gestalten. Den Rathenow-Text wieder und wieder zu lesen lohnt sich.

Deshalb daraus nur noch ein Satz: „Und wer das Leben mehr liebt als imaginäre Sicherheiten, nimmt das als erfrischende Dusche.“

Lutz Rathenow Ost-Berlin, Jaron Verlag, Berlin 2019, 24 Euro.

Hauswalds und Rathenows Kultbuch aus grauer Vergangenheit in seiner sechsten Verwandlung

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