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In Deutschland hat sowohl in der Gesellschaft als auch in wissenschaftlichen Institutionen, als auch und vor allem in manchen Medien schon Tradition, alles besser wissen zu wollen. Es gibt solche Medien und Akteure, die sich in guter gewohnter Manier als jene „auf der richtigen Seite“ betrachten und demzufolge „zu den Guten anzugehören“, die aber Andersdenkende schnell in Klassen einteilen. So einfach ist das aber nicht. Diesen Gruppen sind offensichtlich die Fähigkeit der Differenzierung und die Gabe des Zuhörens völlig abhandengekommen.

Im Fall von Boualem Sansal gibt es in den deutschen Medien entweder eine besserwisserische und unhaltbare Vorverurteilung des franko-algerischen Schriftstellers Boualem Sansal oder sie ignorieren ihn.

Akteure wie Schriftsteller, Künstler, Musiker, Historiker, Philosophen, Physiker oder Mathematiker … sind zunächst Menschen und keine Heiligen, sie sind von Vorurteilen und Widersprüchen nicht frei. Sie sind Kinder ihrer Zeit, Ergebnis ihrer Erfahrungen, und sie sind fehlerhaft. Oft sind sie von einer unkritischen Entourage umringt, die gerade bei bekannten und berühmten Persönlichkeiten einen Vorteil ziehen will. Dazu gehören auch Verleger/-innen, Journalist/-innen und Kulturmanager/-innen.

Egomanie, Profilierungs- und Selbstdarstellungssucht oder Besitz- bzw. Monopolansprüche über den Autor/innen: Das ist Teil dieser Maschinerie. Und Boualem Sansal bildet in dieser noch virulent laufenden öffentlichen Debatte v. a. in Frankreich keine Ausnahme, wenn er sich in verschiedenen Kontexten, Formaten und Situationen in gefährliche Gewässer begibt.

Bekannt sind beredete historische Beispiele für diese Ambiguität von den genannten Akteuren, gerade in Deutschland: Dazu gehört Nietzsche mit seiner ambivalenten Haltung zum Judentum, seinem latenten und oft offenen Antisemitismus, seinen verbalen Tiraden, auch gegen Frauen. Aber wer würde ihm die herausragende Bedeutung seiner übermächtigen Philosophie streitig machen?

Ohne diesen Giganten der Philosophie gäbe es keine moderne Philosophie, keinen Heidegger, keinen Derrida, keinen Foucault, keinen Deleuze, keinen Žižek, keinen Sloterdijk und viele andere nicht. Und Heidegger selbst war in einer komplexen, undurchschaubaren, unerklärlichen und verhängnisvollen Beziehung mit der Naziideologie verwickelt. Seine Philosophie ist dennoch immer noch übermächtig da und, wie im Falle Nietzsches, eine obligatorische weltanerkannte Referenz.

Und was müssten wir zu Wagner und seinen ganzen politischen und antisemitischen Volten sagen? Viel, sehr viel, seine Musik wird aber weltweit bespielt und gefeiert, auch in Israel mit Daniel Barenboim, z. B. Der Sohn eines Shoah-Überlebenden, Jonathan Livny (Vorsitzender des Richard-Wagner-Verbandes Israel), erzählt, dass er seinem Vater Ernst Löwenstein, einem Überlebenden der Shoah, seine Liebe zu Wagners Musik verdankt.

Als Einziger einer weitverzweigten Familie, die über Generationen in Deutschland verwurzelt war, hätte sein Vater die Todeslager der Nazis überlebt und er wäre davon geflohen. Im Gepäck hätte er Fotoalben, Papiere und 78er-Schellack-Schallplatten mit Aufnahmen von Werken Richard Wagners gehabt. Sein Vater hätte immer gesagt: „Wagner war ein scheußlicher Antisemit, aber die Musik, die er schrieb, war göttlich.“ So lernte ich [Jonathan Livny] bereits als Kind die Musik eines Genies zu schätzen, gleichwohl hinter ihr ein so verachtenswerter Mensch stand. (1)

1) https://wagner-verband-leipzig.de/engl/tl_files/daten%20de/journal/RWVJournal2012-02.pdf

Es gibt aber auch historische Beispiele für diese Art von Brüchen. Eines u. v. a. ist das von Géronimo de las Casas, der die sog. Indien-Gesetze (Las Leyes de India) verfasste, die er vor Karl V. gegen Juan Ginés de Sepúlveda, den Aristoteles seiner Zeit, verteidigte und durchsetzte. Andererseits veranlasste las Casas, dass Menschen aus Schwarzafrika nach „Indien“ gebracht wurden, um die so fragile, aber gottesfürchtige Indigenen zu schützen, womit er die Sklaverei in großem Maßstab in die Neue Welt einführte. Und die Liste dieser Ambivalenzen bei vielen anderen weltbekannten Akteuren ist beinah unendlich.

Boualem Sansal im Kreuzfeuer

Diese beschriebenen Ambivalenzen sind aber keinesfalls Teil Sansals Handelns, Denkens und Schreibens. Die Kritik an und die Dämonisierung von Boualem Sansal in manchen Medien beruht auf drei Grundbereichen: a) zum einen auf seiner angeblichen Islamophobie sowie b) zum anderen auf seiner angeblichen Rechtsaußengesinnung und c) zum Dritten gesellt sich seit Anfang 2026 eine neue und noch gnadenlosere und stigmatisierendere Kritik, die eine richtige Schlammschlacht ausgelöst hat: Nach siebenundzwanzig Jahren verlässt Boualem Sansal den Verlag Gallimard, um zum Grasset-Verlag zu gehen, der der Gruppe von L’Hachette angehört, dessen Eigentümer der Milliardär und mutmaßlich extremrechts geneigte Vincent Bolloré ist.

Ich habe in zahlreichen wissenschaftlichen Beiträgen und zuletzt und erneut in einem Vortrag an der École normale supérieure de Lyon im März 2025, im Rahmen einer Boualem Sansal gewidmeten Tagung, versucht zu zeigen, dass Sansal kein Islamophober ist.

Er vertritt eine sehr differenzierte, historisch sowie politisch begründete Position, die wir teilen oder ablehnen können und die sich sowohl in seinen Romanen wie in „Der Schwur der Barbaren“ (1999/2003) (meisterhaft von Regina Keil-Sagawe übersetzt); „Das verrückte Kind aus dem hohlen Baum“ (2000/2002); Harraga (2005/2007); Das Dorf des Deutschen oder das „Tagebuch der Brüder Schiller“ (2008/2009) … als auch in seinen Essays wie „Postlagernd: Algerien. Zorniger und hoffnungsvoller Brief an meine Landsleute“ (2006/2008); „Maghreb – eine kleine Weltgeschichte“ (2007/2012); „Allahs Narren. Wie der Islamismus die Welt erobert“ (2013/2013); „Freundschaftlicher, respektvoller und mahnender Brief an die Völker und Nationen der Welt“ (2021/2022) niederschlägt. (2)

2) Das erste angegebene Datum der genannten Werke von Boualem Sansal entspricht dem Erscheinungsdatum bei Gallimard, das zweite dem der deutschen Übersetzung.

Die bedeutendste Stimme Algeriens

Boualem Sansal ist zweifelsohne einer der wichtigsten Autoren unserer Zeit und zweifellos die bedeutendste Stimme nicht nur Algeriens, sondern auch des Maghreb und des aufgeklärten Europas. Er gehört zu einer Art von engagierten und aufrichtigen Intellektuellen, die in einer eitlen, oberflächlichen und medial beherrschten Welt, wie die unsere heute ist, untergegangen zu sein schienen. Überdies stellt er auch eine der authentischsten und mutigsten Ausdrucksformen in dieser absolut erschütterten Welt dar.

Er hat es gewagt, in seinem Land zu leben und dort offen Kritik an religiösen, politischen, kulturellen und gesellschaftlichen Praktiken zu üben. Wenn man bedenkt, in welcher Gefahr sich algerische Kritiker sowohl im Ausland als auch im eigenen Land befinden, können wir Sansals verschiedene kritische Positionen, seinen entschlossenen Einsatz für Freiheit, Demokratie, Menschen- sowie Frauen- und Minderheitenrechte als heldenhaft bezeichnen. Dieses mutige Engagement wurde mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geehrt.

Seine Islamkritik hätte punktuell „Beifall von der ‚falschen Seite‘ bekommen“ – kolportieren die Medien in Deutschland. Dementgegen ist hervorzuheben, dass alle Beobachtungen und Behauptungen historischer, politischer, sozialer, wirtschaftlicher, religiöser und so vieler anderer Art von Boualem Sansal immer hervorragend recherchiert und begründet sind, was aus der Logik seiner Argumentation, den Quellen, die er zitiert, oder den Überprüfungen, die wir durchführen, abzuleiten ist.

Er überlässt aber das letzte Wort immer dem Leser. Denn er ist sich seiner Subjektivität sehr bewusst, trotz seines Anspruchs, ein Körnchen Wahrheit zu den verschiedenen Bereichen beizutragen. Er will als Zeitzeuge seine Erlebnisse und Erfahrungen in Algerien mit den Lesern/-innen teilen.

Es sind Überlegungen eines Bürgers für ein breites Publikum geschrieben. All seine Texte, seien diese Romane oder Essays, sind immer ‚politisch‘ im engeren Sinne Derridas, Lévinas’ oder Rancières, verstanden als ein Akt der öffentlichen Intervention.

Boualem Sansal in Leipzig. Foto: Alfonso de Toro
Boualem Sansal in Leipzig. Foto: Alfonso de Toro

Die Herausforderung, vor der die muslimische Welt steht

Sansal, als nicht gläubig und geprägt von einer eindeutigen marxistischen Einstellung zu den Religionen im Allgemeinen, kritisiert den religiösen Islam insoweit, als dieser von einem politisch-militanten und gewaltbereiten Islamismus mit einem globalen Anspruch unterwandert ist und von den religiösen Gemeinschaften toleriert wird.

Aber auch Institutionen jeglicher Art sind durch eine strategische Logistik betroffen – so Sansal weiter. Der Islamismus mobilisiere riesige Menschenmengen, bilde Milizen in geheimen militärischen Trainingslagern, er setze seine Moralordnung in den Ankunftsgesellschaften, engagiere sich wirtschaftlich und sozial.

Nicht zuletzt predige er den Terror. Das nennt Boualem Sansal die „Islamisierung der Welt (so in „Allahs Narren)“, die verstanden hat, sich mit Wirtschaft, Politik und Militärs zu verbrüdern.

Um den Islam davon zu befreien: „Der einzige Weg, damit diese Aktualisierung des islamischen Denkens auf friedliche Weise erfolge und allen zugutekommt, bestehe darin, das Wort der Muslime zu befreien, damit jeder sich als Individuum und als Bürger sicher ausdrücken könne. Das sei die ganze Herausforderung, vor der die muslimische Welt stünde“, aber auch Europa sollte seine bisherige Politik gegenüber dem Islam überprüfen und auch ändern.

Boualem Sansal vertritt die Meinung, die sicher eine punktuelle Berechtigung hat, dass die europäischen Politiker, Medien und Institutionen es nicht gewagt haben, muslimische Gemeinschaften bei Gewalttaten lautstark zu kritisieren, sei es aufgrund einer „politisch korrekten“ Rhetorik, sei es, um Verallgemeinerungen und die Stigmatisierung der muslimischen Bevölkerung zu vermeiden, sei es, um der radikalen Rechten und der extremen Rechten keine Munition für eine Politik der Ausgrenzung zu liefern, sei es aus Angst vor der gewalttätigen Reaktion der Muslime …, was er als eine Selbstbeschränkung und Einschränkung
der Meinungsfreiheit, als eine Art Selbstzensur und darüber hinaus als Punkt, dass eine „Berliner Mauer“ errichtet worden wäre, die die westlichen Länder in einen regelrechten Schockzustand versetzte.

„Das Bild der sogenannten ‚arabischen Straße‘, das häufig im Fernsehen weltweit ausgestrahlt wird und zeigt, wie die Menschenmassen die Flagge eines bestimmten – meist westlichen – Landes verbrennen oder dessen Botschaften angreifen würden, hätte eine erschreckende Wirkung auf die Öffentlichkeit. Manche wagten es nicht einmal mehr, in der Öffentlichkeit über den Islam, Muslime oder Araber zu sprechen, aus Angst, der Islamophobie, des Rassismus und des Versuches, Konflikte zwischen den Gemeinschaften zu provozieren, bezichtigt zu werden.“

Die Konsequenz dieser falsch verstandenen Toleranz: „Anstatt der Missstände im Islam frontal und klar anzusprechen und zu kritisieren, den Islam als eine friedliche Religion [zu] verteidigen, würde die notwendige Kritik an einer fanatisch propagierten religiösen Ideologie auf die Muslime im Allgemeinen, auf die Gläubigen, verlagert, die zu einer unvermeidlichen und fatalen Vermischung führe, die genauso schlimm sei wie die zwischen Islam und Islamismus.“

Denn „Muslime seien weder für die Ungereimtheiten der Religion noch für deren Instrumentalisierung verantwortlich, noch was feudale arabische Regime und finstere islamistische Parteien daraus machten, was ein so trauriges Bild von ihnen zeichneten.“

Islamismus und Islam

Ein weiteres Problem stellt die schwankende, gelegentliche und punktuelle Vermischung zwischen ‚Islamismus‘ und ‚Islam‘ von Boualem Sansal dar, weil die Grenzen – aufgrund der Herrschaft über die gläubigen Muslime und über den s.g. gemäßigten Islamisten, die zu ihrer Lieblingswaffe machten – praktisch aufgelöst worden wären. Ein Grund wäre der gemeinsame Bezug auf den Koran.

Sansal geht aber noch weiter, indem er das radikal-islamistische System mit dem Nazi-Regime vergleicht, ein problematischer Vergleich, da die Islamisten noch keinen Zivilisationsbruch begangen haben. Diese These, die ihm viele Schwierigkeiten bereitet hat, wiederholt er häufig.

In einem Interview von Leménager im Le Nouvel Observateur (10. Januar 2008) gibt er Folgendes von sich: „Wenn ich sehe, was die Islamisten hier und anderswo tun, sage ich mir, dass sie, wenn sie an die Macht kommen, die Nazis noch übertreffen werden“ und „Wir leben unter einem national-islamistischen Regime und sind vom Terrorismus umgeben, und wir sehen ganz klar, dass die Grenze zwischen Islamismus und Nazismus sehr dünn ist.“

Natürlich ist diese Aussage zu allgemein und undifferenziert und bedarf einiger Präzisierungen, denn es ist schlichtweg falsch zu behaupten, dass die europäischen Gesellschaften die Terror- und Gewaltakte der Islamisten nicht kritisierten oder anprangerten; das ist nie und nimmer der Fall.

Diese Kritik ist relativ, weil Politiker nicht immer die Freiheit haben, ihre Meinung zu äußern und so zu handeln, wie sie es gerne hätten, ganz im Gegensatz zu einem Schriftsteller, der nicht Teil einer Regierung oder einer öffentlichen Einrichtung ist. Die Verantwortlichen sind verpflichtet, die öffentliche Ordnung im Gleichgewicht zu halten, um Rassismus und Angriffe auf friedliebende Musliminnen, die die Mehrheit bilden, zu verhindern. Westliche Demokratien gehen frontal gegen den Islamismus vor.

Weiterhin stellt diese radikale Kritik der mangelnden Meinungsfreiheit in den demokratischen Nationen Europas ein besonderes und weiteres Problem dar, da sie auch ein zentraler Punkt beispielsweise von rechtsextremen Parteien in Europa ist, so z. B. in der Ideologie der deutschen Partei AfD (Alternative für Deutschland).

Ihre ideologische Kritik wird oft mit Sansals Äußerungen in einen Topf geworfen (ganz besonders in akademischen Kreisen und nicht nur in Deutschland, sondern vor allem in Frankreich) und zwar zum Nachteil der von Sansal vertretenen Positionen, wegen des Applauses „von der falschen Seite“.

Zwischen rechts und links

Der zweite Bereich bzw. Vorwurf: Boualem Sansal teile Argumente von extremen Rechtsparteien. Er hat die Zuweisung in unserem Gespräch in aller Deutlichkeit zurückgewiesen. Er selbst fühle sich nicht zu einem bestimmten politischen Lager zugehörig und wolle sich auch nicht festlegen. Soweit ich ihn verstanden habe, ist er jemand, der politisch zwischen Mitte-Rechts und Mitte-Links angesiedelt werden könnte. Er unterstrich, er hätte seine eigene Agenda, die sei weder rechts noch links, und er spräche mit allen Menschen, unabhängig von welcher Couleur.

Viele dieser Menschen, die zum Teil in den öffentlichen Medien tätig wären, seien seit Jahrzehnten seine Freunde und er würde ihnen wegen ihrer politischen Ansichten niemals die Freundschaft aufkündigen, so z. B. zu seinem Freund Bruno Retailleau (stark rechter Kandidat der Republikaner bei der nächsten Präsidentenwahl, der eine Allianz mit der Nationalen Versammlungsbewegung nicht scheut) oder David Lisnard (Maire de Cannes), Hubert Védrine (Sozialist).

Er lehnt vehement ab, L’Hachette und Grasset als rechte oder gar faschistische Verlage zu betiteln. Auch Vincent Bolloré gehöre nicht zum extremen rechten Lager und er unterstütze nicht die Nationale Sammelbewegung, und zwar gegen alle anderen weitverbreiteten Einschätzungen. Ferner unterstrich er, es wäre ihm völlig gleichgültig, wer ihn vereinnahmt oder benutzt, es sei ihm indifferent, was die Leute aus seinen Positionen daraus machten. (3)

3 In: TV5: https://www.youtube.com/watch?v=BKi6ZcTWJMs

Ich habe auch mit Boualem Sansal über seinen sehr umstrittenen Begriff der „refrancisation“ („Refranzisierung“) gesprochen, (4) ein Begriff, der aber nicht mit dem als rechtsradikal zu bezeichnenden von der AfD verwendeten Begriff der „Remigration“ zu verwechseln ist, der darauf abzielen soll, auch Deutsche mit Migrationshintergrund aus Deutschland auszuweisen. (5)

4 Auch in: TV5 wiederholt er das; https://www.lejdd.fr/sommaire/boualem-sansal-et-philippe-de-villiers-alertent-notre-pays-est-au-bord-de-labime-171237. In seinem letzten Buch „Die Legende“ benutzt er den Begriff ‚francisation‘ im Sinne von ‚refrancisation‘ (Kindle, S. 55, Position 115)

5 In: https://www.ardmediathek.de/video/phoenix-vor-ort/remigration-ist-nicht-verhandelbar-bewerbungsrede-von-sven-tritschler-afd/phoenix/Y3JpZDovL3Bob2VuaXguZGUvNTIxNTMzOQ;
https://www.youtube.com/watch?v=LVT1POa83gU

Philippe de Villiers und Boualem Sansal meinen die konsequente Durchsetzung der französischen Kultur überall: in Schulen, in den Medien, im öffentlichen Raum, im Geiste, damit die französische Welt wiederentdeckt werden kann bzw. die französische Nation auf ihr historisches, philosophisches und kulturelles Fundament zurückgreifen und damit sie ihren früheren Glanz wiedererlangen kann.

Philippe de Villiers’ Positionen, Äußerungen und zahlreiche Publikationen passen aber problemlos und auf der ganzen Linie in die Ideologie der AfD. Deshalb muss auch hier die Frage gestellt werden, was sich hinter diesem Begriff im Einzelnen zu verstehen und gemeint ist. Denn beide Akteure erklären, Frankreich befände sich am Rande des Abgrunds.

De Villiers geht in seinem Buch „Erinnerungsauslöschung und Volksauslöschung“ (Mémoricide et Populicide) viel weiter: Er spricht von „Oikophobie“. Darunter ist die Furcht vor dem bzw. der Hass gegen das eigene Zuhause zu verstehen. De Villiers’ Buch ist nach französischen sowie nach deutschen rechtsstaatlichen Kriterien eindeutig als ein völkisches und rechtsextremes Buch einzuordnen und entspricht eins zu eins AfD-Positionen in Deutschland.

Demokratie und Freiheit

Auf meine Frage hin, ob er nicht fürchte, dass sein Ruf und sein Einsatz für Demokratie und Freiheit mit der Nähe zu rechten Medien, Kontexten und Personen gefährdet sein könnten, war seine Antwort ein dezidiertes Nein! Denn die Zuneigung, das Interesse und die Zustimmung, die er von den Menschen, von seinen Leser/-innen erleben würde, seien eindrucksvoll und bewegend und eine Bestätigung der Richtigkeit seiner Positionen.

Seine Lesungen wären immer wieder von Hunderten von Menschen besucht und in Paris würde er von vielen Passanten umringt und gratuliert, sie würden Selfies mit ihm gemacht, wenn sie ihn auf der Straße erkennen würden. Boualem Sansal scheint andererseits zurzeit in Frankreich für viele eine Bastion von Mut, Freiheits- und Gerechtigkeitsdrang, eine Projektionsfläche für Unbeugsamkeit und Rebellentum geworden zu sein. Boualem Sansal scheint diese Popularität als eine Entschädigung für all die Attacken zu genießen; aber andererseits ist er für viele ein rotes Tuch, ein „Paria“ geworden.

Boualem Sansals ehrenwertes Eintreten für Freiheit und Gerechtigkeit wird aber von ihm selbst schwer in Frage gestellt, indem er bei einem Interview erklärt, dass er bei den nächsten Präsidentschaftswahlen in Frankreich „alles außer die linke Partei ‚Unbeugsames Frankreich‘ wählen werde […]. Das heißt nach Boualem Sansal: Wenn in der zweiten und entscheidenden Runde, also bei der Stichwahl, die Parteien Unbeugsames Frankreich [La France insoumise; 6 LFI] (6) und die Nationale Sammelbewegung [Rassemblement National; RN] zur Wahl stünden, würde er für die Nationale Sammelbewegung stimmen, auch dann, wenn er als Intellektueller keine inhaltlich-politische Partei ergreifen würde“.

6 Das sagt Boualem Sansal in dem Interview mit TV5 Monde: https://www.youtube.com/shorts/msNy2nxLIkA.

Aber eine derartige öffentliche Ankündigung seiner Wahlpriorität ist sehr wohl eine klare Favorisierung der RN. Er begründet diese Entscheidung mit persönlichen und nur am Rande mit inhaltlichen Gründen: Er hätte die Unterstützung der LFI vermisst, weil er gegen den Islam, den Islamismus schreibe und weil er all diesen anprangere. Bis zu seiner Reise nach Israel wäre er der Liebling der Linken gewesen, er selbst wäre in der Tat seit seiner Studentenzeit ein Linker gewesen.

Die Linke hätte aber völlig versagt, und sie sollte das auch gestehen. Er würde François Hollande erneut wählen, das ginge aber nicht, er hätte damals nichts gebracht, daher hätte er eine völlige Abkehr vollzogen; Konsequenz: „Ich stehe jetzt rechts! Ich stehe rechts. Ein bisschen weiter rechts“.

Die Frage, die sich hier stellt, ist, wieso Boualem Sansal die extreme Rechte, die die Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zu Fall bringen, die Europäische Union und die NATO verlassen will, um einen xenophoben, nationalistischen Nationalstaat zu errichten und in höchstem Maße islamophob und rassistisch ist, die LFI vor der sog. „extremen Linken“ vorzieht, die ein Programm vertritt, das sich bis auf eine oder zwei Ausnahmen mit der deutschen Sozialdemokratie fast gleicht und sich ganz besonders für die Arbeiter und die sog. „kleinen Leute“ starkmacht.

Das Programm „Avenir en commun 2025“ („Eine gemeinsame Zukunft“) von LFI teilt vieles, was Boualem Sansal in seinen Romanen und Essays sowie in seinen öffentlichen Interventionen an Algerien kritisiert und bekämpft: Korruption, Vetternwirtschaft, Nepotismus oder Vorteilsnahme im Handeln der sog. politischen und wirtschaftlichen Eliten, was gleichermaßen und teilweise auch für Frankreich und andere europäische Staaten zutrifft.

Gerade das Kapitel 1 des Programms, „Die Macht ans Volk“, könnte aus Boualem Sansals Roman „Der Schwur der Barbaren“ stammen: „Eine verfassungsgebende Versammlung einberufen, um zur 6. Republik überzugehen – Die Präsidialmonarchie abschaffen – Die Oligarchie beseitigen, die Privilegien der Kaste abschaffen – Eine Republik, die das Mitwirken des Volkes ermöglicht – Eine laizistische Republik – Die Bürgerrevolution in den Medien […] die gemeinsamen Güter der Menschheit gesetzlich zu schützen […], demokratisch zu kontrollieren. Wasser und Luft, die das Leben ermöglichen, müssen in öffentliches Eigentum überführt werden“ oder „Die Laizität ist das Prinzip, das die Gewissensfreiheit, die freie Ausübung der Religion und die Gleichheit aller Bürger garantiert.

Sie ermöglicht somit unser Zusammenleben und ist untrennbar mit der Volkssouveränität verbunden. Wir müssen dafür sorgen, dass sie gewahrt wird, und uns an die ganz klaren Grundsätze halten, die im Gesetz von 1905 zur Trennung von Kirche und Staat festgelegt sind. Der Laizismus verbietet die Einmischung der Religionen in öffentliche Angelegenheiten.

Er darf weder mit einem staatlichen Atheismus verwechselt werden noch den Anspruch erheben, die Religionen zu organisieren. Er darf niemals dazu dienen, Gläubige einer bestimmten Religion an den Pranger zu stellen, wie dies in jüngster Zeit gegenüber Muslimen geschehen ist“, all das finden wir mehr oder weniger so in Postlagernd. Das ist aber exakt das Gegenteil dessen, was die RN vertritt. (7)

7 In: https://melenchon2027.fr/programme2025/livre

Es ist schwer vorstellbar, dass Boualem Sansal nur deshalb die Nationale Sammelbewegung priorisiert, weil diese die Herrschaft der französischen Verfassung und der Kultur im Zentrum des propagierten Wandels stellen will, was ein alter chauvinistischer und politisch-nativistischer, offenbar ein unausrottbarer Hut ist, in Deutschland vergleichbar mit Merz’ Spruch der „Leitkultur“ oder der AfD „Deutschland den Deutschen“ oder „Wir wollen unser Deutschland zurück“. Die Zeiten haben sich nun mal geändert.

Daher ist es für jene, die wohl seine Romane als auch seine Essays kennen und schätzen, zunächst unbegreiflich, dass Boualem Sansal sein Votum der Nationalen Sammelbewegung geben will, denn er könnte sich auch der Stimme enthalten, wenn keine Partei für ihn wählbar wäre, zudem einer Partei, die vom Conseil d’État (Staatsrat) als rechtsextreme Partei eingestuft worden ist. (8)

8 Das „Conseil National“/„Der Staatsrat“ ist eine übergeordnete verfassungsrechtliche Einrichtung mit
vielfältigen Funktionen, die in Deutschland in etwa dem Bundesverfassungsgericht, dem
Bundesverwaltungsgericht, dem Bundesarbeitsgericht oder dem Bundesgerichtshof entsprechen würde.

Persönliche Verletzungen

Aus Boualem Sansals Stellungnahmen lässt sich klar erkennen, dass er die Nationale Sammelbewegung nicht aus inhaltlichen Gründen wählt, sondern aus einer persönlichen Verletzung, aus der Erfahrung, vom politischen linken Spektrum im Stich gelassen worden zu sein, und aus den Attacken der sog. „linken Medien“ (er meint hier z. B. Le Monde) und der „linken Intellektuellen“, wie er diese bezeichnet: also eine emotionale Entscheidung.

Der letzte Bereich ist besetzt vom Boualem Sansals Wechsel von Gallimard zu Grasset, was Sansal immer wieder als einen „ganz normalen und alltäglichen Vorgang“ bezeichnet hat, der in der Beziehung zwischen Verlagen und Autoren tausendfach vorgekommen wäre, das betreffe so auch finanzielle Kriterien. Deshalb verstünde er nicht, warum die Medien (v. a. die s.o. „linken Medien“) eine riesige Sache daraus gemacht hätten.

Allerdings hatte ein solcher Wechsel von Beginn an ein enormes Konflikt- und mediales Potenzial, auch aufgrund von Stellungnahmen von beiden Seiten. Die Trennung von Antoine Gallimard finde ich persönlich als äußerst bedauerlich, auch dann, wenn ich die Gründe von Boualem Sansal kenne, verstehe und respektiere, warum er zu Grasset gegangen ist, einem Verlag, der bis zum Rauswurf von Olivier Nora, was auch zum Abgang von über zweihundert renommierten Autor/-innen führte, ein Weltverlag war.

Hier stellt sich die berechtigte Frage, warum Medien, Intellektuelle, Schriftsteller et al. auch diese Autoren nicht als „rechte“ bezeichnet haben. Denn Grasset gehörte auch unter Olivier Nora der Gruppe Bolloré an. Es ist nur zu hoffen, dass sie nun unter der Ägide von Jean-Christophe Thierry Grasset ein selbstständiger, liberaler und weltoffener Verlag bleibt.

Zu betrachten ist aber auch, was ich aus eigener Erfahrung weiß: dass Antoine Gallimard sich und auch zusammen mit dem deutschen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier massiv und vorbildlich für die Freilassung von Boualem Sansal eingesetzt hat, wie wir von der „Leipziger Initiative für die Freilassung von Boualem Sansal“ in der Veranstaltung am 01.07.2025 im Festsaal des Alten Rathauses per Videobotschaft feststellen konnten. (9)

9 Herr Dr. Thorsten Ahrendt hat diesen Ort und dieses Datum für diese Veranstaltung aufgrund seines besonderen symbolischen Charakters ausgewählt. Denn das Haus des Buches veranstaltete die erste Solidaritätsveranstaltung für die sofortige Freilassung von Boualem Sansal in Deutschland am 03.12.2024. Im Anschluss daran hat sich die „Leipziger Initiative zur Freilassung von Boualem Sansal“ gegründet und zusammen mit dem Haus des Buches bis Juli 2025 ca. 28.000 Unterschriften gesammelt.

Das Datum der heutigen Veranstaltung verweist auf die Großveranstaltung, wiederum organisiert von der „Leipziger Initiative zur Freilassung von Boualem Sansal“ mit dem Haus des Buches im Alten Rathaus am 01. Juli 2025, an der sich mit der Unterstützung mehrerer staatlicher Stellen, mit dem Rathaus zu Leipzig und zahlreichen Persönlichkeiten aus Politik, Kultur und Wissenschaft beteiligt hatten. Alle übersetzten Texte aus der französischen Fassung „La Légende“ (die deutsche Übersetzung liegt nicht vor), die an dem Abend vorgetragen wurden, stammen von mir und sind das Ergebnis – aus rechtlichen Gründen – einer Zusammenfassung mit meinen eigenen Worten. Auch meine übersetzten Fragen und Bemerkungen an Boualem Sansal stammen von mir.

Sicher ist aber, dass der Rauswurf von Olivier Nora auf keinen Fall Boualem Sansal angelastet werden kann, da das ein internes Problem latenter und offener Spannung in L’Hachette war, verstärkt durch den Einfluss des konservativen politischen Lagers (z. B. des ehem. Präsidenten, inzwischen wegen Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung, illegaler Wahlkampffinanzierung, Korruption und Bestechung bestraften Nicolas Sarkozy, ein enger Freund von Vincent Bolloré).

Die Gründe der Trennung von den ehemaligen Freunden und Partnern Antoine Gallimards sind sogar für Eingeweihte mehr als kompliziert und teilweise so undurchschaubar, dass äußerste Zurückhaltung geboten ist. Auch hier muss man klarstellen, dass Geld für diesen Wechsel keine primäre Rolle gespielt haben soll, was Boualem Sansal mehrfach und erneut öffentlich erklärt und mir im Gespräch noch einmal bestätigt hat.

Fazit

Für mich steht fest: Boualem Sansal ist ein zutiefst freiheits- und friedliebender Mensch und Schriftsteller, ein aufrichtiger Demokrat, der nicht für sich allein, sondern für eine bessere Welt aller kämpft. Deshalb glaubt er, sich erlauben zu können, mit allen zu reden, gleichgültig, wo der Einzelne politisch steht.

Er hat mit seinen Interventionen und in seinen Schriften wie „Literatur statt Krieg“ (2010); „Boualem Sansal. Ansprache aus Anlass der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels“ (2011); „Rassemblement mondial des écrivains pour la paix. Appel de Strasbourg“ (2012); „Allahs Narren. Wie der Islamismus die Welt erobert“ (2013); „Frankreich – Algerien. Widerstandsfähigkeit und Versöhnung“(2020); „Freundschaftlicher, respektvoller und mahnender Brief an die Völker und Nationen der Welt“ (2022) sein unbestreitbares Engagement für Freiheit und Frieden unter Beweis gestellt.

Zuletzt hat er am 29.07. einen „Offenen Brief an Herrn Abdelmadjid Tebboune, Präsident des neuen Algeriens“ verfasst, der in der angesehenen Zeitschrift „La Nouvelle Revue Politique“ erschienen ist, in dem er ein freies und gerechtes Algerien fordert.

Boualem Sansal vertritt die Meinung, und sicher nicht zu Unrecht, dass Europa eine islamistische Islamisierung erlebt, die die Fundamente des europäischen und französischen Werte- und Kultursystems bedroht, dass Europa dabei ist, die Demokratie und sich selbst zu zerstören. Allerdings sind solche Positionen, die von rechtsextremen Parteien mit gravierenden Folgen ausgeschlachtet werden, eher als problematisch zu sehen, und damit beginnen auch die Probleme und die hausgemachten Missverständnisse.

Viele dieser Positionen in dieser Form teile ich nicht, und dennoch waren der Austausch mit Boualem Sansal sowie die Möglichkeit, ihm zuzuhören und ihn zu verstehen, produktiv und lehrreich. Sinnvoll wäre es, bei Boualem Sansal zwischen dem „öffentlichen Sansal“ und dem „Schriftsteller- und Essayisten-Sansal“ zu unterscheiden, und zwar nicht, um seine Verantwortung zu verschleiern.

So würde man feststellen können, wie detailreich er historisch, politisch, wirtschaftlich und religiös seine Meinung über die „islamistische Islamisierung“ in Europa begründet, was in vielen Interviews und Gesprächen nicht möglich ist, sodass Pauschalisierungen zustande kommen.

Menschlichkeit, Aufrichtigkeit und Authentizität von Boualem Sansal werden jedem klar, als er z. B. die Mitgefangenen motiviert, mit ihm Gedichte aufzusagen, später werden diese mit seiner Unterstützung sogar selbst Gedichte nach dem Prinzip des surrealistischen „automatischen Schreibens“ („écriture automatique“) verfassen, die als Kraft-, Hoffnungs- und Widerstandsquelle, aber auch als Förderung des Gedächtnisses dienen. Oder jene herzzerreißenden Passagen, in denen er seinen kompletten psychischen und physischen Zusammenbruch sowie seine Ohnmacht und sein Leiden beschreibt, als seine Frau, verhindert durch eine Krankheit, an zwei Dienstagen in Folge ihn im Gefängnis nicht besuchen kann und er von den Behörden in völliger Ahnungslosigkeit und Panik zurückgelassen wird.

Das ist das Wichtigste, was wir beim Gespräch und bei der Präsentation seines Buches auf Einladung des Leiters des Literaturhauses Leipzig, Dr. Thorsten Ahrendt, am 01. Juli in einem sehr gut besuchten Haus – und das trotz des Ausbleibens der öffentlichen Verkehrsmittel und eines Gewitters – erfahren und erleben durften: Boualem Sansal hat uns sein Herz geöffnet und mit uns seine Tragik von der Verhaftung bis zur Freilassung geteilt.

Über das Gesagte hinaus ist es erfreulich zu wissen, dass Boualem Sansal mit drei Verlagen einen Vertrag unterschrieben hat, was den Blick nach vorn richtet: Mit CERF (einem religiös orientierten Verlag), bei dem Boualem Sansal demnächst ein Buch mit dem Titel „Essai sur la démocratie“ (Essay über die Demokratie) veröffentlichen wird; sowie dann bei Le Cherche-Midi (Editis), hier wird Boualem Sansal ein noch nicht entschiedener Porträt vorlegen; und letztlich bei Grasset, wo er seinen neuen mit einer höchst spannenden Geschichte und fast fertig geschriebenen Roman im kommenden Jahr veröffentlichen wird.

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