Er war ein Star der modernen Literatur im 20. Jahrhundert. 1985 starb er mit gerade einmal 61 Jahren: Doch die Romane und Erzählungen von Italo Calvino sind so lebendig wie zu ihrem Erscheinungstag. Und nicht nur diese. Immer neue Funde macht der Hanser Verlag und bringt sie den Liebhabern von Calvinos Schreiben als gedrucktes Buch ins Haus. Mit immer neuen Texten und Überraschungen. Diese sind auch in den Beiträgen zu finden, die Calvino in Zeitungen und Zeitschriften veröffentlichte. Und da geht es nicht nur um schreibende Computer.

Denn das, was heute von den Tech-Bros in den USA als Artificial Intelligence verkauft wird, darüber diskutierten die klugen Köpfe der westlichen Gesellschaften auch schon 1984. Und zwar nicht nur irgendwelche Tech-Fanatiker aus dem Silicon Valley oder Professoren, die sich in geheimnisvollen Laboren mit Kybernetik beschäftigten. Es war auch ein literarisches Thema.

Denn die Autoren der Zeit wussten genau, was da auf die Literatur zurollte, wenn die Computerfreaks ihre Algorithmen immer mehr spezialisieren würden und die Leistungsfähigkeit der Server ein rasantes Wachstum erfahren würden.

Es war längst zu ahnen, was da kommen würde. Und so machte sich Italo Calvino in einem Vortrag in der Associazione Culturale Italiana ganz offensichtlich Gedanken darüber, was passieren wird, wenn Computer anfangen werden, Literatur zu produzieren. Denn wer schreibt, der weiß genau: Alle Regeln und Stilmittel sind kopierbar, Erzählmuster und Dramaturgien ohnehin, erst recht, wenn es um das Produzieren des Immergleichen geht.

Und die literarische Jahresproduktion ist zu 90 Prozent eine Produktion des Immergleichen. Genau das kann man auch Computern beibringen. Und Calvino hätte sich wohl auch nur gewundert, dass das trotzdem noch über 30 Jahre dauern würde, bis die Programmierer endlich so weit wären.

Topologien und Labyrinthe

In seinem Vortrag nahm Calvino auch die ätherischen Vorstellungen einer aus den Höhen schwebenden Literatur auseinander. Radikal, lustvoll, ganz offensichtlich zum Entsetzen des Publikums. Dass er nicht der einzige Autor war, der sich damals mit den fabulösen Fehlinterpretationen von Literatur beschäftigte, wird deutlich, wenn er am Ende seinen deutschen Schriftstellerkollegen Hans Magnus Enzensberger erwähnt, der sich in dem Essay „Topologische Strukturen der modernen Literatur“ mit dem labyrinthischen Erzählen seit der Antike beschäftigte.

In gewisser Weise gelangt Calvino dabei zu dem optimistischen Schluss, dass Literatur auch trotz der Computer-Konkurrenz Zukunft haben könnte – wenn man Literatur als Spiel begreift, als Herausforderung, über spielerisches Erzählen „die Welt zu verstehen“.

Der Vortrag ist nicht die einzige Perle in dieser Auswahl, die zum großen Teil Texte bringt, die bisher noch nicht auf Deutsch erschienen sind. Und wenn man schon in diesem launigen Vortrag so eine Ahnung davon bekommt, dass Calvino im Grunde von eigenen Schreiberfahrungen erzählt und seiner tief verwurzelten Abscheu vor dem Schreiben nach Schablone, dann wird man in dem Essay „Geschriebene und ungeschriebene Welt“ von 1983 erst recht überrascht, weil Calvino hier tatsächlich davon erzählt, warum er schreibt und warum er dafür Erzählmodelle wählt, die ihm eigentlich völlig fremd sind.

Das Ergebnis kennen Calvino-Leser ja aus gnadenlos verführerischen Büchern wie den „Cosmocomics“, „Die unsichtbaren Städte“, „Herr Palomar“ oder „Wenn ein Reisender in einer Winternacht“. Alles Bücher, die durch ihre unverwechselbare Erzählweise bezaubern, auch weil sie fast jedes Mal das Erzählen selbst zum Thema machen. Und das ist etwas Überwältigendes, etwas, das auch den Autor überwältigt.

Oder überwältigen sollte. Erfahrene Leserinnen und Leser wissen das: Wer nur „gekonnt und routiniert“ erzählt, produziert Bücher, die am Ende einfach nur langweilen und nicht mehr überraschen. Auch weil sie nicht herausfordern. Schon gar nicht zum Nachdenken darüber, wie wir uns eigentlich unser Leben und die Welt erzählen.

Punkt. Pause. Stimmt.

Unmögliche Bücher

Genau darum geht es in faszinierender Literatur. Nur dass Calvino mit seiner unvergleichlichen Ernsthaftigkeit aus der Perspektive des Autors (und erfahrenen Lektors) aufs Schreiben schaut.

Und im selben Essay eine für ihn gültige Wahrheit ausspricht: „Ich gestehe, dass ein Großteil der Bücher, die ich geschrieben habe, und denen, die ich noch schreiben will, von der Vorstellung ausgehen, dass es mir unmöglich sei, ein solches Buch zu schreiben. Wenn ich überzeugt bin, dass ein bestimmter Typ Buch ganz und gar jenseits der Möglichkeiten meines Temperaments und meiner technischen Fähigkeiten ist, setze ich mich an den Schreibtisch und fange an zu scheiben.“

Wenn man sich das nur vorstellt … aber es ist so stimmig. Genauso entstehen Texte, die auch die Leser in ihren Bann ziehen. Weil sie geradezu dazu einladen, mit anderen Augen auf die Welt zu schauen. Sie als große Narration begreifend. Denn wir erzählen uns die Welt. Alle und täglich. Nur dass die meisten Erzählungen platt, dumm und langweilig sind. So öde, dass man die täglichen Nachrichten mit ihren dummen und redundanten Erzählungen schon gar nicht mehr verträgt. Davonlaufen will, weil einem die erzählte Dummheit regelrecht Kopfschmerzen macht.

Auch deshalb lesen wir Bücher, gehen hoffnungsvoll in die Buchläden, innig gespannt, ob wenigstens eins von den tausenden Büchern aus der Erzählwelt eines Italo Calvino stammen könnte. Wenigstens eins.

Bücher, die man gern lesen würde

In einem Vortrag auf der Buchmesse in Buenos Aires 1984 ging Calvino noch einmal auf seine Herangehensweise ans Schreiben ein. Sogar sehr genau auf das, was man Motivation nennen darf. Und was den Nerv des Erzählens trifft. Denn warum schreibt einer eigentlich?

„Ich möchte nun vom Allgemeinen zu meiner eigenen Erfahrung als Schriftsteller übergehen und muss sagen, dass mich nicht so sehr der Wunsch antreibt, mein Buch zu schreiben, das Buch, das mir selbst gleichkäme, sondern der Wunsch, ein Buch vor mir zu haben, das ich gern lesen würde. Dann versuche ich mich mit dem imaginären Autor dieses noch zu schreibenden Buches zu identifizieren, einem Autor, der auch ganz anders sein könnte als ich.“

Wer Leseerfahrung hat, weiß, dass so tatsächlich erst die aufregendsten Bücher entstehen, Bücher, die uns mitreißen, nicht nur in eine andere Welt (was es oft gar nicht braucht), sondern in eine andere Erzählung von der Welt. Und damit in jenes Aha-Erlebnis, das uns selbst spiegelt – als sich ihr Leben erzählende Wesen, die oft gar nicht aus ihrer Haut und ihrem Trott kommen, weil sie sich das Leben nicht mehr als rätselhaft und verstörend, unfassbar und vieldeutig erzählen können. Der schreibende Erzähler begegnet seinem eigenen Leser-Ich. Und öffnet damit Welten, die die meisten Bücher nicht mal ahnen lassen. Denn alles könnte ganz anders sein.

„Die Krise endete erst, als ich beschloss, nicht den Roman zu schreiben, den ich glaubte, schreiben zu müssen, und den die anderen von mir erwarteten, sondern den Roman, den ich selbst gern lesen würde“, schreibt Calvino, „ein Buch wie aus einer anderen Zeit und aus einem anderen Land von einem unbekannten Autor, ein alter, auf dem Speicher gefundener und von Mäusen angenagter Wälzer, den ich mit gleicher Begeisterung wie als Kind lesen würde.“

Roman in der Krise?

Womit er sich auch deutlich absetzt von den in den 1960er und 1970er Jahren viel diskutierten Literaturexperimenten, über die er 1959 nachdachte in einem Beitrag der „Nuovi Argumenti“, die von ihm unbedingt wissen wollte, ob der Roman nun in einer Krise steckt. Steckte er natürlich nicht. Nur der alte, dickleibige Professorenroman des 19. Jahrhunderts funktionierte nicht mehr nach den Erfahrungen mit den Diktaturen und Kriegen des frühen 20. Jahrhunderts.

In Italien wurde genauso eifrig mit neuen Erzählkonzepten experimentiert wie in Frankreich. Hinter der vermuteten „Krise des Romans“ steckte eigentlich das elementare Bedürfnis, die als heillos und unlogisch erfahrene Welt auch mit adäquaten Erzählkonzepten wieder greifbar zu machen.

Was ja schon ein halbes Jahrhundert früher etwa mit Joyce und Musil begann. 1959 – da hatte Calvino schon seine faszinierende Roman-Trilogie „Unsere Vorfahren“ mit dem „Baron in den Bäumen“ und dem „Geteilten Visconte“ veröffentlicht. Romane, die das klassische Romanschema des 19. Jahrhunderts natürlich längst durchbrochen hatten und die Leser daran erinnerten, dass das Erzählen mit Fantasie zu tun hat, dem Vorstellungsvermögen, die Dinge könnten ganz anders sein, als sie für gewöhnlich in der Zeitung stehen.

Und dass Autoren durchaus mehr erzählen als die scheinbar auf der sichtbaren Erzählebene dargebotenen Ereignisse. Der Leser darf anspruchsvoller sein, darf „kulturelle, philosophische, wissenschaftliche etc. Anregungen“ erwarten, einen Autor letztlich, der seine Lese ganz bewusst mitnimmt in die überbordende Vielstimmigkeit unseres Erlebens.

Dass ausgerechnet in Frankreich mit der „nouvelle école“ das gegenteilige, völlig reduzierte Erzählen ausprobiert wurde, empfand Calvino schon 1959 als Sackgasse. Ein schönes Experiment, eine aufregende Mode, die das Erzählen regelrecht dekonstruierte.

Helden des (Un‑)Möglichen

Natürlich war es eine aufregende Zeit, in der Autoren weltweit den scheinbar „objektiven Roman“ der Vergangenheit infrage stellten und die Leser zu Komplizen machten beim Ausprobieren völlig neuer Erzählstrukturen. Die auch durchaus an ältere Strukturen erinnern durften. So wie bei Calvino, der aus eigener Erfahrung ja wusste, dass die Leser mit dem immer wieder als objektiv verkauften Realismus nicht viel anfangen konnten. Denn dieser „Realismus“ war immer konservativ. „Kann es jemals einen revolutionären Realismus geben?“, fragt Calvino.

Er sagt nicht „Nein“, findet aber keine „erprobten Beispiele“. Und das wird sich auch bis 1985 nicht ändern. Denn Literatur lebt nun einmal davon, dass sie das Diktat des gewöhnlichen Alltags überschreibt, den Leser herauslöst aus seinem Funktionieren und ihn zum Helden des (Un-)Möglichen macht.

Gern mit jeder Menge Tränen, wie im 1984 veröffentlichten Artikel „Sieben Flasche Tränen“, in dem Calvino die Rührung anspricht, die „Phänomenologie des Weinens“. Die so heilsam ist, wenn Bücher die Leser wirklich anrühren. Und uns abseits vom ungerührten Lärm der Welt daran erinnern, dass wir durchaus berührbare Wesen sind.

Womit wir eigentlich beim Kern des staunenden Lesens wären: der tiefen Sehnsucht nach Geschichten, die uns tatsächlich aus dem Tritt reißen und uns daran erinnern, dass wir unser Leben eigentlich auch anders erzählen können. Wenn wir nur den Mut haben, uns auf faszinierend neue (oder ganz alte) Geschichten einzulassen.

Es ist eine Textauswahl, die nicht nur an den Erzähler Italo Calvino erinnert, sondern auch daran, dass Nachdenken über Literatur einmal spannend und aufregend war. Als hätte die Marktgängigkeit von Literatur seither allen Geist und allen erzählerischen Witz gefressen. Und kaum noch Autoren übrig gelassen, die so souverän über das Schreiben und Erzählen nachdenken können, wie es Calvino hier exemplarisch zeigt.

Italo Calvino „Geschriebene und ungeschriebene Welt“ Hanser Verlag, München 2026, 24 Euro.

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