Manchmal landen auch unerwartete Bücher in unserem Postfach. So wie dieses. Mit zwei „Helden“, mit denen man ganz bestimmt keine Bergwanderung machen würde. Jedenfalls nicht freiwillig. Und so ganz freiwillig sind die beiden auch nicht in die Berge gefahren und wandern in aller Herrgottsfrühe los mit ihrem Bergführer Raffi, weil sie beide glauben, sie könnten bei einer solchen Bergtour klären, wer nun der glorreiche Präsident eines neu zu gründenden theologischen Instituts werden dürfe. Man merkt schon: Eitelkeit treibt beide an.

Der eine, Dr. Horst Warzinek, ist schon seit Jahren Seelsorger einer Pfingstgemeinde, ein Professorentitel würde ihn geradezu erheben in den Himmel seiner Sehnsucht. Der andere, der sich Juda Krafft nennt, hat irgendwo in Norddeutschland eine eigene Gemeinde gegründet. Mit Clips im Internet hat er seinen Ruhm als Influencer begründet, ein Erweckter im Glauben zu sein. Und die Leute glauben dem ehemaligen Gebrauchtwagenhändler tatsächlich.

Aber Fördergeld für das neue Institut gibt es nur, wenn sich beide einigen. Wer wird Präsident? Wer Professor? Lässt sich das klären zwischen zwei Typen, die sich eigentlich spinnefeind sind und das einander auch spüren lassen auf den ersten Höhenmetern? Warm wird man den beiden nicht als Leser. Und steigt innerlich endgültig aus, als sie einander mit Bibelzitaten versuchen zu beeindrucken und dann auch noch beschließen, dass ihr scheinbar völlig ungläubiger Führer bekehrt werden muss.

In Bibel-Gleichnissen

Da sind sich die beiden einig. Auf einmal. Das lenkt ab von ihrem Streit. Der im 21. Jahrhundert nur noch seltsam wirkt. Wenn es jemanden gibt in dieser Geschichte um Schuld und Sühne, den man irgendwie mögen kann, dann ist das dieser Raffi, der nicht nur dem etwas übergewichtigen Juda das Leben rettet und sich auf der Bergtour zwei Mal verletzt, sondern auch auf skeptische und rationale Weise antwortet, wenn Dr. Horst Warzinek glaubt, ihn mit seinem Bibelwissen beeindrucken zu können. Raffi staunt nicht über Warzineks schöne Bibel-Gleichnisse. Sondern hinterfragt die Geschichten. Und findet sie nicht ganz so logisch wie Warzinek.

Im Gegenteil. Wie würde man wirklich als Mensch auf Erden reagieren? Erst recht, wenn man sich auf keine höhere Macht herausreden kann, sondern hier handeln muss, hier unten auf der Erde. In Situationen, die unser Handeln erfordern.

Da geht den beiden Möchtegernpropheten am Ende zu weit. Der letzte Disput gerät völlig aus den Gleisen. Und wie das so ist in Zeiten, in denen die Fundamentalisten keine Argumente haben, aber unbedingt recht behalten wollen? Sie schnappen sich die herumliegenden Steine und erschlagen den Burschen, der ihren selbstgefälligen Argumenten nicht glaubt. Sondern widerspricht.

Selbstgefällige Propheten

Auch wenn es höchst unwahrscheinlich ist, dass tatsächlich einmal so eine Geschichte passiert, wie sie Gregor Heidbrink hier mit viel Fantasie gestrickt hat, macht gerade dieser unverhoffte Mord oben auf dem Berg deutlich, dass es unter der scheinbar nur kriminellen Handlung auch mindestens eine tiefere Ebene gibt.

Zusätzlich zu all den Aspekten des Selbstbetrugs und der Überheblichkeit, mit denen Warzinek und Juda durch die Welt rennen und sich für andere Leute als Heilsbringer und Propheten verkaufen. Das war schon zu biblischen Zeiten eine Anmaßung. Und eine der schlimmsten Versuchungen. Ist es auch heute noch, wo sich die Propheten ja gern ihre eigenen Kirchen und Sekten basteln.

Aber beide leben auch in einer Kunstwelt. Warzinek in einer, die seine geradezu ruhmsüchtige Frau Mechthild um ihn aufgebaut hat, die unbedingt als Autorin Erfolg haben will und eine geradezu erfundene Biografie um ihren Mann aufgebaut hat. Den sie genauso wenig liebt wie er sie. Aber sie spielen das Drama einer glücklichen Ehe weiter, während Mechthild längst eigene Pläne geschmiedet hat und Horst überlegt, es Mechthild nach dem Ausflug in die Berge endlich zu sagen.

Nur dass alle Beteiligten nicht ahnen, dass sie auch noch in eine alte Mordlegende geraten, die das Bergdorf seit Jahrzehnten beschäftigt, seit der Vater der Hotelwirtin nach einem Ausflug mit seinem Bruder in die Berge nicht zurückkehrte. Da leuchtet eine Bibelgeschichte im Hintergrund, die ganz offensichtlich viel wirkmächtiger ist als die Geschichte mit dem Weinberg, mit der Warzinek glaubt, Raffi vom Glauben überzeugen zu können: die Brudermordgeschichte von Kain und Abel.

Ein alter Mordfall

Andererseits scheinen die Berge gerade im Spätsommer besonders gefährlich. Da verschwinden immer wieder Wanderer und im Dorf glaubt man felsenfest an den mörderischen Wolkenmann. Nur der alte Polizeichef nicht, der seit Jahren nach einem Mörder sucht. Den er am Ende tatsächlich findet. Da haben ihm dann Warzinek und Juda tatsächlich geholfen, den Fall zu lösen, der ihn all die Jahre umgetrieben hat. Ein bisschen biblisch natürlich. Denn am Ende steht wahrlich die Frage, wer denn nun wirklich dieser Raffi war, der die beiden Wanderer mit seiner geduldigen Skepsis so auf die Palme gebracht hat, dass sie völlig die Kontrolle verloren?

Das ist die Ebene unter der Ebene der beiden Möchtegern-Propheten, die sich unterwegs eigentlich gegenseitig eingestehen, dass es mit ihrem Glauben nicht allzu weit her ist. Die Ebene, an der sich die Missionare von den Atheisten trennen, den Zweiflern, Skeptikern, den Nüchternen, die nicht nach irgendwelchen höheren Mächten fragen, nach Sühne und Erlösung. Gar in einer Glaubensgemeinschaft, die ihren Mitgliedern so viel schlechtes Gewissen einredet, dass kaum noch einer glaubt, dass er am Ende tatsächlich in den Himmel kommt.

Denn nichts anderes tut ja dieser Raffi, die beiden Querköpfe mit seiner Skepsis daran zu erinnern, dass jeder Mensch selbst für sein moralisches (oder unmoralisches) Handeln verantwortlich ist. Es gibt keine höhere Macht, die einen davon freisprechen kann. Das kapieren die beiden aber erst, nachdem sie Raffi umgebracht haben. Und zutiefst erleichtert sind, weil sie auf einmal eine Schuld auf sich geladen haben, zu der sie stehen können. Die sie geradezu bekennen können und das auch tun in der Polizeiwache.

Schuld und Laster

Nun fällt es ihnen auch leicht, auf all ihre Pläne, Allüren, den ganzen Ehrgeiz zu verzichten. Jetzt sind sie schuldige Lämmer, so wie wir alle. Denn das kommt ja in den ganzen Bekehrungsmärchen selten vor: dass die Missionare nicht einen Deut unschuldiger sind als die Bekehrten.

Es ist nicht immer die eine, schwere Schuld, mit der einer – wie Warzinek – hausiert, die Menschen ihre Fehlbarkeit vor Augen führt. Das macht ja das Begleiten dieser beiden Überheblichen auf ihrer Tour in die Berge so schwierig. Denn beide zelebrieren etliche der Laster, die nach biblischem Glauben zur Sünde führen – von Hochmut und Eitelkeit bis zur Ignoranz.

Da hat Raffi einfach keine Chance. Und im Grunde führt Gregor Heidbrink gerade in dieser Zuspitzung vor, wie auch politische Diskussionen eskalieren, wenn die Glaubenssätze der Prediger unverhandelbar sind. Manchmal ist es tatsächlich die entfesselte Gegenwart, die sich so auf einmal heftig in Geschichten einmischt und Situationen entstehen lässt, in denen einem Angst und Bange werden kann.

Denn natürlich verschwinden die moralischen Probleme, die die Bibel zuspitzt, nicht aus der Welt, wenn den Kirchen die Schäfchen davongelaufen und die Hirten sich in theologischen Spitzfindigkeiten verfangen. Im Gegenteil: Sie wuchern weiter und werden noch viel unbeherrschbarer, wenn die Akteure nicht einmal mehr durch ihre Hirten daran erinnert werden, welche fürchterlichen Folgen gewissenloses Handeln hat

Oder schlicht ignorantes Handeln, wie es die beiden Streithähne auf ihrer Bergtour zelebrieren.

Die Krux mit der Moral

Und da ist es erstaunlicherweise dieser engelhafte Raffi, der die beiden genau damit aus dem Gleis und in Rage bringt. Und damit letztlich – vergeblich – daran erinnert, dass es in der ganzen Bibelgeschichte nie um den „richtigen Glauben“ ging, sondern um moralisches Handeln. Das haben nicht nur viele Politiker vergessen. Oft hat man den Eindruck, auch die Kirchenlehrer haben es vergessen.

Und wie geht das aus? Zumindest der alt gewordene Polizeichef kann endlich den Fall seines Lebens lösen. Und Warzinek und Juda können endlich die Last von ihren Schultern werfen und ihre Ämter loslassen. Denn wenn man sich nicht mehr mit Ehrgeiz und Hochmut plagen und eine verlogene Rolle für andere spielen muss, fällt es leichter, sich wie ein Mensch zu benehmen. Aber wer sagt das den Hochmütigen? Denn auf die Raffis hören sie ja nicht, jedenfalls nicht, bis die Situation längst eskaliert ist.

Gregor Heidbrink „Berg versetzt Glaube“ cmz Verlag, Rheinbach 2026, 18 Euro.

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