Sie können nicht mit Geld umgehen. Konnte Karl Marx zwar auch nicht. Aber wie Kapital funktioniert, das wusste er. Und wirklich ernsthafte Ökonomen, die ihre Wissenschaft tatsächlich rational betreiben, wissen, dass Marx nicht nur trockene Mehrwert-Formeln beschrieben hat, sondern wusste, wie Unternehmer ticken. Der Kapitalismus ist viel irrationaler, als er sich in der heutigen Ökonomie gern darstellt. Und das ist ein Problem. Denn darin steckt die Ursache für die manifeste Wirtschaftskrise, in der Deutschland nun seit vier Jahren feststeckt. Ohne Licht am Horizont.
Wobei ja die führenden Ökonomen des Landes nicht einmal zugeben, dass Deutschland in so einer Krise steckt. Die Baupreise explodieren? Das geht vorbei. Die Spritpreise erreichen neue Rekordhöhen? Das stehen wir durch. Die Mieten gehen durch die Decke? Das regelt der Markt.
Usw.
Alles regelt bei diesen Leuten der Markt. Im Zentrum dessen, was die führenden Wirtschaftsinstitute und Lehrstuhlinhaber der „Wirtschaftswissenschaften“ predigen, steht der alles regelnde, geradezu geniale Markt. Der Staat dürfe sich nicht einmischen. Er könne ohnehin nicht wirtschaftlich agieren. Und so beraten auch die sogenannten „Wirtschaftsweisen“ die Bundesregierung, heben grimmige Warnschilder hoch, wenn auch nur ein Wirtschaftsminister auf die Idee kommt, mit staatlichen Interventionen Krisen zu lindern oder gar neue Impulse zu setzen.
Das bekam auch die Ampel-Regierung zu spüren, die zwar 2022 die durch den Krieg Putins gegen die Ukraine ausgelöste Energiekrise managte – und das mit Bravour. Aber danach, als es darum ging, das Land wieder aus dem Tal zu holen, machte sie einen Fehler, der bis heute nachwirkt. Im Zentrum: eine 2022 einberufene „Kommission Gas und Wärme“, die Bundeskanzler Olaf Scholz wissenschaftlich fundierte Empfehlungen geben sollte, wie mit den explodierenden Gaspreisen nun umgegangen werden sollte.
Denn nach dem ersten Entlastungspaket 2022 schlugen die Gas- und Strompreise ja voll durch – nicht nur bei den Verbrauchern, für die Heizen und Einkaufen auf einmal drastisch teurer wurden. Sondern erst recht auf die ergieintensive Wirtschaft.
Und was die Kommission vorschlug – jeder weiß es ja – war nichts Halbes und nichts Ganzes. Und vor allem war es keine dringend benötigte Energiepreisbremse.
Das Märchen vom Markt, der alles richtet
Nein, man muss nicht wirklich noch mal „Das Kapital“ von Marx lesen, um zu verstehen, womit der Mannheimer Makroökonom Tom Krebs hier abrechnet. Denn wenn man bei Marx etwas lernen kann, dann ist es, dass man mit falschen Thesen keine Wirtschaftspolitik betreiben kann. Dass nur die realen Zahlen und Fakten zählen. Und nichts dümmer ist, als einen Markt zu imaginieren, der alles von allein regelt. Das hat der mythische „Markt“ noch nie getan.
Und wer nur ein wenig über die Geschichte des kapitalistischen Wirschaftens weiß, der weiß auch, dass Nationen immer erst dann erfolgreiche Industrienationen wurden, wenn kluge Minister eingriffen, der Staat intervenierte oder wichtige Monopole selbst übernahm. Denn der viel beschworene Wettbewerb funktioniert nicht überall. Und überhaupt nicht funktioniert er, wo es Monopole gibt. Im Gegenteil: Dort richtet er gewaltigen Schaden an und bekommt nichts auf die Reihe.
Und Krebs muss gar nicht weit ausholen, um solche – letztlich natürlichen – Monopole zu benennen, auf denen die privaten Akteure auch in der Gegenwart kläglich (aber strukturell bedingt) versagen: Das sind in diesem Fall der immernoch stockende und löchrige Glasfaserausbau und das sind die Stromnetze, bei deren Ausbau für die Energiewende getrödelt, gekleckert und abgewartet wird.
Und letztlich geht es auch um die Energiemonopole. Denn der deutsche Stromnetzmarkt wird von ganzen fünf Unternehmen beherrscht, denen der eigene Gewinn und die Ausschüttungen an ihre Aktionäre immer schon wichtiger waren als die Gewährleistung stabiler und vor allem niedriger Energiekosten. Das ist ein Markt, auf dem auch gigantische Finanziers wie Blackrock ihr Süppchen kochen und vor allem Dividende sehen wollen. Etwa aus den Beteiligungen an den großen Stromnetzbetreibern, die dann bei der Bundesnetzagentur ihre Rechnung aufmachen und immer höhere Netzentgelte verlangen, weil sie ja die Netze ausbauen müssen. Dass da gleich noch 11 Prozent Dividende drinstecken, verschweigt dann natürlich die Stromabrechnung für die Kunden.
Wenn eine Energiepreiskrise nicht endet
Krebs taucht tief hinein in die Fehlentwicklungen der deutschen Wirtschaftspolitik, die es auch schon vor der Ampel-Regierung gab. Aber diese machte dann einen Fehler, den man in einer von preiswerter Energie geradezu abhängigen Industrienation nicht machen darf: Sie nahm die Empfehlung der Kommission an und verteilte nur ein paar Pflaster, unterließ es aber, einen wirklich nachhaltigen Energiepreisdeckel zu beschließen.
Intervenierte also nicht wirklich in einen völlig enthemmten Markt, der nicht nur die Verbraucherpreise in die Höhe schnellen ließ, sondern reihenweise Unternehmen in die Insolvenz trieb und die großen energieintensiven Unternehmen ihre Produktion drastisch drosseln ließ. Und so etwas hat Folgen. Wenn das ein Jahr lang anhält, kann das eine Wirtschaft wie die deutsche noch verkraften. Doch es hielt nicht nur 2023 an, sondern auch 2024 …
Im Hintergrund immer ein Finanzminister Christian Lindner (FDP), der bis zu seinem dramatischen Abgang verhinderte, dass die Bundesregierung für die Republik den Krisenzustand ausrief, obwohl alle Wirtschaftsdaten genau das begründeten. Ohne Krise aber durfte und darf die sogenannte „Schuldenbremse“ nicht gelockert werden. Der Staat also nicht mit wirklich wirksamen Stützungsprogrammen intervenieren – zum Beispiel mit einer wirksamen Energiepreisbremse.
Wenn Energiepreise die Produktion abwürgen
Und so machte Lindner Austeritätspolitik, als dringend Krisenintervention angesagt war.
Die es übrigens bis jetzt nicht gibt, auch wenn das Gejammer der Autolobby jetzt eine neue Spritpreisbremse auslöst. Was überhaupt nichts nützt. Denn das Problem ist viel größer, umfasst auch Gas- und Strompreis. Und verteuert Produktion in Deutschland so sehr, dass energieintensive Branchen (Krebs stellt besonders die Stahlproduktion in den Mittelpunkt) dazu gezwungen werden, ihre Produktion drastisch zu drosseln und gar über Werksschließungen nachzudenken.
Denn weil etwa Stahl immer teurer wird, da nun einmal der Energiepreis voll auf die Produktionskosten durchschlägt, wird die komplette anschließende Produktionskette teurer – vom Werkzeugmaschinenbau über den Fahrzeugbau bis zum Baugewerbe selbst.
Und mit der Nüchternheit eines Makroökonomen, der die Zahlen kennt und die Produktionsziffern ernst nimmt, zeigt Krebs, wie diese Kette durchschlägt bis zu den Verbrauchern. Wie es ganze Branchen ausbremst und dafür sorgt, dass Deutschland im Jahr 2026 noch immer auf dem Niveau von 2022 produziert. Früher, als auch Fernsehmoderatoren noch lustig sein konnten, nannte man so etwas „Null-Wachstum“.
Aber Krebs nennt es natürlich beim Namen: Seit vier Jahren steckt Deutschland in einer Wirtschaftskrise, wie es diese seit Gründung der Bundesrepublik nicht erlebt hat. Nur nennen es die herrschenden Ökonomen aus der neoliberalen Schule nicht so. Aus gutem Grund: Es würde zeigen, dass die Lehrbuchweisheit, die sie an deutschen Wirtschaftslehrstühlen lehren und der Bundesregierung mit ihrer geballten „Fachkompetenz“ einreden, falsch ist. Mythischer Blödsinn, theoretischer Experimentalquark nach Friedrich August von Hayek und Milton Friedman, also richtiger Neoliberalismus nach Lehrbuch.
Voodoo-Politik in Krisenzeiten
Und das, obwohl der Neoliberalismus als Wirtschaftstheorie schon 2008 gescheitert ist, als die damalige Finanzkrise alle westlichen Industrienationen straucheln ließ und die damals von Angela Merkel geführte Bundesregierung mit Milliardenpaketen eingriff, um den Zusammenbruch der großen Banken zu verhindern. Alles vergessen? Nichts dazugelernt?
Die Reaktion der deutschen Bundesregierungen auf die Energiekrise ab 2022 belegt das ziemlich deutlich. Denn wenn Finanzminister wie ein Christian Lindner felsenfest daran glauben, dass „der Markt“ das schon von allein richtet und die Regierung nicht mit Milliardenprogrammen gegensteuern muss, dann gibt es auch keine Krise. Und dann ist den vom Neoliberalismus so überzeugten Politikern auch egal, ob die Leute Angst um ihre Arbeitsplätze haben, ihre Wohnung und die Heizung nicht mehr bezahlen können, der tägliche Einkauf unbezahlbar wird und das gesellschaftliche Klima kippt.
Da wird Krebs sehr deutlich, der genau weiß, dass in einer kapitalistischen Gesellschaft wirtschaftlicher Erfolg, Demokratie und politische Stabilität aufs Engste zusammenhängen. Und die Wahlergebnisse der Gegenwart zeigen es ja. Die Angst und der Frust der Wähler entladen sich ungehemmt. Und statt endlich zu reagieren und wirklich wirksame Krisenprogramme aufzulegen, reagiert Schwarz-Rot noch viel drastischer als die Ampel-Regierung und kürzt, streicht und verschärft mit Verschlechterungen bei Rente und Bürgergeld die Angst der Bürger.
Die können ihren Frust dann an der Wahlurne abreagieren. Aber was machen die Unternehmen, denen die Produktionskosten aus dem Ruder laufen, weil ein völlig durchgeknallter US-Präsident noch ein zweites Schlachtfeld um Öl aufgemacht hat und an der Straße von Hormus gerade die ganze Weltwirtschaft in eine zweite Energiekrise geschossen hat?
Neoliberale Rezepte gegen die Energiewende
Natürlich denken diese Unternehmen über Werksschließungen und die Entlassungen hunderttausender Beschäftigter nach.
Und sie streichen auch gleich noch die Energiewende für ihr Unternehmen, weil sie den Umstieg nicht finanzieren können. Deswegen ist Krebs‘ Buch nicht nur eine dünne Broschüre geworden, die in satten Farben mit der wirtschaftlichen Inkompetenz der aktuellen Bundesregierung abrechnet. Er möchte ja gern einen Ausweg zeigen. Wohl wissend, dass das auch die Wähler erwarten, sehnlichst darauf warten. Und doch nur Schelte und Herablassung ernten.
Denn jetzt ist schon absehbar, dass das 500-Milliarden-Paket (Sondervermögen), das der letzte Bundestag noch eilig vor seiner Auflösung beschlossen hat, verpuffen wird, in einem aus dem Ruder laufenden Haushalt verkleckert, und ohnehin viel zu wenig ist, um die jahrzehntelangen Sparorgien der diversen Bundesregierungen endlich auszugleichen.
Denn die massiven Steuersenkungen für die Reichen und Vermögenden seit 30 Jahren haben einen Preis, den jeder Bürger in seiner Kommune besichtigen kann: Die Infrastrukturen verschleißen. Es wird viel zu wenig Geld in Instandsetzung investiert. Geld, das durch die massiven Steuersenkungen für die Reichen schlicht nicht verfügbar ist. Mit den Infrastrukturen zerbröselt Deutschlands Kapital, denn die ganze Wirtschaft ist darauf angewiesen, dass die Infrastrukturen intakt sind und instand gehalten werden.
Und gleichzeitig warten die Unternehmen darauf, dass die Bundesregierung endlich einen konsistenten Fahrplan für die Energiewende auflegt. Denn die rasant gestiegenen Preise für Öl und Gas auf den Weltmärkten haben ja auch gezeigt, wie verwundbar die auf bezahlbare Energie angewiesene deutsche Wirtschaft ist, dass sie Energiekrisen über längeren Zeitraum nicht abfedern kann.
Also müsste massiv in die erneuerbaren Energiestrukturen investiert werden. Doch genau hier funkt die aktuelle Wirtschaftsministerin Katherina Reiche wieder dazwischen, tut alles dafür, die Energiewende auszubremsen und den fossilen Konzernen weiter die Profite zuzuschustern.
Ergebnis? Bei jeder neuen Ermittlung des Bruttoinlandsprodukts zu sehen: Die deutsche Wirtschaft stagniert, kommt nicht aus dem Tal. Die dringend notwendigen Investitionsimpulse des Staates fehlen.
Neoliberales Feindbild: der Staat
Krebs nimmt seine Leser sehr gründlich mit in diese Materie, über die eigentlich alle Wähler informiert sein müssten. Würden nicht die großen Medienhäuser nicht selbst die alten, längst ad absurdum geführten Glaubenssätze des Neoliberalismus weiter als Wahrheit verkaufen, als wäre daran auch nur das Mindeste wissenschaftlich untermauert. Ist es aber nicht. Auch nicht der geradezu närrische Glaubenssatz, der Staast wäre überhaupt kein wirtschaftlicher Akteur.
Obwohl der Staat seltsamerweise der größte wirtschaftliche Akteur ist. So groß, dass seine Investitionen die Wirtschaft aus dem Tal holen können und elementare Produktionsfaktoren garantiert – nicht nur mit den so dringend benötigten Infrastrukturen, sondern auch mit einer hoch qualifizierten Bevölkerung … achja. Da müsste jetzt noch ein Kapitel zur deutschen Bildungsmisere kommen.
Das ersparen wir uns hier. Krebs entwickelt im zweiten Teil seines Buches, nachdem er alle Fehler der letzten beiden Bundesregierungen (und der ebenso neoliberal gestrickten EZB) untersucht hat, der Entwicklung der Vision einer Strategischen Industriepolitik und einer effektiven Krisenpolitik. Die – das dürfte da nicht mehr überraschen – einen handlungsfähigen Staat braucht, der eingreift, wenn die Wirtschaft in die Knie geht. Und der vor allem Leitlinien setzt und Zukunftstechgnologien fördert, wenn sie noch nicht wettbewerbsfähig sind. Auch aus Selbsterhalt, natürlich. Denn ein Land, das in den Zeiten zunehmender Ölkriege und Ölkrisen nicht dafür sorgt, energietechnisch autark zu werden, begeht im Angesicht der Weltentwicklung Harakiri.
Anders kann man das nicht bezeichnen.
Wenn Politik Vertrauen demoliert
Und erwartbar ist auch, dass genau diese Politik des Vertrödelns, Ausbremsens, Ignorierens im Land massive politische Verwerfungen zur Folge hat. Dieses Agieren im Schein einer völlig verpeilten „Wirtschaftstheorie“ lässt das Vertrauen der Bürger in die Handlungsfähigkeit der regierenden Parteien vor aller Augen zerbröseln. Und die Ängste der Wähler sind real.
Genauso wie die Zemürbung der Demokratie, die nun einmal davon lebt, dass Regierungen mit Geld umgehen können, in Krisen Feuerwehr spielen können und den Leuten vor allem nicht jeden Tag einen Bären aufbinden, alles wäre in Ordnung. Es gäbe gar keine Krise. Der Markt würde …
Und Tom Krebs hat recht. Er kennnt seine Branche und die Denkweise seiner Kollegen auf den Wirtschafslehrstühlen, die den Studierenden genau die Märchen einreden, die die Mühle ders Neoliberalismus am Laufen halten.
Und die vor allem für eins sorgen: Eine massive Umverteilung des gesamten gesellschaftlichen Reichtums von unten nach oben. Mit Folgen, die längst niemand mehr ignorieren kann: zerbröselnden Infrastrukturen, Kommunen, die in die Pleite rutschen, strauchelnden Sozialsystemen und nun auch einer Wirtschaft, die unter den viel zu hohen Enegiepreisen in die Knie geht.
Und nach neoliberale Rezeptur gibt es dafür nur eine Lösung: Sparen, Streichen, Verschlanken.
So zahlen wir dann alle den Preis für 40 Jahre neoliberale Politik. Und dass zuerst der Osten in Misstrauen abstürzt, hat seine Gründe natürlich darin, dass der Osten in den 1990er Jahren selbst schon eine Schocktherapie erlebt hat. Da werden tief sitzende Ängst wieder reaktiviert. Und wenn etwas ganz bestimmt nicht gut ankommt, dann ist es die grunddämliche Behauptung, die Deutschen wären einfach nur zu faul. Wer das sagt, hat nicht einmal begrifffen, mit welchen neoliberalen Scheuklappen er gerade Politik macht und auf ganzer Linie versagt.
Tom Krebs Kapital und Krise Oekom Verlag, München 2026, 26 Euro.
Empfohlen auf LZ
So können Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstützen:


















Keine Kommentare bisher