Selbst in Kinderbüchern wird das eher selten thematisiert: Wie lebt es sich eigentlich mit Geschwistern? Diesen seltsamen Wesen, mit denen man seine ganze Kindheit teilt, die anfangs sogar noch supersüß sind, schnuckelige Krabbel-und-Quietsch-Mäuse? Und dann? Ja, für das Dann gibt es keinen Fahrplan. Da kann alles passieren. Geschwister sind eigentlich ein Rätsel, voller Überraschungen, echte Kumpel fürs Leben oder Anlass für jahrzehntelange Familienfehden. Alles ist möglich. Zeit für eine Bestandsaufnahme, fanden Katharina von der Gathen und Anke Kuhl.
Und es wird in diesem großformatigen Bilderbuch tatsächlich eine umfassende Bestandsaufnahme. Die endlich auch mal klarmacht, dass man als Kind die wildesten Abenteuer mit seinen eigenen Geschwistern erleben kann. Auch den größten Zoff, Neid und Peinlichkeiten.
Hier lernt man das ganze Leben. Und irgendwie bleibt am Ende das Gefühl: Kann es sein, dass unsere Gesellschaft derart aus den Fugen geraten ist, weil immer mehr regierende Schnösel als Einzelkind aufgewachsen sind und nie gelernt haben, wie man mit Geschwistern Anteilnahme, Hilfsbereitschaft, Streitkultur und Teilen-Kultur entwickelt?
Also all das Soziale, das selbst bei der Partei mit dem großen S im Namen langsam verblasst, weil da augenscheinlich niemand mehr ist, der weiß, wie man sich in einer wilden Bande zusammenrauft, Konflikte klärt und vor allem – das Allerwichtigste – die Kleinen und Schwächsten schützt.
Power fürs Leben
Leben wir in einer verdammten Ein-Kind-Gesellschaft mit a-sozialen Rotzlöffeln? Beim Blick aufs politische Führungspersonal kann man diesen Eindruck gewinnen. Obwohl auch Familien mit mehreren Sprösslingen nicht davor gefeit sind, dass sich einer als besonderer Raufbold und Miesmacher erweist.
Was natürlich auch an der Familie liegen kann und auch an der Obhut durch die Eltern, ob diese selbst in ihrem eigenen Geschwistergeknister eigentlich gelernt haben, wie man Konflikte einvernehmlich und gemeinsam löst, Neid und Eifersucht im Zaum hält und vor allem, allen Kindern das wichtigste Gefühl fürs Leben mitgibt: geliebt zu sein.
Das ist eine Power fürs Leben. Und Seite um Seite sieht man in diesem von Anke Kuhl mit richtigem Lebenswitz illustrierten Buch, dass auch Geschwister dazu etwas beitragen, auch wenn es um die Stärke geht, sich in einer Rasselbande durchzusetzen und nicht unterbuttern zu lassen.
Auch nicht, wenn man kleiner und jünger ist. Mit Geschwistern lernt man eine Menge, von dem man sich gar nicht vorstellen kann, dass das Einzelkinder auch lernen könnten. Vom Streit-Aushalten über das Organisieren wilder Abenteuer, Rollenspiele zum Ernst des Lebens, aber auch Rücksichtnahme und Zusammenstehen, wenn der böse Wolf kommt.
Was wirklich wichtig ist
Vielleicht war es wirklich einfach an der Zeit, dieses Ur-Thema einmal in allen Facetten zu beleuchten, bevor Kinder sich gar nicht mehr vorstellen können, was Geschwister überhaupt sind, weil eine familienunfreundliche Politik nun einmal auch bedeutet, dass immer mehr junge Eltern auf weitere Kinder verzichten.
Das regierende Rotzlöffeltum zeitigt Folgen. Und zeigt nun einmal auch, dass es keine geschwistererfahrenen Politiker sind, die sich da in die Verantwortung drängeln. Und so haben sie auch kein Gespür für die anderen, die Schwächeren, die, die ihre Interessen am Familientisch nicht mit Knuffen, Fußtritten und Beleidigungen durchsetzen.
Wen habe ich da nur beschrieben? Leben wir in einem Albtraum?
Zumindest leben wir jetzt in einer Gesellschaft, in der empathielose Möchtegerns der Meinung sind, sie müssten uns was vom Schaf erzählen. Leute, denen man nicht mal zutraut, dass sie sich mit ihrer Lieblingsschwester oder ihren Lieblingsbrüdern zusammen auf die Couch lümmeln und über die wirklich wichtigen Dinge im Leben erzählen, sich Trost und Rat und liebevolle Knuffe geben.
Manchmal merkt man ja erst in der Fremde, wie sehr einem die Geschwister fehlen. Und was sie einem eigentlich die ganze Zeit bedeutet haben, als man das Gefühl hatte, ständig um seinen Platz in der Hierarchie daheim kämpfen zu müssen. Obwohl viele dieser Kabbeleien nur Spiel waren, unbeholfen, Ersatz für die wirklich harten Kämpfe da draußen im Leben. Und trotzdem ernst gemeint.
Training fürs Leben
Denn eine Familie, auch mit lauter Patchwork-Kindern, ist immer auch (sollte es zumindest sein) ein geschützter Raum, ein Raum zum Üben und Ausprobieren. Wo denn sonst? Geschwister sind immer da. Auch wenn sie einem manchmal die Tür vor der Nase zuknallen, den Pudding klauen oder den Kuchen ungerecht teilen. Mit Geschwistern lernen wir nämlich auch unsere eigenen Abgründe kennen, unsere eigenen kleinen Rücksichtslosigkeiten.
So lernt man nämlich wirklich, was Teilen und Gerechtigkeit bedeuten, wie man die anderen immer mitdenkt bei allem, was man tut. Und wie man Bündnisse schmiedet und Abkommen aushandelt, gerade dann, wenn es mal was zu verteilen gibt. Oder wenig zu verteilen. Und jede etwas anders will und schön findet.
Das ist eigentlich das Hauptthema, das sich durch diesen Bilderkosmos zieht: dass gerade Geschwister früh und jeden Tag lernen, dass selbst das vertraute Wesen im Nachbarbett ein völlig anderer Mensch ist. Bei Zwillingen ist das vielleicht ein bisschen anders. Aber auch Zwillinge fangen ja irgendwann an, sich deutlicher voneinander abzuheben.
Auch damit sie von Mama und Papa nicht immer verwechselt werden. Eigentlich etwas ganz Grundlegendes fürs Leben: Wir sind nicht alle gleich. Wer mit Geschwistern aufwächst, lernt zwangsläufig, dass man Menschen nicht über einen Kamm scheren darf. Dass die Freude für den einen der Weltuntergang für die andere sein kann.
Kumpel fürs Leben
Und manchmal wird man in der Kindheit nicht richtig fertig, seine Geschwister wirklich kennenzulernen, weiß eigentlich nur, dass sie zwar liebenswert sind, aber irgendwie auf ungreifbare Art auch fremd. Und da dauert es oft ein ganzes Leben, bis man lernt, sie so zu nehmen, wie sie sind. Oder überhaupt so wahrzunehmen und ein paar alte und dumme Gewohnheiten endlich loslassen zu können.
Im Grunde ist dieses Buch eine einzige witzige Liebeserklärung an alle Geschwister. Auch wenn die Autorin weiß, dass es nicht immer klappt und nicht immer gut wird und man manchmal auch akzeptieren muss, dass es bei der emotionalen Funkstille zwischen den Geschwistern bleibt.
Aber es steckt auch eine tiefe Dankbarkeit drin, denn wenn man mit seinen Brudis und Schwestis einen Draht fürs Leben gefunden hat, sind das oft die belastbarsten Beziehungen, die einen im Leben tragen.
Man hat dann immer eine oder einen, die genau spüren, wie es einem geht. Und die immer ein Bonbon in der Tasche haben, wenn es mal wieder wehgetan hat und irgendwie weitergehen muss. Oder soll. Oder darf. Nächste Seite, nächstes Abenteuer.
Und ein ganzer Sack voller Geschichten, die man damals gemeinsam erlebt hat. Und jeder erinnert sie anders. Und erzählt sie anders. Und alle schütteln die Köpfe und lachen sich kringelig, weil das meist die herrlichsten aller Erinnerungen sind.
Katharina von der Gathen Geschwistergeknister Klett Kinderbuch Verlag, Leipzig 2026, 18 Euro
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