In unserer LZ-Klimareihe fragen wir: Wer muss schon heute mit den Folgen der Klimakrise umgehen? Wie verändert sie Arbeit und Alltag – und wen haben wir dabei bislang zu wenig im Blick? Dafür sprechen wir seit Anfang 2026 mit Menschen aus Leipzig und der Region, die Veränderungen unmittelbar erleben – und mit Fachleuten, die erforschen, was auf uns zukommt und wie wir damit umgehen können. In Folge 5 spricht DWD-Meteorologe Falk Böttcher über wärmere Temperaturen, trockenere Böden, Spätfrost und die Frage, wie Mitteldeutschland mit dem neuen Klima umgehen kann.

Der Klimawandel ist in Mitteldeutschland keine Zukunftsprognose mehr. Er steckt längst in den Messreihen. Falk Böttcher, Meteorologe beim Deutschen Wetterdienst (DWD), verfolgt die Entwicklung seit Jahrzehnten. Schon in den 1980er- und 1990er-Jahren wertete er aus, wie sich Sommer-, Hitze- und Frosttage verändern. Heute fällt seine Bilanz eindeutig aus: Im mitteldeutschen Raum ist es je nach Region bereits rund 1,3 bis 1,8 Grad wärmer als früher.

Und das ist nur die halbe Geschichte. Denn nicht nur die Temperatur verändert sich, sondern auch der Wasserhaushalt. Winter bringen häufiger Regen statt Schnee, während insbesondere Frühjahr und Frühsommer trockener ausfallen. Bei höheren Temperaturen verdunstet zusätzlich mehr Wasser. Für die Landwirtschaft bedeutet das: Nicht unbedingt weniger Regen – aber weniger Wasser zur richtigen Zeit.

Der Frühling kommt früher – der Frost bleibt

Eine paradoxe Folge zeigt sich im Obstbau. Seit etwa 1961 hat sich die Vegetationsperiode um zwei bis drei Wochen verlängert. Pflanzen treiben früher aus und blühen früher. Das verlängert zwar theoretisch die Wachstumszeit, macht Obstbäume aber zugleich verwundbarer. Denn der Frost hat den Kalender nicht gelesen.

Kommt nach einem frühen Frühling noch einmal Kälte, können bereits geöffnete Blüten erfrieren. Das Frühjahr 2024 lieferte dafür ein eindrückliches Beispiel: Nach dem sehr warmen Start folgte Ende April Frost – mit teils erheblichen Schäden bei Apfel, Kirsche und anderen Kulturen. Mehr Wärme kann damit paradoxerweise mehr Frostschäden bedeuten.

Der eigentliche Schatz liegt unter unseren Füßen

Böttcher richtet den Blick deshalb stark auf die Bodenfeuchte. Entscheidend sei, das vorhandene Wasser möglichst lange für die Pflanzen verfügbar zu halten.
Bodenbearbeitung wird damit zur Klimaanpassung: Regen soll besser in den Boden gelangen, die unproduktive Verdunstung von der Bodenoberfläche möglichst gering bleiben. Gleichzeitig soll möglichst viel Wasser über die Pflanze in Wachstum und Ertrag umgesetzt werden.

Dass das nicht nur Theorie ist, zeigen Langzeituntersuchungen des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) bei Halle. Dort erwiesen sich artenreiche, extensiver bewirtschaftete Wiesen unter Hitze und Trockenheit als widerstandsfähiger als intensiv bewirtschaftete Hochleistungsflächen. Die interessante Frage lautet deshalb nicht nur: Wie holen wir möglichst viel aus einem Hektar heraus? Sondern zunehmend auch: Wie stabil bleibt dieser Hektar, wenn das Wetter nicht mitspielt?

Falk Böttcher (Deutscher Wetterdienst, Leiter der Niederlassung Leipzig). Foto: Jan Kaefer

Beim Wald wird aus Anpassung eine Wette auf 100 Jahre

Für Landwirte lässt sich vieles relativ schnell verändern: Aussaattermine, Sorten, Fruchtfolgen oder Kulturen. Beim Wald funktioniert das nicht. Ein Baum, der heute gepflanzt wird, muss möglicherweise noch in 80 oder 100 Jahren mit einem deutlich wärmeren Klima zurechtkommen. Böttcher sieht deshalb den Waldumbau hin zu vielfältigeren und klimaresilienteren Mischbeständen als langfristige Notwendigkeit.

Der Klimawandel verändert damit nicht nur den Wald. Er verändert die Frage, welcher Wald überhaupt noch als zukunftsfähig gilt.

Extremwetter wird berechenbarer – und damit politisch interessanter

Eine der spannendsten Entwicklungen ist für Böttcher die Attributionsforschung. Sie kann inzwischen berechnen, welchen Einfluss die menschengemachte Erwärmung auf konkrete Extremereignisse hat. Bei der Hitzewelle Anfang Juli 2025 zeigte eine DWD-Analyse beispielsweise: Eine solche extreme Hitze ist im heutigen Klima deutlich wahrscheinlicher als in einem früheren, kühleren Klima.

Das verändert auch die Klimaberatung. Neben Wetterprognosen und langfristigen Klimaszenarien entstehen Vorhersagen für die Zwischenräume – Wochen, Monate und teilweise Jahre. Für Landwirtschaft, Wasserwirtschaft und Politik kann genau das entscheidend sein.

Böttchers Rezept ist erstaunlich unspektakulär

Beim persönlichen Klimaschutz setzt der Meteorologe nicht auf Perfektionismus. Er fährt möglichst Fahrrad und Bahn, fliegt wenig und fragt sich bei Anschaffungen, ob es auch eine klimaverträglichere Alternative gibt.

Sein politischer Gedanke ist ähnlich pragmatisch: Klimafreundliches Verhalten darf nicht nur moralisch richtig sein, es muss praktisch und wirtschaftlich attraktiv sein. Denn wer Menschen dauerhaft verändern will, sollte ihnen nicht nur sagen, was sie lassen sollen. Er sollte dafür sorgen, dass die bessere Alternative funktioniert.

Vielleicht ist das die nüchternste Erkenntnis aus Böttchers Blick auf den Klimawandel: Wir können das Wetter nicht bestellen. Aber wir können unsere Böden, Wälder, Landwirtschaft und unseren Alltag so organisieren, dass sie mit dem neuen Klima besser zurechtkommen.

Das Video ist Teil des LZ-Klima-TV und bei der Leipziger Zeitung zu sehen. Dieses Gespräch ist Teil der LZ-Klimareihe mit Unterstützung des KuGel e.V. In den kommenden Wochen erzählen weitere Menschen, wie die Klimakrise ihre Arbeit und ihren Alltag verändert.

Wir finden: Solche Gespräche gehören in die Öffentlichkeit. Deshalb machen wir sie. Wenn ihr sie sehenswert findet, gebt ihnen die Reichweite, die guter Journalismus verdient.

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