Taler, Taler, du musst wandern. So klang’s in einem alten Kinderlied. Mit Euro singt sich das nicht so schön. Aber auch die Euro-Münzen wandern. Man weiß nur nicht, welche Abenteuer sie schon erlebt haben, wenn sie in die eigene Börse purzeln. Das könnte man ja wirklich mal als Abenteuer erzählen, sagten sich Katharina Bendixen und David Blum und schrieben so ein Abenteuer auf. Auch mit Hintersinn. Denn so beiläufig erzählen sie damit, wie unser Geld funktioniert.
Man kann dieses Buch also auch diversen deutschen Politikern vorlesen, die selbst im Honorationen-Alter nicht verstanden haben, wie Geld funktioniert und die ganze Wirtschaft am Laufen hält. Indem es nämlich fortwährend unterwegs ist – von einem Ort zum andern.
Es tut wahre Wunder, während es immerfort unterwegs ist. Ohne sich vermehren zu müssen, wie uns die gierigen Milliardäre so gern einzureden versuchen. Nein: In den riesigen Aktiendepots der Superreichen tut das Geld keine Wunder. Es nützt auch niemandem etwas, schadet aber dafür eine Menge. Und fehlt. Fehlt genau da, wo Geld die ganze Gesellschaft am Laufen hält.
So wie in diesem fröhlich illustrierten Kinderbuch, in dem Halina Kirschner die Abenteuer eines Euros mit Augenzwinkern gezeichnet hat. Vom ersten Tag, da der glänzende Euro aus der Maschine in der Münzprägestätte purzelt, bis zu dem Tag, an dem Bilal ein zweites Mal ernsthaft überlegt, ob er den Euro in sein Sparschwein steckt oder dafür doch lieber ein Eis kauft.
Ein Euro auf Wanderschaft
Zwischendurch hat der Euro echte Abenteuer erlebt, Abenteuer, die man dem glänzenden Geldstück nicht ansieht, wenn es bei einem landet. Ohne die Geld aber nicht als Geld funktioniert. Geld hält alles am Laufen.
Aber nur, wenn es permanent unterwegs ist – anfangs noch mit dem schwer gesicherten Geldtransporter und dann im fröhlichen Wechselspiel an der Supermarktkasse, in Bilals Hosentasche, am Süßigkeitenkiosk, im Lottoladen (auch wenn er dort diesmal kein Glück bringt) und in der Hand eines Obdachlosen, der sich davon glückselig endlich einen Kaffee aus dem Automaten leisten kann.
Für Kinder dürfte dieses Buch eine sehr überraschende Erkenntnis mit sich bringen – und für Ältere, die die Funktionsweise von Geld immer noch nicht kapiert haben, ebenfalls. Der Euro wird nicht dicker, nicht größer, bleibt immer der eine Euro – und löst doch lauter kleine Handlungen aus, die eine die andere anregen.
Gern auch mit einem verfressenen Hund unterwegs, der mit einem weggeworfenen Croissant auch gleich noch den von Mademoiselle Petit achtlos weggeworfenen Euro verputzt. Das kann man sich vorstellen. Durchaus.
Denn Halina Kirschner lässt die Leser nicht nur ins Innenleben diverser Automaten schauen, sondern zeigt auch, wie der Euro durch das Innere des Hundes wandert. Der übrigens Médor heißt. So wie in der Wirklichkeit, wo auch alle Lebewesen einen Namen haben.
Namen verleihen einem nicht nur Würde, sondern auch Erkennbarkeit und Unverwechselbarkeit.
Das Wunscherfüllungs-Mittel
Noch so eine kleine Neben-Neben-Geschichte, mit der Bendixen und Blum beiläufig zeigen, dass wir alle, die wir jeden Tag mit Geld zu tun haben, lauter verschiedene richtige Persönlichkeiten sind. Große und kleine. In dieser Geschichte natürlich besonders viele kleine.
Denn es sind ja die Kinder, die lernen, wie Geld zum Wunscherfüllungs-Mittel wird. Auch wenn es manchmal nicht klappt, etwa wenn der Euro in die Schweiz gelangt, wo er einfach nicht in den Münzschlitz des Fernrohrs passt.
Was also tun damit? Ab in den Wunschbrunnen, denkt sich Chiara. Nicht ahnend, dass der Euro wieder eine neue Reise antritt, die ihn am Ende wieder zu Bilal bringt.
Was dann zur gar nicht so unwichtigen Frage führt: Soll er nun ins Sparschwein und dort faul herumliegen? Oder kann er gleich wieder den nächsten Wunsch erfüllen? Wo wir doch nun wissen, dass das Geld eigentlich dazu da ist, immer neue Dinge in Bewegung zu setzen, immerfort unterwegs zu sein. Und damit Menschen reich zu machen, weil sie genau deshalb auch ihre vielen kleinen Wünsche erfüllen können.
Das tote Geld der Aktionäre
Und was auffällt: Es taucht kein schallippiger Aktionär auf, kein Dagobert Duck, der den Leuten einredet, sie müssten Geld horten und immer mehr davon haben. Es in riesigen Geldschränken bunkern – und damit in Wirklichkeit dem lebendigen Kreislauf des Geldes entziehen.
Genau die Leute reden uns ja heute ein, wie wir mit Geld umgehen sollten. All diese Trauernasen, denen man ansieht, dass sie gar nicht im Jetzt leben, sondern in einem langweiligen, öden und vergoldeten Irgendwann.
Ohne wirkliche Freude am Leben und am Miteinander. Denn auch davon erzählt ja die Geschichte: wie diese einzelne Münze Kontakte schafft, Menschen auch miteinander kommunizieren lässt. Geld als Kommunikationsmittel. Das kann man den Trauerklößen mit ihrer Aktienmanie gar nicht erzählen. Denn damit haben sie nichts zu tun.
Während diese Geschichte hier fröhlich davon erzählt, wie eine Geldmünze stellvertretend für Millionen anderer Geldmünzen Beziehungen herstellt, kleine Abenteuer auslöst und viele Wünsche erfüllen hilft. Einfach dadurch, dass sie aus einer Hand in die andere wechselt.
Und dabei halb Europa bereist. Auch wenn man am Ende der Münze nichts von all diesen Abenteuern ansieht, nur ein paar Kratzer, die aber nicht verraten, wo sie sich diese geholt hat.
Katharina Bendixen Ins Sparschwein rein? Oh nein! Klett Kinderbuch Verlag, Leipzig 2026, 16 Euro
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