Kinder lieben es, wenn es spannend wird. Warum also nicht auch mal etwas Spannendes für Kinder schreiben, dachte sich der Leipziger Autor Johannes Herwig, der bislang vor allem durch ambitionierte Jugendbücher von sich reden machte. Die Insel, auf die Ino und seine Mama fahren, ist zwar ein bisschen Fiktion, ein wenig Sylt, etwas Rügen. Aber die Welt, aus der die beiden kommen, dürfte vielen Kindern nur zu vertraut sein.

Denn Inos Eltern haben sich getrennt. Seine Mama muss sich mit dem Jungen nun allein durchschlagen. Und das bedeutet eben: Mama muss jede Menge arbeiten. Das Geld bleibt trotzdem knapp. Und richtig Urlaub machen können die beiden auch nicht. Es sei denn, ein Gewinnspiel macht es möglich, dass die beiden einen Urlaub im Hotel „Küstenglück“ gewinnen. Es stimmt schon: Wer sich ganz unten durchschlagen muss in unserer Gesellschaft, der braucht so ein Wunder.

Auch wenn die beiden nach ihrer Ankunft schnell merken, dass es Marla, der Besitzerin des Hotels, nicht viel besser geht. Auch sie ist alleinerziehend. Und ihrem Hotel geht es gar nicht gut, seit ihr Konkurrent auf der Insel alles tut, die Touristen allein bei sich einzuquartieren. Auch alte Stammgäste aus dem „Küstenglück“, wie die Gräfin, die in diesem Buch eine wichtige Rolle spielt. Denn sie ist nicht nur zur Konkurrenz umgezogen, sie hat auch noch ihre wertvolle Halskette verloren.

Die ganze Insel steht Kopf. Selbst vom Festland reisen Schatzsucher an, um die wertvolle Kette zu suchen, die die Gräfin bei einem ihrer Wege über die Insel verloren haben muss.

Ino und Merle

Natürlich ist das ein Fall für Ino, auch wenn er noch gar nicht ahnt, dass er im gewonnenen Inselurlaub auf einmal zum Detektiv werden wird. Aber dafür sorgt Merle, die Tochter der Hotelbesitzerin, die in ihren Ferien im Hotel aushilft, wo Unterstützung gebraucht wird. Sie ist etwas älter als Ino. Aber das passt schon. Die beiden sind rasch auf einer Wellenlänge.

Und als Merle vorschlägt, gemeinsam die verschwundene Kette zu suchen, ist Ino sofort dabei. Nicht ahnend, dass das nicht nur flotte Strampeltouren mit dem Fahrrad kreuz und quer über die Insel bedeutet, sondern auch abenteuerliche Fahrten mitten im pladdernden Regen und einen nächtlichen Ausflug auf den Leuchtturm der Insel, der zwar seit Jahren nicht mehr in Betrieb ist. Aber irgendwie scheint hier jemand Heimlichkeiten zu betreiben.

Irgendwie ist die verschwundene Kette auch nur der Auslöser. Etwas Größeres scheint dahinter zu lauern, auch wenn Merle und Ino es nicht gleich zu packen bekommen. Nur eins ist klar: Einige Erwachsene auf der Insel – allen voran der smarte Besitzer des konkurrierenden Hotels – scheinen dubiose Dinge zu betreiben.

Mittendrin nicht nur die herablassenden Angebote an Marla, ihr Hotel „Küstenglück“ einfach zu kaufen, sondern auch das eindrucksvolle Museumsschiff, in dem Herr Klingenthal seine Träume von Museum, Boutique und Goldwerkstatt verwirklicht zu haben scheint.

Trügerischer Schein

Auf den ersten Blick also eine Insel voller Attraktionen, alter Steinkreise, herrlicher Steilküsten und Vogelkolonien, die nicht nur Fotografin Sandra faszinieren. Aber wie das so ist: Der Schein einer heilen Welt trügt. Es passiert, was überall in Deutschland zu passieren scheint: Das große, rücksichtslose Geld kauft sich ein Stückchen schöne Erde nach dem anderen, drückt die finanziell Schwächeren an den Rand, entzieht ihnen ihre Arbeitsgrundlagen und verwandelt die Welt dann in eine riesige Gewinnmaximierungsmaschine.

So beschreibt es Johannes Herwig natürlich nicht. In seinem Kinderkrimi funktionieren die bewährten Erzählmuster aus der großen Kinderliteratur-Tradition. Da gibt es die undurchschaubaren Bösewichte, die aufmerksamen Helfer, die Ino und Merle unterstützen bei der Aufklärung, die – manchmal zu recht – sehr besorgten Mamas – und natürlich Typen wie den Herrn Klingenthal, bei dem Ino nicht so recht weiß, was der zu verbergen hat.

Als Kind muss man sich ja noch keine Gedanken machen über die Profiteure einer völlig enthemmten Welt. Da dürfen die Bösewichte noch wie Bösewichte erscheinen, gern auch eiskalt und dickfällig, als Merle und Ino den smarten Hotelbesitzer selbst in seinem Büro besuchen.

Der sich erst einmal auch nicht aus der Reserve locken lässt. Aber am Ende kommt doch heraus, was da im Dunkeln gestrickt wurde. Ein wenig mit Erpressung, ein bisschen mit Fälschung. Der so glücklich gewonnene Inselurlaub jedenfalls wird für Ino zu einem richtigen Abenteuer. Und mit Merle hat er eine Freundin gefunden, die irgendwie genauso tickt wie er. Die beiden sind durch nichts zu stoppen.

Und natürlich wird der Fall gelöst. Auch ganz ohne Polizei. Ino erlebt nicht nur das Abenteuer seines Lebens, er bekommt auch so ein Gefühl, dass sein Name – Ino Hasenknie – so etwas wie Abenteuer bedeuten könnte. Da können sich die Leute lustig machen, wie sie wollen. Mit Ino wird man wohl rechnen müssen, wenn er demnächst – ganz unverhofft – in seinen nächsten Fall stolpert.

Johannes Herwig „Ein Fall für Ino. Der Inselschatz“ Magellan, Bamberg 2026, 16 Euro.

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