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Seinen Freund und Gegenspieler Alfred von Tirpitz kennen die Geschichtsbücher. Aber Wilhelm Büchsel? Nach ihm wurde kein Kriegsschiff benannt. Er wurde nicht glorifiziert wie Tirpitz. Und als er 1920 an der Spanischen Grippe starb, war er fast vergessen. Dabei war er von 1902 bis 1908 Chef des Admiralstabes der Kaiserlichen Marine. Es war der Höhepunkt seiner Karriere, bis er vom Kaiser in den nicht ganz selbstgewählten Ruhestand geschickt wurde. Trotzdem, so fand Wilhelm H. Pantenius, ist dieser Mann eine opulente Biografie wert.

Eine Biografie, an die der längst im Ruhestand auf Usedom lebende Militärarzt Wilhelm H. Pantenius genauso viel Zeit und Mühe verwendete wie für seine Biografie des durch den Schlieffen-Plan bekannten deutschen Generalstabschefs Alfred von Schlieffen, die er 2016 vorlegte. Sein Faible sind die preußische Militärgeschichte und der preußisch-deutsche Generalstab. Ein durchaus bemerkenswertes Forschungsfeld, das unter den heutigen deutschen Historikern nur wenige beackern.

Als wäre die Militärgeschichte des 19. Jahrhunderts nicht mehr so wichtig. Abgehakt, vergangen, erledigt. Aber so funktioniert Geschichte nicht. Persönliches Handeln hat immer Folgen. Manchmal tödliche und katastrophale. Auch wenn einer ein Leben lang nur verlässlich seinen Dienst tut, wie es Wilhelm Büchsel getan hat.

Denn anders als der fast gleichaltrige Alfred (von) Tirpitz zog es den 1848 in Stralsund geborenen Wilhelm Büchsel nicht in die Politik, lagen ihm Intrigen fern. Was ihn letztlich auch sein Amt als Chef des Admiralstabes kostete. Und damit möglicherweise auch den Ruhm, als befehlshabender Akteur mit in die Geschichte des Ersten Weltkriegs einzugehen. Etwa als der eigentliche Initiator des U-Boot-Krieges, der am Ende ausgerechnet die USA dazu brachte, in den Krieg einzutreten und damit die Niederlage Deutschlands zu besiegeln.

Eine Flotte für den kommenden Krieg

Denn so ganz unschuldig am U-Boot-Krieg war er nicht, auch wenn er für den strategischen Einsatz der Flotte nicht zuständig war. Aber er war es für den Aufbau dieser Kriegsflotte. Eine Aufgabe, die er auch in seinen vorherigen Positionen betreute. Und dort arbeitete er nicht nur zielstrebig an den Plänen, die deutsche Flotte für eine mögliche Konfrontation mit den deutlich überlegenen Flotten Englands, Frankreichs und Russlands aufzubauen, sondern auch an der permanenten Modernisierung der Kriegsschiffe. Bis hin zum Aufbau einer U-Boot-Flotte.

Und schon ist man mittendrin in einem Kapitel der deutschen Militärgeschichte, das meist nur kurz gestreift wird, wenn die Flottenpolitik von Kaiser Wilhelm II. behandelt wird und sein legendärer Spruch von 1898: „Unsere Zukunft liegt auf dem Wasser“.

Als hätten Wilhelms Flottenträume erst 1898 begonnen und der Aufbau einer schlagkräftigen deutschen Flotte nicht schon viel früher angefangen, just in jenem politisch so markanten Jahr 1848, in dem Büchsel geboren wurde. Denn es ist auch das Jahr, in dem die Nationalversammlung in Frankfurt auch den Aufbau einer deutschen Reichsflotte beschloss, deren erster Befehlshaber der in Leipzig geborene Karl Rudolf Bromme wurde.

Natürlich findet auch er Erwähnung in Pantenius‘ Buch, denn dieser verweist seine Leser nicht auf andere, meist vergriffene Bücher zur deutschen Marinegeschichte. Er erzählt diese Geschichte selbst. Auch weil sie wichtige Teile der deutschen Politik im späten 19. Jahrhundert beleuchtet, als Deutschland nach dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/1871 aus englischer Sicht nicht nur zu einer wirtschaftlichen Konkurrenz aufstieg, sondern auch zu einem ernst zu nehmenden militärischen Kontrahenten. Auch zur See.

Denn auch wenn es die von der Nationalversammlung gewollte Reichsflotte so nicht gab, ging insbesondere Preußen bald selbst daran, eine eigene Flotte aufzubauen.

Kohle befeuert die Kriegsflotten Europas

Wie diese Flotte aussah, wie sie bewaffnet war und wie sie betrieben wurde – all das erfährt man als Leser. Und taucht damit in eine Zeit der permanenten Veränderung auf See ein, als aus den dominierenden Segelschiffen nach und nach gepanzerte Linienschiffe und Torpedoboote wurden, deren Maschinen mit Kohle befeuert wurden. Selbst die Zahlen zum ungeheuren Kohleverbrauch dieser frühen Panzerkreuzer liefert Pantenius, der hier demonstriert, wie umfassend man nicht nur ein ganzes Leben anhand mehrerer persönlicher Nachlässe konstruieren kann, sondern auch ein Zeitalter, das anfangs einer eigenen Kriegsflotte eher skeptisch gegenüberstand. Nur um am Ende auch die Aufrüstung zur See frenetisch zu feiern.

Und Büchsels Leben ist geradezu exemplarisch für diese Veränderungen. Angefangen damit, dass sich der Stralsunder Kaufmannssohn entschloss, nicht – wie vom Vater gewollt – Theologie zu studieren, sondern sich für eine Kadettenausbildung beim preußischen Heer zu bewerben. Just in dem Jahrgang 1865, in dem auch Tirpitz seine Seelaufbahn begann. Und wahrscheinlich liegt Pantenius nicht falsch, wenn er von einer Art Freundschaft zwischen den beiden ausgeht, die sie beim Aufstieg in den Rängen der zusehends professioneller aufgebauten Marine begleitet.

Zumindest bis zu den Jahren 1902 bis 1908, in denen zwar Büchsel irgendwie das höchste Amt in der deutschen Marine inne zu haben schien. Aber die eigentliche Entscheidungsgewalt über die Seestreitkräfte lag beim Staatssekretär des Reichsmarineamtes, und das war seit 1897 Tirpitz. Den Posten sollte er erst mitten im Ersten Weltkrieg 1916 verlieren, als gerade der Streit um den U-Boot-Krieg zwischen Marineführung und Reichsführung – und letztlich Wilhelm II. selbst – eskalierte.

Denn Wilhelm II. und Reichskanzler von Bethmann Hollweg befürchteten nach den ersten Etappen des von Deutschland initiierten U-Boot-Krieges berechtigt, dass eine Fortführung dieses Angriffskriegs auch gegen Handelsschiffe letztlich die USA zum Kriegseintritt bringen würde. Genau das passierte dann auch , als Deutschland den U-Boot-Krieg 1917 wieder aufnahm, in dem irren Glauben, damit England binnen sechs Wochen zur Kapitulation zwingen zu können.

Ein Krieg mit langem Vorlauf

Aber da ist man schon am Ende der Geschichte. Denn gerade weil Pantenius so detailliert und dokumentenverliebt vorgeht, entsteht eben auch das komplette Bild der deutschen Flottenrüstung und der Kriegshysterie, die damals nicht nur in Deutschland angeheizt wurde. Sondern auch in Frankreich, England, Italien und Russland.

Und die deutsche Flotte wurde eben auch ausgebaut, um mit den anderen Kolonialmächten mithalten zu können. Denn auch wenn gerade Reichskanzler Bismarck allen deutschen Kolonialplänen skeptisch gegenüberstand, trieben deutsche Geschäftemacher das Erobern deutscher „Schutzhgebiete“ munter voran. Die erste Hochzeit des Imperialismus war nun einmal direkt mit dem Rangeln um möglichst viele koloniale Territorien, die man ausplündern konnte, verbunden. Was dann spätestens in den 1890er Jahren dazu führte, dass sich die Kolonialmächte in diesem Rennen in die Quere kamen.

Auf einmal glaubte auch Deutschland dringend eine moderne Flotte zu benötigen, die der größten Seemacht auf den Ozeanen Paroli bieten konnte. Dass es dagegen auch in der deutschen Politik noch Widerstände gab, erfährt der Leser natürlich auch. Denn immerhin hatte Büchsel immer wieder mit der Organisation und Modernisierung der deutschen Kriegsflotte zu tun und äußerte sich auch ganz offiziell in Denkschriften zu den langen Planungszeiten für modernere Schiffe und zu den viel zu geringen Geldern, die der Reichstag bereit war, für den Flottenausbau zur Verfügung zu stellen.

Eine Flotte im Aufbau

Man wechselt als Leser quasi die Seiten, versetzt sich in die Gedankenwelt eines Marineoffiziers, der sich im aktiven Dienst auf See Stück für Stück in höhere Ränge arbeitet und letztlich zu einem der wichtigsten Organisatoren des deutschen Flottenaufbaus wurde. Und der seine wechselnden Ämter genauso soldatisch begriff: als Umsetzung der in ihn gesetzten Erwartungen, die Schiffe auf Stapel zu bringen, die für die sich langsam formierenden Seekriegsstrategien gebraucht wurden. Anfangs noch mit Schiffsbestellungen in England. Denn auch der Aufbau von Werften, der für Flottenverlegungen wichtige Nord-Ostsee-Kanal und der Aufbau des großen Flottenstützpunkts in Kiel fielen erst in Büchsels späte Dienstjahre.

Man kann im Grunde aufmerksam zuschauen, wie die erst preußische, dann für den Norddeutschen Bund agierende und ab 1871 für das Kaiserreich aufgebaute Flotte entstand. Und wie in den Admiralstäben auch die ersten Karten gezeichnet wurden, wie diese Flotte im erwarteten Krieg mit den imperialen Konkurrenten eingesetzt werden sollte.

Denn dass es zu diesem Krieg kommen würde, das schien allen Beteiligen ab den 1880er Jahren klar. Bzw. wurde es ihnen klargemacht. Denn auch hinter „Flottenbegeisterung“ steckt Psychologie. Wer keine Feinde hat, braucht auch keine Kriegsflotte. Und so schaut man auch geradezu dabei zu, wie sich die imperialen Streithähne des späten 19. Jahrhunderts ihre Feinde zurechtschnitzten und mit immer groteskeren Feindbildern die Stimmung daheim anheizten, um in den Parlamenten Mehrheiten für eine entfesselte Aufrüstung zu bekommen.

Der lange Vorlauf des Krieges

Wer den Beginn des Ersten Weltkriegs auf das Attentat von Sarajevo verkürzt, ist blind für diese langen Vorläufe. Denn um sich in einen derart technisierten Krieg zu stürzen, brauchte es mehr als 20 Jahre Vorlauf, um die modernen Kriegsmaschinen überhaupt erst einmal zu planen und zu bauen. Ohne kriegstüchtige Hochseeflotte auch kein Seekrieg. Auch wenn dann die von Tirpitz erwartete Entscheidungsschlacht in der Nordsee 1915 nicht zustande kam, weil natürlich auch die Engländer genau beobachteten, was die Deutschen da trieben.

Und mittendrin immer dieser Wilhelm Büchsel, der brav Rang um Rang durchlief und sich mit Eifer jedes Mal in sein neues Arbeitsfeld einarbeitete, um seinen jeweiligen Vorgesetzten ein profundes Ergebnis vorlegen zu können. Oder bis ins Detail ausgearbeiteten Denkschriften, in denen er die notwendigen Schritte zum Aufbau der Flotte beschrieb, in denen er sich aber auch mit Schlachtplänen für den erwarteten Konflikt in der Nordsee beschäftigte.

Manches von dem, was dann im Ersten Weltkrieg tatsächlich in der Nordsee stattfand, war schon viele Jahre früher in Büchsels Denkschriften zu lesen, die einen nüchternen Planer zeigen, der die aktuellsten Entwicklungen in den Flotten der potenziellen Gegner bestens kannte und auch die sinnvollsten Seeoperationen in der Nordsee skizzieren konnte, falls die deutsche Flotte es mit einer direkten Konfrontation mit der englischen Flotte zu tun bekommen würde.

Weshalb Büchsel zuletzt einer der wesentlichen Befürworter des Ausbaus der U-Boot-Flotte war. Man begegnet in ihm keinem der Scharfmacher, die die Kriegshysterie in Deutschland anheizten. Sondern einem schlicht und kompetent agierenden Militär, der seine Aufgabe darin sah, die in ihn gesetzten Erwartungen beim Aufbau einer schlagkräftigen Marine auch mit allem Einsatz Wirklichkeit werden zu lassen. Und dabei blieb er immer im Schatten anderer Akteure, die sich dann – wie Tirpitz – auch die Schaffung der deutschen Seekriegsflotte auf die Fahne schreiben konnten.

Im Schatten der Intriganten

Pantenius nennt Büchsel einen „zurückhaltenden und äußerst loyalen Admiralstabschef mit profunder militärische Expertise“. Aber gerade diese Personen übersieht die Geschichtsschreibung oft, weil sie ohne großes Tamtam das umsetzen, was die eher von Macht und Aufmerksamkeit angelockten Akteure – zu denen nicht nur Tirpitz gehörte – sich wünschen.

So nebenbei wird auch das berühmte deutsche Intrigantenstadl um die Entourage des Kaisers sichtbar – und die jahrelangen Konflikte um konkurrierende Kommandostrukturen, denen letztlich Büchsel weichen musste, dessen Versuch, den Admiralstab nach dem Vorbild des Generalstabs zu etablieren, scheiterte. Scheitern musste.

Aber wie Pantenius das Buch auch mit ausführlichen Beschreibungen der deutschen Flottenentstehung begann, so endet er auch nicht mit dem Tod des Admirals im Jahr 1920, sondern beschreibt auch noch die ersten Jahre der Weimarer Republik, in denen das dysfunktionale Verhältnis der deutschen Eliten zu ihrem Militär weiterwirkte und Leute wie Ludendorff und von Lüttwitz glaubten, auch weiterhin mit ihrem militaristischen Denken Politik machen zu müssen.

Was ja bekanntlich zur frühen Destabilisierung der Weimarer Republik beitrug. Während die virulenten Feindbilder einfach weitergepflegt wurden und bald den nächsten sinnlosen imperialen Krieg befeuern sollten. In dem dann einmal mehr ein entfesselter U-Boot-Krieg dafür sorgen sollte, dass die USA in den Krieg eintraten und mithalfen, den deutschen Großmachtträumen ein Ende zu bereiten.

Und es ist gut vorstellbar, dass ein Wilhelm Büchsel auch da seine Rolle als Planer einer schlagkräftigen Marine einfach ausgefüllt hätte. Ganz ohne eigene politische Ambitionen. Aber genau diese scheinbar so neutrale Rolle gibt zu denken. Da wirklich persönliche Dokumente von Wilhelm Büchsel augenscheinlich nicht erhalten sind, bleibt der Mann mit seinen privaten Sorgen, Nöten, Träumen und Wünschen weitgehend unbeleuchtet.

Da kann auch Pantenius nur spekulieren, gerade für die letzten Lebensjahre, zu denen offizielle Dokumente und Urkunden erst recht rar sind.

Wilhelm H. Pantenius „Wilhelm Büchsel. Vom Bürgersohn zum Seestrategen“ Eudora Verlag, Leipzig 2025, 79 Euro.

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