Manche Bücher brauchen ein Weilchen, um Sprachgrenzen zu überschreiten. So ging es auch Bart van Loos 2014 in den Niederlanden erschienenem Napoleon-Buch. Ein Buch wie eine Sinfonie. Wie ein Eilmarsch für ein vorwärtsstürmendes Militär. Ein Erzählstil, der an einen ganz Großen der deutschen Literatur erinnert: an Stefan Zweig. Dem das Thema auch nicht fremd war. Nun ist van Loos 600-Seiten-Epos von Bärbel Jänicke ebenso resolut ins Deutsche übersetzt worden. Ein Buch, das auch etwas zeigt, was unsere Gegenwart genauso bedroht.

Das wird möglich, weil Bart van Loo die Perspektive geändert hat – weg von den Heldengesängen, den Schlachtberichten, der Glorifizierung. Hinein in das Leben eines Mannes, der von seinen eigenen Geistern, Ansprüchen und Minderwertigkeitskomplexen getrieben wurde und eigentlich – um es mal etwas zuzuspitzen – in die Psychiatrie gehört hätte. Wo – auch das bringt Bart van Loo am Ende im Kapitel zur Nach-Geschichte dieses Mannes – Mitte des 19. Jahrhunderts tatsächlich ein ganzer Haufen von Napoleons auftauchte. Das menschliche Gehirn ist manipulierbar. Und viele Menschen sind nur zu bereit, in falschen Selbstbildern zu leben.https://vg02.met.vgwort.de/na/bab7129f88684b73a87ec93033b79902

Der Schatten der Revolution

Das hat mehrere Seiten. Einige davon haben fatale Auswirkungen auf die Gesellschaft. Stichwort: Propaganda. Selten zuvor hat ein Napoleon-Biograf so lebendig erzählt, wie es der Historiker Bart van Loo hier getan hat. Wie gesagt: Mit einer spürbaren Verwandtschaft zu Stefan Zweig, der sich sehr wohl bewusst war, dass die „Helden der Geschichte“ in der Regel auch Getriebene waren – Getriebene ihrer eigenen Herkunft, ihrer Ambitionen und der Zeitumstände, die sie oft genug in Rollen drängten, in denen sie auf einmal mitten im Scheinwerferlicht standen. Oft mit fatalen Folgen.

Stefan Zweig war selbst dicht dran am Thema Napoleon, widmete dessen Polizeiminister Joseph Fouché ein eigenes Buch, schilderte das Leben der Königin Marie Antoinette („Bildnis eines mittleren Charakters“), widmete auch Grouchy ein ganzes Kapitel in „Sternstunden der Menschheit“, jenem Marschall, der durch sein Zögern Napoleons Niederlage bei Waterloo mitverursachte, und auch Rouget de Lisle widmete Zweig einen Essay, dem Komponisten der Marseillaise, die zum Lied der Revolution wurde.

Eben jener Revolution, die den Hauptmann Napoleon Bonaparte erst in jene Position brachte, in der er nach der absoluten Macht greifen konnte. Ohne die Revolution wäre er wohl ein unbedeutender Offizier in der Armee des Königs geblieben. Und Bart van Loo zeigt sehr anschaulich, dass dieser Napoleon zeitlebens nicht aufhörte, ein Offizier zu sein. Ein Mann, der die Gewalt, die Schlacht, den Krieg als elementares Mittel ansah, seine Macht zu festigen. Und da kommt man zur tief sitzenden „Logik“ in dieser Karriere eines Mannes, dessen Glorifizierung erst zwei Jahrzehnte nach seinem Tod so richtig einsetzte. Denn ohne die Französische Revolution und ihr blutiges Scheitern ist dieser Napoleon nicht denkbar.

Freiheit, Gleichheit, Korruption

Und so taucht Bart van Loo tief hinein in die Geschichte der Französischen Revolution, lässt all ihre Helden und Propagandisten auftreten, Reden schwingen, sich radikalisieren und dann reihenweise auf der Guillotine enden. Getrieben von ihren eigenen Sprüchen und einem auch durch radikalisierte Medien aufgestachelten Volk, das regelrecht zum Chor immer blutigerer Exzesse wurde – am Ende aber mit leeren Händen dastand. Denn – auch das zeigt Bart van Loo – die glorreiche Revolution war letztlich eine Revolution des reich gewordenen Bürgertums, das die Revolution auch dazu nutzte, sich schamlos zu bereichern. Selbst Napoleons Truppen sollten es bis zuletzt zu spüren bekommen, wie die Korruption selbst die Heereslieferungen betraf.

Napoleon schuf zwar mit dem „Code civil“ ein Gesetzeswerk, das erstmals in der französischen Geschichte eine einheitliche Gesetzgebung mit verbürgten Bürgerrechten für ganz Frankreich darstellte. Aber auch dies war schon so schizophren wie das gesamte bürgerliche Verständnis von „Gleichheit und Brüderlichkeit“. Denn Letztere wurde schon während der aus dem Ruder laufenden Revolution im Grunde durch propriété ersetzt, das Eigentum. Genau jenes mysteriöse Eigentum, das auch im deutschen Grundgesetz noch herumspukt in der Formel „Eigentum verpflichtet.“

Nur: Wozu?

Eine Frage, die auch schon in der Französischen Revolution stand. Und am Ende ganz im Sinne des reichen Bürgertums beantwortet wurde. In Bezug auf Volk und Nation verpflichtete es zu nichts. Auch das gilt ja irgendwie bis heute. Sodass die französische Republik nach den Blutorgien von Robespierre & Co. noch immer genauso arm und hungrig dastand wie zum Ausbruch der Revolution 1789, die ja bekanntlich mit Hungerrevolten begann.

Wie man mit Kanonen Politik macht

Das war die Situation, die dem von der Revolution zum General beförderten Napoleon Bonaparte die Tür öffnete, um sich nicht nur als skrupelloser Kommandeur ins Szenenlicht zu setzen, sondern auch als Retter der strauchelnden Revolution, als er mit seinen Truppen in Norditalien einfiel und aus dem Feldzug gegen die Österreicher am Ende einen regelrechten Raubzug für die mittellose Republik machte.

Und schon bei diesem Feldzug – wie schon bei der von ihm befehligten Niederschlagung des royalistischen Aufstands 1795 in Paris – zeigte er, wie skrupellos er seine Truppen benutzte. Und wie wenig Wert Menschenleben für ihn hatten. Auch die Völkerschlacht taucht gegen Ende natürlich auf, aus französischer Sicht schlicht die Schlacht bei Leipzig. Denn wenn man mit Bart van Loo all die Feldzüge Napoleons begleitet, mit denen er praktisch 20 Jahre lang Europa (und Ägypten) überzog, dann relativiert sich die Schlacht bei Leipzig zu einer von vielen blutigen Schlachten. Die Gemetzel bei Borodino, Austerlitz oder Waterloo hatten dieselbe Dimension wie Napoleons Rückzugsschlacht bei Leipzig. Denn nichts anderes war sie.

Seit 1808 hatte der selbstgekrönte Kaiser der Franzosen sein Blatt immer weiter überreizt, hatte – statt Frankreich zu stabilisieren und sein Volk endlich zur Ruhe kommen zu lassen – immer neue Kriege begonnen. Selbst solche, bei denen schon von Anfang an klar war, dass er sie nicht gewinnen konnte, dass sie – wie die Kriege in Spanien – lediglich zu einem riesigen Blutzoll verheizter Soldaten führen würden. Und natürlich wird genau hier das psychologische Moment deutlich, das den Selbstgekrönten am Ende zum Getriebenen seiner eigenen Täuschungen machte.

Der typischste aller Autokraten

IIm Grunde ist Bart van Loos Buch das Porträt eines typischen Autokraten, wenn nicht gar des typischsten aller Autokraten. Typisch in seiner Selbstbezogenheit und der unerschütterlichen Überzeugung, er allein wäre das Genie, das die Dinge überblickt. Und nach Dutzenden Schlachten, in denen er sein taktisches Genie bewiesen hatte, war auch Napoleon nicht mehr beratungsfähig, umgab sich mit lauter Jasagern, wie das alle Autokraten bis heute tun. Und nur zwei ausgefuchste Opportunisten hielten sich in seiner Nähe, auch wenn er immer wieder versuchte, sie loszuwerden: sein Polizeiminister Fouché und sein Außenminister Talleyrand. Beide echte Produkte der Französischen Revolution und ausgefuchste Überlebenskünstler, denen Bart van Loo natürlich auch ausführliche Passagen widmet.

Passagen, die zeigen, was hinter den üblicherweise in Geschichtsbüchern gezeigten Kulissen der Revolution passierte. In gewisser Weise kannte auch Napoleon diese Chamäleon-Taktik, der zeitweise selbst im Gefängnis saß und mit der Guillotinierung rechnen musste, zeitweilig selbst – wie Fouché – Jakobiner war, am Ende aber eine Art neuen Absolutismus schuf, mit dem er seine Familie unter den alten Feudalgeschlechtern Europas platzieren wollte.

Manch heutiger Interpret macht Napoleon ja gar zu gern zu einem Vordenker der Europäischen Gemeinschaft. Aber wie sehr das ein Trugschluss ist, macht Bart van Loo deutlich, wenn er in die überlieferten Selbstäußerungen Napoleons eintaucht und zeigt, dass darin vor allem die Ruhmesträume im Stil eines Alexander des Großen oder Cäsars spukten. Alles noch viel größer aufgeblasen, unterminiert von der Überzeugung des Militärs, er könnte mit seinen Truppen jede Armee Europas schlagen. Blind dafür, dass auch der Gegner dazulernte. Und dass er mit seinen immer neuen Truppenaushebungen daheim das eigene Land regelrecht ausblutete. Bart van Loo versucht auch in Zahlen die Dimension dieses Verheizens auf Europas Schlachtfeldern einigermaßen zu fassen.

Propagandist in eigener Sache

Nach der eisigen Niederlage in Russland 1812, wo die Große Armee quasi fast komplett zugrunde ging, stampfte Napoleon 1813 mit 18- bis 19-Jährigen quasi eine völlig neue Armee aus dem Boden, die dann in den Schlachten bei Bautzen und Leipzig verheizt wurde.

Aber Bart van Loo lässt auch Napoleons Nachruhm nicht weg, den der gestürzte Kaiser selbst befeuerte, als er auf St. Helena Emmanuel de Las Cases seine Erinnerungen diktierte, die dieser 1823 unter dem Titel „Mémorial de Sainte Hélène“ veröffentlichte und die das Napoleon-Bild bis in die Gegenwart beeinflussen. Bart van Loo zeigt freilich auch, warum der Napoleon-Kult nach dessen Tod in Frankreich Fuß fassen konnte. Und das hatte nicht nur mit der unglücklichen und bornierten Spätzeit der wiederauferstandenen Bourbonen zu tun, sondern auch mit einem Gefühl, das auch unsere Gegenwart kennt. Denn wenn der gewöhnliche, langweilige Politikbetrieb wieder den Alltag übernimmt und die regierenden Gestalten nur noch langweilig oder kleinkariert erscheinen, bekommen die alten, „glorreichen“ Zeiten auf einmal einen neuen Glanz.

Die Schrecknisse, der Blutzoll, die Sturheit des von Schlachten besessenen Autokraten werden vergessen, der Mann wird auf Hochglanz poliert und das vom alltäglichen Kleinklein zermürbte (oder gelangweilte) Volk erinnert sich nur noch an die Siege und in Bulletins bunt angemalten Feldzüge, in denen die französische Armee einst ganz Europa zu beherrschen schien. Propaganda wirkt. Erst recht, wenn auch die großen Schriftsteller der Nation sich der Faszination dieses Napoleons nicht entziehen können – ob nun Stendhal, Hugo, Dumas oder Balzac. Auch sie maßen ihre zerstrittene und im Vergleich so triste Gegenwart an den scheinbar so aufregenden Zeiten, als Napoleon der scheiternden Revolution dann eine Art Lösung verpasste, indem er eine Autokratie mit demokratischem Anstrich schuf. Und zwar nach einem echten Staatsstreich, wie er im Buche steht.

Der Mann in seiner Uniform

Und dabei war Napoleon schon früh ein von diversen Krankheiten geplagter Mann. Auch diese Krankheiten kommen ins Bild, die möglicherweise auch so einiges zu den Fehlentscheidungen beitrugen, die Napoleons letzte Regierungsjahre bestimmten. Gerade weil van Loo auch diesen an seinen Zipperlein leidenden, von der Errichtung einer eigenen Dynastie träumenden Mann zeigt, wird das Menschlein Napoleon unter der grün-grauen Uniform sichtbar. Geplagt von den eigenen Ambitionen, immer gefühlloser den Männern gegenüber, die er in seinen Schlachten zerfetzen und verbluten ließ. Ein Mann, der kein Innehalten kannte, immer gehetzt war und die eigenen Depressionen mit einem brachialen Ehrgeiz überspielte.

Das wird in vielen Passagen deutlich, die einen immer wieder an unsere Gegenwart erinnern, in der ähnlich von ihrer Genialität überzeugte Männer wieder ganz ähnliches Unheil anrichten. Koste es, was es wolle. Als müssten sie auf nichts und niemanden Rücksicht nehmen. Schon gar nicht auf das Volk, das ihnen zujubelt und sich – wieder einmal – blenden lässt von glorreichen Zeiten. Es ist ein Buch wie eine Warnung.

Meister der Propaganda

Und da man mit Bart van Loo immer möglichst nah an diesem Aufsteiger aus einer verarmten korsischen Adelsfamilie ist, bleibt auch kein Raum mehr für die Verklärung dieses Mannes, der seine Regierungszeit mit Schlachten pflasterte, die Millionen junger Männer das Leben kosteten, von den Millionen Verstümmelten und den verheerten Regionen ganz zu schweigen.

Und am Ende – auch im nun über zehn Jahre später geschriebenen Nachwort – zeigt Bart van Loo, wie dieser nach Sankt Helena deportierte Mann auch noch mit seinen Memoiren das Bild prägte und verklärte, das er für die Nachwelt abgeben wollte. Man sieht ihn – leidend und fett geworden – in seinem von den Briten bewachten Exil. Und sieht auch Bart van Loo, der erst nach der Buchveröffentlichung 2014 selbst nach St. Helena flog und mit eigenen Augen sah, wie Napoleon selbst sein Exil mit falschen Farben gemalt hat. Ein Meister der Propaganda bis zuletzt.

Auch das eine Warnung für die Gegenwart, wo die Autokraten aller Länder die modernsten Instrumente in der Hand haben, um ihre Propaganda an ein nur allzu leichtgläubiges Volk zu bringen.

Bart van Loo „Napoleon. Der Schatten der Revolution“, C. H. Beck, München 2026, 38 Euro

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