Am kommenden Samstag, dem 31. Januar, wäre Marie Luise Kaschnitz 125 Jahre alt geworden. Die Edition W feiert das mit einem Buch, das die Schriftstellerin (1901–1974) mit ihrem ganz persönlichen Blick auf die Welt, das Leben, das Alter und ihre Heimatstadt Frankfurt vorstellt – mit der sie fremdelte bis zuletzt und dennoch nicht wieder wegwollte.
Da konnte ein Gerücht, der Wohnblock in der Wiesenau, in dem sie lebte, würde einem Hochhausneubau weichen müssen, schon eine tiefe Besorgnis auslösen. Und die bewältigt eine Autorin natürlich am besten, indem sie Tagebuch schreibt.
Die Kenner der Bücher von Marie Luise Kaschnitz kennen die Texte schon. Sie erschienen 1968 unter dem Titel „Tage, Tage, Jahre“ im Insel Verlag. Ergänzt hat sie Herausgeber und Verleger Rainer Weiss um Texte aus dem 1973 im Insel Verlag erschienenen Band „Orte“.
Denn das bietet sich an, wenn die Dichterin in ihren Aufzeichnungen auf diese für sie wichtigen Orte in Frankfurt zu sprechen kommt – den Frankfurter Palmengarten oder die Strafanstalt Preungesheim, in der Kaschnitz vor jungen Strafgefangenen aus ihren Arbeiten las. Und eine ihrer vielen Vorleseerfahrungen machte, die auch in die 1966 und 1967 geschriebenen Texte eingeflossen sind.
Wer die Dichterin noch nicht kennt, die zu den deutschen Literatursternen ihrer Zeit gehörte, als bei den Männern Namen wie Böll, Grass und Enzensberger Furore machten, lernt sie mit diesem Band auf eine sehr persönliche, sehr vertraute Weise kennen.
Das Gerücht um den drohenden Abriss jenes Wohnblocks, in dem sie seit dem Tod ihres Mannes, des Archäologen Guido Freiherr Kaschnitz von Weinberg im Jahr 1958, allein lebte, animierte sie nämlich dazu, ihr Leben in Frankfurt, das Schreiben und das Wahrnehmen ihrer Wohnung selbst zum Thema zu machen.
Wenn der Mut zum Weggehen fehlt
Es ist kein prahlerisches Buch, obwohl sie praktisch die meisten Berühmtheiten ihrer Zeit persönlich kannte und auch eine Anekdote um den berühmten Soziologen Theodor W. Adorno einfließen ließ. Aber eben nicht nach dem Motto: Schaut mal, wen ich kenne. Sondern geradezu aus Mitgefühl.
Denn in dem ja längst ebenfalls zu einem alten Mann Gewordenen kann sie ihr eigenes Altsein spiegeln, das sie mehrfach in den Texten der beiden Jahre thematisiert. Auch unter dem Stichwort Witwenstand, einem Wort, mit dem sie so gar nichts anfangen kann. Sie kann sich auch mit dem Bild der Witwe nicht anfreunden, das damals – so kurz nach dem Krieg – noch eine ganz andere, auf den Straßen sichtbare Dimension hatte.
Und sie spart natürlich auch ihre eigenen Kriegserlebnisse nicht aus, insbesondere die Zeit der Bomben, die jenes Frankfurt, in das sie mit ihrem Mann gezogen war, praktisch vor ihren Augen zerstörte. Ihr Wohnblock wurde verschont. Aber in mehrere Texte fließen ihre Erlebnisse im Luftschutzkeller mit ein, die überstandenen Ängste, die sie geradezu nüchtern benennt. Welche Gefühle lassen Autorinnen zu, wenn sie sich erinnern? Welche wollen sie formulieren?
Immerhin macht sich Kaschnitz auch Gedanken darüber, warum sie mit ihrem Mann in Deutschland geblieben ist, obwohl beide mit den Nazis nichts am Hut hatten. An einer Stelle spricht sie etwas aus, was wahrscheinlich vielen Betroffenen so ging, die zwischen dem Weggehen und dem Dableiben schwankten, sich aber auch nicht trauten, aktiv Widerstand zu leisten.
„Ich bin feige“, sagt sie selbst. Und das ist mehr Ehrlichkeit, als so viele andere damals aufbrachten, wenn sie über die NS-Zeit sprachen. Sie versteckt sich nicht hinter der so gern gebrauchten Vokabel von der „inneren Emigration“.
Zeit der Automaten
Aber gerade dadurch öffnet sie die Tür für ihre Leser, zeigt sich als eine Autorin, die ihre eigenen Lebenswege nicht verklärt. Und gleichzeitig reflektiert sie diese seltsame neue Zeit, in der Konsum und Werbung auf einmal alles dominieren, Banken und Versicherungen ihre Hochhäuser in Frankfurt errichten und mit der Zeil eine der ersten klassischen Shopping Malls entstand.
Eine Welt, die ihr völlig fremd ist, weil ihr darin die Menschen fehlen. In einem Text malt sie gar die Dystopie einer Zeit, in der nur noch Automaten die Waren ausspucken, die die Menschen auf Knopfdruck verlangen. Selbst Krankheit und Tod werden von Automaten begleitet. Auch wenn sie sich die Zeiten des Internets tatsächlich noch nicht ausmalen konnte.
Aber wie irre die Welt, gerade mal 21 Jahre nach dem Kriegsende, sein konnte, las sie jeden Tag in der Zeitung. Der Kalte Krieg hatte sich längst zu voller Blüte entfaltet und Politiker und Generäle erzählten den Leuten nur zu gern von den unheimlichen Arsenalen an Atomwaffen und biologischen Waffen, die sie anlegten. Das kommt einem irgendwie vertraut vor.
Und zugleich befremdlich, dass die Mächtigen in Ost und West nach der Niederschlagung des NS-Regimes nichts Eiligeres zu tun hatten, als neue Fronten und Feindschaften zu etablieren.
Ist eigentlich jede Zeit auf ihre Weise bekloppt? Hat das Menschliche nur Chancen in jenen seltenen Tagen, in denen die eine Beklopptheit endet und die nächste noch nicht eingetroffen ist? So wie es Kaschnitz für das Jahr 1945 empfand, einem Jahr, in dem die meisten Menschen mit Hunger und Kälte zu kämpfen hatten, die großen Städte Ruinenlandschaften waren und die Menschen auf einmal Solidarität zeigten und einander halfen. Macht uns erst Not wieder zu mitfühlenden Menschen?
Aus welchem Stoff entsteht eigentlich Literatur?
Das ist eine Frage, die bis heute steht. Und die sich natürlich Autorinnen stellen. Auch wenn sie dann in der Kritik oft genug mit dem Vorwurf konfrontiert werden, sie würden immer nur ihre eigene Biografie zum Stoff machen, selbst dann, wenn sie in die Rolle ihrer Romanfiguren schlüpfen. Auch darüber denkt Marie Luise Kaschnitz nach.
Weil sie aus der eigenen Arbeit weiß, dass es stimmt und trotzdem falsch ist. Und die harte Arbeit an der Schreibmaschine ausblendet, um das Erzählbare zu verdichten, literarisch zu verwandeln, damit das Erzählte auch andere anrührt.
Auch gute Literatur ist Arbeit, einsame oft genug. Die „Führungen“, die Marie Luise Kaschnitz in ihrer Wohnung veranstaltet, sind reine Fantasie. Aber jede dieser „Führungen“ zeigt, wie schnell sich etwas erzählen lässt, wenn man nur genauer hinschaut auf Möbel, Bilder, widerspenstige Teppiche. Die ganze Umgebung, in der die Dichterin ihre Tage verbringt, und merkt, dass ihr Körper langsam zu streiken beginnt.
Für jüngere Leser ist das Buch eine richtige Zeitreise. Und gleichzeitig natürlich eine Gelegenheit, die Dichterin sehr persönlich kennenzulernen. Samt ihren Gedanken über die Welt, in der sie lebt. Auch wenn – wie auch Rainer Weiss betont – von Gott eher kaum die Rede ist. Was auch Marie Luise Kaschnitz anmerkt.
Aber sie macht ihre Leser eben auch darauf aufmerksam, dass Gott für sie in der Welt ist. Dass also jede Erzählung über die Welt auch Gott beinhaltet. Und den Buchtitel „Gott und die Welt“ hatte sie sogar selbst erwogen, auch wenn das Buch dann unter einem anderen Titel erschien.
Doch Rainer Weiss gefiel der Titel, und so hat er ihn für diese Ausgabe aufs Cover getan. Als Einladung an alle, die Marie Luise Kaschnitz kennenlernen möchten. Und mit ihr die Sorge teilen mögen, ob das Haus, in dem sie seit Jahren lebte, nun abgerissen wird, weil der Hochhauswahn Frankfurt im Griff hat. Am Ende bleibt es ein Gerücht, auch wenn die Tage von Baulärm erfüllt sind, denn gegenüber werden tatsächlich die alten Villen abgerissen und neue Häuser hochgezogen.
Da ist es schon erstaunlich, dass die Dichterin wirklich die Ruhe fand, sich an etlichen Tagen hinzusetzen und Texte zu schreiben, die eher Ausflüge in ihre Gedankenwelt sind, als das, was man so landläufig in Tagebüchern erwartet.
Marie Luise Kaschnitz „Gott und die Welt“ Edition W, Neu-Isenburg 2026, 22 Euro.
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