Der Titel trifft es. Völker können ihren Verstand verlieren. So wie einzelne Menschen auch. Die Geschichte ist voller Beispiele dafür. Und sie haben alle mit demselben Phänomen zu tun: der Zerstörung der Wahrheit. Denn unser aller Zusammenleben funktioniert nur, wenn wir uns auf dieselben belastbaren Tatsachen verständigen können. Wenn das aber nicht der Fall ist, wenn Fakenews und Lügen ganz selbstverständlich in die Demokratie gespült werden? Dann passiert das, was vor unseren Augen passiert.

„Eine Demokratie verliert den Verstand nicht an einem Tag“, schreibt Ruprecht Polenz in diesem Buch, im dem er den Mechanismus aufdeckt, mit dem die Wahrheit systematisch zerstört wird. „Sie verliert ihn, wenn zu viele sich daran gewöhnen, dass Wahrheit keine Rolle mehr spielt.“

Wie zentral Wahrheit für die Demokratie ist, ist vielen überhaupt nicht bewusst. Sie verwechseln auch gern Wahrheit mit Meinung. Man dürfe ja alles sagen. In der Demokratie herrsche Meinungsfreiheit.

Das stimmt auch. Aber es funktioniert nur, wenn sich alle immer wieder auf die grundlegenden Wahrheiten einigen können, das, was wirklich ist. Wobei Polenz sehr wohl bewusst ist, dass es natürlich keine „ewigen Wahrheiten“ gibt. Die Wahrheit zu erfassen, dafür braucht es Arbeit, Geduld und Regeln. Regeln, die die Denker der Aufklärung entwickelt haben.

In der Philosophie, der Wissenschaft, den Medien. Es war auch eine Botschaft an die kommenden Generationen, als Immanuel Kant seine Leser dazu aufrief, sich ihres eigenen Verstandes zu bedienen. Denn das Ringen um Wahrheit ist eine gemeinsame Sache. Völker florieren, wenn sie das zu ihrem Anliegen machen, verinnerlichen und institutionalisieren.

Angriff auf die Instanzen der Wahrheit

Und genau deshalb greifen Rechtsextreme und Populisten zuallererst die Instanzen der Wahrheitssuche an. Systematisch. Misstrauen wird gesät, Forschung diskreditiert, tausende völlig verschiedene Medien werden einfach in einen Topf geworfen mit dem Label „Lügenpresse“. Oder amerikanische Milliardäre kaufen die kritischen Medien einfach auf und machen sie handzahm, so wie Elon Musk es mit Twitter und der „Washington Post“ gemacht hat.

„Wenn ein Volk anfängt, in verschiedenen Wirklichkeiten zu leben, wird es schizophren und verliert seinen Verstand“, schreibt Polenz. Und geht dann auch auf die Rolle der „Social Media“ ein. Die sich längst zur Büchse der Pandora entwickelt haben mit einer Aufmerksamkeitsökonomie, die vor allem Hass, Gewalt, Spaltung, Lüge und Verschwörungstheorien befördert. All das, was ablenkt vom Denken, sondern blanke Gefühle anheizt. Und was all denen entgegenkommt, die mit solchen Gefühlen Politik betreiben, die Menschen aufhetzen und immer wieder mit ihren Ängsten spielen.

Weshalb rechtsextreme Parteien vor allem Angst verbreiten und ein finsteres Bild von der Gegenwart malen. Denn das wirkt: Wenn man es auf seinem Account, in seiner Bubble immer öfter gesagt bekommt und man nur noch unter lauter Leuten (und Bots) ist, die einem finstere Bilder der Welt malen, dann glaubt man es irgendwann.

Wie das funktioniert, ist mittlerweile sogar wissenschaftlich erforscht. Menschen wollen dazugehören und halten es ganz schwer aus, wenn sie allein sind mit ihrer Meinung. Selbst wenn sie wissen, dass etwas wahr ist. Wenn die große Mehrheit um sie herum immerfort etwas anderes behauptet, werden sie schwankend, zweifeln nicht an der Mehrheit, sondern an sich selbst. Und das passiert in den „Social Media“ mit ihren Algorithmen immerzu. Sie priorisieren Aufregung, Angst und Katastrophe.

Der Angriff auf die unabhängigen Medien

Zwar sind die großen Tech-Konzerne nicht bereit, ihre Algorithmen offenzulegen. Aber die Wirkung ist unübersehbar. Alles, was ruhigen Dialog, Gespräche auf Faktenbasis, respektvolles Miteinander befördert, wird abgewertet, wird in der jeweils persönlichen Timeline durch permanente Aufregung und Panikmache ersetzt. Genau das, was Populisten und Rechtsextremen in die Karten spielt. Denn damit schaffen sie finstere Bilder der Gegenwart, Bilder von Abstieg und Untergang.

Und deshalb greifen die Rechtspopulisten auch die klassischen und unabhängigen Medien an, wo sich tausende Journalisten und Journalistinnen jeden Tag bemühen, den Lesern, Zuhörern und Zuschauern ein möglichst realistisches Bild von der Welt zu vermitteln. „Es führt zu gesellschaftlicher Spaltung und Radikalisierung, wenn die Basis gemeinsamer Fakten bewusst infrage gestellt wird“, schreibt Polenz. „Das Vertrauen in Institutionen, Politik und Medien schwindet. Gruppen radikalisierten sich.“

Und: „Die Angriffe auf Presse, Wissenschaft, Kunst und Erinnerung sind keine Zufälle und keine Überreaktionen. Sie folgen einer Logik. Wer Macht sichern will, ohne sich Kritik zu stellen, muss die Instanzen schwächen, die Kritik ermöglichen. Wer politische Entscheidungen nicht mehr begründen kann, muss Zweifel diskreditieren. Wer seine Politik nicht erklären kann, muss die Wirklichkeit umdeuten.“

Und das schafft er nun einmal, nach und nach, wenn er alle professionell arbeitenden Instanzen aus dem Bereich von Medien und Wissenschaft diskreditiert, immer wieder anschwärzt und für „gelenkt“ behauptet. Von einer finsteren Elite im Hintergrund.

Autoritäre Strategien

Irgendwann glauben es die Leute. Gerade dann, wenn sie in ihren „Social-Media“-Accounts immer wieder mit demselben Bullshit überschwemmt werden. Und das in einer Menge und Penetranz, die in Zeiten vor der Gründung von Facebook, Twitter und Co. undenkbar waren. Und die Wirksamkeit dieser Plattformen haben vor allem die Rechtsextremen als Erste für sich entdeckt.

Die Aufmerksamkeitsökonomie dieser Plattformen kommt ihnen direkt entgegen. Denn wer nicht um Wahrheit und Wahrhaftigkeit ringt, weil er von Lärm und Lügen profitiert, der braucht kein ruhiges Gespräch. Der kann sofort das Schreien und Anprangern zur medialen Methode machen.

Da stören dann nur noch die klassischen Medien da draußen, mit ihren Recherchen und Kritiken. Also: „Deshalb richten sich autoritäre Strategien nicht zuerst gegen Parlamente, sondern gegen Erkenntnis. Nicht gegen Wahlen, sondern gegen Urteilskraft. Nicht gegen einzelne Meinungen, sondern gegen das System, das Wahrheit von Macht unterscheidet. Das Ziel ist nicht Überzeugung, sondern Desorientierung.“

Wir müssten also über die Instrumente sprechen, mit denen die Grundlagen unseres gemeinsamen Verständnisses systematisch unterminiert werden. Und da ist man – nicht nur in Deutschland – beim brachialen Wirken der riesigen, unregulierten Plattformen. „Die Königstugend der Demokratie ist das Finden fairer Kompromisse“, schreibt Polenz. „Dem wirken Social Media diametral entgegen, weil sie den Populismus verstärken, der von Konfrontation lebt und nicht an Übereinkünften interessiert ist.“

Was tun?

Man muss dem eigentlich nichts hinzufügen. All das ist auch durch wissenschaftliche Untersuchungen belegt. Die verstärkte Nutzung von „Social Media“ treibt die Radikalisierung von Menschen voran und öffnet die Schleusentore für just jene Parteien, die mit Radikalisierung Politik machen.

Was tun?

Die Frage hat sich Polenz auch gestellt. Er macht am Ende auch ein paar Vorschläge, wie man die Flut des radikalen Bullshits eindämmen könnte. Er skizziert diese Vorschläge kurz – von einer eigenen europäischen Plattform, die auch eine demokratische Aufsicht – wie der Rundfunkrat beim deutschen ÖRR – ermöglicht, über eine völlige Transparenz der Algorithmen bis zur Unterstützung eines unabhängigen Qualitätsjournalismus und den ganz persönlichen Möglichkeiten von Eltern, Kinder früh schon zu stärken.

Denn sie können den Kindern früh schon kluges, analytisches Denken beibringen, indem sie ihnen vorlesen. Ihnen so die Welt der Bücher und der Fantasie eröffnen. So klein beginnt das. Aber letztlich muss auch jeder bei sich selbst anfangen: Wie stärkt man die eigene Mündigkeit in einem wild gewordenen Medienkosmos? Wie lernt man verlässliche Quellen von Fakenews-Schleudern zu unterscheiden? Und das wird künftig nicht leichter, denn mit der „Künstlichen Intelligenz“ verstärken sich die Lügen und Täuschungskampagnen im Internet nur noch. Bis sie von realen Nachrichten ununterscheidbar werden.

Wie können wir bei Verstand bleiben?

„Bei Verstand zu bleiben, heißt nicht, alles zu wissen“, stellt Polenz am Ende fest. „Es heißt, sich nicht abspeisen zu lassen. Es heißt, Quellen zu prüfen, Widerspruch auszuhalten, Zweifel zuzulassen – auch an den eigenen Überzeugungen. Es heißt, sich nicht treiben zu lassen von Empörung, sondern innezuhalten, wenn sie zu laut wird.“

Mit seinem Buch zeigt Ruprecht Polenz, wie elementar die permanente Suche nach Wahrheit auch und gerade für die demokratische Gesellschaft ist. Und wie überlebenswichtig die Institutionen der Wahrheitssuche auch für den Frieden in unserer Gesellschaft sind. Wer sie preisgibt, nimmt der Demokratie ihre Grundlagen. Der öffnet der Manipulation unseres Denkens Tür und Tor. Bis die Getriebenen nicht mehr zwischen Wahrheit und Fiktion unterscheiden können.

Es gibt etwas zu tun. Polenz weist deutlich darauf hin. Jetzt ist eher die Frage, ob seine Botschaft auch verstanden wird.

Ruprecht Polenz „Wie ein Volk den Verstand verliert“ C. H. Beck, München 2026, 18 Euro.

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