2021 legte Reinhard Bohse seinen Rückblick auf sein Leben von 1945 bis 1989 als Buch in der Edition Hamouda vor: „Von einem, der auszog in eine nicht vergangene Zeit“. Ein barocker Buchtitel, der beides verknüpfte: die eigene Lebensbeschreibung mit dem Wissen darum, dass da einer eben auch ein ganzes Stück Geschichte erlebt hat. Wir alle erleben Geschichte. Den meisten wird das aber gar nicht bewusst. Oder nur manchmal, wenn sie direkt hineingerissen werden in Veränderungen. So wie 1990.

Das war das Jahr, in dem alles anders wurde. Unerwartet für viele. Selbst für die friedlichen Revolutionäre vom Neuen Forum, die noch im September 1989 so euphorisch gestartet waren. Monatelang war das Neue Forum quasi das Synonym für die revolutionären Veränderungen in der DDR.

Hunderttausende unterstützten es. Politik sollte endlich anders werden. Getragen von einer starken Bürgerbewegung. Das politische Modell Partei hatte nach 40 Jahren SED-Herrschaft abgewirtschaftet. Im Mai standen die ersten freien Volkskammerwahlen an, die dann auf Druck aus der Bevölkerung auf den März vorgezogen wurden.

Alle Zeichen standen auf einen haushohen Sieg des Neuen Forum. Doch schon im Januar stellte sich die diskussionsfreudige Bürgerbewegung selbst ein Bein und zerlegte sich auf dem Treffen zur Wahlvorbereitung in Berlin gründlich.

Und Reinhard Bohse saß auf der Empore und konnte nicht fassen, was da vor seinen Augen geschah. Wie sein Neues Forum sich vor allen Augen selbst zerschoss. Er war zwar nicht als Delegierter entsandt worden. Abef kurzerhand hatte er sich als Pressevertreter angemeldet.

Und das für eine Zeitung, die es noch gar nicht gab: die DAZ, Die andere Zeitung. Ein Projekt des Neuen Forums. Genauso wie der Forum Verlag, den Reinhard Bohse mit Rolf Sprinck und Grit Hartmann gegründet hat.

Möglichst schnell zur Deutschen Einheit

Mit diesem zweiten „Historischen Report“ nimmt Reinhard Bohse nun sein Jahr 1990 ausführlich in den Blick. Auch in Auseinandersetzung mit einigen vorherrschenden Meinungen, das Jahr sei doch wohl eher eins der Verluste gewesen, der Entmachtung, der Ohnmacht. Geschichte kann unbarmherzig sein. Das stimmt schon.

Aber es stimmt eben auch, dass die meisten Menschen nicht einmal ahnen, welche Rolle sie selbst in historischen Prozessen spielen. Und welche Folgen ihr eigenes Handeln hat. So wie an jenem 18. März 1990, als eine klare Mehrheit vor allem eins wählte: die möglichst schnelle Deutsche Einheit.

Es war ein Jahr der permanenten Beschleunigung. Und der Entscheidungen, die praktisch so schnell aufeinanderfolgten, dass man als normaler Bürger gar nicht mehr hinterherkam. Und auch nicht als überzeugtes Mitglied des Neuen Forums, das im März im „Bündnis 90“ aufgegangen war und mit dem Bündnis dann doch nur unter „ferner liefen“ einkam.

Die „friedlichen Revolutionäre“ wurden für ihre Tapferkeit nicht belohnt. Und auch die SDP (SPD), die sich im Herbst 1989 als eigenständige Partei neu gegründet hatte und der man den haushohen Sieg bei der Volkskammerwahl zutraute, kam nur auf Platz 2 hinter der Blockflötenpartei CDU und der „Allianz für Deutschland“.

Menschen sind vergesslich. Auch das bestimmte das Jahr 1990, das erstaunlich prägend wurde für die Einstellung der Ostdeutschen zur Politik. Auch in der passiven Haltung, Politik müsse ja bitteschön liefern, wenn man in der Wahlkabine bestellt. Dass man sich aber engagieren muss, wenn man wirklich etwas erreichen will, das ist auch heute noch die Haltung einer Minderheit.

Mit enormem Frustrationspotenzial, wie Reinhard Bohse 1990 immer wieder erfahren durfte. Auch in diesem kleinen, ambitionierten Forum Verlag, der mit dem vom Lkw herunter verkauften Titel „Jetzt oder nie – Demokratie!“ einen Mega-Erfolg landete. Es war das erste und bis heute Maßstäbe setzende Buch zur Friedlichen Revolution in Leipzig.

Stadt im Aufbruch

Gerade die brennenden gesellschaftlichen Themen wollte sich der Forum Verlag vornehmen und mit ambitionierten Titeln besetzen. Einige – wie „Stasi intern“ – betreute Reinhard Bohse noch als Lektor, auch wenn er noch im Frühjahr 1990 die Erfahrung machen musste, dass man selbst als Verlagsgründer nicht davor gefeit ist, dass einem das Projekt entgleitet.

Aber wo andere in diesem „wilden ersten Jahr ohne Mauer“ noch abwarteten und die D-Mark und die Deutsche Einheit herbeisehnten, als wäre dann das Schlaraffenland eröffnet, suchte Bohse umgehend nach einem neuen Ort, an dem er wirksam werden konnte.

Und manch Leser wird spätestens da sein Aha-Erlebnis haben, denn im Sommer wurde Bohse der erste Pressesprecher der sich neu formierenden Stadtverwaltung. Acht Jahre lang sollte er die Stimme der Stadt sein, jene acht Jahre, in denen der aus Hannover extra an die Pleiße gewechselte Hinrich Lehmann-Grube die heruntergewirtschaftete Stadt langsam wieder zu einer konkurrenzfähigen Großstadt in Deutschland machte.

Und man staunt, wie viele Themen der im Mai 1990 gewählte Stadtrat in diesem ersten Jahr schon anpackte – von den Plänen zur Gestaltung der Innenstadt über die Gründung der stadteigenen LWB bis zu den ersten Überlegungen zur Zukunft von Messe und Stadtwerken.

Beides heiß umkämpfte Gebiete, auch in den Diskussionen im Stadtrat, die Bohse dann als Pressesprecher aufmerksanm und oft selbst überfordert miterlebte. Daran hat sich – zum Glück – ja nichts geändert. Gerade die Stadtratsarbeit ist erlebte und gelebte Demokratie. Hier misst sich das von den Leipzigern gewählte Parlament mit einer oft sehr eigensinnigen Stadtverwaltung.

Rathaus im Umbau

Und mit Bürgermeistern, die unverhofft in veritable Skandale schlitterten – so wie Finanzbürgermeister Peter Kaminski und Kulturdezernent Bernd Weinkauf. Bohse ist nun mittendrin, muss die Fäden zusammenhalten und die Pressestelle der Stadt im Grunde erst einmal aufbauen. Denn dergleichen gab es vorher nicht.

Die ganze Verwaltung mit ihren 10.000 Mitarbeitern musste neu strukturiert werden, um unter den neuen marktwirtschaftlichen Bedingungen überhaupt arbeitsfähig zu sein. Und dabei schwelte im Hintergrund die ganze Zeit die Stasi-Frage: Welche Mitarbeiter waren belastet? Wer würde gehen müssen? Wer hat in seiner Ehrenerklärung falsche Angaben gemacht?

Da staunt Reinhard Bohse umso mehr, mit welcher Geduld und Ruhe Hinrich Lehmann-Grube arbeitete, während die Stadt eigentlich pleite war und allerenden Klärungsbedarf bestand: Was wird aus der Sparkasse? Was wird aus der kaputten Substanz der alten Stadtquartiere?

So wird das Jahr 1990 aus der Perspektive von Reinhard Bohse ein Jahr der permanenten Veränderungen, der vielen Neuanfänge und der oft kräftezehrenden Arbeit. Verständlich, dass er da die Sichtweise von Leuten nicht teilt, die das Jahr 1990 eher abwerten, nicht für voll nehmen, eher als Jahr der Niederlagen betrachten.

Durchwachsen war es. Das wird auch in Reinhard Bohses Reise durch sein Jahr 1990 deutlich. Der lang ersehnten Einführung der D-Mark im Sommer folgte der Katzenjammer in den heruntergewirtschafteten Betrieben. Und während viele Leipziger zum ersten Mal Arbeitslosigkeit erlebten, schmiedete der junge Wirtschaftsdezernent Christian Albert Jacke Pläne für den künftig attraktiven Wirtschaftsstandort Leipzig.

Investoren – vor allem solche, die Supermärkte, Hotels und Bürohäuser bauen wollten – standen Schlange und machten Druck. Dabei war bei den meisten Leipziger Grundstücken noch nicht einmal die Eigentumsfrage geklärt. (Was dann dem ersten LWB-Chef Ernst-August Kamilli zum Verhängnis werden sollte.)

Ende der Rundumbetreuung

Wer sich in Bohses Tour durch das Jahr 1990 hineinliest, lernt im Grunde das Leipzig des Jahres 1990 mit all seinen Widersprüchen, Brüchen und Konflikten noch einmal kennen. Er ist aber auch dabei, wie gerade die sich im Umbruch befindende Stadtverwaltung und der streitbare Stadtrat an den Konturen des künftigen Leipzig arbeiten, das für uns heute ja das Gewohnte ist.

Obwohl es sich in vielen Facetten radikal vom Leipzig der DDR-Zeit unterscheidet. Man lernt die Akteure dieser ersten Stunden kennen, darf mit Reinhard Bohse auch mal kopfschüttelnd in der Ratsversammlung sitzen, wo Debatten schon mal ins Unverständliche abgleiten – in wechselnden Räumen, denn auch das Neue Rathaus war nach über 40 Jahren sanierungsreif.

Aber so nebenbei schildert Reinhard Bohse eben auch, wie letztlich die eigene Einstellung zum eigenen Leben und Arbeiten darüber entschied, wo man in den wilden Anfangsjahren letztlich landete, ob man sich selbst am Schopf packte und das eigene Schicksal in die Hand nahm – oder abwartete, was die Ereignisse mit einem anstellen würden.

Denn die Rundumbetreuung, die die Leipziger aus DDR-Zeiten kannten, endete abrupt. Sie mussten wirklich umlernen. Und das fiel vielen schwer, auch das wird spürbar. Auch wenn Reinhard Bohse eher damit hadert, dass das von ihm geliebte Neue Forum und letztlich auch das Bündnis 90 bei den Wahlen im Herbst und Dezember keine berauschenden Wahlerfolge einfuhr.

Aber auch das gehört zu den Lernerfahrungen der Geschichte, dass die Helden der ersten Tage meist nicht belohnt werden für ihren Mut und andere die Ernte einfahren. Aber auch wenn die Bundesebene manchmal in Bohses Text hineinwetterleuchtet, liegt sein Augenmerk vor allem auf Leipzig, dem Neuen Rathaus und den Akteuren, die dieses erste Jahr nach den freien Wahlen gestalteten.

Ein richtiges Stück Geschichte, zu dem Bohse durchaus das Gefühl vemittelt, dabei gewesen zu sein. Ein Gefühl, das man tatsächlich nur erfährt, wenn man sich einbringt und nicht abwartet, bis irgendwo in Bonn jemand für einen entschieden hat.

Reinhard Bohse Von einem, der über den Wolken schwebt und auf der Erde landet Edition Hamouda, Leipzig 2026, 22 Euro

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