Es war ein wahrer Albtraum, den eine ältere Frau vor anderthalb Jahren durchleben musste: Nach einem schönen Abend mit ihrem Sohn und dessen Frau wurde die 72-jährige Schleußigerin von Eindringlingen in ihrer eigenen Wohnung brutal überfallen und um 30.000 Euro beraubt, die hinter einer Fußbodenleiste versteckt waren. Am Montag, dem 10. August, gestand einer der Täter vor dem Landgericht seine Beteiligung.
Die eigenen vier Wände sind eigentlich der Rückzugsort, wo ein Mensch seine Individualität ausleben soll, sich sicher und geborgen fühlen kann. Doch für Elvira N. (Name geändert) ist seit einiger Zeit nichts mehr, wie es früher war: „Jedes Geräusch in meiner Wohnung ist für mich so, als ob da was Schlimmes passiert“, sagte die 72-Jährige am Montag als Zeugin im Landgericht Leipzig.
Horror in der Wohnung
Nur wenige Meter von ihr entfernt saß jener Mann, der sie in ihrer Wohnung mit einer Komplizin brutal überfiel. Angeklagt ist der 39-jährige Jan S. wegen gemeinschaftlichen besonders schweren Raubes, gefährlicher Körperverletzung sowie gemeinschaftlicher Freiheitsberaubung.
Es war am 4. Februar 2025 gegen 21:30 Uhr, als Jan S. laut Staatsanwaltschaft mit seiner Mittäterin an der Wohnungstür der Seniorin in der Holbeinstraße klingelte. Als das Opfer arglos die Tür öffnete, bekam es sofort Pfefferspray ins Gesicht gesprüht, wurde heruntergedrückt, auf einem Teppich in die Wohnung gezogen, letztlich mit Klebeband an Händen und Füßen gefesselt, der Mund zugeklebt. Das räuberische Duo durchsuchte die Wohnung gezielt nach Bargeld und fand schließlich hinter einer Fußbodenleiste in der Küche 30.000 Euro.

Diesen Tatablauf konnte auch Elvira N., die im Prozess als Nebenklägerin auftritt, am Montag bestätigen. Dabei hatte sie eigentlich gerade einen harmonischen Abend erlebt, weil ihr Sohn, dessen Frau und der Hund des Paars kurz zuvor zum Abendessen gekommen waren. „Ich war happy, weil alles so gut lief.“
Gegen 20:45 Uhr verabschiedete sich ihr Besuch – und wenig später läutete es an der Tür. Elvira N., bereits im Schlafanzug, ahnte nichts Böses, nahm an, dass ihr Sohn noch einmal zurückgekehrt sei. Doch stattdessen durchlitt sie einen Albtraum. „Ich hätte nicht gedacht, dass mir das nochmal passiert, in meinem Alter.“ Nach der Flucht der Angreifer mit der Beute konnte sich die Rentnerin eigenständig befreien und einen Nachbarn alarmieren. Sie erlitt einen Schock, Schmerzen und eine Augenreizung.
Angeklagter gesteht und nennt Namen mutmaßlicher Mittäterin
Immerhin: Jan S. legte am Montag im Landgericht ein umfassendes Geständnis ab – und nannte auch den Namen seiner mutmaßlichen Komplizin, der den Ermittlern bisher nicht bekannt war. Bei ihr handele es sich um eine Sexarbeiterin, mit der er seit einigen Jahren befreundet gewesen sei, ohne ein Intimverhältnis zu haben. Als Motiv nannte der 39-Jährige Druck aufgrund von Schulden.
Vom Bargeld im Haushalt der Geschädigten soll Jan S. genau Bescheid gewusst und auf dieser Basis seinen perfiden Plan gefasst haben. Dazu passt, dass sich kurz zuvor auch ein vermeintlicher Handwerker in der Wohnung aufhielt, der den Tipp mit dem Geld weitergegeben haben soll. Den Namen verriet Jan S. am Montag nicht.
Opfer nimmt Entschuldigung des Täters nicht an
Seinen Entschuldigungsversuch, den Verteidiger Peter Zuriel an die überfallene Frau richtete, wies diese zurück: „Die Entschuldigung kann ich nicht annehmen, das war einfach zu viel.“
Auf dem Verlust des Geldes aus der Lebensversicherung ihres Mannes, eigentlich als Rücklage für den Lebensabend gedacht, sei sie sitzengeblieben, müsse mit einer schmalen Rente auskommen. Seit dem Vorfall kämpfe sie mit ihrer angeschlagenen Gesundheit, sei körperlich und psychisch in keinem guten Zustand, sagte die Frau, die zu ihrer Zeugenaussage von einer Mitarbeiterin des Opferschutzes begleitet wurde: „Das ist Horror, das ist im Kopf einfach drin.“
Wegen des Geständnisses von Jan S. stellte ihm das Gericht einen reduzierten Strafrahmen in Aussicht. Mit mehreren Jahren Gefängnis muss der in U-Haft sitzende Mann, der bisher keine Vorstrafen hat, dennoch rechnen. Sein Verteidiger sowie die Staatsanwaltschaft signalisierten bereits ihr Einverständnis. Der Prozess soll am 17. August fortgesetzt und womöglich auch mit einem Urteil beendet werden.
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