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Man sollte sich vom Buchtitel nicht täuschen lassen: Es ist keine Liebesgeschichte, die der in Frankfurt lebende Chemiker Matthias Rischer hier vorgelegt hat. Höchstens eine ganz sachte, leise am Rand. Es ist auch keine Coming-of-Age-Geschichte. Sondern eine, die etwas skizziert, was tatsächlich schon morgen über uns kommen kann. Und wir werden nicht vorbereitet sein, weil wir uns in dem Märchen einer „Künstlichen Intelligenz“ eingerichtet haben, die uns doch nur hilft wie eine fleißige Dienstmagd. Doch wem dient die Dienstmagd wirklich?
Und was richtet sie an, wenn sie in die falschen Hände gerät? Wenn sie nicht schon längst da ist. Denn die KI ist ja ein Produkt der großen Tech-Bros aus Amerika, die unter der Präsidentschaft Trump bereits gezeigt haben, wie gleichgültig ihnen die Demokratie und das Wohlergehen der Nationen sind. Sie haben kein Problem mit Manipulation und Fake News, wenn es um die Steigerung ihrer Profite geht. Empathie ist ihnen fremd. Und ein Verständnis für die gesellschaftlichen Folgen der von ihnen eingesetzten Technologien erst recht.
Was aber passiert, wenn ein talentierter Programmierer nicht nur in einer dieser undurchschaubaren Tech-Firmen anheuert und an den sensibelsten Projekten mitschreibt, sondern sich einfach eines Tages selbstständig macht, seine eigene Serverfarm baut und die KI für seine Zwecke „trainiert“, wie es die Anpreiser dieser Technologie immer nennen? Mit Sport hat dieses „Training“ nichts zu tun. Eher mit geistigem Diebstahl, Plagiaten und der missbräuchlichen Nutzung allerpersönlichster Daten.
In der Wildnis Kanadas
Was auf manche Menschen tatsächlich Faszination ausübt – so wie auf den Archäologen Sven, der in den Wäldern Kanadas einfach nur ausspannen will. Dabei ahnt er noch nicht einmal, dass an seinem Institut in Deutschland, an dem er ein befristetes Projekt betreut, gerade der große Sparhammer droht und ein neuer Institutsleiter demnächst für Tumult sorgen wird.
Doch auf seiner Wanderung trifft er mitten in der Wildnis einen Mann, der sich Joko nennt und der ganz offensichtlich ein echter Tech-Freak ist und nicht nur mit Mini-Drohnen den Wanderer zu seinem Rastplatz gelotst hat, sondern auch noch auf einer Lichtung ein regelrechtes Aufnahmestudio für das Training seiner eigenen KI aufgebaut hat.
Was ihm noch fehlt, ist schlicht ein unbeleckter Bursche, der auf die visuellen Angebote der KI nicht mit den Tricks aus Online-Spielen reagiert, sondern ganz unvoreingenommen. Eben wie ein Mensch, der zum ersten Mal mit den digitalen Welten in Berührung kommt. Wenn man die Software mit den unvermittelten Reaktionen so eines Burschen füttert, wird sie ja noch lebensechter, noch täuschender, ist am Ende für die naiven Nutzer gar nicht mehr als virtuelle Simulation zu erkennen.
Eigentlich scheint Svens Abenteuer in der kanadischen Wildnis beendet, nachdem er in der letzten Session zusammengeklappt ist und von seinen kanadischen Freunden gerettet wurde. Er kehrt nach Deutschland zurück. Das Abenteuer scheint fernste Vergangenheit. Doch dann meldet sich Joko, wie der Fremde im Wald sich genannt hat, wieder bei ihm, lässt seine Simulation direkt in seinem Kopf aufflammen. Und beginnt ihn – und nicht nur ihn – zu erpressen.
Denn um Sven zum Weiter-Mitmachen zu animieren, zeigt er nun, welche Macht die von ihm „trainierte“ KI schon hat – er lässt einfach mal das Stromnetz in Frankfurt zusammenbrechen, weil über Smartmeter die Stromabnahme manipuliert werden kann, dann gerät gleich noch das europäische GPS-System aus den Fugen und das elektronische Bezahlsystem kollabiert.
Attacke auf sensible Infrastrukturen
Rischer beschreibt hier eine Wirklichkeit, in der wir längst drinstecken: Immer mehr wichtige Infrastrukturen sind digital vernetzt. Und nicht nur der Sekretär des hessischen Ministers bekommt auf einmal veritable Probleme auf den Tisch, weil niemand weiß, wer hinter den Attacken steckt. Die KI, die hier ganz offensichtlich zum Einsatz kam, hat ihre Spuren perfekt verwischt und es dauert Tage, bis die Systeme wieder ins Laufen kommen. Wir sind angreifbar geworden. Und letztlich stellt Rischer die hochbrisante Frage: Was kann KI eigentlich alles für Schaden anrichten, wenn sie Kriminellen in die Hände fällt? Oder feindlichen Staaten?
In Rischers Roman ist es dann Sven, der noch einmal bereit ist, sich auf Jokos KI einzulassen. Nur dass er sich mit seinem Freund Kai und Jasper, dem Staatssekretär, einen Coup ausgedacht hat, wie er die KI stören, vielleicht sogar austricksen kann. Es ist ein Roman. Da darf der Held sich noch mit dem Teufel messen. Und letztlich fokussiert Rischers Geschichte geradezu auf ein Duell zweier Männer, auch wenn am Ende auch noch Interpol eingeschaltet wird und die kanadische Polizei auf die Jagd nach dem geheimnisvollen Joko geht.
Aber es ist eben auch ein Roman, der – deutlich wie wenige andere Bücher zu diesem Thema – zeigt, was für ein Werkzeug da eigentlich ohne echte Sicherung und Kontrolle in die Welt gelassen wurde – wieder einmal mit einem Heilsversprechen für alle möglichen Bereiche des menschlichen Lebens und der Aussicht, dass durch den KI-Einsatz Millionen Menschen ihre Arbeit verlieren werden. Wieviel Verachtung für den Wert menschlicher Arbeit steckt eigentlich schon in der Entwicklung der KI? Wieviel Machtbesessenheit und blinder Glaube, dieses Werkzeug würde nur friedlich genutzt?
Der Teufel in der Flasche
Das wird es schon heute nicht, auch wenn sich der Missbrauch vorerst scheinbar nur auf Bildmanipulation, Fake News und Fälschungen zu beschränken scheint. Aber im Grunde stellt Matthias Rischer eine grundlegende Frage: Was passiert, wenn KI tatsächlich zum Angriff auf unsere sensiblen Infrastrukturen missbraucht wird? Wie gut sind wir dann geschützt, oder ist der Teufel längst aus der Flasche und wir müssen uns auf Vorgänge gefasst machen, mit denen deutsche Landesregierungen von vornherein völlig überfordert sind?
Erst recht in diesen Zeiten, in denen nicht nur die milliardenschweren Tech-Bros dafür gesorgt haben, dass den Staaten des Westens Steuereinnahmen verloren gehen und Regierungen irrwitzige Kürzungsprogramme auflegen, um den Schuldenanstieg noch irgendwie in den Griff zu bekommen? Da werden ja nicht nur die Förderzuschüsse für wissenschaftliche Projekte gestrichen, da wird auch schon eifrig am Sozialstaat gesägt. Auch das spiegelt sich andeutungsweise in Rischers Roman, denn nicht nur Kai, auch Sven steht auf einmal vor der Frage, wie es mit seiner beruflichen Zukunft eigentlich weitergehen soll.
Da ist es schon erstaunlich, dass Sven die Kraft findet, sich auf das Kräftemessen mit Joko einzulassen.
Und Rischer erzählt das alles nicht technisch spröde, sondern sehr lebendig. Mit einem guten Gefühl auch für jene Balance, die unsere menschlichen Beziehungen oft so verletzlich macht. Immerhin knistern zwischen Sven und seiner kanadischen Freundin Martine die Gefühle.
Hier sind sich tatsächlich zwei Menschen auf Augenhöhe begegnet, was ja in der Literatur wie im Leben meist nicht der Fall ist. Wir haben ja alle unsere Muster im Kopf. Und manche dieser Muster sind desaströs. Und finden sich, wie wir alle wissen, auch in den gigantischen Informationsbergen in den Serverfarmen weltweit, mit denen die KI „trainiert“ wird.
Das vertrackte reale Leben
Auch das ist so eine Frage, die Rischer andeutet, wenn er Sven in der von der KI generierten Virtualität der attraktiven Ligeia begegnen lässt. Dabei ist ja schon unsere heutige digitale Welt mit falschen, völlig überzeichneten Frauenbildern gefüllt. Die reale Wirklichkeit, die uns mehr abfordert als die überzeichnete virtuelle Welt, verblasst dagegen. Zu Unrecht.
Denn natürlich ist sie anstrengender, komplexer, fordert mehr von uns als ein offenmäuliges Staunen über die Schönheit einer Frau. Und mit Martine hat Sven ja so ein Gegenüberf. Und Rischer gelingen tatsächlich Dialoge zwischen den beiden, die ahnen lassen, wie tief die Gefühle der beiden zueinander sind.
Das Leben kann schon gemein sein. Da braucht es nicht wirklich noch einen hochgezüchteten Algorithmus, der mitten in unsere sensibelsten Lebensbereiche hineinfunkt und kriminellen Akteuren eine Macht zukommen lässt, die eigentlich niemand auf der Erde haben dürfte. Bei Rischer wird das nicht plakativ. Er erzählt seine Geschichte flott und mit einigem Gefühl für die Vertracktheit und Schönheit menschlicher Beziehungen.
Wie es ausgeht, muss jeder selbst lesen. Vom Buchtitel darf man sich wirklich nicht irritieren lassen. Vielleicht haben wir den Moment tatsächlich schon verpasst, die sogenannte KI einzuhegen und ein Morgen zu verhindern, in dem wir lauter ratlose Staatssekretäre und Minister vor der Kamera stehen sehen mit dem vergeblichen Versuch, zu erklären, was da gerade eine sicher geglaubte Infrastruktur außer Gefecht gesetzt hat.
Matthias Rischer „Morgen wird es anders sein“ Dr. Ziethen Verlag, Oschersleben 2025, 20 Euro.
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