Auf dem Höhepunkt seiner Macht organisierte Arkan einen Busservice von Frankfurt/Main direkt ins Kriegsgebiet. Serbische Wochenendsoldaten aus der Bundesrepublik fuhren im Reisebus zum Töten wie andere zur Kaffeefahrt oder den Kurzurlaub. Was sich liest wie eine Anekdote aus einem dystopischen Roman, war während der Balkankriege Realität. Aufgezeichnet hat sie Frank Willmann in seinem Buch „Balkanblut“ über Leben, Zeiten und Taten eines Serben namens Željko Ražnatović, besser bekannt unter seinem Alias Arkan.
Er schaffte es vom Kleinkriminellen, Bankräuber und Geheimdienstkiller zum Warlord einer straff geführten paramilitärischen Truppe namens Tiger aufzusteigen. Wobei Arkan sich recht kreativer Mittel bediente.
Schon vor dem Ausbruch der Kämpfe hatte er sich als „Fanbeauftragter“ der Fußballhooligans von Roter Stern Belgrad eine bunte Truppe an frustrierten jungen Männern gehalten, die vielseitig einsetzbar waren und ihm willig in den Krieg ums Vaterland folgten.
Arkan inszenierte sich vor ihnen als Messias einer vermeintlich abgehängten serbischen Arbeiterklasse, der er Fußball, Sex und Nationalstolz als Überholspur zur Erlösung verkaufte.
Sowie der Krieg begann und seine Tiger-Truppe zum Einsatz kam, zählten brutale Vergewaltigungen, Morde und Plünderungen zu ihrem Standardrepertoire. Daneben hielten einträgliche Schwarzmarktgeschäfte seine Truppe bei der Stange.
Arkan und seine Tiger waren nicht die einzigen, die derart brutal wüteten und sich ihre Taschen füllten. Aber sie waren besser vernetzt als andere und erfolgreicher. Für Milieugrößen ist es üblich, sich an den nächstgrößeren Hai anzudocken, um in dessen Schatten überleben zu können.
Eine Lehre, die Arkan verinnerlichte. Als Jugoslawien unter alten Fehden, Nationalismus und Gier zerbrach, war der Hai, an den der Putzerfisch Arkan andockte, Slobodan Milošević, Ex-Kommunist, Geschäftemacher und Präsident von Serbien.
Ihrer Zeit voraus waren Arkan und dessen Tiger nicht nur bei ihren Deals und der Auswahl ihrer politischen Paten, sondern auch in der Selbstvermarktung durch die Medien.

Eine Studie über das Böse
In „Balkanblut“ hat Frank Willmann Arkans Geschichte aufgezeichnet. Sein True-Crime-Roman ist keine auf Sensation geeichte Kolportageschmonzette, sondern eine in kurzen Sätzen verfasste und mit allerlei gut platzierten Schimpfwörtern durchsetzte Studie über das Böse im beginnenden Medienzeitalter.
Arkans TikTok mag noch CNN gewesen sein, aber die Mechanismen, mit denen er seine Rolle als „Kriegsheld“ und Popstar mit Knarre anlegte, ähneln verblüffend denen, derer sich heute Influencer und Narco-Gangster auf ihren Social Media Profilen bedienen.
Willmann spart in seinem Buch nicht mit kühl gesetzten Anekdoten über die Absurditäten von Krieg, Völkermord und ethnischen Säuberungen. Bevor Arkan mit seiner paramilitärischen Truppe einen Ort von allen Nicht-Serben „befreite“, kassierte er von den einheimischen Serben im Voraus für Mord, Vergewaltigung, Folter und Plünderungen ihrer muslimischen, albanischen oder kroatischen Nachbarn.
Als Räuber und Mafiosi in Westeuropa hat er vorm Krieg immer wieder einen coolen Spruch auf den Lippen, mit dem er Polizei oder Journalisten auf die Schippe nimmt. Arkans Weg vom Sohn eines geachteten, aber traumatisierten Militärs und Partisanenhelden zum Bankräuber und Geheimdienstkiller war nichts Besonderes in jener Zeit.
Außergewöhnlich war eher, dass der Mann im Zwielicht zwischen Politik, Rache, Geschäft und Drogendeals so lange überlebte, um es schließlich zum gefürchtetsten Warlords Europas zu bringen.
Weniger kluge Autoren wären der Versuchung erlegen, aus Arkans Story eine mit ein wenig Psychologie angereicherte Gangsterballade zu drechseln, die in ihrer TV-Serientauglichkeit gut verkäuflich gewesen wäre.
Frank Willmann jedoch rührt Arkans Blutsuppe mit einer stilistischen Distanz an, die keinen Raum für Romantik oder grobe Küchenpsychologie lässt. Bei ihm ist der Killer ein Kleinbürger mit großen Träumen, deren gefährlichster Aspekt darin besteht, dass er sie für ebenso käuflich hält wie alles andere in seiner Welt.
Echte Gangster werden nicht alt. Alt werden höchstens Showmänner mit Knarre aus der zweiten oder dritten Reihe. Arkan endete letztlich genauso, wie alle echten Gangster: mit erschrockenem Blick und mehrfach gelochtem Leib in einer Bar.
Zuvor hat er allerdings Millionen verdient, dreimal geheiratet, fünf Kinder in die Welt gesetzt und eine letzte Witwe hinterlassen, die heute als serbische Madonna-Kopie durch Fernsehstudios und Konzertsäle tingelt, aber dabei ihre Verbindung zum Vater ihrer Kinder meistens unter der Decke hält.
Frank Willmann hat mit „Balkanblut“ ein verdrängtes Kapitel blutiger europäischer Geschichte zurück ins Bewusstsein gerückt. Wie in den romanhaften Reportagen Ryszard Kapuscinskis oder George Orwells „Mein Katalonien“ weist sein Buch jedoch über die Zeit, die er beschreibt, hinaus und ist literarisches Vergnügen, Gesellschaftsanalyse und Warnung zugleich.
Frank Willmann Balkanblut Tropen Verlag / Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2026, 24 Euro
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