„Mutter liebt das Kind, na gut, dann hätte ich mir das Buch auch sparen können“, sagt Martin Piekar in einem Interview zu seinem Roman „Vom Fällen eines Stammbaums“. „Mein deutscher Personalausweis liegt gut in der Hand, denke ich. Und er glitzert so schön“, schreibt er auf der ersten Seite des Romans. Dass Marcin, der Held des Buches, Handlichkeit und Schillern seines deutschen Ausweises für erwähnenswert hält, hat damit zu tun, dass er Kind einer polnischen Einwanderin ist und für ihn jene amtlich bestätigte Identität als Deutscher keine Selbstverständlichkeit darstellt.

Seine Mutter Regina, geboren in einem sowjetischen Gulag als Tochter einer Polin und eines SS-Majors, ist vor Marcins Geburt aus Polen geflohen und hält trotz jeder Menge Rückschläge und alltäglichen Demütigungen in der neuen Heimat Deutschland dennoch für das gelobte Land.

Piekar, mehrfach preisgekrönter Lyriker, arbeitet als Lehrer in Frankfurt am Main und ist deutschlandweit berühmt für seine Leseperformances. Er ist Deutsch-Pole und hat seinem Romanhelden die eigene Biografie geliehen. Was eine gute Entscheidung war. Denn in diesem Leben passiert etwas. Was passiert dort? Alltag.

Die Kunst des mündlichen Erzählens

Aber es ist eben kein Alltag, der in einer bildungsbürgerlichen Altbauwohnung stattfindet, wie er so großen Teilen der deutschen Gegenwartsliteratur als Folie dient, sondern er spielt sich zwischen einem jungen Mann und seiner saufenden, rauchenden, kranken und mal verletzenden, mal unverschämt liebevollen oder pathetisch manipulativen Mutter Regina ab. Die das emotionale und dramatische Zentrum des Romans ausmacht.

Piekar weiß, dass der Ursprung von Literatur im mündlichen Erzählen liegt. Er nimmt dies ernst, indem er für die Dialogteile in seinem Buch eine raffinierte, und zuweilen sehr komische Umsetzung des polnisch gebrochenen Deutsches gestaltet hat, in dem die Mutter mit dem Sohn spricht.

„Ich bin Dojcze! Ich treume auf Dojcz und ich hasse diese Polen! Du bist keine Pole!“, brüllt sie, als der Sohn verkündet, dass er als Ziel seiner allerersten Auslandsreise ausgerechnet Polen gewählt hat.

Polen, das ist Reginas verhasste Heimat, aus der sie ins Land ihres SS-Vaters floh, den sie mindestens so sehr verachtete wie ihre Heimat. Um diesen Vater und die Umstände von Reginas Geburt in einem Gulag ranken sich einige Rätsel, denen der Sohn auf seiner Reise nach Polen auf den Grund geht.

Man hat Piekars Text als Familienroman bezeichnet, und das ist als grobe Box genauso passend wie ihn als Coming-of-Age-Roman einzutüten. Was „Vom Fällen eines Stammbaums“ aber tatsächlich ist, ist ein Roman aus der so literarisch unterrepräsentierten deutschen Arbeiterklasse.

Martin Piekar. Foto: Charlotte Werndt
Martin Piekar. Foto: Charlotte Werndt

Nach ihrer Flucht findet Regina in Deutschland nämlich nur eine Anstellung als Pflegekraft in einem Altenheim, und während ihr Sohn sich mithilfe von Gedichten, Goth-Rock, Nu-Metal und World-of-Warcraft-Zockerei allmählich Anerkennung als Lyriker erarbeiten kann, verfällt Regina körperlich immer mehr, säuft, raucht, wird agoraphobisch und zwingt den Sohn in eine Rolle als Pfleger, Sozialbetreuer und Vertrauter, der er nicht immer voll gewachsen sein kann.

Das klingt ein wenig nach drögem Spülsteinrealismus, aber trist ist in diesem Buch gar nichts.

Schreiben als Ventil

Auf seiner Webseite schreibt Piekar über sich selbst: „Ich fing mit 14 an zu schreiben und nutze es gleichzeitig als Hygiene-Mittel, als Ventil, als Versuch, mich so zu versprachlichen, dass es über mich hinausgeht. Oder wie Bukowski es sagte: ‚The words I write keep me from total madness.‘

Doch ich sprach mit Menschen, ging auf Lesungen und manchmal ging irgendwo ein Licht auf, das ich nicht immer sofort lokalisieren konnte. Musste ich auch nicht. Und so schrieb ich weiter. Schrieb und wollte mich in die Sprache und zwischen die Menschen schreiben.“

Sein Ziel, sich zwischen die Menschen zu schreiben, hat er mit seinem ersten Roman fast schon übererfüllt. Denn Piekar nimmt nicht nur Sprache, sondern auch Figuren ernst. Daher darf Regina in seinem Text so sehr manipulatives Monster sein, wie liebevolle Mutter.

Sie ist in ihren Widersprüchen so lebensprall real, dass man fürchten muss, von ihr zu träumen, bevor man ihren Widergängerinnen an irgendeiner Straßenecke begegnet. Als Regina im Roman schließlich stirbt, unterläuft Piekar jegliche dort durchaus drohend naheliegende (Simon-Strauss-mäßige) Neoromantische Geste.

„Meine Freunde kommen auf mich zu und umarmen mich. Wir weinen gemeinsam auf einem Waldweg. Irgendwann finde ich einen Weg zurück zur Sprache und kann sagen: Bitte lasst uns zusammen etwas essen. Ich habe bereits einen Tod gehabt, aber noch kein Frühstück.

Wir lachen.

Und ich habe wirklich Angst davor, wie das wird: weiterzuleben ohne meine Mutter.“

Der Stammbaum, den Piekar im Roman schließlich fällt, stürzt leise, sein Fall wird weder larmoyant gefeiert noch pathetisch bedauert, sondern als fast rücksichtslose Notwendigkeit geschildert.

Trotz einiger Längen im Text ist es berührend und überraschend zu lesen, weshalb der Sohn letztendlich weder an den deutschen noch an den polnischen Traumata zerbricht, die ihm seine Familiengeschichte(n) beschert haben.

Man hätte sich allerdings einige mehr Informationen über die historischen Ereignisse gewünscht, die das Schicksal der Familie bestimmten. Da hätte der Verlag großzügiger sein dürfen, zumal bei einem durchaus umfangreichen Buch wie diesem ein paar Seiten Anmerkungen keinen Unterschied mehr gemacht hätten.

Martin Piekar Vom Fällen eines Stammbaums Rowohlt Verlag, Hamburg 2026, 26 Euro

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