Geschichte lässt uns nicht los. Traumata vererben sich über Generationen, wenn Eltern schweigen und es nicht schaffen, über ihre Wunden und Verletzungen zu sprechen. Und von solchen Familien gibt es eine Menge, gerade im Osten. Man kann es mit (N)Ostalgie zupinseln, mit Alkohol ertränken oder mit falscher Härte zukleistern. Es liegt wie ein Schatten auf dem Leben der Kinder. Auch in diesem hochemotionalen Roman der in Erfurt geborenen Autorin Anousch Mueller.
Dass da etwas ist, worüber die Eltern nicht reden, das spürt die Protagonistin der Geschichte – Helena Ross, genannt Leni – schon früh. Etwas fehlt. Sie spürt es schon als Kind, hat wirre Erinnerungen an ein Aufwachen im Krankenhaus. Nur das Davor bleibt vage. Auch ihr Bruder Etgar spürt es. Fünf Geschwister hat sie. Doch alle kämpfen sie mit psychischen Problemen, halten Partnerschaften nicht aus, brechen Studium und Ausbildung ab, als hätte die Welt keinen festen Grund. Als würden sie sichere Verhältnisse gar nicht aushalten.
Dass sie in besonderen Verhältnissen aufwachsen, macht schon der Ort deutlich, an dem Leni und ihre Geschwister ihre Kindheit verbringen: ein einsam in der Landschaft stehendes Bahnhofsgebäude, das seit 1945 leersteht, seit eine einsame Fliegerbombe die Bahnstrecke, die ein paar thüringische Dörfer ans Gleisnetz anschloss, zerstört hat. Die Dörfer sind seitdem noch einsamer in der flachen Landschaft gelegen. Eine typische, eine beklemmend typische ostdeutsche Kulisse. Hier groß zu werden, das prägt fürs Leben. Und für Leni und ihre Familie kommt hinzu: Sie sind Außenseiter.
Wer in das abgelegene Bahnhofsgebäude zieht, hat in der Regel eine durchwachsene Vorgeschichte. Auch darüber reden Lenis Eltern nicht, obwohl ihr Vater einmal Architekt war, nun aber als Rettungssanitäter arbeitet, als hätte es da einen Bruch gegeben in seinem Leben. Und ihre Mutter liest permanent, verschwindet in den Büchern regelrecht, als wolle sie mit den Turbulenzen des Familienlebens nichts zu tun haben. Obwohl sie ein Kind nach dem anderen bekommt, als gelte es, etwas gutzumachen.
„Sie rang jahrzehntelang. Bekam Kind um Kind. Es gab keine Lücke, in die die Wahrheit gepasst hätte.“
Das Unausgesprochene
Leni ahnt früh, dass da etwas nicht stimmt. Aber mit feinem Gespür für die Vermeidungsstrategien, die so viele Familien üben, erzählt Anousch Mueller in ihrem Roman, wie sich auch Leni jahrelang darum herumdrückt, ihre Eltern zur Sprache zu stellen. Auch wenn sie manchmal kurz davor ist – angespornt etwa durch ihren Jugendfreund Lutz, mit dem sie ein ebenso von Unausgesprochenem belastetes Verhältnis verbindet.
Und auch das kommt einem nur zu bekannt vor, wenn man die ostdeutschen Dörfer kennt, ihr Schweigen, Vertuschen, ihren Tratsch, ihre Vorurteile. Lutz ist der Punk aus dem Dorf, studiert auch noch Psychologie. Doch seine eigentlichen Gefühle versteckt er in Gedichten.
Diese ostdeutschen Dörfer, möchte man seufzen. Sie stecken voller falscher Sentimentalität, wilder Erwartungen und Fluchten in einen Traum von wirklich gelebtem Leben. Kein Wunder, dass es auf dem Dorffest, das Leni am Ende erlebt, ausgerechnet Citys „Am Fenster“ ist, zu dem das ganze Dorf auf die Tanzfläche strömt und sieben Minuten lang wie in Trance verfällt.
„Es war die Sehnsuchtshymne eines beschädigten Volkes“, schreibt Anousch Mueller dazu – einen Satz, der direkt ans Eingemachte rührt. Denn es stimmt. Es ist, als nähme sie uns – während sie Lenis Geschichte erzählt – mitten hinein in die ostdeutsche Seele und ihre ungestillte Sehnsucht nach – ja was? Liebe? Verständnis? Geborgenheit? Zuhause?
Verrat und Täuschung
Das alles schwingt mit, während Leni sich langsam und mit stillen Widerständen ihrer eigenen Familiengeschichte nähert. Und dabei nicht nur der verschwundenen Schwester Lori, sondern auch der frühen Geschichte ihrer Eltern, die eine Geschichte aus Verrat und Täuschung war. Und auch wieder nicht. Denn letztlich ist es eine Erzählung davon, wie die DDR ihre „Feinde“ produzierte, wie die Staatssicherheit junge Menschen instrumentalisierte und am Ende ans Messer lieferte.
Menschen wie Marionetten behandelt, ausgehorcht, erpresst. Und das mit perfiden Methoden. Denn wie man Menschen emotional manipuliert, das wussten Typen wie dieser Werner, der im Leben von Lenis Mutter früh eine Rolle spielt, damals in Cottbus, als sich Lenis Eltern kennenlernen und auf wackligem Untergrund ihre Ehe aufbauen. Nicht ahnend, wie ein Segelausflug auf der Ostsee zur Katastrophe ihres Lebens werden sollte.
Ein Ereignis, bei dem auch bis zuletzt nicht klar wird, ob es inszeniert war. Oder nur ein Unglück, das dann von der Staatssicherheit in eine versuchte Republikflucht umgedeutet werden sollte. Im Ergebnis: eine völlig entwurzelte Familie. Und auch in Lenis Leben das nicht zu verdrängende Gefühl, dass sie nirgendwo ein wirkliches Zuhause finden würde: „Ich wollte nach Hause. Nach Hause. War es das? Ein Zuhause? Vielleicht ist ein Zuhause nur das nächste Bett, in das man nach einer langen Nacht fallen möchte.“
Die unausgesprochenen Geschichten des Ostens
Noch so ein paar Sätze, die an etwas rühren, was den Osten so seltsam ungemütlich macht. Und zwar nicht erst seit der „Wende“. Sondern vorher schon. Eigentlich steckt alles im City-Dauerbrenner „Am Fenster“ und in dem zugrundeliegenden Gedicht von Hildegard Maria Rauchfuß. Es erzählt von Sehnsucht genauso wie von dem schweren Gefühl, eigentlich hier nicht zu Hause zu sein. Und noch von etwas, das im Grunde Lenis Leben durchwirkt und sie letztlich jahrelang daran hindert, ihre Eltern nach der Wahrheit zu fragen.
Als sie ganz zum Schluss – da hat sie sich endlich getraut, mit ihrer Mutter über das Verschwiegene zu reden –, wollen beide ausgerechnet mit dem Flugzeug in ihren ersten gemeinsamen Urlaub fliegen. Doch genau dieses Abenteuer rührt an Lenis tiefste Ängste: „Unser Unternehmen kommt mir wie der reinste Irrsinn vor, ich empfinde keine Vorfreude. Ein Gefühl, das mir grundsätzlich fremd ist. Ich rechne immer mit einer Katastrophe.“
Und nachdem man erfahren hat, was ihren Eltern und ihrer Schwester Lori passiert ist, versteht man es nur zu gut. Es ist eine zutiefst berührende Geschichte. Aber auch eine, die an die unausgesprochenen Geschichten des Ostens rührt. Das, was in vielen Familien unter Schweigen begraben liegt und trotzdem die Kinder – und oft auch die Enkel – mit Gefühlen belastet, die sie wie fremd durchs eigene Leben laufen lässt. Mit dem tief sitzenden Unbehagen, nirgendwo wirklich zu Hause zu sein.
Anousch Mueller „Lori“ C. H. Beck, München 2026, 24 Euro.
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