Lustig ist dieses Buch nicht. Auch wenn es wieder im unverkennbaren Kirsten-Fuchs-Stil geschrieben ist. Einem Stil, der den Blick auf die Welt wieder in ursprünglicher und zauberhafter Naivität eröffnet. Auch wenn diese Welt kaputt ist. Richtig kaputt. So, wie sie irgendwann wird, wenn wir so weitermachen wie bisher. Die Welt, in der Sneaker herangewachsen ist, ist eine Wüste. Angesiedelt irgendwo in einem Land, das mal Brandenburg war. Zur leblosen Einöde geworden. Eine Landschaft, die den Namen Landschaft nicht mehr aushält.
Mittendrin: Sneaker, 16 Jahre alt. Junge oder Mädchen. Egal. Sogar das schafft Kirsten Fuchs: die ganze Geschichte so zu erzählen, dass man nicht weiß, welches Geschlecht die auftretenden Personen haben. Das ist gewollt. Und wird ganz am Ende auch noch richtig auf die Spitze getrieben, wenn die Liebe von Sneaker und Livt die scheinbar so heile Welt der Freien in ihrer Glaskuppel durcheinanderbringt.
Denn Liebe ist immer konkret. Anarchistisch ohnehin. Sie überschwemmt uns mit Gefühlen, tut richtig weh. Und provoziert die Menschen um uns herum, die ihre Liebe unterdrückt haben. Oder glauben, es lebte sich besser ohne Gefühle. Ohne Wertung.
Alles hübsch verpackt in wohlfeile Reden, wie gut es den Freien geht, weil sie es geschafft haben, ohne Wertung zu leben. Alles ist möglich. Nichts muss.
Aber wer Kirsten Fuchs kennt, weiß, dass sie mit solchen faulen Ausreden nichts anfangen kann. Wer wirklich hinschaut, wie es zugeht im Leben, der weiß, dass wir gar nicht anders können als zu werten. Permanent. Auch wenn der Teufel – wie so oft – im Detail steckt. Wenn wir es nämlich übertreiben. Und Menschenleben nach Punkten bewerten. So, wie es Sneaker eigentlich gelernt hat.
Jeder Schritt wird von einer KI überwacht, bewertet, genormt. Und weil der Mensch dazu neigt, sich von Gefühlen hinreißen zu lassen, gibt es automatisch Blocker. Einzunehmen nach Plan. Jeden Tag. Und irgendwie hat Sneaker bisher auch mitgespielt. Mehr oder weniger.
Das verwüstete Draußen
Aber da rumort etwas. Auch eine tiefe Sehnsucht nach draußen, dem Draußen, das lebensbedrohlich ist, seit die Menschen das Klima verwüstet haben. Stürme brausen mit brachialer Gewalt über das leer gefegte Land, wo nichts mehr wächst. Die Begegnung mit einem Vogel ist für Sneaker fast ein kleines Wunder. Eine unerhörte Begegnung. Ein verstörender Moment. Denn Tiere gibt es ja in den geschützten Behausungen, in denen die KI alles regelt, auch keine. Als nach einem Sturm aber auch noch die Signale der Eltern ausbleiben, hat Sneaker genug, springt aus dem Fenster und fährt auf dem Board los, um ins Berlingebiet zu kommen, wo die Eltern arbeiten.
Heißt totes Signal auch, dass sie tot sind?
Es ist eine mehrfach dystopische Welt, in die Kirsten Fuchs Sneaker schickt. Eine Welt, die eigentlich nicht mehr lebbar ist. Die Menschen hausen in künstlich geschaffenen Siedlungen. So uniform, dass man sich zwangsläufig an die großen Dystopien des 20. Jahrhunderts erinnert fühlt – an Huxleys „Schöne neue Welt“ oder Samjatins „Wir“. Nur dass hier Blocker dafür sorgen, dass die Menschen sich in die Abläufe fügen, sinnlosen Tätigkeiten nachgehen und eine Zufriedenheit ausstrahlen, die nichts mit ihren tatsächlichen Gefühlen zu tun hat.
Und das eigentlich Beklemmende ist: Diese Welt ist vorstellbar. Denn sie ist im Grunde das Produkt all der Ideen, mit denen die Tech-Bros uns heute schon ihre disruptiven Technologien verkaufen. Technologien, die nichts dazu beitragen, unsere Welt zu bewahren. Im Gegenteil. Die aber die Zähmung und Steuerung des Menschen zum Ziel haben. Auch wenn es die Nutzer dieser technischen Spielzeuge nicht merken.
Wer im Multiversum spielt, der kümmert sich nicht um die Realität. Der wird mit aufregenden Spielen beschäftigt. Spiele, die auch Sneaker kennt, weil sie immer dann halfen, wenn der unterforderte Kopf nach Beschäftigung suchte.
Zombies
Und wer weiß, was ein unterforderter Kopf ist, der weiß, wie verzweifelt man da nach einer Herausforderung für die Gehirnzellen sucht. Das ist eigentlich die Antriebskraft in unserem Leben. Das treibt uns hinaus, zu retten, was wir retten können. Und Sneaker hat die Blocker längst abgesetzt. Die dimmen nur alles. Sorgen dafür, dass man letztlich wie ein grinsender Zombie durch die Welt läuft. Und nichts will, nichts versucht, nichts infrage stellt. Sich alles gefallen lässt.
Und so bricht Sneaker nach dem letzten Sturm auf, wagt sich hinaus in die leere Landschaft, die keine ist. Und begegnet Menschen, die in künstlichen Siedlungen leben, scheinbar glücklich wie die Bewohner von Utopia. Es ist ja nicht neu, dass gerade Utopien sich dann, wenn sie tatsächlich umgesetzt werden, in Dystopien und Albträume verwandeln. Und Menschen in Zombies. Während ihre Welt – wie in diesem Roman – von einer KI gelenkt wird, die aber inzwischen angefangen hat, sich zu radikalisieren. Es ist ja schon heute so, dass die Programmierer in den KI-Firmen überhaupt nicht mehr wissen, was ihre KI alles kann und anrichtet.
Dass diese KI lebensbedrohlich ist, merkt auch Sneaker, als sie den Drohnen begegnet, die alles überwachen. Mit Regeln, die sich das entfesselte System selbst gibt. Mit unerbittlichen Logiken, die ganz zwangsläufig in die Eskalation führen.
Die Macht der Gefühle
Dass Sneaker nicht allein ist in der stillen Rebellion gegen diese Regeln, wird spätestens klar, als Livt die Szene betritt. Und selbst aus der schönen heilen Welt flieht. Ein Ziel könnte ja die Siedlung der Freien sein, die unter einer riesigen Kuppel leben, in der die Reste der einstigen Vegetation wuchern können. Hier könnten Sneaker und Livt vielleicht heimisch werden. Wäre da nicht die Liebe, die den schönen Schein zerfetzt.
Und auch die aufgesetzte Friedlichkeit der Freien. Und auch das ist wie ein Blick in unsere zunehmend beklopptere Gegenwart, in der Gefühle regelrecht verdrängt werden, ausgelagert in Spiele und Dauerberieselung an technischen Geräten, während immer mehr Menschen vereinsamen. Sich geradezu fürchten vor den anarchischen Gefühlen, die unser menschliches Verhalten so unberechenbar machen. Auch so zerstörerisch.
Ist überhaupt eine Welt denkbar, in der Menschen diesem Gefühlschaos entkommen? Ihre Gefühle dimmen, ohne Blocker nehmen zu müssen? Das Buch ist auch ein Gedankenexperiment. Mit Kopfschmerzen, wenn Sneaker und Livt sich das ganze Gerede der Freien anhören müssen. Das doch sehr an den Wortquark vergangener Kommunen erinnert. Oder heutiger Kommunen. Menschen bauen sich ja nur zu gern perfekte kleine Sekten, in denen das Miteinander eiapopeia ist. Bis ein ungeplantes Gefühl den ganzen Laden explodieren lässt.
Und Sneaker erlebt jede Menge Gefühle. Gute und schlechte. Die ganze Skala, die uns sogar dann zerreißen kann, wenn wir doch nur verliebt sind. Oder gerade dann. Denn das merkt man schon früh auf Sneakers Reise durch dieses wüste Land: Gleichgültigkeit macht uns antriebslos und interesselos. Angreifbar und wehrlos. Zu Spielfiguren eines höheren Programms, das uns nicht mal respektiert, nur manipuliert und reguliert. Aber Liebe bringt Sinn in unser Dasein. Jede Art von Liebe: die zu einer Krähe, einer Erdhummel, jedem Fitzelchen Leben. Und zu anderen Menschen erst recht.
Die Ungeliebten
Gleichgültigkeit tötet. Manchmal muss das gesagt werden.
Da braucht es auch für Sneaker eigentlich nicht erst die ernüchternde Begegnung mit den Freien, um das zu fassen zu bekommen. Auch wenn man es meist erst artikulieren kann, wenn man seine frustrierenden Erlebnisse mit Leuten gemacht hat, die ihre eigene Wurzellosigkeit hinter der Abscheu verstecken, wenn sie andere Menschen lieben sehen. Oder hören.
Die in ihrer eigenen Leere gelandet sind und das sogar bis eben noch harmonisch und einzigartig fanden. So, wie sich die meisten Leute in Sekten nun mal fühlen. Nur um dann mit den eigenen wilden Gefühlen konfrontiert zu werden, wenn sie andere unerhört lieben sehen.
Auch das ist Gegenwart. Autorinnen wie Kirsten Fuchs wissen es nur genauer zu erfassen und in bewegende Geschichten zu packen. Geschichten, die scheinbar in einer völlig kaputten Zukunft handeln, in der die Erde nun einmal so aussieht, wie sie nach unserer Vergötterung der Klimazerstörung aussieht. Aber das Mit-Menschliche erzählt von unserer eigenen, schon angefressenen Gegenwart, unseren falschen Träumen, durch irgendwelche Technologien erlöst zu werden.
Dem eigenen Leben einfach dadurch zu entkommen, dass wir die Entscheidungen dann einer undurchschaubaren KI überlassen. Und uns dann wie Schafe benehmen. Oder wie die Eloi in Wells‘ „Die Zeitmaschine“.
Auch dieses Motiv klingt an, wenn Kirsten Fuchs uns mitnimmt in Sneakers Welt. In der ein Ausruf eigentlich nicht nur für die wild gewordenen Drohnen der KI gilt, sondern für das Jetzt, das wir gerade mit blühender Gleichgültigkeit in eine Wüste verwandeln: „Stopp!“
Kirsten Fuchs „Sneaker“ Rowohlt Berlin, Berlin 2026, 24 Euro.
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