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Die besten Weltuntergänge: Den Kleinen schon mal zeigen, dass unsere Zukunft von unserer eigenen Dummheit bedroht ist

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    Das hat Andrea Paluch dann doch nicht übers Herz gebracht: Wirklich zwölf Weltuntergänge zu beschreiben, zwölf Arten, wie wir Menschen unseren Planeten zugrunde richten können. Die Hälfte ist es geworden. Es sollte ja doch ein Kinder-Bilder-Buch werden. Also ein Buch für die kleinen Mäuse, die einmal leben werden mit dem Schaden, den wir auf der Erde angerichtet haben.

    „Sie hofft auf eine grüne Zukunft, kann sich aber auch düsterere Szenarien vorstellen“, schreibt der Klett Kinderbuch Verlag zu seiner neuen Autorin, die manchem schon eine vertraute Autorin ist, denn sie hat mit Robert Habeck zusammen nicht nur schon einige Bücher veröffentlicht, sie hat ihn auch geheiratet. Ein Herz und eine Seele darf man da schon sagen. Wenn es um die Sorge um unsere Zukunft geht, sehen es die beiden ganz genau so.Auch wenn natürlich offen ist, welche Art unserer Erdzerstörung einmal diejenige sein wird, die die schlimmsten Folgen haben wird. Einige fehlen ja auch in diesem Buch. Über sie redet kaum einer – wie zum Beispiel den nuklearen Winter, der einst die jungen Menschen in den 1970er und 1980er Jahre auf die Straße brachte.

    Natürlich ist diese Bedrohung nicht verschwunden, weil wir Ostdeutschen 1989 eine Friedliche Revolution gemacht haben. Die großen Trottel in Regierungsverantwortung erneuern gerade wieder ihre Atomwaffenarsenale. Und stopfen das Geld, das dringend für den Klimaschutz gebraucht wird, in immer teurere Armeen, die immer sinn- und nutzloser werden.

    Hinter den anderen Untergangsszenarien steckt natürlich dasselbe von Kraftmeierei getriebene Denken von Männern, die immer anfangen, öffentlich zu flennen, wenn man ihnen ihre Spielzeuge wegzunehmen androht. Jammerlappen mit PS unter der Haube, so könnte man sie auch bezeichnen.

    Und dabei ist es ein richtig liebes Buch und Andrea Paluch versucht gemeinsam mit der Grafikerin Annabelle von Sperber, die Kinder nicht allzu sehr zu erschrecken. Mancher Weltuntergang im Buch sieht deshalb auch wie keiner aus, obwohl er einer ist. Und ob es die Menschheit wohl nicht schaffen kann, so glimpflich davonzukommen, wie es die großen bunten Bilder einer möglichen Zukunft zeigen, ist zumindest fraglich. Irgendwie glaubt auch Andrea Paluch daran, dass der Mensch mit jeder Menge Technik auch die selbst gemachten Weltuntergänge meistern kann.

    Zum Beispiel eine Welt, in der die Wälder nicht mehr genug Sauerstoff produzieren und Menschen unter Glaskuppeln leben müssen. Oder die Welt „nach der großen Flut“, wenn der Anstieg des Meeresspiegels nach Abschmelzen der Polkappen dafür gesorgt hat, dass riesige Landstriche unter Wasser verschwunden sind und damit auch viele fruchtbare Böden.

    In der Welt von Lena, Christian und Franziska wird das dann zwar eine Welt mit künstlichen Inseln und wenig Gemüse, dafür viel Algen auf dem Frühstücksteller. Aber das Bild wirkt doch so, als wollten Autorin und Zeichnerin den Kindern keine Angst machen, ihnen lieber zeigen, dass man auch daraus noch etwas Lebenswertes machen kann. Das ganze Buch – bis auf den letzten Weltuntergang – lebt eigentlich von der großen Hoffnung, dass die Menschen auch diese radikalen Veränderungen meistern können.

    Was ja etliche Zeitgenossen sogar so beruhigt, dass sie zu dem Schluss kommen, ihren Lebensstil deshalb gar nicht ändern zu müssen. Irgendeine pfiffige Lösung wird sich schon finden, etwa wenn das Gegenstück zur Flut-Welt passiert: das „Zeitalter der Dürre“, das ja heute schon in einigen Weltregionen zu sehen ist, wo das Trinkwasser knapp wird, Wälder und Felder verdorren und die Menschen beginnen, um die knappen Trinkwasservorräte Krieg zu führen.

    Und eine weitere Untergangs-Welt erleben wir ja schon, auch wenn die Corona-Epidemie noch einigermaßen bewältigt werden kann. Aber sie könnte natürlich der Vorbote noch viel schlimmerer Epidemien sein, die Menschen dauerhaft in die Isolation zwingen. Manchmal wird in den Texten auch erklärt, warum so etwas passiert und was das mit uns Menschen zu tun hat und – in diesem Fall – mit unserer Zerstörung der Lebensräume wild lebender Tiere.

    Den Untergang mit dem Titel „Wenn ein Sonnenstrahl tötet“ haben wir ja vorerst abgewendet, als die Weltgemeinschaft weltweit die Produktion des FCKW verbot, das die schützende Ozonschicht der Erde zerstörte. Kaum vorstellbar, dass man in eine Welt ohne Ozonschicht nicht mehr bei Sonnenlicht auf die Straße gehen dürfte und nur noch nachts das Haus verlassen könnte.

    Andere Weltuntergänge sind eigentlich nur die Untergänge jener Welt, in der dumme Männer heute das Sagen haben und einfach nicht fassen können, dass es auch eine Welt ohne Autos, ohne Schlachtfabriken, ohne Grenzen, Armeen und Kriege und ohne Diskriminierung geben könnte. Für diese Typen wären natürlich Welten, in denen es all das nicht mehr gibt, ganz persönliche Weltuntergänge.

    Sie würden nicht mehr mit qualmenden Motoren über die Straßen brettern können, nicht mehr von Mauern und Armeen und Kriegen träumen dürfen. Dürfen vielleicht schon. Man kann manchen Leuten ja ihre geistigen Erkrankungen nicht verbieten. Aber das heißt ja nicht, dass wir diesen Leuten immerzu Milliarden Dollar und Euro in die Hand drücken, damit sie ihrem Wahnsinn freien Lauf lassen können. Einem Wahnsinn, der sich so gibt, als wäre er vernünftig.

    Wobei auch der technische Traum vom Leben im Raumschiff eigentlich zu diesen Wahnsinnsträumen gehört. Nur weil diese Leute unfähig sind, die Rettung unserer Welt überhaupt nur zu denken, reden sie uns ein, wir müssten die Menschheit dann einfach nur in gigantische Raumschiffe verfrachten, die den abgebrannten Planeten dann umkreisen. Wie dumm ist das denn? Immerhin erwähnt es Paluch in „Leben im Raumschiff“, dass ein Leben im Weltall nur mit rigiden Einschränkungen möglich ist.

    Dumme, technikverliebte Männer begreifen nicht mal, was für eine Freiheit ein lebendiger Planet eigentlich bietet. Weshalb ja „Zurück zur Natur“ eben kein Weltuntergang ist, sondern ein Bild für die Rettung unserer Welt. Wir wissen mittlerweile genug darüber, wie abhängig wir von der lebendigen Natur und ihren „Leistungen“ sind, dass wir längst auch wissen, was zu tun ist, um unsere natürlichen Lebensbedingungen wieder halbwegs zu reparieren.

    Dabei müssen wir ja weder wie Robinson noch wie Henry David Thoreau leben und uns von der Zivilisation absentieren. Im Gegenteil: Wir müssen lernen, so zusammenzuleben, dass die Natur um uns herum sich wieder erholen kann.

    Das Buch macht also Angebote und zeigt den kleinen Leser/-innen, dass es durchaus möglich ist, unsere Welt anders zu denken, als es alle unsere Alternativlos-Politiker immer behaupten. Es gibt immer Wahlmöglichkeiten. Oder besser: Noch gibt es sie. Noch können wir alle unser Verhalten ändern.

    Nichts von dem, was wir der Erde, den Meeren, den Tieren, den Wäldern angetan haben, ist zwangsläufig so, auch wenn uns viele Prozesse inzwischen gewaltig entgleiten. Gerade merken wir ja, dass wir eben nicht der allwissende Faust sind, sondern der bekloppte, eingebildete Zauberlehrling, der nicht mehr weiß, wie er den enthemmten Besen stoppen soll.

    Mit dem kleinen Unterschied: Wir wissen es doch. Aber irgendwelche Dummköpfe im Anzug behaupten immer wieder, wir dürften den Zauberspruch nicht sagen, dann müssten wir nämlich auf das schöne Bad verzichten. Und Verzicht ist doch ein ganz böses Wort, nicht wahr?

    Nein. Ist es nicht. Ist es nur in den Augen verwöhnter Wohlstandsbengel, die sich schreiend auf den Boden werfen, wenn sie ihren Willen nicht erfüllt bekommen.

    Und wir wurden bislang immer von solchen Wohlstandsbengeln regiert. Manchmal darf man das so deutlich sagen, auch wenn das so nicht im Buch steht. Nur die Konsequenzen haben Paluch und von Sperber ausgemalt in „Die Erde ohne Menschen“.

    Denn das begreift jedes Kind, dass faule Ausreden nun einmal faule Ausreden sind. Wir mögen nicht mal die Erde vernichten oder das Leben auf ihr. Aber was wir unter Garantie vernichten, sind unsere Lebensgrundlagen. Die Natur wird sich wieder berappeln und wenn sie mit Bakterien wieder ganz von vorne beginnt. Aber wenn wir die heutige Lebensvielfalt, die unsere Lebensgrundlage ist, zerstören, war’s das. Dann rettet uns kein Raumschiff und keine Glasglocke. Dann verschwinden wir einfach – gescheitert an unserer selbst gewählten Dummheit.

    Und vielleicht übernehmen dann die wilden Tiere und Pflanzen auch wieder all die Räume, auf denen wir heute all unsere bekloppten Autobahnen, Parkplätze, Rennstrecken, Flugplätze gebaut haben. Vielleicht. In manchen der zwölf Bilder verstecken sich ja berühmte Utopien und Dystopien, die schon im vergangenen Jahrhundert veröffentlicht wurden. Im Grunde ist alles ausgemalt, was da auf uns zukommen könnte, wenn wir einfach so weitermachen.

    Aber wahrscheinlich versagt da in Wirklichkeit unsere Phantasie. Denn das können sich nicht einmal Wissenschaftler/-innen ausmalen, was tatsächlich passiert, wenn unsere Lebenswelt kollabiert. Denn einige sehr wichtige Weltuntergänge hat Andrea Paluch ja weggelassen, vielleicht, um die Kinder nicht allzu sehr zu erschrecken: die Welt ohne Insekten zum Beispiel oder die Welt der Stürme und Überschwemmungen, die wir auch gerade in ihren Anfängen erleben.

    Aber vielleicht ist das Buch gerade deshalb so wichtig, weil die Menschen so vergesslich sind und im täglichen Geschnatter der oberflächlichen Nachrichtenkanäle vergessen, was selbst die Eltern und Großeltern schon mal gewusst haben oder gelesen haben. Nichts von dem, was heute endlich auf die politische Agenda kommt, ist wirklich neu.

    Damit haben sich Wissenschaftler/-innen, Autor/-innen und kluge Politiker/-innen auch schon vor 40, 50 Jahren beschäftigt – und wurden von den feisten Amtsinhabern als „Spinner“ bezeichnet, Panikmacher, „Freaks“. Ein bisschen von dieser verächtlichen Haltung der Wohlstandsbengel ist ja heute immer noch da. Nur dass der Zustand unserer Erde mittlerweile so ist, dass alle Fakten gegen diese selbstgefällige Ignoranz sprechen.

    Das Bilderbuch zeigt zumindest einige Alternativen, wie wir das auf unserer Erde besser anstellen können. Und diese Phantasie werden unsere Kinder brauchen, um nicht zu verzweifeln. Denn sie werden Aufgaben zu bewältigen haben, die alles bisherige in den Schatten stellen. Und sie werden wütend sein und oft genug zutiefst frustriert, weil ihre Gegner nicht mehr diese feisten Wohlstandsbengel sein werden, sondern übermächtige Naturgewalten.

    Und da wir noch nicht einmal angefangen haben, irgendetwas von dem Schaden wieder zu reparieren, weiß auch noch niemand, wie lang und schwer die Arbeit werden wird, aus dem Klimachaos wieder eine gut bewohnbare Erde zu machen. Vielleicht wird das, was wir noch als lebendige Welt erlebt haben, für Generationen nur eine Erinnerung an eine Märchenwelt sein, weil ganze Generationen um das pure Überleben kämpfen werden. Aber vielleicht beginnen wir auch endlich zu begreifen, dass das, was wir da gerade zerstören, das Paradies gewesen sein wird. Und wir haben es verramscht, verbrannt und vermüllt.

    Gut möglich, dass vorlesende Eltern und Großeltern in Tränen ausbrechen, wenn sie den Kindern erklären müssen, was eigentlich hinter den zwölf Zukunftsentwürfen steckt. Und dass die meisten Bilder wohl doch etwas zu freundlich gezeichnet sind. Hoffnungsbilder, die zumindest ermutigen, auch eine kindgerechte Zukunft zu denken.

    Andrea Paluch Die besten Weltuntergänge, Klett Kinderbuch Verlag, Leipzig 2021, 16 Euro.

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