Der fiktive Fahndungsaufruf gleich auf Seite 7 verweist zwar auf das Jahr 2022, in dem Katja Ludwigs Geschichte spielt. Aber das Jahr 2020 passt besser, jener frühe Abschnitt der Corona-Pandemie, als die Staaten weltweit mit Lockdowns auf die Pandemie reagierten – teilweise so rigide, dass tatsächlich ganze Ortschaften abgeschnitten waren. Und nicht nur Gestrandete im Oderbruch sich fragten: Wie kann man da eigentlich überleben, wenn das jetzt so bleibt?

Wenn man die eigene Sperrzone nicht verlassen darf, die Vorräte zur Neige gehen, der Handyempfang abreißt und der nächste Nachbar mit seiner Alkoholabhängigkeit zu kämpfen hat? Und die auf einmal Zurückgebliebenen ausgerechnet zwei Kinder sind von 12 und 8 Jahren?

Eben Ellie und Oleg aus Katja Ludwigs Roman, der auf atmosphärische Weise erzählt, dass Kinder gar nicht erst unter die Piraten gehen müssen oder in den tiefen Dschungel Südamerikas, um Abenteuer zu erleben, die alles von ihnen fordern – vor allem aber Einfallsreichtum, Mut und die Fähigkeit, auch unter widrigsten Umständen einen Weg zum Überleben zu finden.

Und dabei haben sich ihre Mutter und Ron, ihr neuer Lebensgefährte, gar nichts gedacht dabei, als sie die beiden im neuem (alten) Haus im Oderbruch zurückließen, als sie noch einmal in die Stadtwohnung fahren, um all die Dinge zu holen, die man für einen längeren Aufenthalt auf dem Land so braucht. Ellie hatte ja ihr Smartphone. Wenn etwas passierte, würde man sich abstimmen können.

Verirrt im Oderbruch

Aber in diesem Buch kommt alles ganz anders und mit Fingerspitzengefühl gelingt es Katja Ludwig, auf wenigen Seiten eine Situation zu schaffen, in der Ellie und Oleg begreifen, dass etwas völlig aus dem Ruder gelaufen ist. Und das Smartphone ist auch noch verschwunden. Die beiden sind auf einmal völlig auf sich gestellt. Und das nicht nur einen Tag, sondern sehr viele Tage, die Oleg als Kerben in die Dielen schnitzt.

Normalerweise wäre auch noch Trauti da, die alte Nachbarin. Doch auch ihr Haus finden die Kinder verweist vor, nur die Katze Sissi ist da und hat sichtlich Hunger, als die Kinder auftauchen. Das nahe gelegene Dorf Junow ist mit Sperrwänden gleich an der Brücke abgesperrt.

Keine Chance, über den Seitenarm der Oder zu kommen. Keine Chance, jemanden mit einem Telefon zu finden. Und so marschieren die Kinder los, um irgendwo ein bewohntes Haus zu finden, einen Ort, wo sie telefonieren können.

Nur um bald zu merken, wie leicht man sich im Oderbruch verlaufen kann, wie man wilden Büffeln und Pferden begegnet und am Ende mitten in einer Welt landet, in der weit und breit kein Mensch zu finden ist und die Übernachtung in einem alten Baumstamm die einzige Möglichkeit, die Nacht zu überstehen.

Im Grunde schafft Katja Ludwig mit ihrer Geschichte gleich mehrere Dinge zugleich – angefangen mit der Zeichnung jener seltsamen Atmosphäre des Wartens und des Bangens, die die ersten Wochen der Pandemie und des Lockdowns prägten, die so viele Menschen in ganz existenzielle Fragen stürzten und sogar harmlose Zeitgenossen zu Preppern machten.

Aber sie zeigt auch, dass man überhaupt keine exotischen Abenteuerplätze braucht, um seine Helden in existenzielle Situationen zu schicken, in denen sie beweisen müssen, ob sie ihr Leben beim Schopf packen können oder verzagen.

Und sie zeigt, dass es auch in Deutschland diese verlassenen Regionen gibt, weitab von den großen Städten, wo sich für gewöhnlich die Menschen drängen. Auch wenn es in diesem Fall nur 60 Kilometer hinter Berlin sind.

Lernen, vor Problemen nicht wegzulaufen

Aber Einöde und Verlassenheit beginnen in Deutschland nun einmal schon dort, wo am Tag nur noch zweimal ein Bus verkehrt – und in Pandemiezeiten auch mal wochenlang gar nicht. Sodass die Kinder auch vergeblich auf den Bus warten, der sonst auch die drei Häuser im Ausbau 1–3 ansteuerte.

Und natürlich zeigt sie, wie lückenhaft die Grundversorgung in unserem Land ist, wenn man am falschen Platz wohnt, wenn eine Pandemie oder eine andere Katastrophe über das Land hereinbrechen. Für die Autorin ist das natürlich die ideale Ausgangslage, mit Ellie und Oleg zwei junge Akteure auftreten zu lassen, die in ihrer Patchwork-Familie sowieso schon gelernt haben, wie man sich behauptet und ein bisschen Verantwortung übernimmt.

Auch wenn das nun in diesen Tagen, da sie außer den immer dramatischeren Nachrichten in Fernsehen und Radio nichts erfahren von der Außenwelt, lernen müssen, mit allen Problemen, die sich vor ihnen auftun – selbst zurechtzukommen. Denn Kühlschrank und Vorratskammer sind auf diese vielen Tage Alleinsein nicht eingestellt. Und wirklich erlernt, mit den elektrischen Geräten im Haus umzugehen, hat auch Ellie nicht, auch wenn sie schon weiß, wie man Eier kocht und Muffins bäckt.

Und richtig dramatisch wird es, als Ellie auch noch richtig krank wird und Oleg sich auf einmal um die große Schwester kümmern muss. Was er dann freilich auf einfallsreiche Art tut.

Aber die Tage im Bruch machen das Haus auch zu einem kleinen Sammelpunkt der Tiere – erst wird Sissi zum neuen Mitbewohner, dann verirrt sich auch noch ein hungriger Hund zu ihnen. Und als das Nachbarhaus von Buffalo Bill abbrennt, kommen auch noch seine Hühner dazu.

Keine Einhörner, keine Zauberer, keine „verlorenen Königreiche“

Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive von Ellie, die einen herrlich trockenen Humor hat und genau weiß, dass die Verantwortung bei ihr liegt. Gleichzeitig ist es eine Geschichte, in der beide Kinder ein Stück erwachsener werden.

Etwas, was Kinder in heutigen Wohlfühlfamilien so meist erst viel später erleben, weil Eltern oft genug viel zu besorgt sind, den „Kleinen“ mehr Verantwortung zu übergeben und auch ihre Fehler zu akzeptieren, Fehler, die alle machen, wenn sie anfangen, sich auch um den ganzen Kram der Erwachsenen zu kümmern.

Und in gewisser Weise hat Ellie Glück, weil Ron ihr schon vieles zugetraut hat und sie deshalb auch schon einiges weiß, was den beiden Kindern in diesen Tagen über die Runden hilft.

Anders als so viele „Abenteuerromane“ für Kinder kommt Katja Ludwig hier völlig ohne Märchenwesen, irgendwelche Zauberkram, fiktive Länder und völlig überdrehte Bewährungsproben aus. Und gerade deshalb fiebert man mit und kann sich sehr gut vorstellen, wie es den beiden geht in diesen seltsamen Tagen, in denen sie niemanden anrufen können, aber eben auch nicht tatenlos einfach warten, bis irgendjemand sie aus ihrer Einsamkeit erlöst.

Sie machen so einiges falsch – und gerade deshalb lernen sie so nebenbei auch die raue und sehr einsame Umgebung besser kennen, finden unerwartete Lösungen für ihre Probleme und sind – als der große Bruder Mats auf Schleichwegen endlich aus Berlin kommt – vom Brandrauch völlig verrußt, stolz auf das Bewältigte und voller Geschichten, die jetzt tatsächlich am Lagerfeuer erzählt werden können. Denn noch ist auch der Strom nicht wieder da.

Eine Nacht mit Mäusen

In dieser Geschichte kommt so einiges zusammen. Aber sie dürfte vielen Kindern und Erwachsenen sehr vertraut vorkommen, weil sie auch die Frage stellt: Wie würden wir wirklich damit umgehen können, wenn uns die Sicherheit einer rundum versorgten Wohlstandsgesellschaft auf einmal fehlt? Haben wir das nötige Wissen dafür?

Würden wir wie Ellie und Oleg Wege finden, uns trotzdem durchzuschlagen und vielleicht sogar rechtzeitig die Kartoffeln zu setzen, um im Herbst etwas zu essen zu haben?

Das sind Fragen, die Kinder tatsächlich interessieren. Und viele Kinder werden sich wiederfinden in der Geschichte, auch wenn die wenigsten im Lockdown tatsächlich so verrückte Abenteuer erlebt haben wie die beiden Helden in Katja Ludwigs Buch.

In dem wir natürlich auch am Ende erfahren, warum die Eltern nicht zurückkamen und auch Trauti nicht wieder auftauche. Die Geschichte erzählt dann auch der Chatverlauf auf Ellies Smartphone, das ganz am Ende wieder auftaucht, mit lauter verpassten Anrufen, die auch davon erzählen, wie dicht und intensiv unsere Kommunikation mit diesen kleinen Geräten heute ist. Und was wir alles nicht mehr erfahren, wenn sie mal ihren Dienst aufgeben.

Da stecken eine Menge Gründe drin, mitzufiebern und stellvertretend für Ellie eine richtige Gänsehaut zu bekommen. Eben weil das alles tatsächlich hier bei uns möglich ist, auch wenn wir gern so tun, als könnte in unserer hochtechnisierten Gesellschaft so etwas nicht passieren.

Kann es eben doch. Und genau da beginnt das Leben sehr, sehr aufregend zu werden. Und als mitlesender Oleg ist man froh, dass die große Schwester Ellie sich nicht einschüchtern lässt und immer nach einer Lösung Ausschau hält. Auch wenn das dann manchmal nasse Socken und und eine Nacht mit Mäusen in einem alten Trabi bedeutet.

Katja Ludwig Ellie & Oleg. Außer uns ist keiner hier Klett Kinderbuch Verlag, Leipzig 2022, 16 Euro.

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