Vier Bände Lebensabenteuer der ganz und gar nicht mehr so kleinen Mira hat der Klett Kinderbuch Verlag schon veröffentlicht. Dies ist der fünfte aus der Werkstatt des dänischen Autoren-Duos Sabine Lemire und Rasmus Bregnhøi, die in ihren auf herzerwärmende Art witzigen Comics die Kinder und ihre Erwachsenen zu ganz irdischen Comic-Helden machen. Mit den echten Problemen, die Kinder tatsächlich haben, wenn sie keine kleinen Kinder mehr sein wollen.

Und auch wenn man beim Titelbild erst einmal denkt: „Ha, jetzt greifen die beiden den Klimaprotest der Schüler auf!“, merkt man bald, dass es so hochpolitisch nicht wird. Und trotzdem ist es dasselbe Thema, nur heruntergebrochen in den Alltag eines Mädchens zwischen Kindsein und Pubertät, das mit seiner Mama und ihrem Freund Joakim auf dessen Hausboot lebt, gleich neben dem Boot, auf dem wiederum ihre Feundin Liva mit ihren Eltern wohnt, die sich aber ständig streiten.

Man muss wahrlich nicht erst in die große Politik hineinleuchten, um den Kopf zu schütteln über die oft sehr merkwürdigen Verhaltensweisen der Erwachsenen, die augenscheinlich fast alle keine Antenne dafür haben, wie es ihren Kindern mit den Entscheidungen über ihren Kopf hinweg geht. Das geht bei Miras Mama los, die sich in den Kopf gesetzt hat, einfach mit der Familie und dem Boot auf die Insel Bornholm umzuziehen, weil ihr Kopenhagen zu teuer geworden ist.

Wenn Klassenarbeiten als Strafe empfunden werden

Aber so richtig ins Rollen kommt die Sache erst, als der Klassenlehrer den Kindern ankündigt, dass in der kommenden Woche jeden Tag eine Klassenarbeit geschrieben werden soll, damit die Lehrer einen Überblick über den Leistungsstand der Kinder bekommen. Vielleicht ein Moment, der an das Erscheinungsjahr des Buches in Kopenhagen erinnert: 2021. Augenscheinlich taten sich die dänischen Lehrer genauso schwer wie die deutschen, in den ganzen Corona-Turbulenzen mit ihren Schülern auf einen Arbeitsstand zu kommen.

Aber Klassenarbeiten sind nicht nur eine Strafe, sie sind auch nicht wirklich gut geeignet, den Kindern die Freude am Lernen nahezubringen und das Vertrauen in die Lehrer zu stärken. Das mag mancher Lehrer ungern hören, ist aber so.

Manchmal muss man einfach auf sein Bauchgefühl hören. Und das tun die Kinder hier, die sich dann einvernehmlich verabreden, in Streik zu treten und die Klassenarbeiten zu verweigern. Und dann kommt es zu einer ernsthaften Elternstunde mit dem Klassenlehrer, bei dem die sonst so brave Mira mit dem Gerücht konfrontiert wird, sie habe zum Streik angestiftet.

Aber hallo. Eine Szene ist das, da fühlt man sich an ein untergegangenes Land mit seiner Disziplinarpraxis erinnert. Das war also nicht nur bei uns so? Und ist gar nicht verschwunden? Auch nicht in Dänemark?

Wenn Kinder sich nicht fügen

Na holla. Auf einmal merkt man, wie ernst das Thema eigentlich ist, das Sabine Lemire und Rasmus Bregnhøi hier angepackt haben. Und dass es tatsächlich – auch wenn es nirgendwo erwähnt wird – mit den Schulstreiks der Kinder von FFF zu tun hat. Es geht um dasselbe Phänomen: Erwachsene, die glauben, die Kinder müssten sich einfach fügen, hätten nicht mitzureden und müssten sich das Urteil der Alten ohne Widerspruch gefallen lassen.

Wer das Kind in sich verloren hat, der sagt dann natürlich: Okay. Ist eben so. Die Biester gehören in die Schule und haben kein Recht zum Streiken.

Dann geht das natürlich immer so weiter. Und ihre Welt wird von alten Leuten kaputtgemacht, die regelrecht darauf pfeifen, wie die Kinder mit dem zerstörten Planeten dann zurechtkommen.

Aber es bleibt nicht bei dieser Szene mit den Lehrern, denen Mira nicht nur tapfer ins Gesicht sagt, dass der Streik ihre Idee war, sondern auch noch: „Sie haben es vergessen, wie es ist, ein Kind zu sein.“

Ja, leider, möchte man da einwerfen. Das haben viel zu viele Erwachsene vergessen. Aber nicht einmal das hilft. Mira muss ihre Klassenarbeiten nachschreiben. Die Folge: So bereitet man Kindern so richtige Niederlagen. Aber das lässt sich Mira so nicht gefallen. Denn noch gibt es den Kunstclub. Und die Kinder, die da alle mitmachen, reden miteinander. Auch über den Frust mit ihren Eltern. Und der größte Frust ist genau dieser: Die Erwachsenen hören nicht zu, interessieren sich nicht wirklich dafür, wie die Kleinen mit der permanenten Bevormundung zurechtkommen.

Denn darum geht es ja beim Übergang in die Pubertät. Da erschrecken ja die meisten Eltern, weil sie an dem Bild vom kleinen, niedlichen Kind festhalten wollen, das brav ist und ganz bestimmt kein Dickkopf. Oder Sturkopf. Oder was der Worte mehr sind, mit denen auf das Unglück reagiert wird, dass die Kinder jetzt auf einmal eine eigene Meinung äußern, ein Mitspracherecht einfordern und gefragt werden wollen.

Also aufhören, einfach nur ein niedliches Anhängsel zu sein.

Alles in Ordnung?

Und dabei ist doch alles in Ordnung, oder? Keine Frage wird in diesem Comic so oft gestellt wie diese. Und manchmal sagen die Kinder dann auch, was ihnen auf der Seele brennt. Manchmal führt das auch dazu, dass die Eltern beidrehen und zuhören und tatsächlich den Kummer zu verstehen scheinen.

Aber meistens eben nicht. Und dann eskalieren die Entscheidungen, stehen praktisch schon fest. Und es scheint nur noch der nächste Tag herankommen zu müssen, und alle müssen ihre Koffer packen, weil aus einer fixen Idee ein unabwendbarer Beschluss geworden ist.

Mit einer wirklich Aufsehen erregenden Aktion macht der Kunstclub dann zumindest der ganzen Ahnungslosigkeit der Eltern und Lehrer ein Ende. Diesmal müssen sie zuhören. Und zumindest in dieser wieder mit viel Liebe und Witz gezeichneten Geschichte werden die Kinder auch erhört.

Anders als in der großen Politik, wo sie auch vier Jahre nach Beginn der Schulstreiks von hämischen Erwachsenen zu hören bekommen, dass ihre Meinung nicht zählt und sowieso andere bestimmen, was gemacht wird.

Und das eben auch aus der Haltung heraus, mit der alt gewordene Menschen meinen, Kinder für unmündig und ahnungslos erklären zu dürfen. Auch Lehrerinnen und Lehrer, die – wie in diesem Fall – mit strenger Miene von „gewissen Vorgaben“ reden. Eine Worthülse, bei der man eigentlich schreiend aus dem Zimmer rennen müsste. Aber genauso verstecken sie sich auch in Politik und Verwaltung hinter Worthülsen, die ihnen erlauben, nicht zuzuhören und sich selbst nicht zu korrigieren.

Verständnis für die Ohnmacht der Jüngsten

Erstaunlich, wie weit einen eine scheinbar so simple Geschichte am Ende führt. Ist doch nur ein witziger Comic über ein Mädchen aus Kopenhagen und ihre Freunde und ihre Familie. Aber wenn einen die scheinbar so alltäglichen Szenen anrühren, sollte man schon nachdenklich werden. Da steckt etwas drin, was auch Sabine Lemire und Rasmus Bregnhøi bewegt haben muss, weshalb sie diese Geschichte genau so erzählen wollten. Eine Geschichte, die sich eigentlich auch an die wendet, gegen die hier scheinbar demonstriert wird.

„Ich wusste gar nicht, dass Wut so hungrig macht“, sagt Miras Freundin Karla am Ende. Eine Wut, die zumindest Sabine Lemire und Rasmus Bregnhøi sichtlich teilen können. Die sich aber auch das Verständnis für Kinder und ihre Ohnmacht sichtlich noch bewahrt haben.

Sabine Lemire, Rasmus Bregnhøi „Mira #kinder #gegen #erwachsene“, Klett Kinderbuch Verlag, Leipzig 2022, 16 Euro.

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