Seit einigen Jahren gibt die FUNUS Stiftung dieses sehr unverwechselbare „Magazin für Endlichkeitskultur“ heraus. Und auch wenn der Herr mit Sense und Kapuze auf dem Cover wieder unübersehbar ist, geht es thematisch eigentlich immer um das Gegenteil: das Leben – das aushaltbare oder nicht aushaltbare. Oder – wie diesmal am Beispiel der Popmusik – um unsere falsche Einstellung zu Grenzen und Überforderungen.

Gerade in der Popmusik, wo es – mehr noch als anderswo – Legenden über die ach so genialen und jung gestorbenen Stars und Talente gibt. Bis hin zum „Club 27“, der in mehreren Beiträgen in diesem Heft erwähnt wird und den die Autor/-innen jeweils auf ihre Weise kritisch beleuchten.

Am kritischsten Luci van Org im Gespräch mit Frank Pasic (der mit seiner FUNUS Stiftung das ganze Projekt ins Laufen gebracht hat) und Sandra Strauß. Denn die Zahl 27 hat nichts Mystisches, auch und gerade weil einige der beliebtesten Sänger und Sängerinnen in diesem Alter gestorben sind – auf der Höhe ihres Ruhms, wie es so gern heißt. Aber eben auch in den Mühlen einer Vermarktungsmaschinerie, die keine Gnade kennt.

Die aus den Musiker/-innen gerade dann, wenn sie ihre großen Erfolge feiern, das maximal Mögliche herauszuholen versucht: möglichst viele Auftritte und Konzerte, Tourneen, die das Publikum weltweit in möglichst großen Stadien zum Jubeln bringen. Jeden Abend volle Leistung, volle Perfektion und das Bestmögliche für die Leute das draußen, die ja ihre Tickets bezahlt haben.

Missbrauchte Leistungsbereitschaft

Und nicht nur Luci van Org geht hier auf etwas ein, was Künstler/-innen besonders eigen ist, auch wenn es wohl bei allen Menschen so ist, die für andere das Bestmögliche zu schaffen versuchen: ihre Ausbeutbarkeit, weil sie schon aus eigenem Anspruch heraus nie einen Auftritt absagen würden, auch noch mit 40 Grad Fieber da rausgehen und sich selbst Vorwürfe machen würden, wenn sie nicht jeden Tag, vor jedem Publikum das Bestmögliche geben würden. So verstehen sie die Kunst, die sie machen. So verstehen sie sich als Diener ihres Publikums.

Das hat mit Euphorie zu tun, aber auch mit einem Pflichtbewusstsein, das im Denken unserer neoliberalen Wirtschaftselite fast verschwunden ist, die ihre Verachtung für die arbeitenden Menschen schon seit Jahrzehnten auch in eine Verachtung all derer verwandelt hat, die sich voll reinhängen in ihre Kunst, weil sie ihren Anhängern wirklich das Bestmögliche geben wollen. Nicht des Geldes wegen und der Bereicherung, sondern weil es ihnen um die Leute da draußen geht.

Doch dabei geraten gerade die Besten seit über einem halben Jahrhundert in eine perfektionierte Marketingmaschine, die zwar scheinbar die ganze leidige Organisation vom Konzert, den Studioaufnahmen, von den Fernsehauftritten bis zu den Tourneen übernimmt, den Musiker/-innen also scheinbar die ganzen plagenden Zusatzaufgaben abnimmt.

Doch die verwandeln sich dabei zu Marionetten, die über ihr eigenes Leben immer weniger bestimmen können. Die – wie die „4 Non Blondes“, von denen Luci van Org erzählt – von einem Auftritt zum nächsten hetzen, ein Leben praktisch nur noch im Flugzeug, im Hotel, im Backstage-Bereich und auf der Bühne führen, sich aufputschen, um zum Auftritt fit zu sein, dabei aber sämtliche Alarmzeichen ihres Körpers und ihrer Seele übersehen.

Falscher Glamour

Und so werden einige Geschichten in diesem Heft, die auch von gestandenen Musikredakteuren geschrieben wurden, zu einer Entlarvung dieser ganz speziellen Medienbranche, die all die Legenden um die ach so früh gestorbenen Stars erst erschaffen und immer gepflegt haben. Sie haben Bilder einer von Stars bevölkerten Pop-Welt erschaffen, in der es glitzert und blitzt und Drogen, Rausch und Enthemmung geradezu zu notwendigen Attributen für Künstler wurden, die in einem rasend beschleunigten Umsatz der immer neuen Hits überhaupt noch Beachtung finden durften.

Dieses anerkennende Schnipsen aus der Kritikerecke, das suggeriert, dass die sich enthemmt gebenden Musiker/-innen damit die geschürten Erwartungen erfüllt hätten, Erwartungen, die in einem Genie-Bild stecken, das teilweise aus den schwärzesten Zeiten der Spätromantik mit ihrem fatalen Geniekult stammen, es macht die diversen Pop-Magazine oft genug zum selbst völlig enthemmten Zirkus. Denn auch in der Spätromantik schon gab es dieses wundergläubige Staunen über früh verblichene Genies – Lord Byron etwa oder Novalis.

Was sich ja dann in Rainer Werner Fassbinders Spruch „Schlafen kann ich, wenn ich tot bin“ bündelte. Womit er sein exzessives Leben begründete – und dann auch jung starb. Als hätten Künstler kein Recht darauf, einfach mal Pause zu machen und sich zu erholen, sich auch mal vom Arzt durchchecken zu lassen und Tourneen abzusagen, wenn es ihnen dreckig geht. Und das nur, weil irgendwer Druck macht, sie müssten ihre Verträge erfüllen und die Leute draußen würden warten. Leute, die meist nicht wissen, was für ein Arbeitspensum hinter einem Konzert steht und welche Kraft so ein Konzert kostet.

Sie glauben nur, ihre Stars zu kennen – und werden zu Höllenhunden, wenn diese schwächeln. Denn das ist das Schlimmste, was es im Selbstbild einer perfektionistischen Ich-Gesellschaft geben kann: dass Idole Schwäche zeigen und sagen: „Ich kann nicht mehr.“

Aufputschen für die Show

Luci van Org hat vor Jahren schon die Reißleine gezogen. So wollte sie nicht zermahlen und aufgefressen werden. Der Ruhm, den unsere heutige Mediengesellschaft zu vergeben hat, ist vergiftet.

Eigentlich geht es die ganze Zeit darum. Auch in dem Beitrag, den Anne Martin über Amy Winehouse geschrieben hat, die im Grunde vor den Augen ihres Publikums gestorben ist, weil sie es nicht fertiggebracht hat, „Nein“ zu sagen. Auch darüber täuschen sich ja viele Musikliebhaber/-innen hinweg: dass ihre Held/-innen da vorn eigentlich nicht unendlich stark und belastungsfähig sind. Dass sie oft genug mit ihrem Körper Schindluder treiben, nur um ja nicht auszufallen. Sie putschen sich auf, um da vorn fit zu sein für die Show, manche mit Alkohol, andere mit Medikamenten und Drogen.

Und auf einmal merkt man, dass es ihnen oft genauso geht wie uns nicht berühmten Leuten hier unten – getrieben von einer Maschine, die permanent volle Leistung verlangt. Möglichst noch mehr, sonst ist man ja in den Augen der Herren im grauen Anzug ein „Minderleister“. Es zählt nicht das, was man schafft und auf die Beine stellt, sondern nur das, was man nicht schafft. Weshalb wir alle – die da im Rampenlicht und die jenseits des Rampenlichts – permanent mit einem schlechten Gewissen herumlaufen, wenn wir nicht jederzeit erreichbar, mobil und flexibel einsatzbereit sind.

Viele Menschen bezahlen dafür mit Depressionen und Burn-outs. Da unterscheidet sich die Welt der Pop-Stars in nichts von der Welt all der Malocher und Immerbereiten, die das Hamsterdenken einer völlig entgrenzten Gesellschaft verinnerlicht haben. Und am Ende – wenn sie Glück haben – in Therapie landen, ärztliche Hilfe bekommen und ihr Leben gründlich auf den Kopf stellen. Raus aus dem Hamsterrad und dem Gewitter der falschen Erwartungen.

Pardon wird nicht gegeben …

Natürlich ist es da kein Zufall, dass sich viele, sehr viele Bands mit dem Thema Tod und Sterben beschäftigt haben. Und dass die Musikbranche und ihre Hofberichterstatter trotzdem kein Pardon kennen – nicht mal mit den Witwen der Berühmten, so wie Courtney Love und Yoko Ono, über die Juliane Streich schreibt. Wohl wissend, dass die Arroganz etlicher Musikkritiker sich auch in Anspruchsdenken und Vorurteile bei den teilweise ja tatsächlich fanatischen Anhängern verwandelt, die nicht einmal akzeptieren können, dass die Hinterbliebenen eine ganz andere Last der Trauer zu tragen haben als sie.

Doch wie oft verwechseln wir die Präsenz der von uns Angehimmelten auf Bühne und Bildschirm mit tatsächlichem Verstehen, glauben uns ihnen nah, obwohl wir immer nur die Seite des Glamours zu sehen bekommen, nicht die Zweifel, Verzweiflungen und Zusammenbrüche hinter der Bühne. Und schon gar nicht die private Welt der Stars.

Wobei das ja schon im Alltag so ist, wie Christian von Aster und Detlef Henke in ihrem im Heft enthaltenen Comic „Der letzte Eindruck“ sichtbar machen, in dem etwas thematisiert wird, was wahrscheinlich viele Hinterbliebene schon erlebt haben, wenn routinierte Trauerredner mit ihren angelernten Floskeln das Leben der Verstorbenen erzählen, als wäre das ein Leben völlig fremder Personen.

Was es ja leider meist ist. Viele Trauerredner schützen sich auch davor, von der Trauer mitgerissen zu werden, indem sie möglichst nur die oberflächlichen Daten zum Leben der Verstorbenen abfragen, irgendwie ein paar sentimentale Sprüche drumherum weben und möglichst vermeiden, dass es in diesem Moment des Abschieds tatsächlich noch einmal persönlich wird.

Obwohl gerade das oft hilft, gerade weil dann tatsächlich die Tränen fließen. Denn wenn wir uns des tatsächlichen Lebens der Verstorbenen erinnern, erinnern wir sie nicht im Rampenlicht, sondern als die lebendigen, irrenden, vom Leben gezeichneten Menschen, die uns mit all ihren Macken nah waren. Und diese Macken vermissen wir, nicht den Glanz von der Bühne.

Die Musik zum Abschied

Da auch Bestatter und Trauerredner/-innen zu Wort kommen, wird das auch einmal aus Sicht der Professionellen beleuchtet, die wissen, dass es auf Friedhöfen und in Trauerhallen zwar oft sehr förmlich zugehen kann, dass diese Orte aber auch Orte des Lebens sind, wo manchmal selbst die Verstorbenen die Regie übernehmen, damit ihre Bestattung tatsächlich etwas ganz Persönliches wird. Mit ihrer Musik (auch wenn man bei der Musikauswahl aufpassen muss, wie wir erfahren), manchmal sogar mit Tanz und Gesang. Womit sich ja thematisch der Kreis schließt.

Denn in Wirklichkeit lieben wir ja nicht die Pop-Musiker/-innen, die da oben auf der Bühne stehen. Aber wir lieben das, was sie tun und in uns anklingen lassen. Und die Besten schaffen es natürlich, dass wir davon immer mehr haben wollen.

Wer schützt also unsere Lieblinge da oben davor, diesem unserem Hunger immerfort nachzukommen? Wer schützt sie vor ihrer eigenen Opferbereitschaft?

Das ist eine durchaus berechtigte Frage, die viele Beiträge im Heft stellen. Und die Schwarwel, der diesmal am Heft mitgearbeitet hat, in der Geschichte „Herr Tod und Frau Leben“ auf den Punkt bringt. Denn alles, was uns begeistert und fasziniert, passiert hier, auf der Seite des Lebens. Es ist zwar eine schöne Vorstellung, dass Amy im Jenseits „Ace of Spades“ singt und Lemmy dazu den Bass schwingt.

„Ja, schöne Vorstellung — Aber mehr auch nicht“, lässt Schwarwel Herr Tod sagen.

Um was trauern wir eigentlich?

Und so kann man zwar auch Bücher schreiben über die so spektakulär jung Verstorbenen, egal, ob aus dem Metal-, der Punk- oder der Folkszene. Es ändert aber nichts. Es erklärt am Ende nie wirklich, warum die Verstorbenen ihr Leben so exzessiv verausgabt haben. Und ob sie darin überhaupt glücklich waren und die Musik nicht eher Ausdruck ihrer Nöte war, die sie anders nicht zu artikulieren wussten.

Die Botschaft klingt dann in den Geschichten an, die sich mit Friedhofskulturen und anderen Zeremonien des Abschieds beschäftigen. Da haben die Mexikaner vielleicht sogar in gewisser Weise recht, wenn sie davon ausgehen, dass die Toten unter uns sind. Denn wir bewahren sie ja in Erinnerung und erleben oft genug, dass sie uns im Leben fehlen. Sie sind in bestimmter Weise Teil unseres Selbst, sie haben uns geprägt, uns durch die aufregendsten Abschnitte unseres Lebens begleitet – auch und gerade Musiker/-innen.

Denn es heißt ja nicht ohne Grund Pop: Die Songs sind allgegenwärtig. Und oft genug muss man aufpassen, dass man dann beim Einschalten des Radios oder in einem unerwarteten Moment, wenn ausgerechnet dieses Lied irgendwo erklingt, nicht in Tränen ausbricht, weil alle Gefühle sofort wieder da sind.

Jedem werden da sofort seine eigenen Songs einfallen, die man dann vielleicht auf die Wunschliste für die Trauerfeier schreiben könnte. Ein paar solcher Empfehlungen haben die Autor/-innen in diesem Heft versammelt. Aber da wird jedem wohl auch noch ganz Eigenes einfallen. Denn selbst über Tod und Abschied haben hunderte Sängerinnen und Sänger der Pop-Szene seit Jahrzehnten Eindrucksvolles geschrieben und vorgetragen. Das Thema ist allgegenwärtig. Aber ganz bestimmt kein Anlass für Märchen und Legenden.

„Musik und Tod. Der Tod in der Popmusik von den 1960ern bis heute“, „Drunter+Drüber“, Das Magazin für Endlichkeitskultur, Kabelsketal 2022, 11 Euro.

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